Eugen Epp

Blog von Eugen Epp

19.01.2011 | 16:49

Euroweb vs. Nerdcore - A Shitstorm´s coming

Bloggen kann gefährlich sein. Gegen Blogger vorzugehen aber manchmal auch, jedenfalls ein bisschen. Ein Lehrbeispiel dafür, wie sich beide Seiten nicht verhalten sollten, bietet der aktuelle Fall, der die Blogosphäre derzeit zum Kochen bringt: Euroweb vs. Nerdcore.
 
Nerdcore, falls es tatsächlich jemand nicht kennen sollte, ist ein Blog „about very cool stuff“ und war bis gestern das zweiterfolgreichste deutsche Blog laut Blogcharts. Rene Walter sammelte dort allen möglichen Internetkram (Videos, gif.s, Bilder, Texte) und ich habe mich oft gefragt, wie das Leben dieses Mannes aussieht, der wohl den ganzen Tag damit verbringt, schräge Sachen im Netz zu suchen. Seit gestern ist Nerdcore offline. Genauer gesagt: die Domain nerdcore.de gehört seit gestern Euroweb, einem allem Anschein nach etwas zwielichtigem Internetdienstleister.
 
Die genauen Umstände dafür sind verwirrend, früher hätte man gesagt, es ist eine lange Geschichte. Netzpolitik.org berichtet stets aktuell (hier und hier), die FAZ reagierte als erstes klassisches Medium auf den Fall und fasst die Vorgeschichte gut zusammen. Nur kurz skizziert: Rene hatte Euroweb offenbar in einem Post scharf angegriffen, war abgemahnt und zur Zahlung eines noch unbekannten Betrags verurteilt worden, hatte darauf aber nicht reagiert. Daraufhin wurde seine Domain gepfändet. Jetzt blasen Deutschlands Blogger zum Gegenangriff – oder wie es in Internetsprache wohl treffender heißen müsste: ein Shitstorm zieht herauf.
 
Tatsächlich steckt Euroweb mittendrin. Ich halte mich aus solchen delikaten Geschichten meist lieber raus, einerseits weil viele Blogger es sich zu einfach machen, andererseits weil manche Unternehmen für ihre Abmahnfreudigkeit berüchtigt sind. Aber auch wenn in diesem Fall noch längst nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen und die Meinungsmache vor allem im Web noch arg interessengeleitet ist, kann man doch eines festhalten: rein PR-mäßig war diese Aktion für Euroweb öffentlicher Selbstmord. Denn bekanntlich ist nicht alles, was legal ist, auch legitim. Die Zahl der negativen Blogeinträge und Tweets ist schon nach nicht einmal 24 Stunden Legion und es wird Euroweb nicht gelingen, gegen alle juristisch vorzugehen. (Und dass das Internet nicht vergisst, ist ja auch Stefan Niggemeier aufgefallen.) Außerdem ist dem Vernehmen nach durchaus anzunehmen, dass der Wert von nerdcore.de deutlich über der zur Diskussion stehenden Summe liegt. Seine Beliebtheitswerte kann Euroweb nach dieser Geschichte, egal ob sie im Recht waren oder nicht, im Keller suchen gehen. Vielleicht liegen sie neben denen der Deutschen Bahn und von Guido Westerwelle.
 
Ein paar Stunden nach Bekanntwerden der ganzen Unbill hat Euroweb oben beschriebenes Fiasko dann auch erkannt und sich im Krisenmanagement versucht: die Domain nercore.de soll versteigert werden, der Erlös soll zu 50% der Wikipedia (den Link kennt ihr ja wohl^^), zur anderen Hälfte den Freischreibern, dem Verband der freien Journalisten zufließen. Das ging ordentlich in die Hose. „Natürlich nehmen wir Geld! Aber doch nicht von jedem“ betiteln die Freischreiber ihren Blogeintrag, indem sie die in Aussicht gestellte Spende ablehnen. Ähnlich sieht es bei der deutschen Wikipedia aus, wo 185 Autoren das Geld von Euroweb nicht haben wollen (Stand: 19.1., 0:14).
 
In den Aufschrei, der momentan durch 99% der interessierten Blogs geht, möchte ich dennoch nicht einstimmen. Die ganze Sache ist mehr als blöd gelaufen, beide Seiten Fehler gemacht haben – zumindest ist das meiner bescheidenen Sachkenntnis nach meine Meinung. Abmahnungen und Urteile von ordentlichen Gerichten einfach zu ignorieren, das passt zu dem Rene Walter, den die Onlinewelt kennt. Von ihm selbst war lange kaum ein sachlicher Kommentar zu der Angelegenheit zu lesen  nicht verwunderlich angesichts seines schon im Nerdcore-“Alltag“ übertrieben launigen Schreibstils. (Update: Mittlerweile hat Rene gegenüber der SZ seine Sicht der Dinge ein wenig klarer gemacht.) Insofern ist Rene an dieser Eskalation der Lage auch selbst schuld, denn bei aller Sympathie für zivilen Ungehorsam gelten in einem Rechtsstaat Gesetze und Richtersprüche nun einmal auch für Blogger. Es scheint einer dieser Fälle zu sein, in denen Blogger meinen, das Internet gehöre ihnen und die Welt natürlich auch. Das Konzept von Nerdcore immerhin geht weiter, vorübergehen unter der Domain crackajack.de
 
Der Fall Euroweb vs. Nerdcore wird uns sicherlich noch ein paar Tage beschäftigen und wer weiß, ob er nicht in die Geschichtsbücher der Blogosphäre eingehen wird, so wie die Spreeblick/Jamba-Geschichte mittlerweile auch in vielen wissenschaftlichen Aufsätzen erwähnt wird. Schade ist aber: in diesem Fall gibt es schon jetzt nur Verlierer.
 
Ich habe zu dem Thema im Laufe des Tages an verschiedenen Stellen viel gelesen und bitte um Verständnis dafür, dass nicht jede These oder Meinung mit dem entsprechenden Link versehen ist.
 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 19.01.2011 um 17:01
Wie jedoch ein Rechtsanwalt bereits richtig bemerkte, kann es da gar keinen Überschuss geben, den Euroweb verschenken dürfte. Wenn bei der Versteigerung der domain ein Betrag erzielt wird, der über die Forderung Eurowebs hinausgeht, gehört der dem Gepfändeten. Nur am Rande.
ForenBoy schrieb am 19.01.2011 um 17:09
Das "Interims-Nerdcore" hat ähnliche Serverprobleme wie der Freitag.....lach, wobei ich mir die Gründe für erstere erklären kann.
Eugen Epp
studiert Kommunikationswissenschaft in Leipzig, Lieblingsthemen: Sport und Medien
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01:51
lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:45
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
seriousguy47 hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:40
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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