Herr Kunze

Eine Rose im Sommer

17.05.2010 | 17:33

Vergessen darf das Gehirn nur alleine

Wir wollen heute ein Gedankenexperiment machen. Dieses könnte interessant sein für Philosophen, kognitive Neuropsychologen, Humanisten aber auch für andere Geisteswissenschaftler. Und es könnte folgenden Titel haben: Warum kann ich mir etwas merken, das ich dann aber nicht wieder vergessen kann? Los gehts. Der Mensch gilt allgemein als Subjekt, also als wahrnehmendes und denkendes Wesen, das ein Ich-Bewusstsein hat. Das Subjekt ist der Ausgangspunkt von allem, was wir tun oder lassen wollen. Beispiel: Wir können jetzt einen Blogbeitrag auf "Freitag" schreiben, stattdessen können wir aber auch genausogut ein Wörterbuch aufschlagen und eine Vokabel auswendig lernen. Wir können uns entscheiden, ob es eine englische, französische, spanische oder eine Vokabel einer ganz anderen Sprache sein soll. Wir treffen also bewusste Entscheidungen über das, was wir lernen wollen. Wir wissen also, wie das Wissen (insbesondere explizit erworbenes Fachwissen) in unser Gedächtnis gelangt ist, denn wir selbst haben es ja dorthin befördert. Aber nun wissen wir nicht, wie lange es dort bleibt, und warum wir irgendwann vielleicht doch keine Erinnerung mehr daran haben. Denn wir können explizit erlerntes Wissen nicht absichtlich wieder vergessen. Das erscheint uns normal, weil wir es gar nicht anders kennen. Denken wir aber an die Festplatte unserer Computers, dann fällt uns auf, dass wir dort Datensätze, die uns nicht mehr sinnvoll erscheinen, einfach in den Papierkorb legen und löschen können (ein Mausklick, der buchstäblich in unserer Hand liegt). So etwas geht jedoch nicht bei der "Festplatte" unseres Gehirns. Diese verwaltet gnadenlos längst überflüssig gewordene Datensätze, beispielsweise die Adresse unseres früheren Arbeitgebers, obwohl die Firma schon längst in den Konkurs gegangen ist. Oder die Telefonnummer einer früheren Nachbarin, obwohl diese schon längst die Stadt gewechselt hat. Und wir können nichts dagegen tun, weil wir keinen Zugang zu der "Papierkorb-Funktion" unseres Gehirns haben. Dabei müsste die Fähigkeit des bewussten Lernens rein technisch doch in derselben Kategorie sein wie die Fähigkeit des bewussten Vergessens. Wir wissen jedoch oftmals erst dann, dass wir etwas vergessen haben, wenn wir es nicht mehr erinnern können. Wir können keinen Entscheidungszusammenhang herstellen, etwas vergessen zu wollen, obwohl wir doch eine Entscheidung treffen können, absichtlich etwas zu lernen. Dabei müsste Beides wie beim Abspeichern oder Löschen von Datensätzen auf einem Computer auf derselben technischen Ebene ablaufen, die uns für den expliziten Teil des Wissens vollständig zugänglich sein müsste. Fest steht jedenfalls, dass eine Fähigkeit zum absichtlichen Vergessen, also zum Löschen von nicht mehr brauchbaren oder erwünschten Datensätzen des Gehirns, durchaus Vorteile haben könnte. So könnten wir die Speicherkapazität unseres Gehirns für die Aufnahme neuen Wissens erhöhen. Und wir könnten unliebsame Datensätze einfach ausblenden, wie beispielsweise die mehr oder wenig sinnvolle Erinnerung an ein verfehltes Rendezvous. Derzeit müssen wir uns aber mit folgender Arbeitsteilung zufrieden geben: Wir dürfen explizites Wissen in unserem Gehirn speichern, aber vergessen darf das Gehirn nur alleine.
 
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Kommentare
haydnplayer schrieb am 17.05.2010 um 19:30
Es gibt ja sehr verschiedene Gehirne. Und man darf durchaus annehmen, dass zahlreiche Menschen ganz ausgezeichnet und virtuos mit der privaten Löschtaste umgehen können. Sie müssen nur ein entsprechendes Interesse haben – und schon treten ganz merkwürdige Formen von Amnesie auf. Es käme einem Vorurteil gleich, die zahlreichen Gedächtnisverluste von Politikern vor Untersuchungsausschüssen oder von Beklagten vor Gericht lediglich als bewußtseinsfreie Eigenleistung des Gehirns zu erklären. Plausibler ist, dass viele Menschen aktiv und willentlich unbequehme, überflüssige und störende Erinnerungen tatsächlich löschen und in den Papierkorb verdrängen können und für den Rest ihres Lebens nicht die geringste Anstrengung zum Wiederherstellen solcher Dateien unternehmen. – Mir fehlt leider eine solche Löschtaste. Ich habe damit leben gelernt, verstehe mich deshalb notgedrungen als widersprüchlichen Menschen und fände es sogar langweilig, mit Hilfe einer Löschtaste an mir herumzudesignen. Im Zweifelsfall muß eben mal dreist gelogen werden.
Herr Kunze schrieb am 19.05.2010 um 14:40
@Haydnplayer:

Ich kann mir vorstellen, dass es diese "Löschtaste" möglicherweise im Gedächtnis gibt. In diesem Gedankenexperiment kann man ja für sich selbst herausfinden, ob man diese Löschtaste selber in seinem Gehirn betätigen kann: Einfach beispielsweise 10 Vokabeln raussuchen, die man bereits auswendig gelernt hat, Löschtaste auf der Festplatte des Gehirns betätigen, und nach zwei oder drei Stunden würde man diese Vokablen dann nicht mehr erinnern...oder so ähnlich;)

Ich wünsche dabei viel Erfolg, aber um ganz ehrlich zu sein: Mir ist es bislang nicht gelungen, beispielsweise 10 Vokabeln absichtlich zu vergessen. Mir ist es aber sehr wohl gelungen, beispielsweise 10 Vokabeln absichtlich auswendig zu lernen. Das Gedankenexperiment führt daher zu folgender Beobachtung: Lernen tun wir selbst, aber vergessen tut das Gehirn nur alleine. Wir scheinen nur etwas dafür tun zu können, dass wir bestimmte Dinge nicht vergessen. Das Ganze ist im Grunde ein Paradoxon.

Und bitte verwechseln sie nicht eine Lüge mit dem tatsächlichen Vergessen: Nur weil Politiker vor Untersuchungsausschüssen vermeintlich wichtige Dinge vorgeben nicht mehr zu erinnern, heißt das ja nicht, dass sie tatsächlich keine Erinnerung mehr daran haben. Und selbst wenn man etwas tatsächlich vergessen hätte (was ja immer sein kann), dann geht es doch hier eher um die Fähigkeit des vorsätzlichen Vergessens.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.05.2010 um 00:33
Bis auf den letzten Satz kann ich mich der Ausführung von @haydnplayer anschließen. Aber ich würde lieber in einer Welt leben, wo sowieso nichts löschenswert sein müßte. Das Lügen finde ich nie eine gute Lösung und sogar die Hirnforschung(Damasio) hat entdeckt dass ständiges Lügen im Gehirn ungesunde Wachstumsprozesse anregen, ungute Spuren hinterlassen kann. Lügen ist also ungesund und macht nicht nur den Angelogenen krank. Menschen, die mich anlügen, machen mich krank und eine einzige gefühlte Lüge kann u.U. bei mir schon Angstzustände auslösen. Ich empfinde das Lügen als einen Gewaltakt. Und nun nochmal zum "löschen" oder "in den Papierkorb verschieben": Wenn der Mensch nicht die Fähigkeit hätte, Erlebtes, Gesehenes, Gehörtes, das er schlecht vertragen kann, mindestens in die hinterste Schieblade seines Gedächtnisses zu verschieben, würde er durchdrehen,früher oder später ! Man kann also wenn nicht ganz vergessen, so aber doch notgedrungen gut verdrängen. Und das ist überlebensnotwenig, zumindest in unserer Zeit. Das gesunde Gehirn, die gesunde Psyche, das Über-ich sortiert in freundlicher Art und Weise ständig das Aufgenommene in wichtig oder unwichtig. Wenn Menschen traumatisiert, gefoltert oder sonst wie krank geworden sind, verlieren sie zuweilen diese heilsam ordnende Fähigkeit und werden von Erinnerungen gequält, die sie nicht vertragen können. Diese Menschen sind höchst bemitleidenswert und man muß versuchen, ihnen zu helfen.
Herr Kunze schrieb am 19.05.2010 um 15:11
@Ehrlicher:

Wir beide verstehen uns. Ich will Sie nicht anlügen, und ich freue mich auch, wenn Sie mich nicht anlügen.

Ich muss aber das Gleiche sagen, was ich schon zu Haydnplayer gesagt habe: Eine Lüge impliziert, dass ich etwas sage, von dem ich weiß, dass es nicht der Wahrheit entspricht. Dazu muss ich aber die Wahrheit kennen, so dass hier bislang noch nichts vergessen worden ist. Einfach so zu tun, als ob ich etwas vergessen habe, ist nicht dasselbe, wie wenn ich etwas wirklich nicht mehr erinnere.

Machen Sie einfach das Gedankenexperiment: Nehmen Sie beispielsweise 10 Vokablen, die Sie bereits auswendig gelernt haben, drücken Sie die "Löschtaste" in ihrem Gehirn, und nach ein paar Stunden müssten Sie diese Vokablen vergessen haben. Mir ist das bislang übrigens nicht gelungen. Anders herum gehe ich davon aus, dass Sie in der Lage sind, binnen ein paar Stunden ungefähr 10 Vokabeln auswendig zu lernen. Sie können also eine "Lerntaste" betätigen, aber möglicherweise nicht umgekehrt eine "Löschtaste" (das macht das Gehirn alleine). Und so etwas würde ich ein Paradoxon nennen.

Und natürlich ist ein Trauma ja gerade etwas, das man vielleicht ganz gerne vergessen würde, nur leider nicht immer vergessen kann. Aber ein Trauma ist in der Regel ein impliziter Vorgang, und ich habe mich nur auf explizite Vorgänge bezogen (wie eben beispielsweise Vokabeln lernen).

Ich finde es gut, dass Sie so moralisch argumentieren.
Im Vergleich zu Haydnplayer sind Sie eher der weiche Typ. Ich denke trotzdem, dass wir uns mindestens auf den Ansatz verständigen sollten, dass es zwei Systeme
gibt, nämlich das explizite und das implizite. Das explizite ist das, was Sie machen können, und das implizite ist das, was das Gehirn für Sie macht. Sie können also eh nicht in allen Belangen so moralisch sein (wie Sie es vorgeben), weil Moral ja ein sehr explizites Unterfangen ist.
Herr Kunze
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