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Warum müssen Börsenanalysen immer aus berufenem Munde stammen? Man glaubt ja auch seiner Großmutter hundert mal mehr als dem Wettermann, wie die Aussichten sind. Die Analysten - die Wettermänner der Börsen - haben in den 2000er Jahren das vollbracht, was den Juristen in den 1980er und 90er Jahren glückte: Sie sind zur dominierenden Berufsgruppe dieses Planeten mutiert.
Und warum auch nicht? In der globalisierten Welt ist eine jede Nationalökonomie anfangs darauf erpicht gewesen, die "längere" Wirtschaft zu haben - und Analysten lieferten die Lineale für solch penibele Vergleiche. Ihr Job ist eine Farce des postindustriellen Dogmas: Weder produzieren sie Werte, noch liefern sie einen Dienst an der Gesellschaft; sie führen vielmehr ein Meta-Dasein. Ihre Daseinsberechtigung ist es, den Rest von uns zu evaluieren, unsere Kreditwürdigkeit, die Qualität unserer Produkte, die Marktreife unserer Ideen, die finanzielle Gesundheit unserer Firmen, die Arbeitgeberfreundlichkeit unserer Heimatländer.
Als kleiner Junge sah ich zum ersten Mal "Schindlers Liste", und damals traf mich die schreckliche Erkenntnis, dass "Listenschreiber" das furchtbarste Wort der deutschen Sprache sein muss. In dem Film waren die Listenschreiber der ideele Gegenentwurf zu Schindler: Sie arbeiteten für das Reichssicherheitshauptamt & sollten die Lebenswertigkeit von KZ-Insaßen penibel analysieren - konnte man aus den Einwohnern noch etwas herausholen oder wäre es rentabler, sie an Ort und Stelle zu exekutieren?
Analytiker können, genug rohe Daten vorausgesetzt, Fragen dieser Art durchaus beantworten. Und sie sind philosophisch in ihrer Arbeit abgesichert - die Ethik des Utilitarismus besagt: Handele stets so, dass die Ergebnisse deiner Handlungen das Glück der Mehrheit mehren... und im Europa und Nordamerika des 21. Jahrhundert messen wir Glück nun mal mit dem "Geschäftsklimaindex".
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte ein paar Worte über die These von den pubertieren Märkten verlieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Idee von mir stammt, also zückt euere Post-Its, Spiegel-Online Redaktion. Der Kerngedanke dazu kam mir bereits 2008, als das globalisierte Kartenhaus zum ersten Mal überhaupt ins Wanken geriet - und wir, als Weltbevölkerung, am Rande der globalen Kernschmelze standen. Das Verhalten und vor allem die rückratlose Argumentationen der "neoliberalen" Huren in diesen Zeiten widerte mich zutiefst an. Es waren die selben Figuren, die ihr halbes erwachsenes Leben damit verbracht hatten, Deregulierungen und den Nachtwächterstaat zu promoten; korrupte Gauner, die dir mit einem breiten Lächeln stets versichert hätten, dass du nur Vorteile haben wirst, je mehr der Staat privatisiert - kein Gewissen, keine langfristige Perspektive, keine Substanz.
Als eben diese Kerle an die Öffentlichkeit gingen & uns, sprich die von uns finanzierten Staaten (oder was davon noch übrig war) kleinlaut um Geld anhauten, sah ich in ihnen nicht mehr als eine Bande heruntergewirtschafteter Punks aus zu gutem Hause - die Typen, die mit 18 zu Hause ausziehen, dem Vater noch 'ne böse Szene machen, um dann ein paar Sommer mit beknackten Traumtänzereien zu vergeuden... und dennoch zum tagtäglichen Überleben von Papas Connections abhängig sind.
Sie kamen, sie haben mit dem Säbel gerasselt, und sie bekamen ihren Willen: Zentralbanken in Europa und Nordamerika haben tonnenweise Sondermüllaktien aufgekauft und eine Art von hyperteuerem Schutzbiotop für die empfindliche Geldwirtschaft geschaffen. Und seitdem haben die Banken Carte Blanche, denn mit jeder aufgebauschten neuen Schreckensmeldung können sie neue Zugeständnisse von Papa Staat erpressen: Sie trampeln durchs Getreide, sie trampeln durch die Saat, Hurra! sie verblöden, für sie bezahlt der Staat!
Wenn wir genug Schritte zurück treten, können wir beginnen, uns den globalisierten Markt abstrakt vorzustellen, anhand von Beispielen. Wir erkennen, dass er sich in nahezu jeder Hinsicht wie ein lebendiges Wesen verhält, das atmet und blutet. Fügt man dem Markt Schaden zu, dann leidet er darunter. Schafft man ihm gute Bedingungen, prosperiert er. Diese Quasi-Lebensform, diese erste wirklich künstliche Intelligenz, die die Menschheit schaffen konnte, basiert auf zwei Prinzipien: (1) Sie ist, zumindest für menschliche Begriffe, annähernd unendlich komplex. Egal wie sehr wie sie zu durchschauen versuchen, die Faktoren übersteigen all unsere Vorstellungs- und Rechenkraft. (2) Dieses Biest hat nur einen einzigen Willen in seiner DNA eingebrannt: Die Vermehrung von Wert.
Und genau hier entsteht langsam ein Problem, denn dieses künstliche Wesen, dieser heranwachsende globalisierte Markt, wird sich nicht ewig von den Nationalstaaten kontrollieren lassen wollen, die ihn einst hervorgebracht haben. Was wir in Griechenland, Irland, Portugal, Italien und Spanien derzeit erleben sind Attacken. Die Globalökonomie hat die gute Kinderstube hinter sich gelassen... und wie alles, was pubertieren kann, versucht sie nun, ihre eigenen Grenzen abzustecken. Die Frankfurter Schule hat die Strukturelle Gewalt erfunden, vielleicht sollten wir diesen Begriff nun mit der Finanzllen Gewalt ergänzen?
Was ich sagen möchte ist: Egal ob ich derzeit Nachrichten schaue, Schlagzeilen scanne oder mir im Netz den aktuellen Katastrophen-Fix hole, zwischen allen Zeilen scheint ein Gefühl des anstehenden Zusammenbruchs zu schreien. Und egal, wie sehr die Experten dies vor laufenden Kameras zu rechtfertigen versuchen, mit stotternden Worten und schwitzigen Händen, nur sehr wenig davon erscheint mir wirklich rational. Wenn Politiker seriös rüber kommen wollen, dann nennen sie Gesetze und Steuern "ihr Handwerkszeug", weil das so gottverdammt völkisch klingt, und wenn Börsenexperten diesen Trick abziehen wollen, dann sprechen sie von "den Anlegern" - klar, als wären die weltweiten Börsen nur so etwas wie die Wettbüros von nem Haufen Privatleuten. Als ob der DAX-Verlauf nur ein Chor aus vielen vielen menschlichen Einzelentscheidungen sei. Als ob der Mensch die Maschine steuern würde.
"Entfesselte Märkte", "Raubtierkapitalismus", "Heuschrecken"... all diese Reizwörter, die wir für ein und das selbe Phänomen gefunden haben. Aber keiner der drei bietet eine Lösung an. Sollen wir die Märkte wieder fesseln? Das Raubtier in Ketten legen, und hoffen dass es dann Ruhe gibt? Jede Heuschrecke einzeln einfangen?
Die Märkte pubertieren, und vielleicht sollten wir, so als Gesamtgesellschaft, trotz all unserer politischen und ideologischen Unterschiede uns auf ein ganz banales Grundverständnis einigen: Dass wir diese Probleme nur durch Authorität wieder in den Griff kriegen werden, nicht durch noch mehr Kompromisse.
Und wehe jemand bezeichnet mich hier als Polemiker! Die Metapher passt haargenau, egal ob man jetzt den Markt als gesichtslose Bestie oder verzogenes Kind betrachten will: Auf diesem Kontinent regieren die Staatsoberhäupter wie ein überforderter Elternabend, alle zwei Wochen findet eine neue Krisensitzung statt, die das Problem Griechenland und Eurobonds und Währungskrise ein für alle mal lösen soll; und dann treffen sie sich zwei Wochen später noch einmal. Die waren Polemiker sind die, die jetzt von Angela Merkel fordern, dass sie gefälligst ihren "Urlaub" abbrechen soll. Hihihihi, ich glaube ich hätte diesen Sommer lieber als einbeinige Bahnhofstaube verbracht statt als Bundeskanzler der glorreichen BRD.
Doch das schöne an diesem ganzen Konstrukt ist aber seine ideologische Naivität: Ich stehe damit auf halbem Weg zwischen Tea-Party und den heruntergekommendsten Hardcore-Kommunisten, und mit beiden ist diese Deutung kompatibel. Die Unbelehrbaren jedoch, die ihr Geld wirklich an die Börsen tragen, werden sich mit solchen Interpretationen hingegen schwer tuen. Sie sind aufgewachsen in einer Zeit, in der einmal im Jahr Weltspartag war. Sie haben mit 15 nicht angefangen, ihre Sparschweine aufzubrechen, um Alkohol & Kippen kaufen zu können - und das Dolce Vita zu genießen. Und sie glauben vielleicht wirklich noch, dass die alten Gesetze von Angebot & Nachfrage, von Konjunktur und Rezession, von Inflation und Deflation irgendeine Rolle spielen werden in der globalisierten Welt, in der die post-pubertären Märkte eines Tages die alten, schwachen Nationalstaaten zu Tode pflegen werden...
[Dieser Artikel erschien einige Tage später auf RumItself]
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Ein Meta-Dasein ist genauso real wie gekochte Schneebälle. Aber nachdem wir 68 auch auf den Mann auf dem Mond glaubten sollten wir uns jetzt auch nicht wundern. Der Schindlers-Liste-Vergleich ist genial!(Hoffentlich verletzen Sie damit nicht die Gefühle der Nationalökonomen hier) Wirklich gern gelesen weil gut geschrieben.
Wenn ich das mit der Kinderstube einer Linken mit Migrationshintergrund richtig verstanden habe, war es also richtig das wir in Bosnien damals Gold und nicht DM gehamstert hatten. Übrigens: Teaparty und HardCore-Kommi brauchen beide als erstes Brauereien und Zigarettenmanufakturen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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