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Freitags.Glosse.

26.11.2010 | 12:09

Freitags.Glosse. Falsche Fuffziger

Die windgepeitschte Halbinsel Nordstrand liegt in der Nordsee und wie schon das Adjektiv beschreibt, gibt es dort ein raues Klima. Das kann man, den Eingeborenen folgend, nur mit kräftigen alkoholischen Getränken überleben. Diese Therapie war eskaliert, als Pastor Georg Bleyer seinen seelsorgenden Dienst an den Nordsträndlern aufgenommen hat. Er war gottserbärmlich entsetzt und wetterte von der Kanzel gegen den Alkohol und die verstockten Sünder; mit grenzwertigem Erfolg.

Im Oktober 1872 feierte der Bauer Johannson auf Nordstrand die Taufe seines siebenten Kindes und weil eine Taufe ohne das seelenwärmende Feuerwasser nur Unglück bringt, schaffte er der Magd an, Rum in den Kaffee zu gießen. Weil der Pastor den nicht riechen sollte, musste sie eine dicke Sahnehaube draufsetzen. Es kam, wie es kommen musste: Die Tasse des Pastors wurde verwechselt …

Ein Pharisäer und ein Zöllner gehen in den Tempel um zu beten. Der Zöllner senkt demütig den Blick, schlägt sich gegen die Brust und bittet Gott, ihm, dem Sünder, gnädig zu sein. Der Pharisäer indes dankt Gott, dass er Pharisäer ist, und nicht so, wie ein Räuber oder Zöllner.

„Wer heucheln kann, ist schon ein gemachter Mann“ hat einer gesagt, der es wissen muss. Edzard Reuter, Daimler-Chef von 1987 bis 1995. „Heucheln nimmt in der Wirtschaft überhand“ und er meint die Manager, die Politiker und den Shareholder Value Kapitalismus. Im Interview mit der faz: „Herr Reuter, Sie führen einen Feldzug gegen die Heuchler im Management. Wen meinen Sie?“ Edzard Reuter: „All die raffgierigen Manager, die unter dem Deckmantel eines wichtigen Postens zuvorderst an die eigene Bereicherung denken.“

Manager berufen sich gerne auf Adam Smith und beteuern: „Der Markt will es so!“ Das nennen Sie ökonomische Ethik, weil alleine der „homo oeconomicus“, ein moralfreier Egoist, rational handelt, nur so würde Wohlstand für alle erreicht, wer teilt, handelt irrational. Das hätten sie gerne und übersehen dabei, dass sich eine ungbundene Marktwirtschaft mit dem christlichen Menschenbild, das sie vorgeben, nicht vertragen kann.

Karl R. Popper hat „auf der Suche nach einer besseren Welt“ in einem Vortrag gesagt: „dass sogar der moralische Heuchler durch seinen Akt der Heuchelei bezeugt, dass er an die moralische Überlegenheit jener Werte glaubt, die er vorgibt, um ihrer selbst willen zu achten.“ Das ist die karge Poesie der Philosophen und meint, einfach gesagt, Moral ist gut für die Anderen.

Soweit verzweifelnd, zitieren wir den Hans Sachs, Schuhmacher und Poet, aus Nürnberg: “Deshalb will die Welt, das man auch Ir heuchel, schmeichel, lob‘ und schmir“. - Wir indessen, waschen unsere Hände in Unschuld.

Günter Hirschsteiner

 
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