Henry Mertens

Blog von Henry Mertens

04.03.2010 | 14:23

Die Kultur stirbt - hoch lebe die Kultur! Teil 2

Den nachdrücklichsten Satz am Ende der gestrigen Podiumsdiskussion „Wieviel Kultur braucht Dessau-Roßlau?“ sprach der Verwaltungschef des Anhaltischen Theaters, Joachim Landgraf aus: „Wann fahren wir alle gemeinsam nach Magdeburg, um zu protestieren!“

Und reagierte damit spontan auf die Frage, wie es ihm so gehe mit dem Wissen um das Streichungsvorhaben der Stadt, von dem allein sein Haus mit 1,5 Mio. Euro betroffen ist, was wiederum die Schließung etlicher Schlüsselbereiche des Dreispartenhauses bedeuten würde.

 

„Die Situation ist dramatisch!“ erklärte Oberbürgermeister Klemens Koschig. 

„Die Einsparungen betreffen alle Bereiche!“  Damit stehen öffentliche-kulturelle sowie soziale Aufgaben auf dem Prüfstand, insgesamt 15 Millionen Euro!

10 Prozent des städtischen Gesamthaushaltes.

 

Die Aussage widerspiegelt die Hilflosigkeit der Verwaltung und des Stadtparlaments gegenüber der anstehenden Aufgabe, wie Holger Schmidt, Abgeordneter des Stadtparlaments, äußert.

Man brauche für die Lösung des Problems eine stärkere Entwicklung hin zur Regionalisierung, um Aufgaben und Leistungen sinnvoller zu konzentrieren und dadurch Ausgaben zu sparen. Teilweise seien nach der Stadtfusion von 2007 solche Effekte spürbar. Diese reichen aber nicht aus, so Schmidt.

 

Die Stadt Dessau-Roßlau kann die Sparmaßnahmen allein nicht stemmen!

Denn sie ist gerade dabei, ihren Selbstverwaltungsanspruch zu verlieren, spitzt Walter Prigge, Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau und Moderator, diesen Fakt zu. Und damit verliert sie ihr wichtigstes Gestaltungsinstrument. Die Stadt hört auf Stadt zu sein.

 

Holger Schmidt legt nach und rechnet vor: „Nach Streichung der Ausgaben bleiben 200.000 Euro übrig - dann gucken wir mal zusammen, wo wir diese einsetzen.“ 

 

Die Dramatik scheint jedoch noch nicht in allen Köpfen angekommen zu sein, beschreibt der Chef der Kurt-Weill-Gesellschaft, Michael Kaufmann, seinen Eindruck. Er sieht noch zu viele leere Plätze inmitten des Publikums.

Die Frage, ob Kultur allgemein im Grundgesetz verankert werden müsste, beantwortet er allerdings bestimmt: „Ich möchte nicht in einem Land leben, wo Kultur erst zur Pflichtaufgabe gemacht werden muss.“

 

Wer genau nun von den Kürzungen, Streichungen, Sparplänen betroffen ist, dokumentiert eine interne Verwaltungs-Liste: insgesamt werden 83 Posten geprüft, so Oberbürgermeister Koschig. 

 

Gestattett sei jedoch die Frage nach den genauen Angaben, wer was prüft und welche möglichen Gegenmaßnahmen getroffen werden könnten.

Phillip Oswalt, Chef der Stiftung Bauhaus Dessau betont, man könne nur Erfolg haben, wenn man solidarisch sei. Transparenz ist gefordert! Seine Vorschläge an die Stadt, die gleichzeitig mit extremen Schrumpfungsproblemen kämpft: „Wenn wir weniger werden, müssen wir anders werden! Wir brauchen einen kulturellen Masterplan!“

 

Das anwesende Publikum kam ebenfalls zu Wort. Spürbar aufgewühlt und enttäuscht von der Art und Weise, wie die Verantwortlichen mit der Situation umgehen, zeigt sich ein Redner. Die Stadt hätte erst prüfen und dann veröffentlichen sollen. Überraschend forderte er „Anhalt in seine historischen Grenzen zurück“! Dessau gewinne dadurch seine einstige Stärke wieder  - eine wohl eher rückwärtsgewandte Selbstbehauptungsstrategie.

Eine Professorin der Hochschule Anhalt lenkte die Gedanken auf das geistig-kulturelle Erbe der Stadt Dessau und formuliert die Frage, welche Art von Kultur die Stadt sich in Zukunft leisten will. Ihr Eindruck sei auch, dass man sich zu wenig Hilfe von aussen hole.

Umstrittene Verkehrsprojekte wie der Bau einer neuen Umgehungsstraße oder die jährliche Subvensionierung des Dessauer Flugplatzes bieten darüber hinaus Optionen für mögliche Einsparungen, doch verhindern sie das finanzielle Defizit nur bedingt.

 

Sicher ist:  Bauhaus, Hugu-Junkers-Erbe, Hochschule, Landestheater, Kurt Weill Gesellschaft, Moses Mendelsohn Stiftung, Unesco Welterbe „Dessau-Wörlitzer-Gartenreich“ usw. bleiben bedeutende Standortvorteile. 

Mit der Restkultur aber wird schon einmal der Ernstfall geprobt: Bibliothek zu, Sporthalle zu, Musikschule zu, Jugend-Verein zu.. nur für ein paar Tage vorerst.

 

Es bleiben offene Fragen: Welche sind die Aufgaben an die Zukunft? Sind die Zeichen der Zeit von den Verantwortlichen ausreichend erkannt? Reichen Weitsicht und vorhandene Konzepte zur Lösung der anstehenden Probleme?

Beherbergt die Stadt noch genügend kreative Köpfe - manche auch als Neubewohner - die ihre Ideen in diesen Prozeß mit einbringen und ihr somit der eine Identität geben? Bauhaus, Theater, Umweltbundesamt sind die Vorzeigeinstitutionen. Sind sie auch Motor und Motivator genug?

 

Die allgemeine Ratlosigkeit kulminierte entweder in Kampfesstimmung „Wir fahren nach Berlin!!!“ oder noch größere Ratlosigkeit „Was haben die eigentlich in den letzten 10 Jahren gemacht???“.

 

Oberbürgermeister Koschig fasst in seinem Schlußwort den verantwortungsvollen Umgang mit der Finanz-Schieflage zusammen. Es gehe ihm darum zu gestalten, Visionen zu entwickeln und die Attraktivität der kleiner werdenden Stadt zu verbessern.

 

Etwas Hoffnungsvolles wurde allerdings auch deutlich: Die Veranstaltung setzt ein Zeichen zum Beginn eines öffentlichen Diskurses über die Belange und die zukünftigen Perspektiven der Stadt Dessau-Roßlau.

 
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Kommentare
NadjaS schrieb am 04.03.2010 um 15:57
Dessau-Roßlaus Tragik verdient einen Namen: Konfusion. Viele Köche gucken verwirrt in den brodelnden Topf. Der eine schreit: Rühren! Der nächste: Ist denn schon alles drin? Ein anderer: Ich hab nichts reingetan!
Alle meinen es gut und keiner hat einen Plan. Aber wenigstens jene, die noch Panik schieben und noch nicht in Dessau'sche Lethargie verfallen sind, haben mal laut drüber geredet.
Wie soll eine Stadt auch eine Identitätsidee entwickeln - einschließlich Kulturmasterplan -, die aus toter (Chemiiihhh-)Industrie, einstürzenden Neubauten, vierspurigen Fluchtwegen und einem verängstigten Bauhaus besteht? Allein die Elb- und Muldeauen bleiben (noch) ruhig, solange Ihnen nicht das Wasser abgegraben wird.
Diese Stadt ist wie ein häßlicher Hund, den die einen bemutteln und aufpäppeln wollen, während die anderen rufen: seht doch: grad in seiner Häßlichkeit liegt seine Einzigartigkeit, lasst sie uns kultivieren. Womit wir bei der leidigen Kultur sind und der Frage: Was ist wichtiger: Bibliothek und Schwimmhalle oder Big Theater? Was sagt eigentlich die Bevölkerung dazu? Also ich meine jetzt nicht die, die zur Podiumsdiskussion gehen. Schulterzucken? "Haste ma 'ne Kippe?" "Kurt Weill, ha ich schon ma von jehört..."
???
Dessau-Roßlau und Kultur: die einen wollen alles, die anderen jar nischt. In dieser Ratlosigkeit paddeln die Entscheidungsträger ums Überleben. So kommt es mir vor. Helfen tut diese Erkenntnis aber auch nichts. Oder?
Henry Mertens schrieb am 04.03.2010 um 17:33
Liebe NadjaS,
vielen Dank für die herrlichen Bilder. Ich denke, darum geht es: Bilder erzeugen, welche Phantasien auslösen, inspirieren und aktivieren und Phantastisches entstehen lassen.
Das passiert im Kindergartenalter doch noch häufiger und führt dazu, die Welt neu zu erfinden. Geht es verloren oder ist das Interesse zwischen Currybude und Couchtisch auf wesentlich einfacher zu konsumierende "Ware" beschränkt?
Noch einmal: den Hund peppeln oder kultivieren hieße, die Harke selbst in die Hand nehmen, eigene Ideen umsetzen, inspiriert durch gute Beispiele und dem Mut auch einer Stadt oder Stadtverwaltung, dieser Kreativität seinen Lauf zu lassen?
Wann machen wir ein Projekt zusammen?
archinaut schrieb am 05.03.2010 um 00:35
... ein verängstigtes Bauhaus, das ist schön gesagt.... wer hat diese Verunsicherung eigentlich zu verantworten?
Henry Mertens schrieb am 05.03.2010 um 11:00
Dem Bild des „verängstigten“ Bauhauses braucht Schärfung: Bereits seit der Wende zog es kreative nach Dessau ans Bauhaus (einem unbekannten Rufe folgend). Erwähnt sei die Entwicklung des Stadtteils Nord/Dessau mit dem KIEZ, woran da eben diese Pioniere beteiligt waren - und - man will es ihnen nicht verdenken - weiterzogen.
„Ein Kommen und Gehen“
Im Zuge des 10-jährigen IBA_Prozesses ist die Institution „Bauhaus“ maßgeblich“ beteiligt - als Motivator und „Kreativator“ zugleich ist. Der Weg: ist das Anschieben und Experimentieren. Das Ergebnis: Ungewöhnliche Lösungen, die dem Prozess der Schrumpfung da entgegengesetzt werden: „Einen Landschaftszug in die Stadt holen“, Claimpatenschaften von Bürgern und Vereinen, die die Beteiligung dokumentieren, er „Roter Faden“, der die Geschichte und die Entstehung des Landschaftzuges beschreibt...usw

Es werden immer wieder „Pioniere“ einem unbekannten Rufe folgen und ihr ungewöhnliches Denken einbringen.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.05.2010 um 23:49
Zwei sehr interessante Beiträge. Vielen Dank! Ich denke, dass es auch ein soziales Problem ist, welches die Stadt zu meistern hat. Wir haben mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit zu tun, welche sich negativ auf die Demographie auswirkt. Dessau hat auch zu wenig wirtschaftliche Infrastrukttur, daher gehen viele Menschen weg. Wenn wenig Geld vorhanden ist, können sich auch wenige Kultur "leisten". Damit hat das Theater definitv zu kämpfen. Wie sollte das zu lösen sein? Noch weniger Kultur würde wiederrum eventuelle Investoren abschrecken, sich hier niederzulassen, weil kein interessantes Umfeld gegeben ist. Ich finde den Begriff "Dessau'sche Lethargie" sehr treffend gewählt. Leider gibt das Theater und das Bauhaus vielen Menschen nicht den Identifikationsgrund den Menschen in einer Region benötigen, jedenfalls ist das O-Ton den ich am meisten wahrnehme. Schade, eigentlich.
Henry Mertens
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goedzak hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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ChristianBerlin hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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