hrabal

Blog von hrabal

17.02.2010 | 14:33

Ein ägyptischer Muslim rechnet mit der islamischer Realität ab. T.2.

Hamed wusste nicht, was da zum Lächeln wäre. Aber der Tourist lächelte und meinte, so, so, scheinbar haben alle die Männer in Cafés nur die Absichten. Wer macht aber die Arbeit? Und so ging das die ganze Zeit. „Viele von Hartmuts Fragen waren durchaus identisch mit meinen.“ Er wusste aber keine Antworten, versuchte sein Land zu verteidigen und war deswegen wütend und unsicher. Er schämte sich für seine feige Verlogenheit.
   Die Touristen reisten ab und zurück blieb ein unangenehmes Gefühl, etwas Befremdendes nistete sich in seinem Leben ein. In den drei Wochen mit den Deutschen galten keine Gesetze, keine Verbote, das Undenkbare wurde normal, nichts blieb wie vorher. Probleme, die ihn peinigten waren für diese Westler bloße Bagatellen. Was machte sie so sicher? Er versuchte sie zu hassen, zu verachten, diese Ehrenlosen!

Der Westen eignet sich ideal für die Rolle des Schuldigen, der dafür verantwortlich gemacht wird, dass die islamische Welt den Anschluss an die Moderne verpasst hat.“ 
      W
o findet man eine sichere Antworten? Hamed sucht in häuslichen Gefilden und entdeckt die radikale islamische Gruppe Muslimsbrüder und ihr 'Dschihad'. Hier hat man nicht gezweifelt. Leben in Ausbildungslagern, Gebete, Kampfträning, Gebete.
    Zu seiner Enttäuschung wurde er „trotz Einhaltung aller Rituale immer noch kein guter Muslim“. Er wähnte sich in einer Falle. Etwas musste geschehen. Die Lösung fiel buchstäblich vom Himmel. Auf dem Flughafen hat er eine deutsche Studentin kennen gelernt. Studieren in Deutschland? Warum nicht. Kurz danach, im Jahr 1995, stand der ägyptische Student Hamed Abdel-Samad auf dem Frankfurter Flughafen.
Aha, noch ein Kamelflüsterer aus der Wüste, der von unserem Wohlstand profitieren will“, glaubte er in den Augen des Passbeamten zu lesen.       Nichts war, wie er sich das erhofft hatte. Erstmal – Unsicherheit. Keine Ahnung, wohin er in diesem fremden Land hingehörte. Eins war für ihn sicher, Araber und Moschee wird er meiden. Er wollte endlich seinen Traum von der Freiheit erfüllt haben.

Ich war naiv und glaubte, es reicht 'westlich' zu leben.“ Es kam ganz anders.    Hamed musste bitter erkennen, dass man sich keine Freiheit nach eigenem Maß zuschneiden kann. Er hat das Land, den Kontinent verlassen und er blieb der Alte. Weiterhin trank er keinen Alkohol, mied den Konsum und die Frauen. Gleich blieben nur die Fragen. Was hat er erwartet, warum kann er nicht so lustig leben wie seine Kommilitonen? Soll er saufen? Widerlich.                                                  Ich war wie mit einem unsichtbaren Band an meine Tradition und Wertevorstellungen gebunden. So weit ich mich entfernte, ich wurde doch immer wieder ..zum Ausgangspunkt zurückgezogen.“                   Er reagiert wie alle Immigranten. Die Deutschen sind an allem schuld.

Die Heirat mit seiner deutschen Freundin brachte nur mehr Probleme.! „Zum Teufel mit eurer Freiheit“, schrie er seine Frau, als sie ihm helfen wollte. Die verdammte Freiheit! Sie hat ihm keine Ruhe gelassen und sein Leben zu einem Chaos gemacht. An der Universität, zu Hause, überall musste man Entscheidungen treffen. Das war nicht die Freiheit, von der er geträumt hatte, das war Zwang „sich zwischen der Cola und Cola light zu entscheiden.“ Unmenge Angebote und Möglichkeiten. Ihm fehlten 'Anweisungen' seiner Familie, feste Regeln einer Gemeinschaft. Keiner hat ihn aufgeklärt, dass gerade die Selbständigkeit die Grundlage der Freiheit ist.
      Er versucht das neue Leben da zu erobern, wo es ihm am einfachsten schien. Der verhasste Konsum. Er bemüht sich das Leben seiner Kommilitonen nach-äffen. Seine Erkundungen fangen harmlos an. Das Fahrradfahren und das Schwimmen, dann entdeckt er die Pornofilme und den Alkohol und macht seine ersten Erfahrungen mit Prostituierten. Er hasste sein Leben , füllt sich machtlos und flüchtet sich sogar vor sich selbst in eine Moschee.
     
Mir waren alle Karten des Identitätspoker ausgegangen. ..mir war klar, dass ich diese Schizophrenie nicht länger ertragen konnte.“ Er war ein Getriebener und wurde immer wütender, immer aggressiver. Deutschland wurde zu einem Feind.
    
Deutschland war mein Feind geworden und ich war bereit, Gewalt gegen Deutsche auszuüben.“

Die alten Ängste seiner Kindheit holten ihn wieder ein. Panikartige Ängste. Wäre auch er imstande, ein Kind zu vergewaltigen? Solche und ähnliche Wahnvorstellungen verfolgen ihn Tag und Nacht. Es gibt kein ein und aus. Er flüchtete sich freiwillig in die Psychiatrie und ging durch die Hölle. Psychopharmaka, Hypnose, Gummizelle, Selbstmordversuche, Unmündigkeit.
    
Was wusste der Richter über Geist und Seele...dass ich kein Verrückter bin, dass nur mein Herz leidet.“ Nach langer Zeit öffnete er wieder den Koran - und die Melodie der Verse beruhigten ihn.
    
"Ich brauchte meine Religion, nicht als Glaubenssystem, sondern als Rückbindung an meine Wurzeln“.      Er begriff, er muss sich von seiner Religion und von seiner Angst „nicht-religiös“ zu sein, befreien. Nach diesen harten Erfahrungen sieht er keinen Sinn im weiteren Studium. Inzwischen geschieden, wurstelt er sich durch und sucht. Die nächste Flucht ist schon programmiert. Nach Japan. Dieses Land hat ihn gereizt, seine starke Tradition und strenge Hierarchie waren ihm nicht fremd. 
    In Japan hat er seine zweite Frau getroffen, seine große Liebe. Das Leben in diesem Land war, wie eine unbewegliche Wasseroberfläche. Keiner debattierte, keiner stellte ihm Fragen über den Islam und Hamed wunderte sich, dass ihm die Deutschen doch fehlen,              
ich sehnte mich nach einer konstruktiven Diskussion“.
   
In seinem Leben kehrte Ruhe ein, er sucht nicht mehr nach den Schuldigen, „ich verstand, dass mein Problem in mir selbst lag.“
  Es war die Ruhe vor einem Sturm, der alte Hamed lauerte. Der Sturm kam. Seine Freundin fing an, über die gemeinsame Zukunft nachzudenken. Hamed dreht durch. 

     „Ich war für eine Familie nicht bereit.“ Panikartige Flucht, Asthmaanfall, Krankenhaus, Rückkehr nach Deutschland. Es dauerte Jahre bis er den Mut fand, seine Liebe zu heiraten.     Aber - der 'alte' Hamed folgte ihm auch in diese Ehe. Während eines der zahlreichen Ehedispute ist er explodiert und hat seine Geliebte windelweich verprügelt. So, wie es in seiner Familie die Sitte war. Es packe ihn Entsetzen und bodenloser Scham und er hatte nur einen Gedanken -weg!
    Seine Frau verstand, blieb und zwang auch ihren Mann zu bleiben, endlich stehen bleiben und sich selbst ins Gesicht schauen und sich helfen zu lassen. Heute, nach einer Therapie, kann er ruhig und gelassen über sein Gelebtes reden.

Ich schäme mich für meinen Vater und meine beiden Brüder, die ihre Frauen regelmäßig schlugen. Ich schäme mich für die Sure 4 des Korans, die Gewalt gegen die eigene Ehefrau billigt. Ich schäme mich, dass die berühmtesten Figuren meiner zeitgenössischen Kultur nicht Gandhi, Dalai Lama oder Martin Luther King heißen, sondern Khomeini, Bin Laden, Saddam Hussein.“

Hamed Abdel-Samed stellte sich der neuen Freiheit und übernahm die Verantwortung für sein Leben. Er trennte sich vom Gott seiner Kindheit. Es war Abschied von einem grausamen und einem strafenden Gott, auf den sich viele kleine Götter, Väter, Lehrer, Herrscher, berufen.

Gott ist nicht die Antwort auf meine Einsamkeit. Gott ist meine Einsamkeit..eine Flucht vor der Flucht. Ich bin aus der Sehnsucht und der Gewalt meiner Welt gemacht. Ich bin kein Opfer, sondern Teil eines Konfliktes, ein 'Sohn meines Vaters'.                                                      Warum wurde aus Hamed kein Terrorist ? Als er über die Anschläge am 11. 09. 01 las „entdeckte ich schreckliche Parallelen zwischen ihren Lebensläufen und meinen...und stellte mir die Frage, warum sie diesen Weg gewählt hatten und warum ich kein Terrorist geworden war.

Hamed liefert keine Antwort, aber der Leser kann sich mindestens eine wage Vorstellung machen, was für ein Wirrwarr in einigen muslimischen Köpfen der täglicher Kampf mit der Freiheit auslösen könne. Abdel-Samad bestätigte, was man in Europa lange nicht wissen wollte. Das Studium und das westliche Wissen ist keine Hilfsbrücke, die aus dem Mittelalter der islamischen Gesellschaft in die westliche Demokratie führt.
      Das Buch erschien erstmal auf arabisch in Ägypten und, wie man erwarten konnte, es war eine Bombe. Die muslimische Öffentlichkeit war aufgebracht und beleidigt. Der Autor bekam Morddrohungen in Ägypten, wie auch in Deutschland. Aber er hatte auch viel Zustimmung erfahren, hauptsächlich viele junge Menschen waren begeistert. Endlich hat jemand in Worte gefasst, was sie quälte und beschäftigte. Gewalt bedroht wieder seine Existenz.

Vor 13 Jahren verließ ich Ägypten mit der Hoffnung, in Freiheit leben zu können. Nun bin ich mitten in Europa auf Polizeischutz angewiesen, weil ich von meinem Recht auf freue Meinung Gebrauch machte.

Lieber Hamed, wohin geht diesmal deine Flucht?

 

 
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Kommentare
dame.von.welt schrieb am 17.02.2010 um 15:07
Wer sich lieber selbst ein Bild von Hamed Abdel Samad machen möchte, hier einige links:
tinyurl.com/y8oqn7c
tinyurl.com/yf4n57e
www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/951038/Abschied-vom-Beleidigtsein
www.taz.de/1/leben/buch/artikel/1/ich-bin-zum-wissen-konvertiert/

Die 'Flucht', wenn man es denn so formulieren möchte, besteht aktuell offenbar in einer Kooperation mit Henryk M. Broder. Wobei für mich noch sehr fraglich ist, ob sich Hamed Abdel Samad gegen die lauten Profilneurosen von Broder durchzusetzen vermag.
www.sueddeutsche.de/kultur/794/501055/text/
www.tagesspiegel.de/medien-news/Henryk-M-Broder-Entweder-Broder-Die-Deutschland-Safari-Hamed-Abdel-Samad-Roger-Willemsen-ARD;art15532,3012122
dame.von.welt schrieb am 17.02.2010 um 15:16
Der letzte link funzt nicht, 'zefix!
tinyurl.com/y8jh5gv
hrabal
Bücher und Internet gehören zu meinem Alltag. Ich mag eine faire Diskussion und fürchte jegliche Untoleranz.
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Logbuch
01:27
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:11
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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luggi hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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