Henrie Schnee

Blog von Henrie Schnee

07.02.2012 | 11:37

Weltraum-Nazis sind uns überlegen! Berlinale-Premiere von Iron Sky

Meine Damen und Herren, der Tag auf den wir alle gewartet haben rückt schnell näher. Während wir unsere respektablen Leben geführt haben, haben diejenigen mit krankem und entartetem Verstand ihre Armeen versammelt und ihre Story konstruiert - eine groteske Story, die versuchen wird, die Geschichte neu zu schreiben und die Welt mit atemberaubenden Special Effects zu begeistern. Ich denke Sie wissen, wovon in rede, meine Damen und Herren: motherfucking Weltraum-Nazis in einem Film namens Iron Sky!

Mehr oder weniger mit diesen Worten beginnt der neueste Trailer zur lang herbeigesehnten Guerilla-Projekt & Spielfilm-Debüt von Timo Vuorensolas mit dieser ganz speziellen Laibach-Ästhetik. Aber egal wie oft ich mir dieses Video ansehe, ich werde das Gefühl nicht los: Wieso entschuldigt sich der Trailer ununterbrochen für diesen Film? Wieso 7,5 Millionen Euro in eine "dark science fiction comedy" investieren, wenn man hinterher nicht die Eier hat, das Kind beim Namen zu nennen?

Die Organisatoren der Berlinale hätten, so der Trailer, in all ihrer Weisheit beschlossen, das endlich fertig gestellte Projekt in den Panorama-Teil aufzunehmen - mit der Konsequenz, das bereits kommenden Samstag, dem 11. Februar, im berliner Friedrichstadt-Palast die Weltpremiere statt finden wird.

Zwar sind Tickets dafür lange ausverkauft (PR-Menschen können trotzdem alles in ihrer Macht stehende unternehmen, um mir noch eines zukommen zu lassen, bitte, scheut keine Kosten & Mühen!), doch folgen 5 weitere Vorstellungen im Rahmen der Berlinale & der offizielle Kino-Run dann Anfang April. 

 

Meteorblitzkrieg! 

Höchste Zeit also, sich mental auf ein paar unangenehme Fragen vorzubereiten. Will ich das sehen? Muss ich mich jetzt aufregen? Sind Mondlandschaften etwa der neue „Wald“? Können Deutsche im Weltall überleben? Und wenn ja: Sind uns Weltraum-Nazis überlegen?

Denn eines scheint offenkundig: Echte Nazis sind eine erbärmliche Randgruppe in diesen Tagen - „Opfer“ im modernen Sinne des Wortes. Ihre Burschenschaftler werden in Wien bereits von ihresgleichen zu den „Neuen Juden“ erklärt, die Redakteure der Zeitungszeugen dürfen ein mit wissenschaftlichen Erläuterungen versehenen Bändchen mit entscheidenden Stellen aus Mein Kampf nur wie gepixelte Ponographie veröffentlichen, und keine Woche vergeht ohne neue Trauergeschichten darüber, dass die Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ - die absolute Elite des Völkischen Widerstandes - so dermaßen unfähig agierte, dass die Sicherheitsorgane unseres Landes fast schon titanische Anstrengungen unternehmen mussten, um in den entscheidenden Momenten immer in die völlig falsche Richtung zu kucken.

 Nein Mann, die Moderne tut dem Nationalsozialismus nicht gut. Die Ideologie kommt damit einfach nicht klar: Anonymer Pluralismus, digitale Technologien, unverbrennbare Wikis, Glitch-Kunst... wenn das der Führer erlebt hätte!

Die Nazis vertragen sich einfach nicht mit dem Rest von uns, das hat die Geschichte bewiesen. Sie mögen uns nicht, wir mögen sie nicht... es ist einfach nur noch lästig für alle beteiligten. Die wollen doch in Wirklichkeit die Parallelgesellschaft. Gönnen wir sie ihnen! Gönnen wir ihnen... Lebensraum im Weltall.


 

Opa war Raumfahrer bei der SS

Man denke an Star Trek. Keine einzige Serie dieses großartigen, humanistischen, modernen Mythos' kam bis dato ohne eine gute, alte, gottesfürchtige Nazi-Folge aus. Wer weiß - vielleicht sind die Nazis ja sogar tatsächlich der Schlüssel zum Verständnis von Star Trek?

Aber im Ernst, wieso schaffen es andauernd irgendwelche Holodeck-Nazis, die Enterprise zu kapern? Wieviele Föderationsschiffe da draußen wurden bereits von ihnen übernommen, wie viele holographische Vierte Reiche gibt es bereits in Gene Roddenberrys Alpha-Quadranten? Warum lernt die Sternenflotte nicht endlich aus ihren Fehlern & löscht einfach alle Bezüge zum Dritten Reich aus den Holodeck-Computern?

Denn mit Weltraum-Nazis kann man, ebenso wie mit terrestrischen Nazis, meist nur in begrenztem Maße Diplomatie führen. Dies macht sie zu populären Gegnern in Spielen, in denen man folglich lieber mit Maschinenkanonen kommuniziert als mit überlegener Logik. In den Killzone-Videospielen etwa kämpft man sich durch Wellen von mutierten Helghast, die mutierten Überreste einer falsch geplanten Kolonie auf einem Todesplaneten. Führerprinzip, Speer-Design, Uniformen von Hugo Boss, die Nürnberg-Ästhetik... da hat ein Entwickler seine Hausaufgaben wirklich gemacht!

Doch leider zu Gut, denn nachdem man sich stundenlang durch die Linien der Helghast gekämpft hat ertappt man sich selbst immer öfter dabei, dass man sich innerlich wundert... wieso kann ich nicht die spielen? Die haben die cooleren Waffen, die schickeren Uniformen, und ihre Dialoge sind nicht einmal annähernd so hölzern wie die der Weltraum-Amerikaner, die ich gerade spielen muss!

Aber Killzone war natürlich weder das erste noch das bekannteste Computer-Spiel, das den Nationalsozialismus digital erfahrbar machen wollte. id-Games berühmtes Wolfenstein 3D, für deren Nennung ich hier dem Freitag hoffentlich einen Scheißärger mit der Bundesbehörde für Zensur und „Jugendschutz“ einhandele, war einer der ersten Gehversuche der Neuen Medien, eine philosophisch anspruchsvolle und ästhetisch progressive Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Mit anderen Worten: In einem für die finsteren 90er Jahre revolutionären Prinzip rennt man als Einzellämpfer stundenlang durch Gänge, metzelt sich durch Tonnen von Wehrmachts-Menschenmaterial („Mein Leben!“), ehe man schließlich Cyborg-Hitler persönlich die braunen Lichter auspusten darf. Die letzten Worte des GröFaZ: „Auf Wiedersehen, Eva!“

Die deutschen Zensoren fanden das ganz und garnicht kulturell relevant.

Ganz ähnlich wie auch die Junge Freiheit, unser Sturmgeschütz des Völkischen, über Inglourious Basterds dachte. Dort wurde etwa trocken konsterniert: „Inhaltlich wird [Tarantino] der hochkomplexen historischen Situation ohnehin nicht gerecht, liefert keinerlei Erkenntnisgewinn“; es wird bemängelt, dass „[Der] Zuschauer belustigt daran weiden [kann], wie Menschen bestialisch totgeprügelt, zerschossen und zerstückelt werden“ und, nach eingehender Debatte, schlussfolgert man: „[Der Film] dient als plumpe Masturbationsvorlage für all jene Antideutschen, die dem Kinostart an diesem Donnerstag bereits mit nassen Höschen entgegengefiebert haben.“

Und der Dadaist in mir wunderte sich, ob sie mit genau dieser Interpretation nicht goldrichtig gelegen haben.

Ich freu mich auf deren Kritik zu Iron Sky.

In Paul Verhoevens zeitlosem Kult-Klassiker Starship Troopers ist der Faschismus viel mehr Meta, denn hier ergibt Rassismus plötzlich prima Sinn: Die menschliche Rasse gegen eine verschlagene Insekten-Rasse. Hier ist es weniger der Inhalt, als der Stil, der die Visionen eines Goebbels oder Speers so augenzwinkernd auf die Schippe nimmt - und letztendlich viel mehr aus dem Film herausholt, als es die Prämisse allein je hergegeben hätte. 

Doch einer meiner persönlichen Favoriten ist Steve Barkers Outpost, einer der sich selbst am ernsten nehmendste Filme überhaupt, in dem eine zusammengewürfelte Gruppe erfahrener Söldner im osteuropäischen Hinterland eine alte Forschungsstation der SS sichern soll, nur um viel zu spät festzustellen, dass die Nazis dort erfolgreich die Grenze zur Vierten Dimension überschritten haben und nun das gesamte Gelände von einem Bataillon angepisster Dämonen-Landser verteidigt wird.

Was für ein glorreicher Plot!

 Diese Liste ließe sich nun ewig so weiterführen (naja, bis mir die Beispiele ausgehen), aber ich denke der Groschen ist gefallen: Die Fiktion ist noch lange nicht fertig mit dem schmutzigsten Kapitel der großdeutschen Geschichte. Und ich finde das klasse. Denn diese elende Faszination, die heute noch von Der Neuen Ordnung ausgeht, von diesem Deutschen Todeskult, von diesem bipolaren Diktator... woher kommt die? Ich sage, der Bruch war zu schnell. Montag gab es noch das Dritte Reich, Freitag war es weg. Alle Nazis waren auf einmal tot, gefallen, entnazifiziert, vergessen oder verschwiegen. Es dauerte 20 Jahre, ehe man überhaupt anfangen wollte, in Westdeutschland darüber zu reden - und dann hieß es bloß: „Worüber soll man denn da reden?“

Unsere Zensurbehörden halten heute noch geflissentlich jeden Bezug zum Nationalsozialismus vor unseren Kindern verborgen, und selbst im Schulunterricht wird dem Dritten Reich bestenfalls ein Bruchteil der Zeit eingeräumt, die für Aufklärungsunterricht bereit gehalten wird. Wieso? Ist braune Ideologie etwa harmloser als Herpes?

 

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Schritt für das Vaterland!

Aber jetzt haben wir einen völlig neuen Grund, die Geschichte ein weiteres Mal aufzurollen. Nazis sind der Dauerbrenner der Deutschen Medienlandschaft, und kein Autor, der sein Salz wert ist, kommt um diese traurige Wahrheit herum. 

Und wer weiß? Vielleicht tut Iron Sky das selbe für den Nationalsozialismus, was Command & Conquer: Alarmstufe Rot seinerzeit für den Kommunismus leisten konnte?

Zumal die ganze Prämisse doch so unglaublich plausibel ist! Verschwörungstheoretiker kennen bereits die Idee hinter Iron Sky, ohne den Trailer gesehen haben zu müssen: Gegen Ende des Zweitel Weltkrieges schickt das Nazi-Oberkommando im Rahmen von „Projekt Neuschwabenland“ als eine Art optimistischen Plan B eine Expedition in die Antarktis, um von dort aus in den von deutschen Ingenieuren perfektionierten Untertassen-Raumschiffen den Planeten Erde still & heimlich verlassen zu können, sollte das Dritte Reich am Ende doch keine tausend Jahre überstehen können.

Was es ja dann auch nicht tat.

Seit ich diese Story vor vielen Jahren das erste Mal hörte, schien mir die Vorstellung, dass Nazi-Deutschland solch ein Projekt (a) sich ausdenken, (b) in die Wege leiten und (c) auch noch Erfolg damit haben könnte, immer hochgradig plausibel. Die Enigma, Tarnkappenbomber, U-Boote, Atomreaktoren, Raketen, Weitstreckenartillerie, das Maschinengewehr... fuck, was haben die Nazis eigentlich nicht erfunden? 

Und nun kommen sie zurück, und manch ein Germanist wird bereits ganz kirre von der Vorstellung. Aber ich bin ja keiner. Ich habe nur einen abwegigen Sinn für Humor. Und ich will wissen, was Iron Sky zur Debatte beitragen kann.

Sind uns Weltraum-Nazis überlegen?

Werden sie einmal ein Happy End haben?

Sind sie am Ende vielleicht sogar mal die Guten?

Weiter-Führende Links:

Trailer "We come in Peace"

Trailer "Under the Iron Sky"

Laibach - "B-Mashina" (Trailer-Musik)

Offizielle Webseite

Tickets-Vorverkauf

imdb.com

Die "Wahrheit" hinter Projekt Neuschwabenland

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
s0cialliberalism schrieb am 07.02.2012 um 11:52
Auf diesen Film freue ich mich sehr sehr sehr! Und ich glaube, das habe ich noch nie über einen FILM gesagt. Über ein Buch vielleicht, aber nicht über einen Film.
Henrie Schnee
Bottled in a strong Compression / My Distortion shows Obsession
Mitglied seit:
1 Jahr 2 Wochen
Zuletzt aktiv:
16.03.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 10
Kommentare: 35
Mein Web:
Logbuch
00:22
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:22
carsten plaug hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:17
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:13
luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
00:10
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG