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Wer in den 50-iger und 60-iger Jahren in die leipziger Hillerstraße einbog, stand alsbald vor dem Kasten – einem Gründerstilklotz, mit langen Fensterfronten und dazwischen hochsteigenden Blitzableitern, die durch Mutige bei versperrter Haustür zum direkten Aufstieg in die Wohnstuben oder gleich bis zum Schlafsaal genutzt wurden. Der Schlafsaal nahm die gesamte Grundfläche des Gebäudes ein, hier standen 80 Metallbetten dicht an dicht ohne trennende Wände. Morgens schrillte die Klingel zum Wecken, abends ging man nach Altersgruppen gestaffelt ins Bett, hier herschte zu allen Tages- und Nachtzeiten ein absolutes Schweigegebot. Sogar wenn sich manchmal Klassenkameraden an einem aus ihren Reihen rächten, geschah dies dort schweigend im Dunklen. Der diensthabende Erzieher kam in Abständen zu Kontrollgängen, und erst zu später Stunde, wenn alles schnarchte, zog er sich in eine Art Mansarde auf diesem Schlafssaal zurück.
Die drei Erzieher hatten eigene Dienstzimmer und wechselten sich wochenweise mit ihrem Rundumdienst ab. Die Dienstzimmer waren schmucklose Räume, hier wurden Ermahnungen und Strafen verkündet oder Organisatorisches verhandelt. Einer der Erzieher war leidenschaftlicher Fotograph und konnte einen Nebenraum seines Dienstzimmers als Dunkelkammer nutzen. Er nutzte ihn auch ein paar Jahre zum Messen und Wiegen der entkleideten Jungen. Einige Altschüler intervenierten nach ihrem Ausscheiden beim Direktor gegen dieses merkwürdige Messen und Wiegen, es gab Befragungen, dann wurde der ansonsten allseits sehr beliebte Erzieher zum Bedauern der bis dahin in aller Unschuld Gemessenen und Gewogenen abgelöst.
Die täglichen Proben fanden im Erdgeschoß statt. Stühle zum Herumwerfen für den Chorleiter gab es damals noch nicht, man saß auf langen kantigen lehnenlosen Bänken und wurde für Aufführungen der musica sacra gedrillt. Ohrfeigen schallten dort nicht, die stärkste Drangsalierung waren Zimmerschlüssel, die den kleinen, noch nicht taktfesten lockigen Sopranen und Altisten von den dahintersitzenden Tenören und Bässen mit sanftem Nachdruck zwischen die Schulterblätter gestoßen wurden.
Als der sehr berühmte Chorleiter verstarb, wurde ein anderer Berühmter als Nachfolger bestimmt. Der suchte neben der musikalischen Gemeinsamkeit nun auch die menschliche Nähe zu seinen Jungens, lud sie gleich nach seinem Amtsantritt in kleinen Gruppen ins Hotel Astoria ein und verwöhnte sie mit erlesenen Leckereien. Zu verschiedenen Anlässen beschenkte er alle 80 mit großartigen Dingen – Bildbänden und exotischen Mitbrinseln von seinen Reisen in alle Welt, die er als gesuchter Chorpädagoge allein unternahm.
Über diese Geschenke, Einladung und das Verwöhnungsklima um diesen Chorleiter waren die Meinungen bald geteilt. Aber es gab auch einige, die sich außerordentlich darüber freuten und ihren Dank mit besonderer Herzlichkeit zum Ausdruck brachten. Aus diesem Kreis rekrutierte sich alsbald eine kleine Schar besonders Getreuer, die Wert darauf legten, auch im Privatauto des Chorleiters mitzufahren, wenn die Übrigen mit Bussen oder Bahn von Konzert zu Konzert reisten. Einen Opferstatus hat einer von diesen Getreuen bis heute nicht für sich reklamiert.
Über dieses Treiben wurden nicht nur Witze gemacht, denn es entwickelte sich zu einer offensichtlichen und peinlichen Angelegenheit. Verantwortliche des städtischen Trägers schalteten sich ein. Und dann reichte dem Chorleiter eine verweigerte Reiseerlaubnis, um sich glanzvoll aus der Affäre zu ziehen: völlig unerwartet erschien er eines Nachmittags nicht zur angesetzten Chorprobe, sondern sprach am Abend über den Äther ein letztes Mal zu seinen Jungs aus Hamburg: “Sie hören jetzt: DAS ECHO DES TAGES” usw. Das war damals ein echter Ost-West-Knaller. Viele Tränen wurden ihm nicht nachgeweint, man ahnte die Absicht und war verstimmt.
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Wenn ich richtig nachgesehen habe, kam jener, den Sie beschreiben nach Günter Ramin.
Und nach diesem kurzzeitigen Chorleiter kam dann Mauersberger. Es ist offensichtlich keine Gemeinschaft dieser Art fern von solchen Vorkommnissen. |
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Der überstürzte Abgang Desjenigen wird in der Wikipedia als "undurchsichtig" beschrieben. - Natürlich geht es mir bei dieser Erinnerung nicht um die Vorkommnisse als solche, sondern die insgesamt gelungene Art und Weise, wie sie beim Namen genannt und Konsequenzen gezogen wurden. Um diese Fragen geht es ja auch heute und morgen in vielen Internaten.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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