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Als er gegen Ende der Nazi-Herrschaft zu einer Vorlesung das Podium betritt, liegt ein Zettel auf dem Pult. Darauf steht: Wie vereinbaren Sie „gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört“, aus den biblischen Evangelien und „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“ aus der Apostelgeschichte?
„Meine Damen und Herren, ich bin gern bereit, auf Ihre Frage zu antworten, möchte aber darauf hinweisen, dass Jesus VOR seiner Antwort gesagt hat: „Ihr Heuchler, was versucht Ihr mich“?
Das war Erik Wolfs Antwort. In den Jahren 1957-1960 habe ich beinahe jede seiner Vorlesungen besucht. Er lehrte an der Albert-Ludwig-Universität in Freiburg „Geschichte der Rechts- und Staatsphilosophie“ und „evang. Und kath. Kirchenrecht“. Um seiner freien Rede und seines lebhaften Vortrags willen war er hochangesehen und auch außerhalb der juristischen Fakultät gesucht. So ist er auch zu meinem Vorbild geworden. Ich hatte von Berufs wegen eine Vielzahl von Vorträgen zu halten und setze diese Tätigkeit bis heute fort.
Von Wolf habe ich gelernt, Hörer mitzunehmen und einzuführen, ohne sie zu manipulieren, frei zu reden und doch bei der Sache zu bleiben. Die Eindringlichkeit des Redens ist ein hoher persönlicher Wert, auch wenn er heute aus manchen Gründen in Verruf geraten ist. Das Mitteilen von Person zu Person fördert in uns ein „Tiefen-Gedächtnis“, wobei es eben nicht nur um das Speichern von Wissens-Daten geht, sondern um Sprach-klang und Hör-erfahrungen als Teil unseres Lebens.
Ist es die geheime Furcht vor einem „Goebbels“, die uns hindert, dem Wort, dem Vortrag eines anderen zu trauen und zu vertrauen? Bei Erik Wolf habe ich erlebt: Ergriffen-werden ohne Verführung, Einladung zum Hineinhören und Mitdenken. Über eine tragende Stimme verfügte er nicht, sie war vom Kehlkopfkrebs geschwächt und gebrochen. Sein Ausdruck aber, seine Darstellungsweise und auch sein Bekenntnis zum evangelisch geprägten christlichen Glauben, all dies wirkte lang und tief in mir nach und tut es bis heute. Ich habe von ihm gelernt, der Kraft des Redens zu vertrauen und verantworteten, ja auch leidenschaftlichen Gebrauch davon zu machen. Für diese Wirkung, angereichert durch manche besonders eindrucksvollen Schilderungen etwa des „Höhlengleichnisses“ bei Platon, danke ich ihm mit diesem persönlichen Nachruf. Er ist im Oktober 1997 gestorben. Vergessen kann und werde ich ihn nicht, er ist mir „in den Geist“ geschrieben.
Helmuth Zedlitz
Lebensdaten Erik Wolf:
Studien: Volkswirtschaft, Geschichte, Philosophie, Jurisprudenz. 1924: Promotion an der Universitä Jena. 1928 Habilitation in Heidelberg. 1930: Ruf an die Albert-Ludwig-Universität Freiburg, dort bis 1967 Lehrtätigkeit. Seit 1930 Mitglied der NSDAP, seit 1936 Mitglid der Bekennenden Kirche, nach 1945 in mehreren kirchlichen Gremien verantwortlich tätig.
Veröffentlichungen:
Langdauernde Zusammenarbeit mit dem Klostermann Verlag. Dort: „Die großen Rechtsdenker“, „Der Rechtsgedanke bei Adalbert Stifter“, „Rechtsgedanke und biblische Weisung“, „das Recht des Nächsten“, „griechische Rechtsdenker“. „Die Ordnung der Kirche“, erste zusammenfassende Darstellung evang. Und kath. Kirchenrechts.
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Meine 2. Aufl. aus dem Jahr 1944, die mal zum Buchbinder muesste, heisst etwas einfacher "Grosse Rechtsdenker". Vielen Dank!
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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