holstebro

[...]

02.08.2009 | 13:03

Wer regiert hier eigentlich wen? Menschen und Maschine Teil I

Möglicherweise ist die Koppelung zwischen Mensch und Maschine überhaupt keine Koppelung, sondern ein Krieg. Mensch gegen Maschine. Was für ein Topos, was für ein Alptraum. Die Frage ist nur die Wahl der Waffen. Ein kleiner Versuch eines Ganges durch die Geschichte.

Möchte man der Kulturgeschichte auch nur einen Funken Glauben schenken, so ist die erste Maschien der Welt ein Gott. Welch Ironie, dass sich in den späteren Science-Fiction Diskursen die Maschine lediglich als Schöpfung darstellen solle. Der Deus ex Machina, Gott aus der Maschine, genial karikiert als Rettungssaurier Mac in Walter Moers "Käpt'n Blaubär", erscheint immer dann, wenn die Szene zusammenbricht. Der Mensch schleicht auf der Bühne der Welt herum, gefangen zwischen Tag und Nacht, an eineim einzigen Ort, deren Einheit Aristoteles so vehement und zum Schrecken aller Literaturstudenten einfordert. Die Einheit der Szene und die Einschreibung aller Ontologien in diese Szene bekommen den Begriff "Fatum", das Schicksal, zugeteilt, in das der Mensch hereingeworfen ist, die Schwärze der Existenz und die unerbittliche Ununmgänglichkeit der ihn umzingelnden Dinge. Bei Protagoras sind es noch die wilden Tiere, die um das Lager schleichen. Jetzt ist es die Existenz selbst, die ihm Wahn geschaffen wurde. Wer soll ihn, den Menschen, die Beute wilder Tiere, vor dem retten, was er nicht kontrollieren kann? Es ist, natürlich, der Gott. Und der ebtfährt, natürlich, aus der Maschine. Will sagen: Er ist konstruiert. Will weiter sagen: Die Szene selbst ist konstruiert, das Auftauchen der dahinkonstruierten Rettung durch ein höheres Prinzip wirkt nicht "natürlich", nichtmal "künstlich", sondern nur noch mechanisch. Ein Organon des Existierens. Halten wir fest: Das Eingreifen der Maschine in die Welt durch die Hand des Gottes ist eine widernatürliche Intervention in das Schicksal des menschlichen (Anti-)Helden.

Die Welt entfremdet sich selbst durch die Machine. Wenn Ovid in seinen Metamorphosen später den Organismus und Wandel aller Formen als oberstes Prinzip erklärt, so hat dies wenig mechanisches an sich. Das Sein, die Natur, holt sich die Dinge zurück, indem sie sie nicht vernichtet, sondern verwandelt. Die Phänomenologie des Gottes ist eine Transformation. Das sieht auch noch das Mittelalter ein. Die Welt ist im Wandel, und am Ende herrscht die Freiheit. Jede Mechanik ist keine Freiheit, sondern ein Determinismus, der seine Form nicht ändert und die Bewegung einschränkt. Dieser Einschnitt ist es, der die Maschine zum Feind erhebt, den Menschen, als Gottes Schöpfung, zum Schöpfer selbst macht. Wie es in Clerks 2 heißt (wenngleich fadenscheinig): Gott schöpfte den Menschen und der mensch kreiert die Transformers. Es ist also nicht gegen Gottes Plan, dass Maschinen sich in andere Maschinen verwandeln, sie bleiben immer Maschinen. Dass die Transformers sozusagen die anorganistische Variante der ovid'schen Metamorphosen bilden, ist dabei sicherlich nicht uninteressant.

Von hier an entsteht das Genie. Der Mensch wird Schöpfer. Er ist nicht mehr im Fatum gefangen, er wähnt sich unmündig. Er wird frei. Er schöpft sich selbst. und seine Ebenbilder. Die Welt gehört ihm, nicht erst seit der Industriellen Revolution. Der Influxionismus und die Vielsaftlehre, die den Körper über Jahrhunderte als mechanisiertes Gefäß auffassen, drohen einem Weltbild in die Quere zu kommen, das die Seele des Menschen als höchsten Schöpfungsakt sieht. Der Körper als Gefägnis des Geistes, das besiegt werden muss. Der Influxionismus, der den Körper als affektgesteuerten Biomechanismus betrachtet, sieht die Seele als Kausalität verschiedenster kleiner Rädchen an. Der Körper, die eigene Maschine, das eigene Andere. Wenn ich, wie die Aufklärer, die Seele als Spiegelbild des Universums sehe und als meine Identität annehme, dann bin ich entkörpert, die eigene Maschine ist das Fremde außer mir. Was hier geschieht ist der Erste Akt der Entzweihung zwischen Mensch und Maschine: Das eine ist beseelt, das andere unbeseelt. Die Maschine, das Hindernis der Freiheit.

Von nun an herrscht Krieg: Der Mensch hat sich der Maschine durch zwei Akte entäußert: Durch die Selbstzuweisung der Schöpferrolle und die Universalisierung der Freiheit der Seele. Die Maschine hat nun, seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert, zwei Aufgaben: Sie muss überwunden werden und, zweitens, sie muss unterworfen werden. Ohne Schöpfer keine Schöpfung, ohne Unterwerfung keine Regierung, ohne Regierung keine Freiheit. Die Urangst des Menschen, von den Maschinen regiert zu werden, hat hier ihren Ursprung, um 1800 herum, zwischen Aufklärung und Industrialisierung. Der Mensch emanzipiert sich vom Fatum (und damit vom Deus ex Machina), indem er sich selbst zur Mündigkeit befreit. Die Waffe des Menschen ist die Seele, das Signum der Unsterblichkeit gegen den verwesenden Organismus, die Maschine. Die Waffe der Maschine ist ihre Determiniertheit und Funktionalität: Sie ist das Gefängnis der Moderne, der Reflex der eigenen Existenz, der Motor der Veränderung und des Wandels. Sie ist die Nachtseite der Schöpfung, der Alptraum der Freiheit. Sie ist das Andere des Menschen, das sich aus dem Eigenen heraus gebildet hat. Der Mensch selbst ist der Deus ex Machina seiner eigenen Existenz.

 

In Teil II: Wie die Maschine unsere Albträume besetzt und den Menschen unterwirft, indem sie wird, was er ist: zukunftsfähig und lebenshungrig.

 

 

 
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Kommentare
Megan Fox-Smith schrieb am 11.12.2009 um 12:47
Schöner beitrag.
holstebro
Sagen Sie, sind Sie nicht der.. nein? Sie sehen ganz anders aus, also im Fernsehen...
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Kommentare: 16
Logbuch
01:27
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:11
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:05
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:04
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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