hibou

...ist Knochenarbeit

15.03.2010 | 06:55

Hotel Naipaula: Wer Lady Hester nu ist

 

Aber wer war Lady Hester denn nu eigentlich? fragte ein Kunde Naipaula. Geh zu Oben und frag ihn! antwortete die und bekreuzigte sich.

 

#

 

Vor vielen Jahren - so Oben Kundura - erhiehlt ich einen Brief meines Freundes aus der Zukunft Ernesto. Willst Du ihn hören? dann komm mit. Oben erzählt den Brief seines Freundes Ernesto, in dem näher von Lady Hester die Rede ist:

 

...UND SIE FANDEN DEN PLATZ VERLASSEN...

 

Ein Brief aus dem Orient                                                                           von E.Pifanie

 

Wer ist’s, die heraufsteigt

wie Morgenrot, so schön wie der Mond,

wie die Sonne so rein,

so voll Majestät wie ein Kriegsheer?

                       Hohes Lied 6,10

 

 

      Ceva, den 15.August 1990

 

Lieber Oben!

Uff, da bin ich wieder. Die Reise ist ein wahres Himmelfahrtskommando gewesen. Hätte ich nicht meinen Freund Abu Nasr gehabt, Dozent an der hiesigen Uni und durch und durch Mineraloge,....aber alles der Reihe nach.

Hast Du meine Postkarte aus dem Piemont bekommen? Wir haben uns auf der Rückfahrt noch einige Zeit da ausgeruht, mit ein paar Streifzügen in die friedlichen und sicheren ligurischen Alpen. Und im kleinstädtischen Ceva (keltisch = die Kuh) oder in Garessio im Café unter den von kühler Luft wie mit Balsam durchwehten Arkaden beim Ristretto zu sitzen, den wackeren einheimischen Weinbauern (Dolcetto, Barbera, Nebbiolo), den drahtigen Gemüsebäuerinnen, den mit Stretch-Leggins und Top bekleideten Lauras, Beatrices Giuliettas und Vittorias des 20.Jahrhunderts und den stets freundlich behandelten, in Puppenkleidern präsentierten Kindern bei ihren alltäglichen Verrichtungen zuzusehen, ist reine Erholung. Gibt es höflichere und offenere Leute als in Italien? Die Leute im Libanon hingegen...naja, mit ihren Erfahrungen!

Mir fiel im Anblick der Piemontesen Konrad von Montferrat ein, genau aus dieser Gegend stammend, zum Heiligen Grab gezogen, mir nichts dir nichts mit der Königskrone von Jerusalem gekrönt und wenig später mitten im befestigten christlichen Lager von zwei Assassinen ermordet...

 

Wie komme ich überhaupt zu dem Tick, in diesen unruhigen Zeiten? Daß ich einer Frau eines schönen Julimorgens das Hohe Lied singe: Komm mit mir zum Libanon, meine Braut, schau herunter vom Gipfel Amana, von der Höhe Senir und Hermon, vom Lager des Löwen, vom Gebirge der Panther!

Es fing an mit Jakob Wassermanns „Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“. Kennst Du es? Eine ganz entscheidende Rolle darin spielt ein gewisser Philipp Graf Stanhope. Auf der Suche nach näheren Angaben stieß ich auf seine Halbschwester, eine Lady Hester. Folgende Notiz findet sich unter meinen Loseblättern:

Lady Hester und Pitt organisierten Philipp Henrys Flucht aus väterlichem Gewahrsam nach Deutschland (1800). Während einer Bildungsreise danach (?) kommt es zum Bruch mit der Halbschwester. Sie zog später, nach Pitts Tod, in den Nahen Osten.

Ich konsultiere ein altes Lexikon:

Stanhope, alte englische Adelsfamilie, seit 1718 im Besitz des Titels eines Earl of S., zu ihr gehören auch die Earls of à Chesterfield. Der dritte Earl of Stanhope, Charles (*London, 3.8.1753, +Chevening, Kent, 15.12.1816), Schwager des jüngeren Pitt, neigte den radikalen Gedanken der Französischen Revolution zu, er erfand 1787 eine neue, ganz aus Eisen hergestellte Druckerpresse. Seine Tochter, Lady Hester Lucy (*Chevening 12.3.1776, +Dschun im Libanon 23.6.1839), ließ sich 1814 in Syrien nieder, wo sie wegen ihrer unbegrenzten Wohltätigkeit Ansehen und Einfluß gewann, sie starb verlassen und arm.

Und einen neueren Jahrgang:

Stanhope, Charles Graf von, geboren...., im Parlament eifriger Whig, ihm gelangen zahlreiche Erfindungen auf naturwissenschaftlichem und technischem Gebiet.- Seine Tochter, Lady Ester Lucy, geboren...., lebte seit 1810 in der Türkei, zuletzt im Schlosse Dschihun im Libanon, und übte durch ihr mystisches Wesen großen Einfluß auf die syrische Bevölkerung aus. Vergleiche Meryon (1845, deutsch 1846).

Mir schien, ich war da auf eine interessante Person gestoßen. Du mußt wissen, ich bin Forscher mit Leib und Seele, einige meiner Vorfahren und Vorbilder waren Detektive gewesen, mütterlicherseits sogar Indianer (à „Helles Leuchtfeuer“), also auch Fährtensucher. Ich überließ Lord Stanhope einstweilen seinen obskuren Tätigkeiten in Oberfranken und nahm diese Spur auf.

Aber sie war nach dieser langen Zeit schon reichlich kalt; ich entdeckte nur, daß Dschun oder Dschihun wahrscheinlich identisch ist mit einem Flecken Joun, bei Sidon landeinwärts im Gebirge liegend, ferner einen kurzen Auftritt unserer Heroine in André Maurois’ Byron-Biographie:

Natürlich mußte der Golf von Piräus durchschwommen werden...Als Byron von der Mole sprang, rief ihn von einem gerade anlegenden Schiff eine englische Stimme an. Sie gehörte Lord Sligo, einem Kameraden aus Harrow. Er war mit einer eigenen Brigg gekommen, in Begleitung von Lady Hester Stanhope. Byron freute sich, sie zu treffen und unternahm auch mehrere Ausflüge mit ihnen, doch war er weit davon entfernt, sich in Gesellschaft dieser Engländer so ungebunden zu geben, wie unter seinen Italienern. Die Lady war eine ernste Dame: „Sein Blick hat viel Lasterhaftes, die Augen stehen nahe beieinander, seine gerunzelte Stirn...Sonderbarer Charakter: großzügig mit einem Hintergedanken, geizig mit einem Hintergedanken; einmal war es draußen düster und niemand durfte ihn ansprechen, am nächsten Tag wieder verlangte er, daß die ganze Welt mit ihm scherze.“

Dann jahrelang nichts Neues mehr. Vielleicht bringt eine Nachforschung an Ort und Stelle weiter? Endlich, diesen Sommer, erhalten wir Visa, frag mich nicht warum. Wir entscheiden uns rasch. Über den Flug nach Zypern und die Schiffsreise bis Sidon gibt’s nichts weiter zu berichten.

Wir haben das unverschämte Glück, gleich an einem der ersten Abende in der Bar des Hôtel Biron (!) Colin T. kennenzulernen. Er war uns sofort ins Auge gefallen (Wenn Du irgendwo fremd bist, gehe nur in die bekannteste Bar des Ortes und sprich - mit gebotener Schüchternheit - die auffälligste Erscheinung an, einen Moment danach hast Du Nachtlager, Informationen und jede praktische Hilfe, es klappt fast immer), wie er an einem winzigen Marmortischchen saß, vor sich ein Glas und eine dreiviertelvolle Flasche Jim Beam, ein Schälchen mit Mezes und einen Teller mit Falafel. Hager, wind- und sonnenzerfurcht, mit mächtigem grauen Schnurrbart, ließ er schon aus Viertelmeilen-Entfernung den ehemaligen britischen Kolonialoffizier erkennen; sein Schlips zeigte dann auch die Farben der Queens Own 75th Hussards.

Er war unser Mann, von profunden Nahostkenntnissen, mit jedermann bekannt, seit vielen Jahren im Libanon tätig, und noch immer, obwohl Ausländer, von allen Gruppierungen akzeptiert. Dazu von wahrhaft braunbäriger Gutmütigkeit, behäbig, brummig, zwar wortkarg aber erstaunlich reich und fließend in seinen Informationen. Er strahlte auf irgend eine Weise Frieden und Gelassenheit aus. Hier referiere ich so wortgetreu wie möglich, was wir von ihm erfuhren:

Lady Hester kam in den Osten nach dem Tode ihres Onkels William Pitt und dem von Sir John Moore, der ihren Namen hauchte, als er vor La Coruña im Sterben lag. Sie hatte in der Downing Street als Pitts Gesellschaftsdame gewirkt, und nach seinem Tode war für sie das Leben in England langweilig geworden. Bei ihrem glänzenden, gewagten Auftreten in Damaskus und ihrem Ritt durch die Wüste nach Palmyra erlangt sie einen mystischen Ruf unter den Arabern. Zuerst ließ sie sich im Kloster von Mars Elias, hier vor der Stadt, nieder, wo sie ihr Geld und ihren Einfluß gebrauchte, um die Regierung der Ottomanen und die Interessen der Franzosen zu unterstützen. Nach der Ermordung eines französischen Obersten in den Nosairibergen nahm sie Soldaten vom Pascha von Akka und führte einen Vergeltungsschlag, bei dem über fünfzig Dörfer geplündert und hundert Mann getötet wurden. Während der Unruhen war ihr Haus in Mars Elias mit Flüchtlingen überfüllt und da ihr das Kloster zu klein wurde, zog sie nach Joun (!).

Dort verbrachte sie die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens in einem Kloster, das sie einem Kaufmann aus Damaskus abgekauft hatte. Allmählich nahmen Magie und Astrologie sie völlig in Anspruch, aber ihre Spione kamen und gingen noch durch geheime Türen und in immer neuen Verkleidungen, und Bedawischeichs ersuchten an ihren Toren um Audienz. Während der Molslemunruhen nach der Schlacht von Navarino lagerte die gesamte christliche Bevölkerung von Sidon unter ihren Mauern, und als Mehmed Ali in Syrien die Macht ergriff, schuf sie für sich eine Leibwache aus flüchtigen albanischen Soldaten und verursachte ihm mehr Schwierigkeiten als jede andere Macht in den Bergen.

Aber ihre Anmaßung wurde exzentrisch. Sie prügelte ihre Diener mit einem Stock, und in den Räumen von Joun spielte sich phantastischer Unfug ab. Durch die schummrigen Korridore schlichen schwarze Sklaven auf Zehenspitzen, und in den Hallen bewegten sich Kräuterkundige und Astrologen und ein mondsüchtiger Wahrsager, ein Exoffizier Napoleons. In ihren Ställen gab es eine weiße Stute mit ihrem verunstalteten Fohlen, „das mit dem Sattel geborene Pferd“, auf dem sie und der Messias bei seiner Wiederkunft durch die Porta Aurea in Jerusalem einreiten würden...

Eine kleine Magd war ihr aus England gefolgt. Welk wie ein abgefallenes Blatt war sie wie eine halbe Gefangene in Joun, wo sie an Vergiftung starb und in Deir Moukalles unter Sykomoren begraben wurde. Lady Hester wurde krank und einsiedlerisch. Sie rasierte sich den Kopf kahl und kleidete sich wie ein ottomanischer Effendi in Kaschmirschals und Seide. Weil ihre Schönheit im Schwinden war, empfing sie ihre Gäste erst in der Dämmerung und sprach mit ihnen die ganze N

acht hindurch.

Berühmte Leute waren unter ihren Besuchern: ein Duc de Richelieu, ein polnischer Adeliger, ein „deutscher Prinzling“ (wie Colin sich ausdrückte)(ich weiß inzwischen, daß es sich dabei um Fürst Pückler handelte), ein Graf Laborde, Alphonse de Lammartine und schließlich Kingslake, der von ihr als „einer guten, geschäftstüchtigen, praktischen Prophetin“ sprach.

Doch jetzt war sie schwindsüchtig, ihre Gestalt hager und eingefallen, ihre Zähne verfault. Sie konnte kaum noch aus dem Haus gehen, obwohl sie manchmal nachts in ihren Garten tappte. Sie hustete Blut. Die meisten ihrer Bediensteten verließen sie und nahmen alle Wertgegenstände mit, und das Kloster verfiel, denn sie steckte tief in Schulden, und sie verbarrikadierte alle Zugänge bis auf einen.

Im Sommer des Jahres 1839 fuhr der britische Konsul in Beirut auf die Kunde von ihrer Krankheit hin mit einem amerikanischen Missionar nach Joun.

Sie kamen nachts an und fanden den Platz verlassen; sie gingen durch die Korridore, bis sie sahen, das Lady Hester tot war. Alles um sie herum war gestohlen, bis auf den Schmuck an ihrem Leichnam. Gegen Mitternacht trugen sie sie in den Garten und begruben sie, entsprechend ihren Wünschen, in der Gruft neben einem Hauptmann aus Napoleons Kaiserlicher Garde, den sie geliebt hatte...

 

Vieles an diesem Bericht, den wir atemlos mitanhörten, schien uns Ausfluß eigenster englischer Phantasie. Auch in unserer Zeit entstehen Mythen, mit all ihren typischen Merkmalen - Identifikationsangeboten, Zauberei, messianischer Erwartung, Stil („gegen Mitternacht...“) - und doch...selbst in meiner Wiedergabe mutet er noch wahrhaft poetisch an, findest du nicht? Zudem ist die kollektive Erinnerung meist erstaunlich präzise, ihre Bilder oft ganz konkret zu verstehen.

Wir brannten darauf, den Ort zu besuchen. Colin versprach, das Menschenmögliche zu tun, es würde aber einige Tage dauern, wir sollten uns inzwischen möglichst nicht auf der Straße blicken lassen.

Ohne eine Ahnung von der herannahenden neuen Nahostkrise verbrachten wir heiße, staubige Tage, meist reglos auf den Matratzen liegend, der Kakophonie der Grillen, elektrischen Muezzins, LKW-Motoren und Marktschreier lauschend, von einem Mütterchen zwar gut versorgt, aber in ärmlichen sanitären Verhältnissen: auf den Hof gehen, mit einer Schaufel irgendwohin Kalkschutt eine Art Loch graben, heineinscheißen und wieder zuschütten, eine Tonne, halbgefüllt mit undurchsichtigem Wasser zum Waschen, allerlei Insekten, mit denen wir uns lieben nicht näher beschäftigten, sondern gelassen die verschiedenen Stiche und Schwellungen zur Kenntnis nahmen, Nächte wie im Fieber.

Endlich: ganz früh eines Morgens ging es los, Colin holte uns mit einem klapprigen alten Sammeltaxi, der Fahrer schien uns vergleichsweise freundlich und geheuer.

Wir fuhren nördlich aus Sidon heraus und nach Überqueren eines fast ausgetrockneten Flusses scharf rechts steil ins Gebirge hinein. Wir begegneten nur Ziegenhirten und gelegentlich einem Bus.

Die Berge zeigen die gleiche horizontale Schichtung von schwerem, uraltem Kalkgestein, die ich aus Judäa schon kannte. Du fühlst Dich selber plötzlich alt, und doppelt so schwer wie sonst. Über dem tief eingegrabenen Fluß erhebt sich rechter Hand eine Burg, sie scheint nicht von Menschenhand geschaffen, Qalat Abu l’Hassan, von ungeklärter Herkunft, ohne Legende. Von Schlaglöchern schmerzlich durchgeschüttelt hören wir unserem gleichmütigen Reiseführer weiter zu:

 

Die Berge hier sind Drusenland. Achtet darauf, wie bei den Leuten die schmalen Wüstengesichter, die von stark ausgeprägten Nasen aus zurückweichen, hier allmählich verschwinden! Die Gesichter der Drusen sind breit und kurz, oft von blasser Haut, hübsch und mit eigenwilligem Kinn. Die Drusen sind stämmig wie die christlichen Gebirgsbewohner, haben aber einen gelblichen Schimmer im Haar, der bei den Maroniten fehlt. Die Kinder blicken aus auffallend grauen Augen, und etliche Frauen sind schön und reif wie Früchte.

Nach einer scharfen Linkskurve um eine Felsnase herum werden wir - Nervenprobe - von zweien dieser Krieger Walid Dschumblatts angehalten; Colins Worte sprudeln plötzlich in unbekanntem Idiom aus ihm, und er gestikuliert, als ob er mitten in den Souks von Aleppo Ware feilböte. Nach endlosen Sekunden werden wir weitergewunken. Der Engländer scheint wieder seelenruhig, lächelt in sich hinein...

Die Drusen kamen aus dem Süden Arabiens, wanderten zu unbekannten Zeiten nach Norden und nahmen persische Blässe an. Benjamin von Tudela fand sie 1170 an den Abhängen des Hermongebirges, als er Kreuzzugsgeschichte schrieb: „Sie werden Heiden und Ungläubige genannt, weil sie sich zu keiner Religion bekennen. Ihre Wohnstätten befinden sich auf den Höhen der Berge und auf Felsrücken; sie sind keinem König oder Fürsten untertan. Dieses Volk lebt in Blutschande, der Vater wohnt der eigenen Tochter bei, und einmal im Jahr versammeln sich alle Männer und Frauen zu einem Fest, wobei sie nach Speise und Trank sich unterschiedslos paaren...“

Weiß man bis heute nichts Näheres über ihre Religion? fragt meine Freundin.

„Es ist geheimnisvoll, nicht wahr? Sie hat zu tun mit der mittelalterlichen persischen Sekte der Bateniten, die an der hohen moralischen Lehre Zoroasters teilhatten. Das Drusentum wurde der Tempel vieler versteinerter und unerforschter Kulte: Der Kampf zwischen Licht und Dunkel und die Seelenwanderung, Gnostizismus, Islam, Neo-Platonismus und ein christliches Motiv, wonach ein Druse den Leichnam Jesu zu Grabe legte, tauchen darin auf...“

 

Um die Mittagszeit gelangten wir nach Joun und fanden den Platz verlassen: ein, zwei, drei blendendweiße, fensterlose kubische Häuser, einen gewaltigen Rundblick von den Höhen des Schuf bis zum Hermon und Antilibanon. Das Meer ein milchigweißer Dunst, wie damals, als die Kiste mit dem toten Osiris bei Byblos strandete. Etwas unterhalb des Weges weitläufiges Mauerwerk, zum Teil in Schutt und Trümmern, aber noch immer Gestalt und Proportionen zeigend.

Colin, der alsbald aus dem Wagen sprang, wies darauf hin mit einer Geste, halb fahrig, halb majestätisch, als wolle er uns ersten Menschenkindern den einstmaligen Garten Eden zeigen. Zögernd gingen wir darauf zu. Die heiße Luft flimmerte zwischen den Johannisbrot- und Mastixsträuchern. Wir gelangten durch ein Tor, über eine Halde loser Steine in einen Hof. Hier: Spuren eines einst schönen, schattigen Gartens. Irgendwo zwischen dem Gestrüpp mußte die Grabstelle zu finden sein. Wir tappten herum, hustend von aufwirbelndem Staub. Ringsum Sodomsäpfel und die Mauern ganz übersät von goldgelbem Bilsenkraut und Kapernsträuchern. Eine Steinplatte ohne jede Inschrift. Wir stehen. Das weitere Klostergebäude schenken wir uns. Plötzlich weht uns etwas Unheimliches an.

In dem Haus gegenüber bekommen wir sofort und ungefragt de Kaffee mit Minzenblatt und Kardamom. Es ist wie meistens: am Orte selbst ist wenig von dem zu finden, was man sucht. Trägt man nicht viel eher etwas zu ihm hin, weil man von seiner Vergangenheit weiß? Wir bitten Colin, nach Hester zu fragen. Erinnert sich noch jemand an sie? Der Wirt zeigt stumm auf ein verkratztes Weißblechschild außen über der Tür. Sieh da! Wir entziffern aus dem Rost: „Café Lady Hester Stanhob“. Später hören wir, daß der Ort noch heute „Deir es Sitt“ - „Brunnen der Herrin“ genannt wird.

Unser Taxifahrer winkt mit Anzeichen der Unruhe. Alles Tagewerk muß hier bis zum Ende der Siesta erledigt sein, ab dann werden die Straßen und selbst die Häuser und Höfe unsicher, meint Colin, das hat sich seit den Tagen des Alten vom Berge nicht wesentlich geändert. Dieses Land ist gesegnet seit Hierams Zeiten - und er stopft sich eine Pfeife, schmaucht, und füllt im Einsteigen den Wagen mit einer azurblauen Wolke - und verflucht ist es gleichzeitig. Wir fragen nach der Hisb’ollah.

Die Assassinen, ursprünglich Haschaschin, das heißt dem Haschisch fröhnende, nannte sich ein Zweig der schiitischen politisch-religiösen Sekte der Ismailiten in Persien und Syrien, deren Stifter Hassan ibn Sabbah seit 1090 von seinen Anhängern in der Burg Alamut bei Qaswin umgeben war. Rasch anwachsend wußten die Assassinen eine Anzahl fester Plätze in ihre Gewalt zu bringen und durch Gewalttaten und Meuchelmorde - daher im Französischen umbringen = assassiner - sich ihren Nachbarn furchtbar zu machen. Das Oberhaupt des Ordens war der Scheich al Dschebel, der „Alte vom Berge“, der seit Mitte des 12.Jahrhunderts in der festen Burg Al’Ullaiqa im Libanongebirge residierte. Ihre Macht dauerte bis Ende des 13.Jahrhunderts, Dschingis Khan versetzte ihnen die entscheidenden Schläge, doch bestehen bis jetzt Reste des Ordens im Orient als Geheimsekte. Ihr Zeichen? Das war ein frischgebackenes, noch warmes Brötchen und ein Messer, welches sie den Opfern in der Nacht vorher unbemerkt ans wohlbehütete Lager legten!

Wir nehmen Abschied von Joun, das im Schatten der Sykomoren dämmert.

Fast wäre alles gutgegangen. An derselben Biegung aber wie auf der Hinfahrt wartet ein anderer, größerer Trupp Bewaffneter. Der Wagen wird angehalten, wir finden uns aus den Sitzen gezerrt und mit Schlägen in einen Jeep verfrachtet. Ehe sie uns die Augen verbinden, sehen wir den hilflosen Colin, den sie zwingen, mit dem Taxi weiterzufahren. Can’t blame him, can you? Wie kann er uns jetzt noch helfen? Das wird eine Fahrt! Wir wagen vor Angst kaum zu atmen. Nach Stunden endlich bremst das Gefährt, hält an, wieder werden wir gestoßen, gezerrt, angeschrien, stürzen in einen Raum, die Tür fällt zu.

Im Staube liegen...Und so hat die Gegenwart die Sagen der Vergangenheit eingeholt. Was soll ich weiter sagen? Es stellt sich unser Gefängnis als eine völlig nackte Kammer mit einem einzigen winzigen Fensterchen unter der Decke heraus. Zwei fast blicklose Männer, kahlgeschoren, abgemagert, die haut graubleich, sind schon (lange?) vor uns dagewesen, Elio und Emanuel. Landsleute, im letzten Oktober verschleppt, führen sie uns unseren eigenen Anblick in zehn Monaten vor Augen.

Die Tage vergehen. Wir kauern am Boden, nachts ist es empfindlich kühl. Nur einmal am Tag ein wenig Tee und etwas Fladenbrot. Aber wie man ins Gespräch kommt!! Es sollten schließlich nur Wochen gewesen sein, uns ist es, als ob wir die beiden seit Jahren kennten. Die Erinnerung, sagen sie, wird in der Isolation unglaublich geweckt, alles, was man erlebt, gelernt, gelesen hat, taucht nach und nach in aller Schärfe wieder auf. Elio rezitiert Kinderverse.

 

Ich ging einmal nach Buschlabee,

da kam ich an ‘nen großen See,

da kam ich an ein Brunnenhaus:

drei Frauen schauen zum Fenster raus.

Die erste sprach: komm, iß mit mir!

Die zweite sprach: komm, trink mit mir!

Die dritte nahm den Brunnenstein

und warf ihn mir ans linke Bein,

da schrie ich laut: oh weh! Oh weh!

Ich fahr nicht mehr nach Buschlabee!

 

Manuel sagt seitenweise sein Lieblingsbuch her, wie ich mich jetzt überzeugen konnte, wortwörtlich:

 

Die Sonne scheint für dich sagte er an jenem Tage als wir zwischen den Alpenrosen oben auf dem Howth lagen er trug den grauen Tweedanzug und dazu einen Strohhut an diesem Tage brachte ich ihn soweit mir einen Antrag zu machen und es war damals ein Schaltjahr wie jetzt ja vor sechzehn Jahren war es lieber Gott nach dem langen Kuß ging mir fast der Atem aus ja er sagte ich wäre eine Blume der Berge ja wir alle sind Blumen der Leib eines Weibes ja da sagte er einmal in seinem Leben die Wahrheit und für dich scheint heute die Sonne ja und ich mochte ihn weil ich sah daß er verstand und fühlte was ein Weib ist und so gab ich ihm alle Freude die ich konnte und brachte ihn so weit daß er mich bat ja zu sagen und zuerst wollte ich nicht antworten sah hinaus auf das Meer und in den Himmel ich dacht an so vieles von dem er nichts wußte an Mulvey und Stanhope an Hester und Vater und den alten Captain Groves und an die Seeleute die all birds fly und I say stoop und washing up dishes spielten an die Verkäufer am Morgen an die Griechen und die Juden und die Araber und der teufel mag wissen an wen sonst und die großen Räder der Ochsenkarren und das alte Tausende von Jahren alte Schloß ja und auch an die schönen ganz in weiß gekleideten Mauren mit Turbanen wie Könige und sie baten einen ein wenig in ihrem bißchen Laden Platz zu nehmen und den Wächter der heiter mit seiner Lampe einherging und O den schrecklichen tiefliegenden reißenden Strom O und an das Meer das Meer das oft feuerrot ist und die herrlichen Sonnenuntergänge und die Feigenbäume in den Gärten als ich noch Mädchen war wo ich eine Blume der Berge war ja als ich die Rose mir ins Haar steckte oder soll ich eine rote tragen ja und wie er mich unter der maurischen Mauer küßte und da dachte ich er so gut wie ein anderer und dann bat ich ihn mit den Augen mich noch einmal zu fragen ja und dann bat er mich ob ich wollte ja ja zu sagen meine Gebirgsblume und dann umschlangen ihn meine Arme ja ich zog ihn herab zu mir daß er meine duftenden Brüste fühlte ja und ganz wild schlug ihm das Herz und ich sagte ja ich will Ja.

 

 

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 16.03.2010 um 00:34
....oh ja, Molly spielt auch mit!!!
Einen wahren Gaukelreigen bunter Bilder spannst Du auf, Hibou..... bist wahrlich ein Nachkomme findiger Detektive, das mag man gerne glauben!
hibou schrieb am 22.03.2010 um 13:40
"Helles Leuchtfeuer"? hihi
hibou schrieb am 22.03.2010 um 13:41
p.s.: aber die Hester is wirklich ne coole Schwester
Logbuch
02:11
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:07
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:05
archinaut hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:46
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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