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Es gibt ja sehr verschiedene Gehirne. Und man darf durchaus annehmen, dass zahlreiche Menschen ganz ausgezeichnet und virtuos mit der privaten Löschtaste umgehen können. Sie müssen nur ein entsprechendes Interesse haben – und schon treten ganz merkwürdige Formen von Amnesie auf. Es käme einem Vorurteil gleich, die zahlreichen Gedächtnisverluste von Politikern vor Untersuchungsausschüssen oder von Beklagten vor Gericht lediglich als bewußtseinsfreie Eigenleistung des Gehirns zu erklären. Plausibler ist, dass viele Menschen aktiv und willentlich unbequehme, überflüssige und störende Erinnerungen tatsächlich löschen und in den Papierkorb verdrängen können und für den Rest ihres Lebens nicht die geringste Anstrengung zum Wiederherstellen solcher Dateien unternehmen. – Mir fehlt leider eine solche Löschtaste. Ich habe damit leben gelernt, verstehe mich deshalb notgedrungen als widersprüchlichen Menschen und fände es sogar langweilig, mit Hilfe einer Löschtaste an mir herumzudesignen. Im Zweifelsfall muß eben mal dreist gelogen werden.
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@Haydnplayer:
Ich kann mir vorstellen, dass es diese "Löschtaste" möglicherweise im Gedächtnis gibt. In diesem Gedankenexperiment kann man ja für sich selbst herausfinden, ob man diese Löschtaste selber in seinem Gehirn betätigen kann: Einfach beispielsweise 10 Vokabeln raussuchen, die man bereits auswendig gelernt hat, Löschtaste auf der Festplatte des Gehirns betätigen, und nach zwei oder drei Stunden würde man diese Vokablen dann nicht mehr erinnern...oder so ähnlich;) Ich wünsche dabei viel Erfolg, aber um ganz ehrlich zu sein: Mir ist es bislang nicht gelungen, beispielsweise 10 Vokabeln absichtlich zu vergessen. Mir ist es aber sehr wohl gelungen, beispielsweise 10 Vokabeln absichtlich auswendig zu lernen. Das Gedankenexperiment führt daher zu folgender Beobachtung: Lernen tun wir selbst, aber vergessen tut das Gehirn nur alleine. Wir scheinen nur etwas dafür tun zu können, dass wir bestimmte Dinge nicht vergessen. Das Ganze ist im Grunde ein Paradoxon. Und bitte verwechseln sie nicht eine Lüge mit dem tatsächlichen Vergessen: Nur weil Politiker vor Untersuchungsausschüssen vermeintlich wichtige Dinge vorgeben nicht mehr zu erinnern, heißt das ja nicht, dass sie tatsächlich keine Erinnerung mehr daran haben. Und selbst wenn man etwas tatsächlich vergessen hätte (was ja immer sein kann), dann geht es doch hier eher um die Fähigkeit des vorsätzlichen Vergessens. |
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Bis auf den letzten Satz kann ich mich der Ausführung von @haydnplayer anschließen. Aber ich würde lieber in einer Welt leben, wo sowieso nichts löschenswert sein müßte. Das Lügen finde ich nie eine gute Lösung und sogar die Hirnforschung(Damasio) hat entdeckt dass ständiges Lügen im Gehirn ungesunde Wachstumsprozesse anregen, ungute Spuren hinterlassen kann. Lügen ist also ungesund und macht nicht nur den Angelogenen krank. Menschen, die mich anlügen, machen mich krank und eine einzige gefühlte Lüge kann u.U. bei mir schon Angstzustände auslösen. Ich empfinde das Lügen als einen Gewaltakt. Und nun nochmal zum "löschen" oder "in den Papierkorb verschieben": Wenn der Mensch nicht die Fähigkeit hätte, Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes, das er schlecht vertragen kann, mindestens in die hinterste Schieblade seines Gedächtnisses zu verschieben, würde er durchdrehen,früher oder später ! Man kann also wenn nicht ganz vergessen, so aber doch notgedrungen gut verdrängen. Und das ist überlebensnotwenig, zumindest in unserer Zeit. Das gesunde Gehirn, die gesunde Psyche, das Über-ich sortiert in freundlicher Art und Weise ständig das Aufgenommene in wichtig oder unwichtig. Wenn Menschen traumatisiert, gefoltert oder sonst wie krank geworden sind, verlieren sie zuweilen diese heilsam ordnende Fähigkeit und werden von Erinnerungen gequält, die sie nicht vertragen können. Diese Menschen sind höchst bemitleidenswert und man muß versuchen, ihnen zu helfen.
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@Ehrlicher:
Wir beide verstehen uns. Ich will Sie nicht anlügen, und ich freue mich auch, wenn Sie mich nicht anlügen. Ich muss aber das Gleiche sagen, was ich schon zu Haydnplayer gesagt habe: Eine Lüge impliziert, dass ich etwas sage, von dem ich weiß, dass es nicht der Wahrheit entspricht. Dazu muss ich aber die Wahrheit kennen, so dass hier bislang noch nichts vergessen worden ist. Einfach so zu tun, als ob ich etwas vergessen habe, ist nicht dasselbe, wie wenn ich etwas wirklich nicht mehr erinnere. Machen Sie einfach das Gedankenexperiment: Nehmen Sie beispielsweise 10 Vokablen, die Sie bereits auswendig gelernt haben, drücken Sie die "Löschtaste" in ihrem Gehirn, und nach ein paar Stunden müssten Sie diese Vokablen vergessen haben. Mir ist das bislang übrigens nicht gelungen. Anders herum gehe ich davon aus, dass Sie in der Lage sind, binnen ein paar Stunden ungefähr 10 Vokabeln auswendig zu lernen. Sie können also eine "Lerntaste" betätigen, aber möglicherweise nicht umgekehrt eine "Löschtaste" (das macht das Gehirn alleine). Und so etwas würde ich ein Paradoxon nennen. Und natürlich ist ein Trauma ja gerade etwas, das man vielleicht ganz gerne vergessen würde, nur leider nicht immer vergessen kann. Aber ein Trauma ist in der Regel ein impliziter Vorgang, und ich habe mich nur auf explizite Vorgänge bezogen (wie eben beispielsweise Vokabeln lernen). Ich finde es gut, dass Sie so moralisch argumentieren. Im Vergleich zu Haydnplayer sind Sie eher der weiche Typ. Ich denke trotzdem, dass wir uns mindestens auf den Ansatz verständigen sollten, dass es zwei Systeme gibt, nämlich das explizite und das implizite. Das explizite ist das, was Sie machen können, und das implizite ist das, was das Gehirn für Sie macht. Sie können also eh nicht in allen Belangen so moralisch sein (wie Sie es vorgeben), weil Moral ja ein sehr explizites Unterfangen ist. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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