11
]
Verfluchen, verwünschen, wenige tun es nicht, aber wenige tun es bewußt. Wer schon ist sich zum Beispiel des Zusammenhangs zwischen dem heute (vor allem durch Fußballer verbreiteten) Ausspuckens und dem bei Jugendlichen alltäglichen „motherfucker!“, „ich fick deine Mutter!“ oder „Ja imel twaju mat“ klar? Denn gespuckt wird schließlich auf die Erde, Zitat Anatolij Koroljow: „...die bei uns als Mutter Erde ja mythische Bedeutung hat, ein bewußtes Verletzen dieses heiligen Spiegels des Seins“. Fluchen ist immer auch Tabubruch, öffentliche Verhöhnung von sakralen, sittlichen oder staatlichen Verboten, hier des archaischen, das Geschlechtsleben der Mutter, vor allem der eigenen, anzutasten. Flüche kreisen immer nur um eine Handvoll von Tabuwörtern. Zuerst Skandal, werden sie Gewohnheit und vernichten das Tabu. Zugleich sind dann Flüche nicht mehr beleidigend. Durch Fluchen treten Gesprächspartner in eine bestimmte Vertraulichkeit, unzensierte Sprache unterstreicht die Nähe und sogar Intimität eines Verhältnisses. Vom ehemaligen russischen Premier Wiktor Tschernomyrdin wird überliefert, dass seine private Rede frei und leicht floss und die prächtigsten Flüche in der Höhe dreistöckiger Häuser von seinen Lippen tropften, während er vor öffentlichen Mikrofonen eben aus Gründen dieses öffentlichen Charakters kaum ein Wort herausbrachte. Wie die meisten liebte er trotz aller pädagogischen Zeigefinger der öffentlichen Meinung die „nicht normative Lexik“. Liebespaare hinwiederum unterstreichen zuweilen den Augenblick höchster Intimität, indem sie ihn sich mit gegenseitiger Nennung einschlägiger Wörter besiegeln. Bei Jugendlichen ist heute ein krasser Ausdruck geradezu ein Friedensangebot oder eine erste Kontaktaufnahme, auch die Mädchen sind dabei und erröten nicht mehr. Hey Arschfalte! rufen sie. Theaterstücke heißen heute „shoppen und ficken“ und Romane „Kak ja, kak menja“ (sinngemäß: wie ich vögelte und gevögelt wurde). Der Fluch, der sich in seiner Provokation sehr schnell abnutzt, wird zur Formel, zur Garantie des gerade Gesagten, zur Travestie des „Amen“. Wir sind im Bereich der Volkssprache, bei Menschen, die in allen Zeiten und Ländern ihrerseits den elaborierten Code der Oberschicht und der Herrschenden nie verstanden und diesen ihrerseits wie Leerformeln nachsprechen. Im Schimpfwort ist die Sprache aber sehr viel lebendiger als im Aktenordner oder dem Kommuniqué. Man verfolge nur, wie viele Worte der Argot, der Slang, das Rotwelsch, die Materschtschnina, das Pidgin, die Volkssprache, für Prostituierte, für Geld, für Glied oder Vagina gebrauchen und fast ständig neu erfinden. Häftlinge entwickeln ein eigenes drastisches Vokabular, das wie eine Geheimsprache wirkt und von den Aufsehern nicht verstanden werden kann. Der Fluch wird zum Mittel des Überlebens. Umgekehrt versteht keiner von uns wirklich, was etwa Derivat oder Prawij uklon (Rechtsabweichler) heißen mag. Ungehemmt und frech nehmen aber viele Flüche schnell den Status von Modewörtern an und reisen um die ganze Welt und in die akademischen Spezialwörterbücher. Zynisch, nihilistisch und hedonistisch lachen sie über alle Versuche des offiziellen Sprachsystems, sie zu reinigen, abzuschleifen und einzuebnen. Schließlich ist Fluchen magisch: es versteht sich als Anrufung, mit deren Hilfe das dunkle Unterbewußte versucht, eine zumindest emotionale Kontrolle über Dinge zu bekommen, die seinem Zugriff sonst entgehen oder entgleiten.
|
|
So mysthisch sehe ich das nicht. Aber ich fluche auch nicht sondern schimpfe. Schimpfen ist auch eine Kunst. Und ein Kommunikatinsmittel. Schimpfen tut gut und fördert die Laune. So paradox sich das auch anhören mag. Wenn es für mich keinen personellen "Grund" zum schimpfen gibt, dann schimpfe ich mit dem Gemüse im Supermarkt. Weil es so häßlich ist. Schimpfen ist wie singen. Dazu gehören untschiedliche Stimmlagen & Lautstärken.
Man braucht eine Menge Vokabeln. Für jede Situation & jeder einzelnen Person genau die richtige. Oder man macht es wie ich & bedient sich dem Kauderwelsch. Worte sind mir nicht so wichtig. Viel wichtiger ist die Tonlage & die Lautstärke. Wenn ich wirklich sauer bin, dann sage ich nette Dinge. Aber in einer Lautstärke! Was ein Elend. Du! Du Elender!!! Komm Du mir nach Hause... :) |
|
|
schrieb am
01.02.2010 um 08:11
Kauderwelsch:
Aus irgendeinem Grunde rede ich mit meinem Hund eine Art Geheimsprache. Ein Mix aus allen Vokabeln, welche mir in meinem Leben begegnet sind. Was mir öfter schon passiert ist: "Oh, in welcher Sprache sprechen Sie mit Ihrem Hund?" Fragen Passanten schon mal. So tun als ob man die nicht versteht, ist die meine -wie ich finde- passende Reakton auf solche Fragen. Wen ärgert das: Den Hundetrainer:"Sergio braucht klare Ansagen. In welcher Sprache redest Du mit Deinem Hund?" Meinen Vater:"Sag mal, hast Du einen Dachschaden?" |
|
|
ich mag Kreolisch, Rotwelsch, Argot, Hamburgisch, Plattdeutsch. Appenzellerisch, auch Prollsch (ebenT)..... ja, auch Geheimsprachen!!
Komisch: unser Hund versteht Türkisch und Englisch, aber kein Deutsch!!?? Was sagen da die Germanisten zu? |
|
|
und der Unterschied zwischen schimpfen und (Ver)fluchen ist schon deutlich. Siehe Screaming Jay Hawkins: I put a spell on you.....
|
|
|
schrieb am
01.02.2010 um 10:42
spellbinding
|
|
|
schrieb am
01.02.2010 um 11:36
Argot kenne ich nicht. Kreolisch? Das ist doch französisch. Habe ich schon gehört & verstanden. Das war in einem Spielfilm.
Mink de Ville ( RIP ) hat doch die passende Musik dazu gemacht. Rotwelsch kenne ich nicht. Welsch ja. Das sind die franz. Schweizer. Die sprechen ein sehr, sehr eigenes Französich. Harmburgern: Yo! is mann klaar. Alda! Platt: Ik snak platt. Du ok? Appenzellerisch... Oh, mein Gott! "Denk dra, lütt a !" Am Telefon nicht zu verstehen. In der Realität? Hilfe! Einen Native-Speaker fragte ich, wie er denn schreiben würde? Er sagte Deutsch. Ich sagte: Nein, ob er auch so schreibt wie er spricht! Er sagte: "Wieso? Ich spreche Deutsch!" C´est que mineaux! Mein letzter Hund war taub. Er verstand trotzdem jedes Wort! Meiner jetzt weiss genau was er darf und was nicht. Seine Chancen erkennt er sofort & nutzt diese für persönliche Freiheiten. Er ist schlau. Sehr schlau. |
|
|
Hallo hibou,
vor ein paar Tagen gabs doch schon mal im etherpad.com/freitagcommunity Chat ein "Gespräch" über Schimpfworte und Fluchen. Dein Diskurs hier jetzt, über Tabubruch, Verhöhnung von Traditionen und Sitten bis hin zu "Modewörtern" vermittelt den Eindruck, Fluchen und Schimpfworte seien eine lustige, unterhaltende und befreiende Art, sich nonkonformistisch zu verhalten. Bis zu einer bestimmten Grenze - subjektiv - sehe ich das ähnlich. Ein deftiges Schimpfwort zur richtigen Zeit, ah welche Erleichterung kann das sein. Ich selber möchte das aber nicht zu einer Gewohnheit werden lassen, so dass ich abstumpfe und gar nicht mehr merke, dass ich in "Fäkalsprache" rede. Daher hier auch noch mal mein Einwurf von neulich: "Hi hibou, ich hab mal in einem Artikel gelesen, um ein gesundes soziales Klima zu schaffen, müsste man für jedes Schimpfwort oder jedes negative besetzte 'Wort, ca. 5-8 freundliche Worte, Komplimente und positiv besetzte Ausdrücke am Tag sagen. Ansonsten habe ich nix gegen gelegentliche Schimpfworte, ist ja auch eine Sache der "lieben Gewohnheit"... " Untermauern möchte ich diese kleine Schimpfkritik mit einer Studie eines asiatischen Wissenschaftlers, die mich total beeindruckt hat. Er hat mit einem Spezialmikroskop Aufnahmen von Wassermolekülen gemacht, die mit negativ besetzten Worten bedacht wurden - entweder verbal oder per Aufschrift, z.B. "Idiot", "blöd" oder ähnliches und dann im Gegenzug Aufnahmen von Wassermolekülen, die der Wirkung positiver Worte, wie z.B. Liebe, Freund, o.ä. ausgesetzt waren. Ob diese auch mit der entsprechend harten oder weichen Stimmlage gesprochen wurden, kann ich nicht sagen. Und jetzt kommts: Die Moleküle, die der "Negativbelastung" durch Schimpfworte ausgesetzt waren, zeigten Schäden in ihren molekularen Verbindungen. Während die mit den positiven "Benennungen" intakt waren. Dasselbe Experiment wurde des öfteren mit Zimmerpflanzen durchgeführt. Kennt fast jeder. Die Pflanzen, die freundlich behandelt wurden, z.B. mit Musik (wahrscheinlich n i c h t Marilyn Manson) wuchsen schneller, grüner, besser. Während die beschimpften Pflanzen vor sich hin mickerten. Ob das was zu bedeuten hat? :) |
|
|
schrieb am
01.02.2010 um 13:14
Hi hibou,
das hat mich jetzt zu einem eigenen Mini-blog inspiriert! www.freitag.de/community/blogs/felicitas/fluch-ins-wasser |
|
|
das mit dem wasser hab ich auch gelesen!
tja... ich muss sagen, ich rede auch selten faekal...aber das mit dem tabubruch (siehe "votze") und auch das mit dem schnellen abnützen ist halt ne (verifizierte) beobachtung. nimm das wörtchen "fuck". es wird heute in amerika exzessiv aber völlig altaeglich benutzt. "could you give that fucking plate?" "where did I put my fucking pen?" |
|
|
Feli: dein blog ist deaktiviert.... magst dus hierhin posten?
chrisamar: Kreolisch ging tatsaechlich aus dem Französischen oder Spanischen hervor, ist aber zu einer Art Lingua Franca mutiert.. Rotwelsch ist eine Zigeuner- oder Gaunersprache (da siehste mal, mit wem Sinti und Roma gleichgesetzt werden. Naja, ich trau ja Polizisten auch alles zu....) Appenzellerisch: I scho, aber du nöd! |
|
|
Hab ja auch immer gedacht, schimpfen und fluchen sei dasselbe, bis ich hierherkam hehe
|
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen