Helmut Beckmann

(m)eine Meinung

01.11.2009 | 01:49

Furchen im linken Gesicht

 

Dass die Linken noch kein Gesicht haben, erfuhr ich aus der Presse: Die Partei hat beschlossen, sich endlich ein Programm zu geben. Links wählen hieß also bisher, eine Ideologie zu wählen, die sich jeder in seiner Vorstellung selbst ausgestalten kann. So gesehen war das eine Wahl mit Risiko – mit einem begrenzten Risiko, denn die Summe der linken Gemeinsamkeiten ist vermutlich ausreichend hoch. Andererseits denke ich, dass die wenigsten Wähler die Programme der von ihnen angekreuzten Parteien hinreichend gut gekannt haben. Kein Programm zu haben, könnte dann auch als die größtmögliche Ehrlichkeit angesehen werden.

›Linke wollen E.ON und RWE verstaatlichen‹ hieß der Titel in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, als die NRW-Linken sich kurz nach der Wahl erstmals öffentlich ein Gesicht gaben. In der Spalte rechts daneben war u.a. noch zu lesen, der Konsum von Cannabis solle legalisiert werden.

Ich habe einmal eine Diplomarbeit über weiche und harte Drogen begleitet und dabei zwangläufig die Unterschiede zwischen psychischer und physischer Abhängigkeit und das gesamte Für und Wider weicher Drogen betrachten müssen. Nach meiner Überzeugung gibt es die absolut richtige Meinung nicht, und darum schreckt mich der Ruf nach Legalisierung nicht. Die gesetzliche Verbote, so gut gemeint sie sind, haben das Drogenproblem bisher nicht eindämmen können, warum es also nicht mal mit dem anderen Extrem versuchen? Ich glaube zwar nicht an einen Erfolg, weil Drogenkonsum wie Diebstahl, Raub, Mord und Totschlag Indizien für gesellschaftliche Ungleichgewichte sind. Wenn die Forderung der Linken aber eine öffentliche Diskussion mit Aufklärungswirkung (!) in Gang setzen würde, sollte das parteiprogrammatische Thema nicht einfach als ›bah!‹ abgetan werden.

Zurück zum Zeitungstitel. Sozialismus und Kommunismus haben es verstanden, dem Begriff ›Verstaatlichung‹ einen nachhaltig vergifteten Beigeschmack zu geben. Ich glaube nicht, dass die Linken wirklich etwas von Energiewirtschaft verstehen, darum halte ich ihre Forderung für eine zufällige. Energiepreise sind eben in der öffentlichen Diskussion. Überlegenswert bleibt der Ansatz als solcher. Wenn der politisch gewollte Wettbewerb nicht zu den gewünschten Zielen – Energiepreissenkung – führt, könnte man es mal mit dem anderen Extrem versuchen. Ich bin kein Spinner und Träumer und mir sehr wohl bewusst, was ein derartiger Eingriff bedeutet. Aber mal ehrlich: Wettbewerb und günstige Preise schließen sich aus, wenn es sich um ein knappes Gut handelt. Wieso denn, Strom und Gas sind doch immer da? Genau das ist der trügerische Schein. Es wird kein zusätzliches Kraftwerk gebaut, wenn sich bei sinkenden Preisen nichts verdienen lässt, und jedes neu erschlossene Erdgasfeld wird mit einer Pipeline dorthin verbunden, wo die höchsten Preise erzielbar sind. Das sind die im Grunde akzeptierten Gesetze der Marktwirtschaft und nicht etwa die des Turbokapitalismus. Hier bräuchte es ein ehrliches Bekenntnis: Ohne Energie versinkt die Volkswirtschaft binnen einer Woche im Chaos. Man kann den Energiekonzernen nicht einerseits ihre Gewinne neiden und sie andererseits zur Versorgungssicherheit verpflichten. Zur Klarstellung: Ich bin kein Verfechter der Gewinne, sondern der Ehrlichkeit. Nachdenken über den Spagat zwischen der Versorgungssicherheit und den wettbewerbsorientierten Ansätzen wäre vernünftig, also auch die Diskussion über diese Furche im linken Gesicht.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 01.11.2009 um 11:16
Hallo Helmut,
das ist ja gut, dass Du mal wieder was postest.

"Kein Programm zu haben, könnte dann auch als die größtmögliche Ehrlichkeit angesehen werden"

Das wird aber dem Lafontaine und auch anderen immer wieder angekreidet, glaube ich , dass sie bisher noch nichts Entgültiges haben.

"Ich glaube nicht, dass die Linken wirklich etwas von Energiewirtschaft verstehen, darum halte ich ihre Forderung für eine zufällige. Energiepreise sind eben in der öffentlichen Diskussion."

Aber das macht doch jede Partei so: Das was thematisch obenauf liegt, abschöpfen.

Herzlicher Gruß an Dich als ehemaliger LC-Mitstreiter. (Nebenher, ich arbeite gerade diese Forumsvergangenheit auf - schriftlich)
Helmut Beckmann schrieb am 01.11.2009 um 22:12
Hallo Madge,

diese Zeitungsmeldung ging mir bereits eine Zeit lang durch den Kopf. Sie musste einfach mal raus.:-)
Du räumst auch auf im Kopf? Ich bin gespannt, lass mal lesen.

hg
Helmut
Magda schrieb am 01.11.2009 um 22:18
Hallo Old Henry :-))
Ja, weil sich einige Dinge in allen Foren wiederholen und ähneln. Aber auch recht lustige Sachen gehen mir noch immer durch den Kopf.
Wolln mal sehen. Dauert noch etwas.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 02.11.2009 um 18:49
Helmut, gut das endlich jemand auf das Thema mit dem Programm der NRW Linken eingeht.

>Linke wollen E.ON und RWE verstaatlichen‹

Diese Forderung ist sicher nicht zufällig und die müssen sich auch etwas dabei gedacht haben. Ehrlich geschrieben, meine erste Reaktion war ähnlich, ich glaubte an eine bewusste Provokation. Und auch das wäre verständlich.

Aber was wir alle 100 % genau wissen ist das die Neo-Kons noch viel weniger von Energie verstehen. All die Ungewissheit der Versorgung basiert vor allem erst einmal auf der Unberechenbarkeit im "Web-Pipelanistan"! Heute Ukranie, morgen Türkei, übermorgen Georgien. Ich meine, wir schicken schliesslich Leute in oliv Uniform nach Afghanistan und die meisten der Kriege werden wegen irgendwie wegen irgendeiner Energieresource geführt. Das Demokratiebuilding ist nur Kosmetik. So, und darum denke ich das es gefährlich ist privaten Firmen Managern zu überlassen mit fragwürdigen Präsidenten und "Patronage-Systemen" auf Eigeninitative zu verhandeln. Ist doch klar das dann jegliche sozial Basis der Gier nach Profitmaximierung weichen muss.

Eh, und dann das "Recht auf Rausch", ich glaub 50 % der Unfälle geschehen unter Einfluss von Alkohol. Ich persönlich finde Gebrauch von Dope dumm, aber da schliesse ich Alkohol ein!

Trotzdem, gut das Du das Thema aufgegriffen hast und ich hoffe das Du es auch tust wenn es darum geht nachzulegen
Helmut Beckmann schrieb am 03.11.2009 um 22:41
Also, sachichma, das war meines Erachtens blanker Populismus, diese Verstaatlichungsnummer;›oben abschöpfen‹, wie Magda es genannt hat. Dabei hat der Gedanke an sich Substanz. Es gehört einfach zum Selbstverständnis planerischer Überlegungen, die Extreme auszuloten und dann - überzeugt(!) - das Machbare anzugehen.
Du solltest nicht pauschalieren und das allem Wirtschaften inne wohnende Prinzip der Gewinnerzielung in die Nähe von Gier stellen. In der Marktwirtschaft und insbesondere im Wettbewerb gibt es keine sozialen Preise (es sei denn, der Staat greift regulierend ein). Der Strompreis müsste dann wie die Kindergartenbeiträge nach Einkommen gestaffelt werden - und eine ganze Nation von Verbrauchern migriert zu Hart-IV-Empfängern...
:-)
Helmut Beckmann
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