Eric Schneider

lost in translation

02.08.2011 | 12:53

Das falsche Sicherheitsverständnis der CDU

“Es ist Mode geworden, die Freiheitsrechte des Bürgers in den Vordergrund zu stellen.”

Mit diesem Satz äußerte sich der der Vorsitzende des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages, Volker Kauder (CDU), im ZDF heute-journal vom 01.08.2011. Hintergrund, die wieder einmal aufflammende Debatte zwischen Freiheit und Sicherheit, bei der besonders das Medium Internet als Beispiel aufgegriffen wird. Kauder fährt fort, dass man "dabei vergisst, dass der Bürger auch einen Anspruch auf Sicherheit - auf innere Sicherheit - hat".

Während sich die Frage, ob es diesen Anspruch tatsächlich gibt und wie sich dieser vermeintlich existierende Anspruch im Hinblick auf die Abwägung gegenüber den Freiheitsrechten des Bürgers tatsächlich ausgestaltet, gradezu aufdrängt, ist es auch der Sicherheitsbegriff der Union, welcher eines genauen Blicks bedarf.

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Sicherheit ein gesellschaftliches - und in diesem Hinblick soziales - Konstrukt ist, welches als generischer Terminus zwar eine bestimmte Bedeutung hat, aber sich in der Ausgestaltung der tatsächlichen Form unterscheiden kann. Niemand kann Sicherheit apriori definieren, da der Begriff in verschiedenen Gesellschaften, bei unterschiedlichen Individuen und zu anderen Zeitpunkten der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Ole Waever, Professor für Internationale Beziehungen an der Univesität Kopenhagen, machte in seinem 1995 erschienen Artikel "Securitization and Desecuritization" zurecht darauf aufmerksam, dass Sicherheit und Unsicherheit keine binären Gegensätze sind. Warum nicht? Während Unsicherheit eine Situation beschreibt, in der es ein Sicherheitsproblem gibt, aber keine wirksame Gegenmaßnahme, beschreibt Sicherheit eine Situation, in der es zwar Gegenmaßnahmen gibt, aber nur im Hinblick auf ein existierendes Sicherheitsproblem.

Die erste Schlussfolgerung, Waever folgend, ist eine kritische Evaluation der rhetorischen Mittel beim Diskurs über Sicherheit. Um das zu erreichen, was vielfach unter Sicherheit verstanden wird, kann ein Diskurs nur mit Termini geführt werden, welche eben diese Vokabeln der vermeintlichen Sicherheit gegenüber Bedrohungslagen nicht benutzen. Waever beschreibt diesen Zustand als A-Sicherheit, später auch als Politisierung oder Demokratisierung des Sachverhalts.

Zwei Tage nach den Anschlägen in Oslo und Utøya sagte der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg: "Noch sind wir geschockt, aber wir werden unsere Werte nicht aufgeben. Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit." In seinen Worten findet Mensch keine Spur eines Diskurses über schärfere Sicherheitsmaßnahmen, Kontrolle, Einschränkungen der Bürgerrechte - sondern Demokratie, Offenheit, Menschlichkeit.

Minister Stoltenberg hat, im Gegensatz zu den alten Herren der Union, begriffen, dass Sicherheit ein soziales Konstrukt ist. Wenn führende Politiker den ganzen Tag von Bedrohungen reden, welche Stärkungen der Sicherheitsgesetze bedürfen und so gleichzeitig Bürgerrechte beschneiden, dann entsteht automatisch Unsicherheit im Volk, dem nicht mit einer Verschärfung der Gesetze beizukommen ist. Im Gegenteil: nur in einer offenen, demokratischen Gesellschaft kann Sicherheit - oder besser A-Sicherheit - entstehen. Ein Zustand, in dem der Diskurs repolitisiert und nicht über Bedrohungsszenarien geführt wird.

 
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Kommentare
Matto schrieb am 02.08.2011 um 16:05
Der Artikel trifft genau den Kern.
V. Kauder ist für mich ein Maulheld, der teilweise Dinge in der Bütt erzählt, von der er überhaupt keine Ahnung hat. Gerade bei der letzten Sitzung was es wieder einmal so, so dass er bei der Kritik der Gegenseite, klein beigeben mußte.
Gerade die Vertreter der CDU sind es stets und ständig, die den Teufel an die Wand mahlen. Man warnt und baut eine große Angstkulisse auf, verunsichert die Menschen und dann war es nur heiße Luft. Viele Male haben wir dass mit der CDU schon durch. Der Grund ist immer der gleiche und zwar Angst vor der roten Gefahr zu schüren.
Ich bin mir aber ganz sicher, die ständige Bedrohung
zelotti schrieb am 02.08.2011 um 17:02
Freiheit versus Sicherheit ist eine idiotische Verflachung einer Debatte.
Eric Schneider schrieb am 02.08.2011 um 18:38
Da stimme ich ihnen gerne zu. Leider wird diese Verflachung nur zu gerne im politischen Diskurs begangen. Dieser Debattenbeitrag versucht ein Gegengewicht zum "Freiheit vs. Sicherheit"-Diskurs darzustellen und zu zeigen, dass man es sich dadurch zu einfach macht.
Columbus schrieb am 02.08.2011 um 18:22
Auf den Punkt gebracht, Herr Schneider, auch wenn sich politologische Begriffe (A-Sicherheit), kaum in den Alltag einschleichen werden. Eher schon so tolle Schmankerl und Nebelkerzen wie Premium-Sicherheit (Qualität), 1A-Sicherheit, optimale Sicherheit, die ursprünglich aus der Werbewirtschaft stammen und nun sogar von universitär gebildeten Gutachtern infaltioniert werden.

Nur leider sind bei uns selbst viele SPD-Politiker (z.B. der Herr Wiefelspütz, dem es nur darum geht bei den Entscheidungen dabei zu sein) und sogar einige Grüne (Frau Künast ("Bei der inneren Sicherheit sprach sich die Spitzenkandidatin unter anderem für den Einsatz von mehr Personal auf U-Bahnhöfen und bei der Videoüberwachung aus. (Focus,10.06.2011)" und Herr Özdemir, aber auch Jürgen Trittin), bei entsprechenden politischen Tauschgeschäften, allzu bereit, die alte und kontraproduktive Sicherheitsrhetorik weiter mit zu tragen. Grüne und SPD schleppen mit sich, immer noch beweisen zu müssen, sie seien genau so konventionelle Innenpolitiker, wie ihre rechte und liberale Konkurrenz.

Denken Sie an die Diskussion um die stufenweise "Ausformung" des Paragraphen 129 StGB, denken Sie an die leidige Geschichte des Murat Kurnaz, den man glatt auf Guantanamo oder in Wagram hätte verfaulen lassen. Denken Sie an die schleichende Aushöhlung des Schutzes der Privatsphäre, dem die Grünen nur halbherzig und nur, wenn sie entsprechendes Publikum vor sich sehen, widersprechen. Denken Sie einmal an die völlig fehlkalkulierte und von Grünen mitgetragene Modernisierung der Polizei-Kommunikations-Infrastruktur, bei der für Milliarden Euro Schrott und längst veraltete Technik gekauft wurde.

Die Politisierung mit dem Begriff "Sicherheit, innere Sicherheit" dient dem Machterhalt, gerade in der Innenpolitik. Wichtig im Sinne der Politik ist die federführende Teilhabe an der Entscheidung, andere Aspekte, z.B. Effizienz und Notwendigkeit der Maßnahmen, sind da eher sekundär.

Grüße
Christoph Leusch
Eric Schneider schrieb am 02.08.2011 um 18:46
Da muss ich ihnen zweifach zustimmen. Einerseits haben sperrige Begriffe wie A-Sicherheit keinerlei Chancen im realen Diskurs - obwohl klar ist, dass das Begriffspaar Sicherheit-Unsicherheit die Definitionsmöglichkeiten nur ungenügend abdeckt. Andererseits ist diese kontraproduktive Sicherheitstrhetorik natürlich ebenso bei anderen Politikern anderer Parteien zu finden. Die CDU/Union wurde beispielhaft gewählt, weil ihre Politiker es doch immer wieder schaffen, Dinge so zu verkürzen, dass augenscheinlich ist, welcher rhetorische Unrat dort verzapft wird. Allerdings beweisen grade die SPD-Landesinnenminister, dass sie ihren vermeintlich konservativeren Kollegen in nicht viel nachstehen.
Besonders die Feststellung, dass der Kampfbegriff "innere Sicherheit" dem Machterhalt dienen kann, bedarf es, dass diese Tatsache im Diskurs offengelegt und angeprangert wird. Denn bei einer Sache sind sich vermutlich die meisten einig, die ganze Debatte über innere Sicherheit der letzten zehn Jahre hat die Bevölkerung vermutlich verunsicherter hinterlassen, als sie es vorher war.
Eric Schneider
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