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Freitags.Glosse.

03.12.2010 | 11:49

Freitags.Glosse. Warten auf Godot

Landstraße. Ein Baum. Abend. Zwei Landstreicher. Estragon und Wladimir. Sie haben eine Verabredung. Mit Godot. Sie warten. Aber Godot kommt nicht. Gegen Ende des ersten Aktes erfahren sie, dass Godot heute nicht kommt, er würde aber am folgenden Tag erscheinen. - Samuel Beckett stellt die beiden Figuren in eine gottverlassene Landschaft, in eine absurde Situation, die weder räumlich noch zeitlich konkret ist. Die Literaturwissenschaftler haben daraus ein Sinnbild für die Sinnlosigkeit des menschlichen Daseins interpretiert.

Wladimir und Estragon wissen nicht wer Godot ist und warum sie auf ihn warten. So geht es vielen Menschen in unserer Zeit und besonders im Advent.

Advent ist die Ankunft, bei den Christen die Ankunft Gottes auf der Erde, die Geburt Jesu. Es sollen vier Wochen der Vorfreude auf das große Fest sein. Unsere germanischen Vorfahren feierten zur Wintersonnenwende den Tod des vergehenden und die Geburt des neuen Jahres, die Kelten auch eine Lebenswende und die Römer das Wiedererwachen der Natur. Mithra, der Herr des Sonnenlichts, in der persischen Mythologie, wurde, wie Jesus, am Tag der Wintersonnenwende geboren.

Das ist uns verloren gegangen. Viele Menschen lassen sich ablenken und verdrängen das freudige Warten mit aufdringlichen pseudo-weihnachtlichen Stimmungen, mit verfrühten Lebkuchen und Glühwein, decken sich und andere mit Geschenken ein, schon im November und früher. Unsere Gesellschaft ist zu einem überbelichteten Kaufhaus mit entbehrlichen Sachen und sinnlosen Werten geworden. Alles ist immer und überall verfügbar. Worauf sollen wir warten um uns zu freuen?

Der Mensch braucht einen Rhythmus, der sein Leben gliedert, einen Rhythmus des Tages, des Jahres. Der Advent soll das Leben langsamer machen, Zeit geben, die Sehnsüchte der Seele wahr zu nehmen und sich nach dem Licht zu sehnen, das der inneren Orientierung helfen kann. Das wissentliche Erleben wirklicher Feste und realer Jahreszeiten führt uns zu uns selbst, zu unseren Erfahrungen, unseren Gefühlen und den Werten in uns.

Estragon: Ich kann nicht mehr so weitermachen. Wladimir: Das sagt man so. Estragon: Sollen wir auseinandergehen? Es wäre vielleicht besser. Wladimir: Morgen hängen wir uns auf. Es sei denn, dass Godot käme. Estragon: Und wenn er kommt? Wladimir: Sind wir gerettet.

Godot ist Gott, die Hoffnung, die bleibt, in den Zeiten der Hoffnungslosigkeit, des ständigen Wartens. Alle Menschen warten auf Godot, jeder auf seinen. Die Hoffnung stirbt nur dann zuletzt, wenn wir sie noch haben.

Günter Hirschsteiner

 
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