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Haydnplayers Innenräume

13.03.2010 | 10:01

Mißbrauch und arrangierte Nähe

TherapeutInnen werden – anders und vermutlich intensiver als Pädagogen, Priester, Trainer und Erzieher  - für den Umgang mit emotionaler und körperlicher Nähe geschult. Trotzdem werden jährlich mindestens 300 Fälle von sexuellem Therapie-Mißbrauch in Deutschland bekannt. Nach anderen Schätzungen sind es 600, und auch eine höhere Dunkelziffer hält jederman für möglich. Viele TherapeutInnen arbeiten ohne Sprechstundenhilfe, ihre Praxen sind fast immer für den direkten Zugang verschlossen, der Telefonzugang meistens auf Anrufbeantworter umgeleitet. Das ist Hermetik vom Feinsten und wird wie immer in solchen Fällen mit theoretischen Konstrukten begründet.

Das Problem des sexuellen Mißbrauchs einer therapeutischen Beziehung hat die Geburtsjahre der Psychoanalyse in drastischer Weise  begleitet. Man hat daraus in allen psychotherapeutischen Schulen gelernt und die Ausbildung fortlaufend verbessert. Nur an der Hermetik und dem exklusiven Schutz der “einmaligen menschlichen Begegnung” hat sich nie etwas geändert. Dabei ist dieses Arrangement völlig entbehrlich, Praxen mit freiem Zugang und ständiger telefonischer Erreichbarkeit arbeiten nicht schlechter als andere. Es wird eher selten ein Patient zu finden sein, der auf geschlossenen Türen und abgestelltem Telefon besteht, weil er sonst kein Wort herausbringen oder sich “nicht öffnen” könne. Und wenn er es wünscht, läßt sich das leicht einrichten. Ob er von der erwünschten Hermetik profitiert, wäre abzuwarten.

Vertrauen zwischen Menschen entsteht nicht durch Hermetik, seelische Öffnung wird durch geschlossene Räume und abgestellte Telefone nicht beschleunigt oder überhaupt erst ermöglicht. Wer das bestreitet, traut den natürlichen kommunikativen Entwicklungen wenig zu und meint, auf die Tube drücken zu müssen, damit ein sinnvoller therapeutischer Prozeß ingang kommt.

Auch sehr sorgfältige Ausbildung wird die Zahl der Therapiemißbräuche künftig kaum weiter eingrenzen können. Soll man mit ihnen so weiterleben, als handle es sich um die unvermeidlichen Nebenwirkungen der “Droge Therapeut”?

 

 
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Kommentare
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 10:17
"Auch sehr sorgfältige Ausbildung wird die Zahl der Therapiemißbräuche künftig kaum weiter eingrenzen können."
so? warum denn nicht?
dame.von.welt schrieb am 13.03.2010 um 11:49
Naja, die 'Droge Therapeut' ist ja oft von Therapeuten verordnet, schließlich verdienen sie damit Geld, sie sind Dienstleister, keine Götter. Lehrheilbehandlungen sind nicht bei jedem erfolgreich, Therapeuten ergreifen ihren Beruf ja mitunter auch aus dem Bedürfnis, sich selbst zu heilen und das klappt nicht bei jeder/m.

Ein Kriterium für Therapeutensuche ist, ob sie Supervision in Anspruch nehmen - das scheint mir zur Vermeidung von Übergriffen gleich welcher Art zielführender, als daß der Klient m/w sich mit small talk mit Sprechstundenhilfen oder klingenden Telefonen auseinander zu setzen hat.

Die Beziehung zum Therapeuten m/w ist insofern 'einzigartig', als sich der Klient m/w hier nicht in einem Sozialverhältnis von Geben und Nehmen befindet - allenfalls gibt er Geld und zwar dafür, daß er/sie die Hauptperson und im Zentrum ist. Drängt sich der Therapeut ins Zentrum (und das muß nicht mal ein sexueller Übergriff sein), dann ist die Therapie Mist und zu verlassen.

Analyse ist meiner Ansicht nach als Therapieform oft zweifelhaft. Worin liegt der Sinn, xmal in der Woche, womöglich jahrelang vergangenheitszugewandt leben zu lernen? Bei vielen psychischen Erkrankungen geht es ja viel eher darum, endlich nach vorne leben zu können und nicht dauerhaft eigenes, schreckliches, unabänderliches Erleben wiederzukäuen.

Wichtig ist, sich bei der Therapeutensuche Zeit zu lassen, die von der Kasse bezahlten Probestunden (bis zu 8) in Anspruch zu nehmen und sich selbst zu glauben, wenn man sich unwohl fühlt. Möglichst auch nicht erst dann mit der Suche zu beginnen, wenn man den Kopf schon unterm Arm hat - Not trübt Wahrnehmung.

Aber - auch Therapeuten sind Spiegel der Gesellschaft, insofern finde ich sexualisierte Gewalt in der Therapie nicht erstaunlich. Gewalt blüht da, wo ein Machtgefälle existiert, in Familien, Kirchen, Schulen, beim Militär, der Polizei, beim Sport, überall - so auch in der Therapie.

Von sexualisierter Gewalt in der Therapie Betroffene sollten sich, sobald sie können, an Polizei, Berufsverband und Krankenkasse wenden. In jedem Fall sofort! die Therapie abbrechen, sich andere Hilfe suchen, für sie ist es wirklich keine auch nur irgendwie in Kauf zu nehmende Nebenwirkung.

Es stellt sich mir die Frage - was bezwecken Sie @haydnplayer mit Ihren Artikeln zu sexualisierter Gewalt? Worauf wollen Sie raus? Ich fragte mich das auch bereits hier
www.freitag.de/community/blogs/haydnplayer/canisius-usw und hier www.freitag.de/community/blogs/haydnplayer/kuschelpaedagogik-ade
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.03.2010 um 16:48
Ich finde die Argumente von Dame.von.Welt absolut plausibel. Auch das Fazit: "auch Therapeuten sind Spiegel der Gesellschaft, insofern finde ich sexualisierte Gewalt in der Therapie nicht erstaunlich. Gewalt blüht da, wo ein Machtgefälle existiert, in Familien, Kirchen, Schulen, beim Militär, der Polizei, beim Sport, überall - so auch in der Therapie."
Wobei genannte Institutionen ja relativ öffentlich sind, die Therapie dagegen ein geschützter Raum: gerade vor diesen ganzen Institutionen, die sich gegen Gesellschaft und ihre Kontrolle abschirmen.
Die Hermetik der Therapie dagegen abschaffen zu wollen hieße, den Schutzraum aufzugeben. Der Hinweis auf den Mythos Sex bei der Psychoanalyse halte ich da für nicht hilfreich.
Dame.von.Welt: "Von sexualisierter Gewalt in der Therapie Betroffene sollten sich, sobald sie können, an Polizei, Berufsverband und Krankenkasse wenden. In jedem Fall sofort! die Therapie abbrechen, sich andere Hilfe suchen". - Genau, sexualisierte Gewalt sollte kenntlich gemacht und bestraft werden. Ganz einfach.
dame.von.welt schrieb am 13.03.2010 um 17:13
Das Unöffentliche gilt ja in ähnlicher Weise für Familien, in denen ja nun mal nach wie vor die allermeiste sexualisierte Gewalt stattfindet - ich werde ja nicht müde, das zu betonen.

Auch hier würde man einen Schutzraum aufgeben, wollte man deswegen etwa Familien verbieten oder auch nur stärker kontrollieren.

Hier wird es aber mit der Kenntlichmachung und Bestrafung sexualisierter Gewalt nicht ganz so einfach, sondern u.U. sehr viel ambivalenter. Wenn nämlich der Gewalttäter m/w gleichzeitig ein geliebtes Familienmitglied ist - nicht zu unterschätzen.

Nach meiner Überzeugung bleibt vor allem: endlich aufzuhören, die Betroffenen zu ächten, sie voyeuristisch zu beglotzen, sondern ihnen zu glauben, sie zu stärken und zu unterstützen und sie für ihre Überlebensleistung zu respektieren.
Davon sind wir gesamtgesellschaftlich noch weit entfernt, vielleicht tragen aber die aktuellen Diskussionen dazu ein kleines bißchen bei.
lausemädchen schrieb am 13.03.2010 um 18:38
@dame.von.welt

dito!
während grad im radio unter dem oberbegriff "sexueller missbrauch" irre und von den eigentlichen problemen wegführend berichterstattet wird und einhergehend immer weitere wellen schlagen ...

nur ein einwand: über den nutzen von psychoanalyse ließe sich wohl auch streiten, aber das wäre ein neuer blog.

"Davon sind wir gesamtgesellschaftlich noch weit entfernt, vielleicht tragen aber die aktuellen Diskussionen dazu ein kleines bißchen bei."
gern würd ich da ihren leisen optimismus teilen und wenn ich dann mal in zurückliegenden jahrzehnten denke, gelingts sogar.
der diskurs in der community hat mich aber eher ernüchtert. es ist überwiegend so, als wenn hier wie anderswo entwicklungen, einsichten und der damit einhergehende erkenntnisgewinn im schneckentempo den nürburgring langkriecht. entweder plattgemacht oder rechts/links überholt.

kurz: die blogs im freitag schwimmen maximal im landläufigen diskussionsstrom, und dann wird noch
kommentatorische kritik nicht bzw. kaum aufgegriffen.
das hätte ich hier anders erwartet.
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 18:56
mich interessiert langsam brennend, was haydnplayer selbst dazu zu sagen hat.
sowohl hier wie zu den von dvw verlinkten artikeln nebst kommentaren wie auch zu dem unverlinkten über die sicht eines therapeuten auf Mandys zähne.
haydnplayer schrieb am 13.03.2010 um 21:58
Ungeduldiger Rahab: solange ich nichts schreibe, habe ich auch nichts zu sagen. Aber es bleibt nichts ungelesen, denn vieles davon – gerade auch von Dir - ist interessant, anregend und nicht selten verblüffend.
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 22:06
dass du solange usw. das glaubt dir eine Rahab nicht!
SiebzehnterJuni schrieb am 13.03.2010 um 20:35
"...Vertrauen zwischen Menschen entsteht nicht durch Hermetik, seelische Öffnung wird durch geschlossene Räume und abgestellte Telefone nicht beschleunigt oder überhaupt erst ermöglicht. Wer das bestreitet, traut den natürlichen kommunikativen Entwicklungen wenig zu und meint, auf die Tube drücken zu müssen, damit ein sinnvoller therapeutischer Prozeß ingang kommt..."

Diesen Worten, Behauptungen fehlt jeder empirische Beleg. Wo ist das Gesagte durch Studien belegt?

"...Trotzdem werden jährlich mindestens 300 Fälle von sexuellem Therapie-Mißbrauch in Deutschland bekannt. Nach anderen Schätzungen sind es 600, und auch eine höhere Dunkelziffer hält jederman für möglich..."

Wo ist die Quelle für diese Zahlen?

Im übrigen hat die Odenwaldschule im Januar 2000 ein mehrtägiges Seminar zur Missbrauchsthematik durchgeführt...u.a.
Do, 27.1.00..Thema I: Definition"sexueller Missbrauch", Vorkommen/Häufigkeit, Täter, Ursachen

Information zum Thema II: Tatverlauf, Signale, Symptome der Opfer, Umgang mit Verdacht

Fr, 28.01.00, Thema III: Prävention von sexuellem Missbrauch mit potentiellen Opfern: Gespräche in Arbeitsgruppen, Vorstellung und Auswertung der Ergebnisse!
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 21:07
ich denke, die erste frage läßt sich wie folgt beantworten: um das zu wissen, bedarf es keiner studien. vielleicht eines gewissen maßes an introspektion... aber eigentlich ist da jede/jeder expert_in ihrer/seiner selbst.

die frage nach der quelle kann haydnplayer vermutlich am leichtfüssigsten beantworten

und im übrigen gehe ich mal davon aus, dass das seminar in der odenwaldschule im januar 2000 nicht das allererste dieser art in rain-mein-ähria war...

und dann frage ich mich aber, was damit gesagt sein soll. es gab ein seminar. na und?
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 21:16
ich erklär mein 'na und?' besser gleich.
ich habe schon einzelentscheider_innen in asylverfahren erlebt, die seminare zu folter und traumata aller art besucht hatten und als begründung dafür, warum sie folter nicht glaubten, beispielsweise schrieben: antragsteller hat sehr distanziert über die foltererlebnisse berichtet, also kann das nicht auf tatsächlichem erleben beruhen...
thinktankgirl schrieb am 13.03.2010 um 21:36
@rahab
antragsteller hat sehr distanziert über die foltererlebnisse berichtet, also kann das nicht auf tatsächlichem erleben beruhen...
das glaub ich sofort
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 21:45
dann glaubst du mir bestimmt auch, dass ich schon öfter mal kurz davor war, wen zu erschießen
SiebzehnterJuni schrieb am 13.03.2010 um 22:00
es gibt seit diesem Zeitpunkt eine feste Institution von externen und internen gewählten Personen, die Anlaufstelle für Verdachtsfälle ist.

Inwie weit das ausreichend ist, weiß ich nicht. Aber man hat seit dieser Zeit das Problem sehr ernst genommen..
Rahab schrieb am 13.03.2010 um 22:16
dann pack ich den link, den ich schon bei haydnplayers kuschelpädagogik untergebracht habe, auch hier noch mal rein. was die frage, wie weit das ausreichend war allerdings auch nicht ausreichend beantwortet.
www.odenwald-geschichten.de/

und erzähle auch hier noch mal, dass kurz bevor die odenwaldschule in der presse auftauchte, ein ehemaliger schüler (anfang 70-ger) mir davon bereits erzählt hatte. ohne besonderen anlaß.
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