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Blog von hrabal

24.10.2009 | 15:33

Kein Kopftuch ist wie das Andere. T.2.

In den islamischen Ländern gibt es immer mehr solche Füchslein. Die muslimische Frauen drängen ans Licht, an die Öffentlichkeit, raus aus der Opferrolle. Oft ist es nur ein kleines Aufbegehren, ein stiller Protest, in der westlichen Presse nur eine unmerkliche Notiz wert. Auch die ärmsten und rechtlosesten fangen an zu reden. Lauter kleine unsichtbare Revolutionen.

 

Eine solche „stille“ Heldin lebt auf Philippinen. Liza Maza ist Sozialarbeiterin in Manila und arbeitete in den Slums. Bald wurde sie zu einer feurigen Kämpferin gegen den Frauenhandel, gegen die Prostitution und Gewalt. Sie schaffte das bis

ins Parlament und kämpft weiter. Täglich riskiert sie ihr Leben, sie wird bedroht,  und terrorisiert, sie lässt sich nicht einschüchtern. Eine wahre Heldin!

 

Reiche Ehefrauen und Töchter in den Arabischen Emiraten und in Saudi Arabien kennen solche Risiken nicht. Die Dollars ihrer Ehemänner ermöglichen ihnen gewisse Privilegien, sie ermöglichen ihnen sich der ersehnten Freiheit Schrittchen nach Schrittchen zu nähern. Für Geld kann man bekanntlich alles bekommen, also auch die Gleichberechtigung, mindestens die arabische Version. Heute gehört sich, dass die Töchter der Ölmagnaten auf den prominentesten Einrichtungen studieren.

Aber was dann? Der konservative wahhabistischer Islam duldet die Frauen nicht mal am Autolenkrad, geschweige denn im Parlament. Also, sie müssen weiter zu Fuß

 und so manche kamen schon ganz schön weit.

 

In Saudi Arabien berief König Abdullah eine Frau in seine Regierung.

Nura al-Faies ist zu Vizeministerin für Erziehung und Schulwesen ernannt worden, verantwortlich für die Frauenbildung. Sie studierte Soziologie und Pädagogik in Riad und im mormonischen Salt Lake City, USA. Nichts Verwunderliches, mehr als

zwei Drittel der Diplomträger in Saudi Arabien sind Frauen. Die Schwierigkeiten kommen erst später, ihr How Know  wird zu Hause kaum gefragt,

so weichen einige in die Wirtschaft oder in die tolerantere Emirate aus.

 

Mutiger waren vier junge Musikerinnen in Saudi Arabien, sie wagten sich an die Öffentlichkeit und gründeten die Rockgruppe „The Accolade“, eine kleine Revolution.

 

Alles fing in einer Garage an. Arabische Frauen, die es in die Öffentlichkeit

wagten, wissen sehr genau, wie fragil diese „Freiheit“ ist, sie halten bestimme Spielregel an und hüten sich das Establishment zu provozieren. 

 

„Wir respektieren unser Land“, erklärten Dina und ihre Kolleginnen einstimmig. Drogen, Alkohol und Zigaretten sind Tabu.

 

„Wir respektieren unsere Tradition“, Sie wollen erst mal nur „Jams for Ladies“ spielen, betonen sie, aber im Internet trällern sie mutig über die Liebe, glückliche

und unglückliche, über die Männer und dazu noch auf englisch. Es ist schon etwas absurd, normalerweise dürften diese Mädels nicht mal Koranverse laut einzustimmen und nun schmettern sie gleich einen Rockhit nach dem anderen. Dank dem Internet. Heute sind sie richtig Stars geworden und träumen von einem „normalen“ Konzert. Vielleicht!.

 

Die emanzipatorischen Anstrengungen schaffen es aber nicht, die strengen sozialen Grenzen durchzubrechen. „Da unten“ sieht das anders aus. So musste eine einfache Mutter in einer arabischen Kleinstadt ihren ganzen Mut aufbringen, als sie es wagte, vor dem Provinzgericht eine Klage wegen den sexualen Missbrauch ihrer Tochter Klage zu erheben. Der Vater verkaufte seine achtjährige Tochter an einen alten Mann. Die Mutter verlangte eine Scheidung. Ihr Rechtanwalt und der „Ehemann“ schlagen sich den Koran und Mohammed um die Ohren. Das Gericht hat die Klage erst mal abgelehnt.

 

Arabische Halbinsel - Abu Dhabi. Alle zwei Jahre versammeln sich die prominenten Frauen der arabischen Politiken und plaudern über die Frauenfragen. Unverbindlich, ohne zu große Konsequenzen. Bei dem letzten Treffen hieß das Thema die Chancen und die Rechte der arabischen Frauen.

Die Damen luden diesmal eine junge und kompetente Referentin, eine Wissenschaftlerin, die an der Universität in Amman an einem Hilfsprojekt für die armen muslimischen Frauen mitarbeitet, ein. Den armen muslimischen Frauen soll geholfen werden, damit sie eine gute Ausbildung bekommen und in einfachen Berufen arbeiten können und selbständig leben können.

 

„Das größte Hindernis ist, dass solche Arbeiten als Schande angesehen werden.

Oft wird sogar die Frage gestellt, ob Frauen überhaupt arbeiten sollen“, bemängelt die junge Wissenschaftlerin.

„Wir müssen noch so viel verändern.“

 

„Niemand hat den Mut, die wirklichen Problemen der arabischen Frauen, Morde, Prügel, Scharia, Isolation, Analphabetismus, zu benennen“, explodierte eine der junge Teilnehmerin. Die Anderen nicken vorsichtig zu, einige unter ihren Abajas versteckt. Solche „radikale“ Töne sind für viele der Damen beunruhigend.

 

 Die Gastgeberin des Kongresses in Abu Dhabi, Scheicha Fatima bint Mubarak,

eine strenge Muslime, schwarzes Kopftuch und verhülltes Gesicht, ist geliebt und gefeiert als die „Mutter der Araber“. Seit Jahren setzt sie sich für die besseren Chancen der muslimischen Frauen ein. Wie die meisten aus ihrem Beduinenstamm lernte auch sie erst spät schreiben und lesen. Und heute? An der Universität in den Emiraten studieren mehr Frauen als Männer. Ihr Verdienst.

      In September 2009 Jahres öffnete in Saudi Arabien die erste Hochschule für männliche und weiblich Studenten. Und 15% Frauen wagten schon die Immatrikulation.

      

Es waren noch andere Frauen, die im Luxushotel diesen feurigen Reden zugehört haben. An den Türen drängten sich schmale, geschundene Frauengestalten. Das Hotelpersonal, die modernen Sklavinnen aus den Philippinen, Burma oder Indien. Rechtlos und ungebildet, von ihren Arbeitgebern geschlagen, erniedrigt und sexuell ausgebeutet. So haben die islamischen Machos wieder Weiber, von skrupellos beherrschen können. Natürlich hatten die eifrigen Emanzen

keine Minute Zeit, diese Frauen überhaupt zu bemerken. 

 

Weitere „stille“ Heldinnen kämpfen an anderen Fronten, die weit brutaler sind.

Kenia, Gewalt, Prostitution, Hunger, Hoffnungslosigkeit. Eine junge Muslime entschloss sich zu handeln, sie wollte nicht weiter ein Opfer der männlichen Grausamkeiten sein. Die aktive Pazifistin Dekha Ibrahim Abdi setzte alle

verfeindeten Stammführer, Handelsleute und Unternehmer an einen Tisch und zwang sie zu kommunizieren und sich gegenseitig zuzuhören. Für afrikanische Verhältnisse ein ungehörtes Wagnis. Die vierfache Mutter ließ nicht locker. Es ist ihr weiter gelungen ein Friedenskomitee zu gründen und ein Kommunikationsnetzwerk zu organisieren. Im Jahr 2007 bekam sie den alternativen Nobelpreis.

 

Pakistan. Terrorismus und brutale Gewalt gegen die Frauen, mittelalterlicher Rachekodex. In diesem Land als Frau geboren zu sein, das bedeutet unermessliches Leid. Die brutalen mittelalterlichen Stammestraditionen regeln das tägliche Leben. Zu den schlimmsten gehört ohne Zweifel die sogen. „Swara“, die barbarische Art, wie die verfeindeten Stämme ihre Streitereien lösen. Der „beleidigte“, natürlich ein Mann, bekommt als Entschädigung ein Mädchen/Kind. Das Alter spielt keine Rolle.

 

„Die Mädchen werden bei einer Swara wie eine Ware behandelt, niemand respektiert ihr Leben. Ich will, dass dieser Brauch beendet wird.“

Die Filmregisseurin Samar Minallah kennt das Leben der paschtunischen  Frauen sehr gut, sie ist eine von ihnen. Nach dem Studium in Cambridge kehrte sie zurück, entschlossen etwas zu ändern. Sie wollte diesen stummen Opfern eine Stimme und ein Gesicht geben. Sie dreht mit ihnen und über ihre Schicksale Filme. Sie erfährt Schreckliches. Die Frauen zahlen für die Verbrechen der Männer. Sie werden verkauft in die schreckliche Sklaverei, im 21. Jh.

 

„Ich hoffe, meine Tochter stirb bevor sie  mir weggerissen und in die Hölle geschickt wird“ – die Mutter schaut starr in die Kamera.

„Ich werde mental und körperlich gefoltert“, sagt eine Unglückliche in einem anderen Film.

 

„Natürlich wird sie gedemütigt. Schließlich ist sie der Preis, der für die Ermordung meines Sohnes bezahlt wurde“, erklärt ein Stammesälterer gleichgültig.

 

Swara ist eigentlich verboten, aber wer würde es wagen, einen wichtigen Stammesführer zu kritisieren. Die studierte Anthropologin und Filmemacherin lässt sich nicht einschüchtern. An Feinden fehlt es ihr nicht. Es wird ihr anonym gedroht, wenn sie nicht aufhört, den Schmutz auf den eigenen Stamm zu werfen, wird ihr so ergehen, wie ihren Akteurinnen. Auch diese „Aussichten“ können sie nicht bremsen.

 

Die Gleichberechtigung der Frauen – das war immer schon und es ist immer noch

die Zukunftsmusik. Wenn die Frauen „wagten und wagen“ ihre Rechte zu verteidigen, mussten sie immer schon sehr mutig sein, egal ob sie ihr Wahlrecht verlangten, oder etwas so banales, wie „Erlaubnis“ in die Hosen steigen zu dürfen. Frauen und Hosen! In Sudan werden jährlich 10 000 Frauen ausgepeitscht, weil sie es wagten, sich in Hosen zu zeigen. Eine mutige Journalistin versuchte ihr „Hosenrecht“ sogar vor Gericht in Khartum durchzusetzen. Wieder eine kleine und bahnbrechende Revolution!

 

„Ich habe nichts Böses getan, ich will nur, dass die Leute erfahren, was hier täglich geschieht.“ Die studierte Muslime arbeitet in der Pressezentrale der UN und regelmäßig referiert über die Situation der Frauen im Land.

Bevor man sich über so eine Rückständigkeit monier, empfehle ich die Lektüre eines kleines Büchleins, noch nicht lange her, im 1989, in Milano bei Mondadori erschien ist.

Lara Cardella: „Volevo i pantaloni“ ( Frankfurt/M. 1990, Ich wollte Hosen).

Die Autorin, geboren 1969 in Sizilien, beschreibt ihren eigenen, tragischen Kampf um die Hosen.

 

 

 

 

 

 

 
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