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Der SPIEGEL ist ja immer für einen intelligenten Kommentar zu haben. Jüngst wurde sich im Kulturteil damit auseinandergesetzt, wie fiktiv doch der reale, wie real der fiktive Wahlkampf ist, wie unterschiedlich sich die Gesichter und Phrasen mit Bedeutung aufladen, die von Schlämmer und Sonneborn, respektive Merkel, Steinmeier und dergleichen getätigt werden. Da wird das Feuilleton dieser Tage doch gerne bemüht, über das Reale zu sinnieren.
Schlämmer und Sonneborn sind dabei zwar Irreale Zeichengeber, deren Zeichen sich aber mit realer Bedeutung aufladen. Wenn Sonneborn als Machtpolitiker auftritt, so ist das im Angesicht absurd-niedriger Umfragewerte nicht irrealer als die Forderung Steinmeiers, "Kanzler aller Deutschen" zu werden, so der Tenor. Schlämmers Umfragewerte, so allseits verlautet, bewegen sich in vergleichbarem Bereich, wenn sie nicht sogar noch höher zu verorten sind. Schlämmer beliebter als Merkel? Sonneborn realistischer als Steinmeier? Was ist da los?
Jacques Lacan prägte die Idee des leeren Signifikanten: Dort werden Zeichen ins "Reale" geworfen, treten dort auf, und füllen sich nach Belieben mit Bedeutung. Sie sind Hüllen des Realen und dadurch doch noch nicht im Realen verhaftet. Wer ist Merkel? Wer ist Steinmeier? Wer ist Bundestagswahl? Wir haben es mit Verschiebungen zu tun, die über ihre Inszenierung hinausweisen auf ein unbeschriebenes Blatt Papier, eine weiße Fläche mit Platz für alle Farben und Formen. Merkel die Hausfrau, Merkel die Machtpolitikerin, Merkel der Schatten am rechten Flügel der Vergangenheitspolitik, Merkel das Phantom, das Inhaltsvakuum.
Das Schöne an Schlemmer und Sonneborn ist, dass sie bei aller Fiktionalität nicht irreal wirken. Schlämmer sagt: Ich bin real, ich rieche. Wer wird dem widerprechen wollen? Sonneborn meint seine Sache vielleicht gar ernster als viele andere und das ist doch die Ironie. Wenn die Fiktion auf die Realität der Fiktion der Realität hinweist, wie kompliziert kann ein Wahlkampf dann eigentlich noch werden? Wird das Reale dann nicht ein anarchischer Zustand, die Fiktion die Regelstruktur des Daseins? Oder anders gefragt: Was kann man eigentlich noch glauben?
Erstaunlich und erschreckend zugleich ist die bisherige Leere des Wahlkampfes, die erst im Fiktiven aufgefüllt zu werden scheint. Und wenn Merkel versucht, durch die Ausbreitung privater Kochgewohnheiten, Steinmeier durch die Illusuionierung eines machbaren Zukunftsfahrplanes wieder auf dem Planeten Erde präsent zu werden, quasi die zukunftsfähige Menschwerdung zu vollziehen, an deren Ende die Himmelfahrt steht, dann weist die Fiktion wieder in das Reale hinein und darüber hinaus. Wer wählt im September Kochrezepte und glaubt an die Zukunft? Wer will einfach nur sorgenfrei dem Ruhestand entgegengehen und vielleicht ein gutes Rezept zum Dünsten von Möhren ausprobieren? Und wer will tatsächlich Grevenbroich als Hauptstadt oder gar die Mauer wieder errichtet haben?
Die Fiktion, das bist du, Wähler. Du bist der Alptraum im Tiefschlaf der Macht, du bist der leere Signifikant, der im Wahlkampf ständig mit Bedeutung gefüllt, mit weißem Stift auf weißem Papier gezeichnet wird. Du hast Zukunft und bist hungrig. Deine Aufgabe: Werde real.
Wach auf.
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Dieser Beitrag sagt Wahres schön & auch gut.
Trotzdem: Schack Lackan ist selbst ein Lehrersignifikant. Der Zielsatz des Beitrags: "Die Fiktion, das bist du, Wähler." ist aber genau richtig, denn es geht ja nie um antike Demokratie der Sklavenhaltergesellschaft z.B., sondern nur um die Verwaltungsform der Massengesellschaft einmal in politischer Richtung, ein andermal in Richtung der Formung von wirtschaftlicher Macht. Falls heute "Wähler" real werden, wäre auf einen Schlag die humane Menschheit da. Wirklich da. |
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die frage nach der fiktionalität des politischen ist ja schön und gut. die schrägen eulenspiegeleien eines schlämmer in seiner hauptstadt grevenbroich[-breuch] sind der wahrheit aber so fern wie die kämpfe um die kreuzchen. wann endlich werden sozialwissenschaft und praktische politik w. lippmanns Public Opinion, die radikale kritik des demokratischen modells, rezipieren? und konsequenzen ziehen?
und wann endlich werden die angesprochenen instanzen die notwendigen lehren aus dem milgram-experiment in die gesellschaftliche praxis übertragen? (non)fiktionales polittheater verschiebt und vergrößert doch nur die drängenden probleme. |
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Schöner Beitrag
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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