Holger Hutt

Blog von Holger Hutt

25.07.2011 | 16:28

Tanya Gold: Amy Winehouse – Die Süchtige ist tot, es lebe der Mythos

 

Amy Winehouse ist tot und eine wie auch immer geartete Erklärung ihrer geistigen Erkrankung scheint weit entfernt. Ihr Bild ist bereits fertig gemalt, verpackt, verhüllt und wartet nur darauf, zum Mythos verklärt zu werden.

Da ist die kleine Amy mit der wogenden Bienenkorb-Frisur und den verängstigten Augen. Sie leidet an ihrem Talent und dem Chaos, das es für sie mit sich gebracht hat – berühmt mit 21, mit 27 tot und nun Mitglied in jenem „Club“ von Musikern, die ebenfalls in diesem Alter an Drogen starben: Joplin, Hendrix, Morrison, Cobain. Alle tot, alle verehrt, als sei es ihre Krankheit gewesen, die sie interessant gemacht hat. Die ersten in Eile abgefassten Nachrufe maßen der Tatsache große Bedeutung bei, dass Winehouse es in den „Club 27“ geschafft hat – 54 Tage hatte sie noch Zeit dazu.

Warum verwenden wir soviel Energie auf die aufregende Pantomime einer sterbenden Alkoholikerin und so wenig darauf, die Krankheit zu verstehen, die sie umgebracht hat? Schon seit Jahren ist offensichtlich, dass eine kranke Winehouse auf groteske Weise interessanter ist als eine nüchterne. Wurde sie zwischenzeitlich wieder einmal trocken, trocknete auch die Berichterstattung über sie aus. Schließlich aber wurde sie rückfällig und brachte es zu endgültigem Ruhm.

Wenn ein Süchtiger sich selbst vernichtet und dabei von Paparazzi gestalkt wird, fällt der Eindruck leicht, die Geschichte gehöre uns allen und Amy Winhouse' Schicksal gehe uns alle an. Ihr Fall und ihre Erlösung – die jetzt nicht mehr kommen wird – mussten doch eine universelle Bedeutung haben. Aber das stimmt nicht. Winehouse gehörte uns nicht. Sie gehörte niemandem, nicht einmal sich selbst. Aber das kann man vergessen. Kreative Süchtige – und insbesondere Frauen – werden immer vereinnahmt, selbst wenn ihr Leichnam gerade erst zur Tür hinausgetragen wird.

Nehmen Sie Judy Garland, die kleine Dorothy auf Benzdrin: Sie war bereits zur Legende geworden, bevor man sie 1969 tot aus einer Toilette in Chelsea zog. Noch in diesem Jahr wurde im Westend ein Stück über ihren Zusammenbruch aufgeführt. Ich habe es mir angesehen und konnte dabei nur empfinden, dass eine Frau, die sich ihr Leben lang selbst ausgebeutet hat, ein weiteres Mal ausgebeutet wurde. "Sing uns ein Lied, Judy, auch wenn du schon tot bist!"

Hier gibt es keinen Sinn, keine umfassendere Parabel über das Verhältnis zwischen Sucht und Talent, und ich halte auch das für Quatsch – eine Strohpuppe, die leicht verbrennt. Winehouse war einfach eine Alkoholikerin und Drogenabhängige, die mit 27 starb, weil sie keine Vorstellung von ihrem eigenen Wert hatte oder nicht wusste, wie sie sich heilen sollte. Sie starb mit 27, nicht weil sie die magisch-geheimnisvolle Zwillingsschwester Janis Joplins war, sondern weil 27 ein natürliches Alter ist, in dem der Körper eines zwanghaften Users harter Drogen und harten Alkohols kollabiert.

Jedes Jahr sterben Tausende auf die gleiche Weise wie Winehouse, ohne dass sie verehrt oder auch nur bemitleidet würden. Wir werden uns nicht über die Krankheit informieren oder die Drogengesetze ändern, die Abhängige in eine Schattenwelt der Kriminalität und Abhängigkeit von Kriminellen verbannen. Man habe Winehouse zu viel durchgehen lassen, sagte einmal ein Polizist, nachdem ein Band veröffentlicht worden war, auf dem sie bei der Drogeneinnahme zu sehen ist. Stimmt das? Stimmt das wirklich? Winehouse lief barfuß durch die Straßen, weil da die Drogen waren, und während ihr verwirrtes Gesicht auf den Titelseiten zu sehen ist, werden Hilfseinrichtungen für Abhängige geschlossen – anscheinend sind sie verzichtbar.

 

Da niemand weiß, was die Sucht wirklich verursacht und wie sie zu heilen wäre, bleibt die Therapie stets ein zweischneidiges Schwert, das den Betroffenen immer auch verletzen kann. Die Krankheit ist für Außenstehende nicht zu durchdringen, denn für unsere sich alles unterwerfende Spezies ist die Vorstellung ein Gräuel, ein Mensch könnte eine genetische Disposition mitbringen, sich selbst zu vergiften. Die Sucht wird immer noch einstimmig als eine „selbstverschuldete Krankheit“ bezeichnet und nur die aufgeklärtesten Ärzte werden einem die Anonymen Alkoholiker oder die Anonymen Drogenabhängigen empfehlen. Diese Selbsthilfegruppen haben manchmal Erfolg, auch wenn niemand weiß, warum. Ein Psychiater aus der Harley Street riet mir einst, meinen Drogenkonsum „einzuschränken“ – offensichtlich hatte er keine Ahnung, obwohl er mir 275 Pfund für die Viertelstunde berechnete.

Diesen Sommer war Winehouse zum Entzug in der Priory. Ich war vor elf Jahren dort, um meine Sucht zu „behandeln“. Meiner eigenen Erfahrung nach wird den Leuten dort nicht immer geholfen. (Ich warte schon auf den Beschwerdebrief von ihrer stets wachsamen Marketing-Abteilung.) Sie boten mir ein Zimmer mit Bad und Fernsehanschluss an, nicht aber das Wissen, dass es für mich lebensnotwendig war, wenigstens den Hauch einer Ahnung zu haben, in welchem Dilemma ich mich wirklich befand. Aber natürlich kann sich das seit meiner Zeit geändert haben. Und Winehouse ist für nichts gestorben, weil sie dachte, sie sei nichts.

Nicht, dass wir etwas aus der Sache lernen würden. Die Bienenkorb-Frisur war einfach zu hoch, die Augen einfach von allzu photogener Traurigkeit. Ihr neues Album wird erscheinen und sich zehnmillionenfach verkaufen, vielleicht öfter. Und da, Leser, hast Du Deinen Sinn. Die Süchtige ist tot. Lang lebe der Mythos.

 

 

Hier der Link zum Original-Kommentar von Tanya Gold im Guardian:

www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/jul/24/amy-winehouse-alcoholism-addiction

 

 

 

 
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Kommentare
Vadis schrieb am 25.07.2011 um 18:48
»Die Süchtige ist tot. Lang lebe der Mythos.«

Ich lese hier wenig bis überhaupt nichts von dem, was Amy Winehouse musikalisch ausmacht. Als wäre ihr Talent eine Hülle, die man jeder beliebigen Person überstreifen könnte.

Ja, Mist, dass wir uns mit dem begnügen müssen, was Sie »Mythos« nennen. Das heißt aber nicht, dass es so gewünscht gewesen wäre, lieber den als sie weiterhin live erleben zu können.

Dass ständiger Alkohol- und Drogenkonsum pathologische Ausmaße annimmt und damit die Grenzen selbstbestimmter Hip- und Coolness hinter sich lässt, ist natürlich ein wichtiger Hinweis; dergleichen Wissen, das wohl kaum erst unserer Zeit entsprungen ist, hat aber noch nie das Verlangen nach den »little helpers« zur Bewältigung begehrter und begieriger Popularität verhindern können.

Mit der Clarity des abgeklärten Verzichts wird erst bei Gnade höherer Altersligen hausieren gegangen, wo man sich andererseits natürlich wieder über das never-ending Bühnenrecycling sg. Rockomas and the -opas nebst Leibkochentourage zu mokieren hat. Und wenn schon FDP-Youngsters damit kokettieren, gelegentlich einen kreisenden Joint nicht ausgeschlagen zu haben - ja, wo leben wir denn.

Und wie eigentlich hätten wir's gerne - ich fürchte, sie sollen alle so klein und so vernünftig und so beschränkt wie vielleicht unsereins bleiben, nur hießen und wären sie uU. nicht Stars sondern am Boden funkelnde Glasscherben.

Das nenne ich, der Kultur einen Arschtritt verpassen und zu leugnen, dass die Birds dieser Welt nicht ohne Risiko hoch hinaus fliegen und uns so (und nicht anders) diesen Highest Level via DVD und CD in den Alltag und die gemütlichen Sofaecken liefern. Versuche, einen gefährlich werdenden Drogengebrauch gegenzusteuern, sollten und müssen wir ohnehin nahestehenderen Personen bis hin zum Management überlassen; sie werden einfach nicht Rauchern gleich auf den Balkonen erscheinen, um sich ihre Lines zu ziehen, sondern zunächst mit dem (offenen) Geheimnis ihrer latenten bis bewusst erlebten Abhängigkeit in die Karrieren geraten.

Einen Brian Jones konnten die Stones seinerzeit noch rausschmeißen, eine Solokünstlerin dann nur noch aus sich selbst - das sagt es.
ebertus schrieb am 25.07.2011 um 19:13
Guter Beitrag,

für die "Kultur" gab es ja hier einen anderen Thread und Kultur ist im einfachsten Falle das, was beim Konsumenten der Kultur (im Kopf) entsteht. That's all...
Angelia schrieb am 25.07.2011 um 19:56
ja, ein sehr guter Beitrag.
Ich glaube einfach, dass unsere schnelllebige Gesellschaft insgesamt bereits durch Konsum von allem Konsumierbarem bereits so dermaßen degeneriert ist, dass wir auf Gedanken, wie oben im Blog, selbst gar nicht mehr kommen. Wir konsumieren eben auch reale Lebensgeschichten wie einen unterhaltsamen Film.

Ich schäme mich dafür.
Vadis schrieb am 25.07.2011 um 20:54
Sorry, aber »Die Süchtige« gibt es nicht. Auch ein Jimi Hendrix war nicht »Der Süchtige«. Wenn Ihr Psychologie und Psychopathologie verhandeln wollt, dann bitte nicht am Totenbett einer außergewöhnlichen Künstlerin.

Der Artikel ist inhaltlich geschenkt - »Wir« sind ja nicht blöd.
Columbus schrieb am 25.07.2011 um 21:55
Danke Herr Hutt, das sind klare Worte und sie zeigen "in a nutshell", das Dilemma der Suchtbehandlung, gerade bei bekannten und kreativen Menschen.

Ich unterschreibe sofort:

Es ist ein Mythos, der Sucht und Kreativität zusammen spannt, nur weil die Medienwelt schon lange damit genau so umgeht, wie mit dem Thema der exzessiven Gewalt. Aus dem "Fall" wird das Gesetz der 27-jährigen! - Bitter, wenn das entlang einiger Heldengeschichten auch noch verklärt wird!

Aber, wie aus einem Ehrenmord, der Hang einer ganzen Gruppe zu solchen Taten konstruiert wird, oder die These vom massiven Anwachsen der Gewalt durch Migranten entsteht, so gilt eisern, geniale Songs entstünden unter Strom, gute Musik perfome sich nur dann gut, wenn der Stoff dröhnt. - Es ist Quatsch und wird trotzdem geglaubt. Zugedröhnt, gelingt auch Ausnahmekünstlern nicht viel, was sie dann noch zusätzlich immer weiter in die Sucht treibt.

Klassische Fälle sind u.a. Hendrix, Joplin und nun Winehouse, aber z.B. auch Jazzer, wie Charlie Parker, oder der geniale russische Komponist Modest Mussorgsky.

Hinzu kommt:

Es ist ein Mythos, die moderne Entzugs- und Entwöhnungstherapie, die Psychiatrie oder Psychologie, fördere den Verbleib in der Sucht.

Aber das moderne Konzept der Sucht als komplexe Krankheit, umfasst auch, dass heute nicht mehr einfach repressiv über Süchtige verfügt werden kann, es sei denn, sie begehen Straftaten oder gefährden sich oder andere.

Das vorrangige Prinzip der Freiwilligkeit, der Niederschwelligkeit und der mehrfachen Chance zu einem Therapieangebot, ist für viele Leser und Bürger nicht einfach verständlich, denn sie wollen nicht begreifen, dass die Selbstzerstörung in der Sucht, auch der massive Widerstand gegen längerfristige Beahndlung, unausgesprochen, oft die einzige Rebellion ist, die ein sowieso schon durch die Sucht gekränktes, sich selbst ständig abwertendes Menschenwesen, noch aufbringt, um noch einen Funken Selbstanerkenntnis und Selbstwillen auszuleben. Den Rest hat die Sucht im Griff.

Zur Feststellung der beiden Kritierien, Eigen- oder Fremdgefährdung, ist aber eine umfangreiche medizinische Begründung, ein Richterbeschluss, und der Wille der Anghörigen, Arbeitgeber, Partner und Freunde der Person notwendig, nicht alle Hebel in Bewegung zu setzen, dies dann schnell wieder zu ändern.

Prominenz und die Selbst-Verpflichtung von Prominenten, ihrem verlangenden und vielköpfigen Umfeld gegenüber, komplizieren das sinnvolle Vorgehen nur noch.

In den angelsächsischen Ländern, USA und GB, hat sich ein umfänglicher eigener Klinikbereich für die leidende Prominenz entwickelt, die alles in diesem Zusammenhang schnell und effizient, sozusagen als "Rehab-Konsumismus", zu entsprechenden Exclusivpreisen stattfinden lässt und sogar ernsthaft an ambulante Behandlungsstrategien glaubt!

Es wird umso schwerer, je mehr ökonomische Mittel dem Süchtigen zur Verfügung stehen. -Andererseits sind auch die "Hoffnungslosen" auf der Straße, die sozial Depravierten, schlechter dran als der Durchschnitt.- Je mehr mediale Aufmerksamkeit sich auf die "Fälle" richtet, und je mehr die Institutionen Anwälte und das drängende Umfeld der Prominenten, einschließlich der Medien, fürchten müssen, desto leichter ist es dem Betroffenen, sich immer wieder zu entziehen. -Am Ende waren es immer besondere Umstände, die das "Jetzt noch nicht!" begründen.

Trotzdem lautet ein weiterer, sogar unter Therapeuten populärer Mythos, Süchtige müssten erst ganz unten ankommen, damit sich was ändert.

Ganz unten in der Sucht, das heißt, die organischen Voraussetzungen, nämlich das Gehirn und die Leber, auch das Herz, sind schon so angegriffen, dass der Erhalt der Körperfunktion die Hauptenergie frisst und das Gehirn gar nicht mehr in der Lage ist, ein Konzept gegen den Feind, das Suchtmittel, emotional und rational anzunehmen.

Ein ganz gefährlicher Mythos ist jedoch, man könne die Selbsthilfegruppen gegen die ärztliche Therapie und die psychologischen Therapeuten ausspielen, eine Gruppe sei erfolgreicher als die andere. Das ist Nonsense. Es existieren dafür keine Belege, obwohl auf beiden Seiten immer wieder Dummköpfe den Nachweis führen wollen. Oftmals überschneiden sich die Probleme gar nicht. In der Praxis arbeitet heute jede gute Suchttherapie mit den AA, AN und den Anghörigen-Gruppen zusammen.

Eine letzte populäre Mythe gilt es noch zu entlarven. Das ist die, Sucht sei gleich Sucht, eine monoforme Krankheit mit polymorpher Erscheinung. Das ist ebenfalls Unsinn. - Allein schon die endlich auch von Experten akzeptierte Tatsache, dass viele Süchtige komorbide sind, also andere psychische Störungen und Syndrome (Depressionen, Psychosen, Persönlichkeitsstörungen, Neurosen) ausbilden, deren Genese und erste Zeichen biografisch vor die Entstehung der Sucht reichen, müsste doch zu einem Umdenken in der Öffentlichkeit führen. - Allein, es bleibt bei alten Vorurteilen.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Vadis schrieb am 25.07.2011 um 22:52
»Es ist ein Mythos, der Sucht und Kreativität zusammen spannt, nur weil die Medienwelt schon lange damit genau so umgeht, wie mit dem Thema der exzessiven Gewalt. Aus dem "Fall" wird das Gesetz der 27-jährigen! - Bitter, wenn das entlang einiger Heldengeschichten auch noch verklärt wird!»[Hervorhebung Vadis]

Sie unterschrieben, ich bezweifle:

Sucht und Kreativität bilden nachwievor ein symbiotisches Gespann, was nicht zuletzt die chronologisch divergierenden Schicksale eines Charlie Parker und Curt Cobain verbindet. Das proklamierte »Gesetz der 27ties« ist ein Witz (Sie zitierten es natürlich nur) und es wird nicht verklärt, sondern lediglich medial kurzgeschlossen. Für den jeweiligen Fan dürfte es eine müßige Schnittmenge darstellen, für den Wissenschaftler uU. ein interessantes Phänomen. (Mir geistert da seit Tagen ein Wortspiel durch den Kopf: »If six was nine« (Jimi Hendrix) eighteen is twenty-seven – vielleicht eine Transformation der Turbulenzen des coming-off-ages in das dritte Lebensjahrzehnt.)

Ich sagte es bereits, den pathologischen Aspekt angesichts einer herausragenden Künstlerin zu verhandeln, ist nicht zielführend, da sich der ›Normalsüchtige‹ einfach nicht mit einer drogennutzenden Prominenz vergleichen lässt und sich die individuellen Determinanten erheblich unterscheiden (müssen). Ebensowenig lässt sich ein Vorbildcharakter gerade aus popkulturellen Größen destillieren, da sie großanteilig ex definitione kontrabourgeois fungieren, ihr Imagefaktor speist sich nahezu daraus.

Prävention ist aus Konvention zu leisten und nicht aus Bohème und Avantgarde, sonst wären selbige nicht das, für das sie stehen und was sie an Kultur beitragen. Ich plädiere hier keineswegs für die Droge als Selbstzweck, verbiete mir aber, über ihren Gebrauch an neuralgischer Vita gellschaftsrelevanter Größenordnung, nicht mehr und nicht weniger ist Kultur, zu richten.

Ein Wesensmerkmal ›unserer‹ KünstlerInnen ist ihre Verweigerung jeglicher Bevormundung und in gleichem Maße ihre Eigenverantwortlichkeit für ihr Leben, die sie so gut wie nie betonen, aber mE. intensiver zu vervollkommnen trachten, als wir es uns vorstellen können. Diesen inneren Spirit sollten wir bei aller Schicksalsträchtigkeit respektieren und nicht für allgemeingültige erzieherische Zwecke oder aus Mangel an Überzeugung aus der Mitte der Gesellschaft unterminieren.
Vadis schrieb am 25.07.2011 um 23:01
Beim Überlesen fiel mir die unterschiedliche Blickrichtung auf:

Sucht und Kreativität
Kreativität und Sucht

Bzgl. Amy Winehouse sprach ich von letzterer.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 25.07.2011 um 22:38
Ein sehr guter, angemessener Nachruf, ein mutiger obendrein. Tanya Gold hatte selber ein Problem mit Sucht und bekennt sich dazu. Alle Achtung!
Vadis schrieb am 25.07.2011 um 23:42
Kann ja sein.

Ich stelle Ihnen mal zwei Fragen:

1.
Was hat Amy Winehouse damit zu tun, dass Tanya Gold ein Suchtproblem hat?

2.
Wenn das Suchtproblem von A. W. eine zentrale Rolle ihrer Karriere dargestellt haben sollte, was hat dann T. G. aus ihrem gemacht?

Sollte Ihnen das zynisch vorkommen, mache ich Sie gerne auf zynische Passagen des obigen Artikels aufmerksam, auch auf einen stellenweise larmoyanten Unterton; dass wir es nicht vergessen:

Amy Winehouse ist tot.
Columbus schrieb am 26.07.2011 um 00:43
Vielleicht hilft es doch, zwischen der Süchtigen und der Künstlerin Winehouse zu unterscheiden. Dieses Talent, es ist ja mehr als nur eine adäquate Stimme, sondern auch Begabung zu Phrasierung oder zum Lieder texten, verstehen auch Menschen, die sonst mit dem Auftreten dieser Prominenz oder ihrer Musikrichtung nie etwas anfangen konnten.

Aber Herr Hutt befasste sich, entlang des Tanja Gold Textes, mit der Sucht.

Dieser Widerstand gegen Therapie, gegen die heilsame Abhängigkeit auf Zeit, gehört unbedingt zur komplexen Krankheit dazu und ist nicht Ausdruck der Künstlerfreiheit.

Einer solchen Musikerin, wie vielen anderen Künstlern, die zu Ruhm und Geld gelangten, stehen, da haben Sie ganz Recht, Herr Vadis, mehr Möglichkeiten offen und das ist andererseits auch ein großes Verhängnis.

Seit den legendären Fällen (s.o.) hat sich aber auch auf der Businessseite des Musikgeschäfts nichts geändert. Denn offensichtlich organisierte man für die Künstlerin Amy Winehouse noch Auftritte, selbst zu Zeiten, als sie gar nicht mehr singen konnte, mehr lallte und ins Publikum fiel oder einfach auf der Bühne herum stand und andere singen und spielen ließ. Das ging der Legende Charlie Parker am Ende (ab 1950) nicht anders und seine Sponsorin unterhielt das System, was vielleicht noch ein paar Jährchen brachte, aber doch die Kreativität und Beständigkeit, er musste ja en suite auftreten, immer weiter reduzierte. -Bei Cobain kenne ich mich nicht gut genug aus.

Eine Menge Leute müssen Winehouse den Stoff ihrer Wünsche, aus "Mitleid" besorgt haben, anstatt zu sagen, "Hol´dir selbst was, wenn du es brauchst und bleib von der Bühne weg."

Ich glaube auch, dass jede Sucht, jeder Süchtige, ein individueller Fall ist (s.o.) Aber der weit verbreitete Mythos, Prominente, insbesondere Künstler seien anders süchtig als "Normalsüchtige" und bräuchten gar die Suchtmittel zur kreativen Produktion, der ist falsch.

Frau Gold beschreibt, was therapeutisch, bei Süchtigen, ein Schuss in den Ofen ist.- "Kauf´ dir Rat!", funktioniert nicht, weil das wie: "Kauf´ dir eine Pulle Schnaps,etc.!" abläuft. Gerade das ist aber das Angebot, das Prominente anzieht und von dem Tanja Gold kundig berichtet. Sie bekam nichts, Amy Winehouse bekam dort auch nichts.

Bei anderen psychischen Problemen kann ein finanzieller Aufwand, der selbst getragen werden muss, hingegen sehr hilfreich sein.

LG
Christoph Leusch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.07.2011 um 13:39
Lieber Vadis,
der Tod Amys mag Ihnen nahe gegangen sein.
Mir hat der Nachruf einfach nur gefallen.
Ja, ich finde es gut, dass Tanya daran erinnert, dass Sucht kein marginalisiertes Problem ist von irgenwelchen, letztendlich uns unbekannten Promis.
Amy Winehouse war eine kranke Frau, Tanyia offenkundig auch. Die Krankheit, die Amy hatte und vor der Tanya sich aus Erfahrung fürchtet ist ein Riesentabu, insbesondere weil es sich um eine Frau handelt, Janis Joplin hin oder her . Frauen schlucken Pillen ohnen Ende, aber Saufen, huch. Glauben Sie etwa die Presse wäre Amy so hinterhergelaufen, wenn Sie an Diabetes mellitus type 1 gelitten hätte. Das ist auch eine sunschöne Krankheit, da kann Mann/ Frau auch schnell komatös oder gleich tot zusammenbrechen (z.B. der großartige A& B Sänger Luther Vandross).
Alles wir gut
HN
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.07.2011 um 13:50
D'accard!
Doch Einspruch bei: "Bei anderen psychischen Problemen kann ein finanzieller Aufwand, der selbst getragen werden muss, hingegen sehr hilfreich sein."
Welche Krankheiten meinen Sie da?
Warum sollen psychische Erkrankungen nicht einhergehen mit sozialen und finaziellen Problemen, wie sie bei anderen Erkrankungen, Herzinfarkt, REHA, Berufsunähigkeit auftreten?
Warum mit zweierlei Maß messen? Bloß weil die Seele Amok läuft
HN
HN
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.07.2011 um 13:51
ohne; wird
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.07.2011 um 13:54
D'accard mit Christoph Leusch, sorry Nachtschicht -müdigkeit!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.07.2011 um 13:55
D'accard mit Christoph Leusch, sorry Nachtschicht- müdigkeit!
Columbus schrieb am 26.07.2011 um 23:18
Ach, Frau Neumann, das geht auf die besser gestellte Kundschaft in der Psychotherapie von so genannten Anpassungsstörungen und speziellen Neuroseformen zurück.

Freud formulierte für diese Leidenden, dass sie eine ausreichend hohe Entlohnung des Therapeuten zu leisten hätten, die die Tendenz verstärkt, aus der Zeit in der Therapie etwas zu machen und ihn nicht als Partner zum Ausquatschen zu mißbrauchen.

Das funktioniert bei der Sucht nicht, weil die Willkürentscheidungen, z.B. Therapieabbruch, aus einem aufgebauten grandiosen Selbst entstehen, "Seht her, ich kann das und ihr könnt mich mal! In vierzehn Tagen komme ich vielleicht wieder und ihr werdet mein Geld nehmen und mich wieder aufnehmen." - Nebenbei, genau das ist eine Strategie der Suchttherapie, immer wieder aufnehmen, aber ohne in die Abhängigkeit eingebaut zu werden.

Hinter dem "Auftritt" verbirgt sich aber eine ausgesprochene Ich-Schwäche und Selbstunsicherheit. Typische Winehouse-Anspielung in Songs und in den wenigen Interviews: "Ich bin nicht gut, bin kein gutes Mädchen, will es gar nicht sein."

Entgegen der Laienmeinung ist Alkoholismus oder Polytoxikomanie allgemein eine viel schwerer zu behandelnde Krankheit, als z.B. eine Neurose oder Anpassungstörung. Hinzu kommt die große Zahl an zusätzlichen psychischen Problemen, was ich global mit Komorbidität umschrieben habe.

LG
Christoph Leusch

PS: Wenn Sie Boss in der Firma sind und eine histrionische Persönlichkeit ausgebildet haben (das ist schon etwas Gravierendes in den Augen eines Psychiaters), leiden ihre Mitarbeiter, ihre Familie und sie selbst, weil sie sich beständig sagen, "Ich tue doch alles, die anderen funktionieren nicht gut." Sie werden zornig und verlangen danach, dass die Welt sich um sie dreht. An ihnen soll sich nichts ändern, die Welt, ihre Mitmenschen sind aber in ihren Augen disfunktional und achten ihre Überlegenheit nicht. - Trotzdem wollen sie auch als Histrioniker voraussetzungslos geliebt werden.

Wenn sie nicht der Boss sind, dann fliegen sie hochkant, obwohl sie doch so "pressiert" bei allem vorgehen und keinem Scheinwerfer ausweichen.
- Sie können sich entlang des Beispiels vorstellen, wie unterschiedlich die Therapie geplant werden muss.

LG
Christoph Leusch
lisi stein schrieb am 26.07.2011 um 00:08
berke schrieb am 26.07.2011 um 17:09
Bin mit Vadis...
und die Mythisierung wird mit dem "Klub der 27" noch weiter getrieben.
Federico schrieb am 29.07.2011 um 15:25
Man muss sogar nach neuesten Erkenntnissen von mehr als 80% Komorbidität ausgehen. Angsterkrankungen sind die häufigsten psychiatrischen Vorerkrankungen bei Suchtkranken. In der Regel werden die mit dem Etikett Alkoholismus gekennzeichneten Patienten nicht oder unzureichend auf Vorerkrankungen behandelt. Wie auch, nur 10% der zugelassenen Psychotherapeuten behandeln Sucht überhaupt.
www.paradigmenwechsel-ev.de/Willkommen/Aktuell_files/Dissertation%20BACLOFENE%20%282%29_1.pdf
Holger Hutt schrieb am 29.07.2011 um 15:39
Angst vor dem nächsten Album, das Back to Black nur schwerlich hätte übertreffen können? Andreas Hartmann macht das jedenfalls in seinem äußerst sym- und empathischen Text sehr stark
jungle-world.com/artikel/2011/30/43681.html
Columbus schrieb am 29.07.2011 um 21:27
So ist es. Und diese Angst, die nicht aus der musikalischen Kraft und Kreativität, aus dem ganz unbezweifelbarem Talent kommt, sondern aus der Angst mit der Sucht ständig nichts von Wert zu produzieren, auch nichts von Selbstwert (Entwertungstendenz und Selbstanklage, nach außen hin, ständiges Ringen um Zeichen der Selbstständigkeit), stammt aus der Sucht.

Allerdings hat mich das Privatleben der Sängerin A.W. genau so wenig interssiert, wie das der Gaga, deren Musik mit wachsendem Ruhm und wachsender Aufmerksamkeit, auch nicht besser wurde. Sogar meine anfänglich begeisterten Kinder treten nun in den Streik und schmeißen deren Songs von ihren Playern, tilten die Jpgs und knüllen die Print-Bilder in den Müll. Winehouse bleibt.

Ganz schlimm war die Verlautbarung der Familie, die Amy Winehouse als "drei Wochen-Abstinenzglück" zeichnete. Da arbeiteten sich koalkoholische Angehörige in tiefer Trauer ab. Leider wurde das sofort boulevardisiert und in die Fangmeinde getragen.

Das ist genauso absurd, wie z.B. die Bemerkung, Amy Winehouse sei nicht an der Sucht, sondern in einem Delir, also an den Folgen einer radikalen und kurzen Abstinenzphase, also im Entzug, gestorben. Leider kann kein seriöser Journalist so viele Artikel schreiben, um diesen ganzen Unsinn, der beständig in die Welt gesetzt wird, wieder zurück zu holen.

Federico weist auf die Defizite hin, die aus festgefahrenen Klischees über Süchtige heraus entstehen, auch unter Suchttherapeuten und Institutionen. Das Problem der Komorbidität muss mehr Beachtung finden.

In Deutschland ist das natürlich eine Kritik, die von einer sehr komfortablen Ausgangsituation ausgehen kann. Es sind im Prinzip genügend Behandlungsplätze in jeder Stufe der Therapie und ein ausgezeichnetes Netz an Selbsthilfeorganisationen vorhanden.

LG
Christoph Leusch
Holger Hutt
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