HWerder

Blog von HWerder

12.06.2011 | 13:02

Wem gehört das Heilige Land? 

 

Unter diesem Titel veranstalteten die Regionalgruppen Osnabrück der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) und der Deutsch-Palästinensichen Gesellschaft (DPG) in Kooperation mit der Volkshochschule Osnabrück Ende Mai gemeinsam eine Wochenendveranstaltung, die aus mehrerer Sicht ein einmaliges Novum darstellte, was offenbar nur in einer "Friedensstadt" möglich ist. Beide Gesellschaften vereinbarten einen Veranstaltungsrahmen, in dem jede Gruppe zu den folgenden sechs Themen Referenten - überwiegend aus den eigenen Reihen - stellte. Es sollte sachlich und ohne Emotionen aus beiderlei Sicht jeweils halbstündig referiert werden, um am Ende der Veranstaltung in einem Plenum gemeinsam darüber zu diskutieren. 

 

1. Wem gehört das Heilige Land - Zwei Ansprüche, ein Land

2. Flüchtlingsfragen und Vertreibung

3. Terror und Sicherheit

4. Ressourcen und gegenseitige Abhängigkeit

5. Siedlungspolitik

6. Zwei Staaten - Eine Lösung? Welche Bedingungen müssen von der Gegenseite erfüllt werden?

 

70 Personen nahmen an dem Informations-Marathon, was am Freitag spätnachmittags begann und am Samstag Abend endete, teil. Wegen der besseren Transparenz erfolgte eine Aufteilung in zwei Gruppen. Die vereinbarte Abstinenz von Emotionen blieb jedoch gleich am Anfang auf der Strecke - was bei den Themen und den Teilnehmern aus so gegensätzlichen Lagern anders nicht zu erwarten war. Der Eingangs-Vortrag des DIG- Vorsitzenden geriet zu einem emotionalen Feuerwerk. Wenn nicht heftigere Reaktionen folgten, dann offenbar nur, weil es manchem die Sprache verschlug, was dort an Argumenten und bekannten Mythen verkündet wurde. Trotzdem erlitt die Veranstaltung damit keinen Schaden und setze sich mit ungehinderter Intensität fort. Es erfolgten sachlich gut recherchierte und fundierte Vorträge, die sich mit Referaten altbekannter Argumente abwechselten. 

 

Absicht und Sinn der Veranstaltung war es, Informationen beider Seiten einem interessierten Publikum zu vermitteln. Insofern soll hier nicht auf Einzelnes eingegangen werden oder eine Wertung erfolgen. Es gab immer wieder in den Stunden, in denen Parteien mit so gegensätzlicher Meinung nebeneinander saßen, einander zuhörten und diskutierten, harmonische und friedliche Momente, und wenn es nur bei der Gullaschsuppe in der Mittagspause war. Einigkeit aller herrschte darüber, dass dieser Konflikt als Krebsgeschwür umgehend beseitigt werden muss. 

 

Wenn es nach den Teilnehmern gegangen wäre, würde schon am nächsten Tag einer der in den Schubladen verschimmelnden Friedensverträge in Realität umgesetzt werden. Denn mögliche Lösungen liegen seit Jahren vor. Unbegreiflich, warum sie nicht umgesetzt werden. Diese so ungewöhnliche Veranstaltung wurde getragen von dem Bemühen, der Politik Beine zu machen, deren Entscheidungen kaum noch nachzuvollziehen sind.

 

Die Veranstaltung endete mit Lösungen zur Konfliktbeendigung. Sie bestanden fast ausschließlich in konkreten Schritten zu einer Zweistaatenlösung mit Vereinbarungen über Entschädigungen, Anerkennung von begangenem Unrecht und Grenzmarkierungen für ein friedliches Mit/Nebeneinander beider Völker, wo dann Armeen überflüssig werden. Ein erster Schritt: Von bundesdeutschen Politikern zu fordern, ein als Staat ausgerufenes Palästina völkerrechtlich anzuerkennen?

 

Als Beobachter und Teilnehmer der Veranstaltung musste ich festzustellen, dass fast alle Referenten der israelischen Seite Legitimationsprobleme hatten. Jeder bemühte sich in irgendeiner Form, sich von der offiziellen Regierungspolitik Israels zu distanzieren und merkte an, dass sie hier ihre persönliche Meinung vortrugen und diese decke sich in Teilen nicht mit der offiziellen Lesart Israels. Während die Referenten der palästinensischen Positionen ihren Rückhalt in UNO-Resulutionen, Menschenrechts-Beschlüssen oder ganz einfach nur in einer urmenschlichen Moral fanden.

 

Ganz positiv und wichtig war, ein großer Teil beider Parteien fand sich am Ende zwar ein wenig erschöpft, aber immer noch mit rauchenden Köpfen in dem örtlichen Kulturzentrum Lagerhalle zu einem lebhaften Mahl mit Wein, Bier und anderen Getränken bis kurz vor Mitternacht zusammen. Ein langer Tag - der Hoffnung macht.

 

Den Abschluss der zahlreichen Veranstaltungen zu dem Nahost-Konflikt in diesem heißen Frühjahr bildete nunmehr in diesen Tagen das Referat des CDU-Politikers und ehemaligen Europaparlaments-Vorsitzenden Hans Gerd Pöttering, der schon zu Beginn der gemeinsamen Veranstaltungen die Nakba-Ausstellung mitgetragen hatte. Er betonte u.a. mit Nachdruck die Verpflichtung Deutschlands aus dem Holocaust, sich für die Einhaltung der Menschenrechte in dem Konflikt einzusetzen und zitierte immer wieder aus seiner Rede vor der Knesset, dem israelischen Parlament, wo er 2007 sprechen durfte. Pöttering stellte Europa als Vorbild für eine Friedens-Lösung dar. Auch hier haben sich einst ehemalige Feinde durch den Schumann-Plan zu einem Friedensschluss durchgerungen. Möglich sei das geworden durch ein Zusammenwachsen der Menschen dieser Länder. Ein ähnlicher Friedensprozeß müsse auch im Nahen Osten eingeleitet werden. Was hier in Osnabrück gewagt und realisiert wurde, dieser Keim des Miteinander von friedenswilligen Menschen, sollte sich überall in diesem Lande und auch in Nah-Ost fortsetzen. Denn "Israel wird den Preis bezahlen müssen, wenn es keinen Frieden gibt", so Pöttering am Ende der Veranstaltung unter großem Beifall.

 

Horst Werder

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Richard der Hayek schrieb am 12.06.2011 um 15:36
Interesant und hoffnungsvoll.
Die sollten in Israel auch solche Veranstaltungen machen: einfach 50 Leute der einen und der anderen Partei ohne Waffen zur Diskussion versammeln. Damit sich die Emotionen dem anderen zeigen und so beruhigen können.

Ihr Artikel ist aber leicht tendenziös: die Anliegen der Palästinenser werden als "urmenschliche Moral" bezeichnet, die Israeli hätten Legitimationsprobleme.
Richard der Hayek schrieb am 12.06.2011 um 15:54
Der Eingangs-Vortrag des DIG- Vorsitzenden geriet zu einem emotionalen Feuerwerk. Wenn nicht heftigere Reaktionen folgten, dann offenbar nur, weil es manchem die Sprache verschlug, was dort an Argumenten und bekannten Mythen verkündet wurde.

Dies ist eine sehr deutliche Wertung Iherseits, die Sie ohne Belege anführen. Es wäre da schon nötig, diese Argumente und 'Mythen' zu zeigen, als einfach nur Ihre voreingenommenen Urteile zu brigen.
Hat die palästinensische Seite bisher unbekannte Argumente vorgetragen, und emotionsfreier ?

Ich glaube eher, daß diese Fraktion zu mehr Emotionen neigt, die sie dann der israelischen Seite anlasten.
HWerder
Blogger
Mitglied seit:
3 Jahre 9 Wochen
Zuletzt aktiv:
12.06.2011
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 5
Kommentare: 0
Logbuch
01:51
lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:45
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
seriousguy47 hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:40
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:38
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG