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Und wenn sie uns holten in der Nacht, und überhaupt, hatten wir mit dem Leben abgeschlossen. Man wird ganz ruhig. Das Leben ablegen wie Kleidung. Und als es dann soweit war, kommt ausgerechnet Abu Nasr aus Hamburg, will seinen Bruder besuchen, findet diesen mit schußbereiter Waffe, erkennt uns, ja seid ihr denn verrückt geworden, meine Freunde sind das, und wir finden uns Hals über Kopf bei Bab es Schams über die Grenze abgeschoben. Sind je Zivilisten unentdeckt nach Israel eingesickert? Wir mischen uns, dreckig und halbverhungert wie wir sind, bei Banias am Rande der Jordanquelle unter eine Touristengruppe, nur unsere Rucksäcke geben uns einen Hauch von Glaubwürdigkeit. So lauschen wir dem Cicerone, nicht wagend, uns vor dem Ende der Führung zu entfernen:
Die Burg Banias, Ladies and Gentlemen, adlergleich an den Basaltfelsen hängend, galt im Mittelalter als übles Räubernest. Eine Art Vorläufer der Feddayin hausten da, sie sehen, nichts ist neu unter der Sonne...Die kleine weiße Kapelle, oder vielmehr Moschee im maurischen Stil, dort links über der Felswand unter den riesigen Feigenbäumen, gilt als das „Grab“ von El Chidr, einem mystischen Sheik, der angeblich ruhelos über die Erde wallt. Ein deutscher Dichter hat Verse über ihn geschrieben: Chidher, der ewig junge, spricht...und nach fünfhundert Jahren kam ich desselbigen Weges gefahren...Das erinnert an den Vogel Phönix, den man früher als Sinnbild der Unsterblichkeit betrachtete: und nach fünfhundert Jahren fliegt er in die Wälder des Libanon und füllt seine Flügel mit Gewürzen! Ein vielbesuchter Wallfahrtsort der Muslimin. Wir Israeli, wie Sie wissen, halten nichts von einem solchen Bilderbewußtsein.
Hier hinunter der Blick auf die Hulé-Ebene mit dem großen Kibbuz Shefayim, er erzeugt vor allem Melonen. Fliegen Sie bald nach Hause? Wenn Sie die Sechs-Uhr-Maschine nehmen, fliegen unter Ihnen Paletten mit Tonnen von Melonen mit, Welche bis 9.30 Uhr am Großmarkt Frankfurt ankommen! Ja, so schnell geht das heute. Shefayim und die ganze Gegend lagen bis zum Sechs-Tage-Krieg in Reichweite der syrischen Geschütze. Sehen Sie die Eukalyptusbäume auf den Anhöhen? Alles ehemalige Geschützstellungen, die Syrer wollten Schatten haben. Kommen Sie nun hier herüber...
Die Litanei des Führers mischt sich mit dem Gesang der Nachtigallen und dem Klappern der Störche und Ibisse. Am Quellenteich stehen zwei Kinder. Wir sprechen sie an. Manui und Susanna Risana heißen sie, neugierig lächeln sie uns aus ihren grauen Augen an. Oder sind es die Geister der Dämmerung, die uns versprechen, etwas für die Gefangenen Elio und Emanuel zu tun?--
Wie wir so unter Cevas Lauben beim Lemonsoda sitzen, ist das alles schon unwirklich geworden. Die Nachtigall, die wir hören, sitzt gefangen im Holzkäfig vor dem Fenster des Nachbarhauses, die Feigen auf dem Tisch sind - bewahre - nicht aus dem Orient, sondern auf dem Weinberg unseres Bekannten in Castellino gewachsen, die Rucksäcke tragen die Staubspuren des Monte Antoroto und nicht des Hermon. Wir schauen uns in die Augen. Chimären! Beruhigt sehe ich das Skepsis anzeigende Grübchen links am Kinn meiner Freundin erscheinen.
Nun sind wir nach gerade drei guten Wochen wieder zu Hause angelangt. Aber was meinst Du? was ich heute in der Frankfurter Rundschau als kleine Meldung in der Seitenspalte finde? Hier, lies selbst:
Geiseln gegen Lösegeld frei?
Beirut, 15.August 1990 (AP). Für die Freilassung der beiden Schweizer Geiseln Emanuel Christen und Elio Erriquez aus libanesischer Geiselhaft ist nach einem Bericht der Beiruter Tageszeitung „Al Anwar“ ein Lösegeld von 5,5 Millionen Dollar bezahlt worden. Wer das Lösegeld für die Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) bezahlt haben soll, ging aus dem Bericht nicht hervor. Die Zeitung zitierte nicht näher bezeichnete Kreise in der südlibanesischen Hafenstadt Sidon, wo die beiden Schweizer vor mehr als 10 Monaten entführt worden waren. Der Schweizer Außenminister René Felber und das IKRK haben wiederholt bestritten, irgendwelche Forderungen der Entführer erhalten oder gar erfüllt zu haben.-
Ich merke nun, diese Geschichte hat es in sich. Sie ist eine von denen, die sich unter der Hand auswachsen, immer noch eine Wendung annehmen, ihre Gestalt unmerklich verändern. Deshalb: Die Feder weggelegt! Wer weiß, wie sie aussieht, wenn Du sie liest! Nur behaupte nicht, ich hätte Dir nicht ausführlich genug von der Reise berichtet. Aber sage mir: gibt es denn Erscheinungen?
Freundlich grüßt Dich E.Pifanie
Epilog
Von Muhammad Salah-ed-Din-al Razi an E.Pifanie
Deir Mukalles, wie Ihr sagt „22.8.90“
Muhammad al Razi-Beg grüßt E.Pifanie. Möge Allah’s Sonne über Dir scheinen und der gute Sommerregen all deine Gärten bewässern!
Höre: Mein Bruder Abu Nasr fährt in die Länder der Ungläubigen, und so nutze ich den Tag, Dir, oh Freund der Geduld und Vermehrer von Wissen und Erkenntnis, eine Botschaft zu senden. Die Zeiten sind wirr und gefährlich, wir werden Krieg und Schlachten sehen, aber, wenn Allah will, vielleicht über ein- zwei Jahre auch einen Neuanfang gerade bei uns im Lande. Noch ragen die Zedern zum Himmel! Möge es so bleiben. Dann wirst Du, oh Freund der Muslimin, wieder eine Reise in unsere Berge wagen können. Jetzt sind die Tage nicht dafür.
Willst Du mir antworten, oh Bruder meines Bruders, so sende über „Lebanon Lebensmittel en Gros & en Detail“ Stralsunderstr./Ecke Danziger Platz in Eurer Stadt. So werde ich mich an Deinen weisen Worten erquicken können wie die Taube an der Quelle ihren Durst stillt und das Böcklein sich tröstet am Salzstock! Insh’allah, Muhammad.
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... die Prinzessin aus Tausendundeine Nacht,
sie hieß doch nicht Scherze-rade? Vielen Dank für die Erinnerungen an das sagenumwobene Morgenland unserer unschuldigen Jugendträume.... |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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