Henrie Schnee

Blog von Henrie Schnee

23.05.2011 | 01:40

It's Arma-Goddamn-Motherfucking-Geddon!

 

Also ist die Welt nun untergegangen oder nicht? Das ist die Frage, die uns heute Abend wirklich umtreiben sollte. Die Christen hatten gesprochen, ihr Urteil wurde gefällt: Gestern, am 21. Mai im Jahre des Herrn 2011, irgendwann „gegen 10 Uhr morgens“, sollte die Welt untergeghen - behaupteten sie. Lasst uns die Zeichen deuten.

Zunächst muss man, historisch korrekt differenzieren, was denn nun einen richtigen Weltuntergang ausmacht. Aleister Crowley, der Godfather des Postmodernen Satanismus, soll damit keine negativen Vorstellungen verknüpft haben. Für ihn bedeutete die Hoffnung auf die Apokalypse lediglich einen... Bruchpunkt in der Geschichte unserer Spezies, eine globale Woge der Erkenntnis und Veränderung. Ein gigantischer zerebraler Orgasmus... und, wie ich die Sache verstanden habe, wohl auch angemessen dekadent. So eine spirituelle Sache eben.

Aber in dieser Epoche war Aleister Crowley für die Kultur leider auch das, was J. Edgar Hoover für die Politik darstellte... von daher sollten wir uns wohl weniger mit dem Trösten, was er uns hinterlassen hat, sondern vor dem fürchten, was er mit ins Grab nahm.

Für die Christen ist die Sache hingegen eindeutig: Armageddon ist, wenn „[S]ein Königreich komme“. Über die Toten wird geurteilt, die Bösen werden aussortiert, und die Gläubige marschieren ein ins Land, wo Milch und Honig fließen. Und warum auch nicht? 

Es ist einer der Insider-Scherze der frühen Christen; denn nach Christus‘ Tod dachten sie eigentlich, es würde noch zu ihren Lebzeiten geschehen. Aber als sie immer älter wurden & Gott sich immer noch nicht dazu durchringen konnte, den Stecker zu ziehen, wussten sie, dass sie handeln mussten. Dass sie ihr Wissen weitergeben müssen; das Wissen, dass es eines Tages soweit sein würde... und dass sie eine Institution gründen mussten, die ihr Wissen weiterreicht.

Technisch gesehen sollte sich also kein guter, redlicher und gottesfürchtiger Christ vor dem Zorn des Herrn fürchten...

Meine Lunge hat gerade ein gefährliches, pneumatisches Röcheln von sich gegeben. Denn auch ich bin ein guter Christ, zumindest wenn es opportun ist. Und für den Fall, dass diese gehirnamputierten Laienpriester den Code tatsächlich geknackt hätten, der gestrige Tag wirklich der jüngste gewesen wäre, dann wollte ich auf der Sieger-Seite stehen. Meine Überlegung war simpel: Wenn jeder redliche, brave Christ sich darauf freut und die Apokalypse willkommen heißt, dann sollte jeder, der die Apokalypse willkommen heißt und sich auf sie freut auch wie ein braver, redlicher Christ wirken -  zumindest auf einen flüchtigen Blick. Und mehr würde ich hoffentlich nicht brauchen.

Kurz gesagt: Ich war schwer am Feiern. Denn mein Plan hatte eine heimliche Kehrseite: Sollte es wirklich soweit sein & ich mich letztlich doch nicht für das Paradies qualifizieren - sondern von Dämonen ins ewige Fegefeuer gezerrt werden - dann wollte ich wenigstens in einem Zustand sein, in dem mir das nur noch wenig ausmachen würde.

Man stelle sich vor, es würde in der Blüte meines Lebens passieren! Endlich, nach Jahren der harten Arbeit, in denen ich über die Leichen meiner Kontrahenten Meter für Meter nach oben gekrochen bin, auf dem Höhepunkt meines Schaffens, wenn sich endlich alles zum Besten gewendet hätte für den alten Henrie... und DANN müsste ich von meinem Penthouse-Appartement aus dabei zusehen, wie Feuer und Schwefel aus dem bronzefarbenen Himmel fällt, wie geflügelte Bestien des Fegefeuers meine Yuppie-Kollegen und „Freunde“ schreiend zerreißen wie Bussarde es mit Feldmäusen tuen... oh weh, der Anblick wäre dann wohl zu viel für mich.

Denn ich bin, nach wie vor, Deutscher. Und wenn es überhaupt etwas auf dieser Welt gibt, das wir fürchten, dann dabei zusehen zu müssen, wie unsere Felle davonschwimmen...

Aber diese grausigen Gedanken gingen mir am Samstagmorgen nicht durch den Kopf, als ich mich mit weitaus praktischeren Problemen herumzuschlagen hatte: Beispielsweise mit der Frage, WANN GENAU es denn soweit sein sollte. In meinem Stupor erinnerte ich mich an etwas von wegen 9 oder 10 Uhr am Morgen... doch in welcher Zeitzone? Es waren immerhin amerikanische Prophezeiungen, basierend auf der King James-Version der Bibel - und wieder diente der 11. September als Refernzpunkt, denn ich meinte mich erinnern zu können, dass der sich auch gegen 9 Uhr morgens ereignet hatte, was dann 16 Uhr Deutscher Zeit entsprach.

 Also hatte ich noch Zeit, mich mit Sekt und O-Saft zu stärken. Ich befand mich auf einem Geburtstags-Brunch, das ich als Power-Frühstück missbrauchte, und das Geburtstagskind war nicht sehr angetan von der Idee, sich von irgendwelchen düsteren Prophezeiungen ihren Tag vermiesen zu lassen - also beließ ich es dabei, stimmte fröhlichere Töne an und verabschiedete mich schon bald zum nächsten Termin.

 

Großer Gott, in was für eine Ecke habe ich mich hier nur hineingeschrieben? Mein Kater knattert immer noch tief in meinem brummenden Schädel, und der einzige Grund, dass ich nicht schlafe, ist nur, dass ich mir die Müdigkeit noch aufheben möchte... 

 Heute morgen, nach 45 Stunden Dauerbetrieb und einer bizarren Mischung aus diversen Alkohol- und Spaßmachersorten, nach einer ganzen Kette vignettenhafter Auftritte überall in der Pampa, dachte ich genau so. "Schlaf nicht im Zug ein", redete ich mir selbst ein... "heb dir diese kostbare Müdigkeit für später auf, wenn du endlich in deinem Bett liegst..."

Der Zug war notwendig geworden, nachdem mein ursprünglicher Fahrer beschlossen hatte sich mit Martini und Kleinem Feigling die Kante zu gegeben & davon zu einer Art menschlichem Pfau mutierte, der mich durch die gesamte Nacht verfolgte und mich blamierte, wohin ich auch ging. Was aber die Situation auch nicht mehr sonderlich verschlimmerte, war ich doch durch meine eigene Hybris auf eine Disputations-Feier voller Mediziner geraten, garniert mit dem gelegentlichen Lehramtsstudent. Der Kulturschock ging mir durch Mark und Bein, und erst in der Morgendämmerung fand ich eine Hand voll Künstler aus dem Stockwerk oben drüber, mit denen man sich vernünftig unterhalten konnte.

Fuck, ich wünschte ich hätte mit denen über die Apokalypse diskutiert, statt über dieses versoffene und inkohärente Gewäsch zu labern, das immer noch dumpf in meinen Ohren nachklingt. Dann hätte ich jetzt nämlich ein paar erstklassige Zitate, die ich hier einstreuen könnte - und würde auf diese Art endlich wieder den Bogen zu meinem ursprünglichen Thema zurück finden. 

Doch es scheint, als wären meine Recherchen vergeblich gewesen. Ich wollte das Ende der Welt singend und tanzend erleben, und doch kam ein neuer Tag.

Und so schlurfte ich heute morgen durch menschenleere Straßen & hatte nicht einmal eine Sonnenbrille zur Hand, um die schadenfrohe Sonne aus meinem Kopf zu halten.

 Und doch war die Morgensonne ein beeindruckender Anblick...The Day After

Sieben Stunden Schlaf waren mir dann gegönnt, ehe mich die Welt mit einem Handyklingeln wieder daran erinnerte, dass garnichts vorbei sei.

Und seitdem nagen an mir die Zweifel... was ist nun passiert?

Sind die Seligen in den Himmel auferstiegen? Es ist, nach wie vor, Sonntag... und viele Menschen würden erst morgen früh vermisst werden... Zumindest aus CDU-Kreisen lies man solche und ähnliche Statements heute vermelden, inoffiziell, als Erklärung für die Wahlergebnisse in Bremen. Und ein oberflächlicher Scan von Spiegel Online lässt auch vermuten, dass jetzt alle Dominos fertig aufgereiht sind & Gottes Zeigefinger gerade zum Schnipsen ausholt...

Doch ich habe keine Angst, denn ich bin nun mal ein verlorener Sohn, der wieder zurück gekehrt ist... nur um immer mal wieder verloren zu gehen, for old times sake.

 
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Kommentare
SuzieQ schrieb am 23.05.2011 um 01:47
Aleister Crowley bekämpfte auch Unkraut, indem er es beschimpfte.
Henrie Schnee schrieb am 23.05.2011 um 01:49
J. Edgar Hoover lies dafür seine Angestellten sich bücken.
dame.von.welt schrieb am 23.05.2011 um 09:30
Und Stoiber ließ Muschi und den Gärtner Blumen hinrichten.
Fro schrieb am 23.05.2011 um 02:13
Habe mich auch gewundert, dass der Weltuntergang so unmerklich vonstatten ging – ich vermute eine Verschiebung ins Paralleluniversum - wir befinden uns wahrscheinlich im Backup des Originaluniversums. Hat auf jeden Fall gut geklappt – es geht weiter... und die Propheten können einen neuen Termin ansetzen - wäre sicher in ihrem Sinne, wenn man von ihnen in Zukunft kein Backup mehr machen würde.
I.D.A. Liszt schrieb am 23.05.2011 um 15:54
Ruhig Blut! Jetzt haben wir ja noch etwas über ein halbes Jahr Zeit, bis mit dem Neujahrstag 2012 der nächste Weltuntergang ins Haus steht.

Bis dahin wünsche ich anregende Lektüre von Nostradamus, der geheimen Offenbarung des Johannes und der Vorhersage der Wirtschaftwaisen [Ja, Waisen!] über das für 2011 zu erwartende Steueraufkommen.
Henrie Schnee
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