ideefix

Blog von ideefix

16.02.2012 | 12:13

Diebstahlsanzeige: männliches Gender gestohlen !!!

 

Unbekannte haben mir mein männliches Gender gestohlen. Zwar nicht ganz, aber mir wesentliche Teile, dachte ich jedenfalls, bis mich die Genderpolizei aufklärte.

Da „Das soziale Geschlecht [...] vielmehr als eine Konstruktion des Geschlechts (Doing Gender) verstanden“ (wikipedia) wird, geht der Verlust notwendig auf eine lange unbemerkte Diebstahlsserie zurück. Die DiebInnen haben aus meiner Gender-Konstruktion nahezu unbemerkt nach und nach die Tragbalken geklaut und sie wohl für irgendein anderes Gedankengebäude verwendet, nehme ich an. Jedenfalls ist dadurch an mein gewohntes Gendertun (genderdoing&beeing) nicht mehr zu denken, die ganze Konstruktion ist derart einsturzgefährdet, daß ich dringend Genderersatzbalken benötige – aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Wie mir die anzeigeaufnehmende Genderpolizistin erklärte, komme das zwar nicht so oft vor, aber ich wäre durchaus kein Einzelfall – sie vermutet dahinter organisierte und auf Gender spezialisierte Banden, die TäterInnen würden wohl – es gäbe da kriminalpsychologische und sprachanalytische Erkenntnisse aus Bekennerschreiben – überwiegend dem deklassierten akademischen Milieu entstammen. Das Problem für die Genderpolizei bestünde darin, daß die geklauten Genderkonstruktionsbalken sich schon nach geringen Gebrauchszeiten nicht mehr als von anderen stammend identifizieren lassen würden – schließlich handelt es sich ja in gewisser Weise um ein Massenprodukt, ähnlich einer normierten Türzarge – die könne ja schließlich jede/r so streichen wie ´s beliebt.

Gerade wollte ich ihr die Besonderheiten meiner Gender-Konstruktion darlegen, da öffnete ein jungdynamischer Kollege mit einigem Schwung die Tür hinter ihr, kam federnden Gangs mit einem Stapel Akten ins triste Büro, legte die grauen Mappen neben ihr auf den Schreibtisch und bemerkte trocken „es werden täglich mehr“. Sie nickte nur, schob mir das Protokoll rüber und wies mir mit dem Zeigefinger wo ich zu unterschreiben habe.

Auf die Frage, warum sie denn nicht die Merkmale meiner besonderen Konstruktionsträger aufnehmen würde, meinte sie nur knapp „bei einem männlichen Gender sind die Bauelemente relativ einfach gehalten, geradezu standardisiert, also mit wenig Aufwand in anderen Konstruktionen einzubauen“, daher würden sich nähere Angaben erübrigen. Was anderes wäre es, wenn mir weibliche oder gar nicht-binär gendercodierte Konstruktionselemente entwendet worden wären. Auf die Frage

„Oder wurden Ihnen derartige Trägerelemente gestohlen?“

wusste ich keine Antwort und verneinte erstmal, da ich mir nicht die Blöße geben wollte, danach zu fragen, was sie überhaupt meinte und fragte nur: „ähm, können Sie diese Elemente denn besser den EigentümerInnen zuordnen, wenn Sie sie irgendwo wiederfinden?“

„Das kommt darauf an“, meinte Sie und fuhr fort „in der Regel sind diese Elemente etwas aufwändiger aufgrund der komplexeren Genderkonstruktionen, vergleichbar mit einem Systembaukasten, dagegen ist das männliche Gender im Normalfall mit einem paar groben gleichartigen Klötzen zusammengebaut“.

Bei diesen Worten staunte ich ebensolche und unterschrieb widerstandslos. Sie sah mich kurz an und ich verfing mich ein wenig in ihrem Blick, mit dem sie meine in diesem Moment ziemlich wacklige Genderkonstruktion mit fachfraulichen Augen zu prüfen schien. Dann gab sie mir zu verstehen:

„Sie können mir natürlich, falls sie über eine komplexere Ausführung mit besonderen Merkmalen verfügen, welche erfahrungsgemäß durch besondere Vorkommnisse erforderlich wurde, eine Auflistung zukommen lassen – ich werde dies natürlich vertraulich behandeln“. Ich muß sie ausgesprochen dumm – fragend angeschaut haben, denn sie erklärte mir:

„Sehen Sie, ich habe für Verlustanzeigen von männlichen Genderelementen die Vorgabe von fünf Minuten Bearbeitungszeit. Frauen haben 15, Homosexuelle 30, Transgender 60 usw. - mit Ihnen sitze ich hier schon mehr als 15 Minuten. Bei der Menge der bei Ihnen als verlustig gemeldeten Trägerelemente, wundert es mich, daß ihre Konstruktion offensichtlich immer noch Bestand hat. In anderen Fällen werden nicht nur deutlich weniger Verluste der männlichen Gender angezeigt, die Konstruktion ist oftmals bereits eingestürzt – da müssen sich dann aber andere drum kümmern“.

Ich nickte, weil ich glaubte verstanden zu haben, worauf sie mir einen Flyer mitgab und mich mit einem kleinen Lächeln aus ihrem Zimmerchen entließ. Draußen auf dem Flur hatten es sich inzwischen ein paar Typen bequem gemacht, bei denen ich eher von Genderdieben, denn von Bestohlenen ausgegangen wäre – wenn sie nicht alle diese seltsam introvertierte Haltung an den Tag gelegt hätten. Immerhin hatte die letzte Erklärung meiner Sachbearbeiterin in diesem Kontrast etwas doppelt Tröstliches: erstens war ich nicht allein und zweitens noch lange nicht so schlimm dran wie die denen ein paar zentral wichtige Bauklötze aus ihrer Genderkonstruktion geklaut wurden. Es bestand also noch Hoffnung, daß die Genderpolizei bei irgendeinem Hehler oder einer der nächsten Razzien fündig werden würde und ich meine Tragbalken zurück erhalten würde.

Außerdem wurde mir durch die polizeiliche Aufklärung klar, warum die Diebesmeute es nur auf meine groben Tragbalken abgesehen hatte – die passten besser ins männliche Genderkonstruktionsschema, nicht kleckern – klotzen. 

Auf der Straße erinnerte ich mich an den Flyer. Es war eine Werbung für männliche Genderrekonstruktionstrainingsangebote verschiedener Anbieter, die sich zu einem Hilfsnetzwerk zusammengeschlossen hatten. Im Angebot waren Rhetorikseminare, selbstsicheres Auftreten, Flirt – und Schrauberkurse, Bodystyle – und Atemkontrolle, Selbsterfahrungsgruppen bis hin zum exklusiven Survivalurlaub in der rauhen Natur.

Für mich war nichts dabei, schade. Die angebotenen Bauklötze waren als Ersatz für meine viel zu dick bzw. zu klobig. Also beschloß ich meine Genderkonstruktion in Zukunft etwas komplexer und vielgestaltiger aufzubauen, auch wenn es zeitaufwändiger und möglicherweise unter Männern etwas seltsam anmuten würde. Ich könnte mich auf diesem Wege auch mal schlau machen, wie das bei den anderen Gendern so aussieht, ein gelungenes Update meines männlichen Genders könnte ja schließlich schon deshalb nicht schaden, weil´s für die GenderdiebInnen dann uninteressant würde mich zu bestehlen.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Winterkind schrieb am 16.02.2012 um 22:25
eigentlich wollten mein Mann und ich uns das Hörbuch George Orwell 1984 anhören.
Aber das geht jetzt gar nicht mehr.
Das Kopfkino lässt sich nicht ausschalten.
Danke wir haben einen lustigen Abend.
;-D
Winterkind
ideefix schrieb am 16.02.2012 um 22:55
jaja Winterkind das Kopfkino...

Ich bin so dankbar für diesen Begriff "Gender" in all seinen so hochabstrakten Debattierebenen. Das hat wirklich was - in Sachen politischer und sexueller Correctness von 1984 - wäre das nicht schon so lange her und dennoch aktuell.

Ich bin schon deshalb dankbar, weil die Unterscheidung von Gender und Sex so hilfreich ist in der Praxis.

"Gendern wir heute, oder haben wir Sex?" darauf läuft es in der kopfkinomäßigen Zuspitzung hinaus.

I.d.S. einen gelungenen lust-igen Abend.
;-)

I.
Winterkind schrieb am 16.02.2012 um 23:11
oder haben wir sex?

oder gibt es bei uns nicht.

Haben schon eher;-)

W.
goedzak schrieb am 23.02.2012 um 22:35
Winterkind, heißt Dein Mann zufällig 'ideefix'?
Winterkind schrieb am 23.02.2012 um 23:36
Dr. House?
Winterkind schrieb am 24.02.2012 um 09:21
Uiuiuiuiui,

Ich hoffe, dass es keinen Streit im Gallischen Dorfe gibt..;-)
bambulie schrieb am 16.02.2012 um 22:51
Dumm gelaufen!

Aber das kommt davon, wenn man die Behörde verwechselt.
Die Genderpolizei ist in ihrem Fall natürlich die falsche Adresse. Sie müssen zur Gedankenpolizei sonst wird das nichts mehr mit der Rückgabe besagter Tragbalken.
ideefix schrieb am 16.02.2012 um 23:18
Hallo bambulie,

mein Ursprungskommentar ist wech.
Dumm gelaufen, da war wohl die Gedankenpolizei schneller.

Die Genderpolizei ist etwas träger, wie mann sieht.

Von der Gedankenpolizei ist folglich eine Rückbringung von Gendertragbalken nicht zu erwarten, wie man/n sieht.

Ehrlich gesagt, glaube ich nicht wirklich an eine behördliche Rückbringung des Diebesgutes.

Ich habe mir meine Genderkonstruktion ja auch großteils zusammengeklaut und gebe das einfach mal vor den Behörden und der Öffentlichkeit als originär meines aus.

Wenn ich mal selbstehrlich bin, dann bin ich nur zur Genderpolizei gegangen, um mein Gewissen zu beruhigen und anderen - natürlich Unbekannten - die Schuld zu geben.

Tja.

I.
Winterkind schrieb am 16.02.2012 um 22:59
Na welch ein Erfolg.
Da kennt sich jemand aus und wieviel Zeit investiert die Gedankenpolizei für gestohlene Tragbalken?;-)
bambulie schrieb am 16.02.2012 um 23:13
Der Gedankenpolizei steht Zeit insoweit unbegrenzt zur Verfügung, solange Kollege Alzheimer mit seinen Anträgen nicht durchkommt. Wie lange es allerdings dauert kann natürlich niemand genau vorher sagen, wie auch, man kennt doch die Behörden.

:)
ideefix schrieb am 16.02.2012 um 23:36
ich habe personelle, mentale, gesinnungsethische und prädemente Übereinstimmungen bei Behörden in diesen Fragen noch nicht wirklich eruiert.

Aber mir scheint, daß die vorurteilsbasierte Ansicht "man kennt doch die Behörden" hier zwanglos jede nicht vorhandene Studie zu diesem Thema ersetzen könnte.

Aufgrund meiner Erfahrungen mit der Genderpolizei kann ich - siehe Text - ziemlich genau die Zeitfenster der Erfassung bestimmen.

Die Rückgewinnung meiner Gendertragbalken vertraue ich allerdings lieber meiner eigenen Initiative als den Behörden an.

Ich denke, darin stimmen wir überein, oder?

Jedenfalls ist, sagt mein Gender-Statiker, kleinteilig in jedem Falle stabiler als vollgrobklotzschlächtig.

Finde ich plausibel.

Was meinen Sie/Du?

I.
Winterkind schrieb am 16.02.2012 um 23:38
jep wenn Kollege Alzheimer auf Kollege Alzheimer Behörde trifft

;-)
bambulie schrieb am 16.02.2012 um 23:47
Tja, die Diebstahlsanzeige hättest Du Dir echt sparen können, allerdings nicht den Artikel, aber hinterher ist man ja immer klüger.

Selbst ist der Mann!
bambulie schrieb am 16.02.2012 um 23:30
Oje, wenn die Gedankenpolizei schon den Ursprungskommentar zensiert hat, dann sehe ich allerdings auch schwarz mit der Wiederbeschaffung besagter Tragbalken.

Aber irgendwie muss der Fall doch zu lösen sein?

Zitat:
"Ich habe mir meine Genderkonstruktion ja auch großteils zusammengeklaut und gebe das einfach mal vor den Behörden und der Öffentlichkeit als originär meines aus."

Das ist kein Problem, denn die Gedanken sind frei. :)

www.youtube.com/watch?v=gmwTa9qRq0o
ideefix schrieb am 16.02.2012 um 23:43
nene bambulie,

die Gedanken zwischen Gender und Sex sind alles andere als frei.

Das unschuldige Winterkind hat es doch schon angedeutet mit dem Stichwort:

Kopfkino.

Ich möchte, ganz sex-ehrlich gesagt auch die alten Balken gar nicht mehr. Sollen sich doch die Gender - und Gedankenpolizeien darum kümmern und sind wenigstens beschäftigt.

So kann ich mich um wichtigere Fragen kümmern, z.B.
...

;-)

I.
Winterkind schrieb am 16.02.2012 um 23:54
lach..
haben wir oder gehen wir ins bett um zu haben...

Du meine Güte welch zweideutige zu sexistischen Kopfkino die Geschichte anregt...

Gute Nacht oder so ;-)
goedzak schrieb am 23.02.2012 um 22:34
"Jedenfalls ist, sagt mein Gender-Statiker, kleinteilig in jedem Falle stabiler als vollgrobklotzschlächtig." - Nicht unbedingt, allerdings dann, wenn man den Eindruck erzeugen möchte, als sei die eigene Konstruktion so ganz, ganz was anderes, als die der offensichtlichen 'Vollgrobklotze'. Andernfalls könnte Mann auch argumentieren: Lieber etwas grober und deutlich, als so kleinteilig-versteckt.
EnidanH schrieb am 15.05.2012 um 13:58
Amüsant. Da lach' ich als Akademikerin trotzdem drüber. Gebe aber zu bedenken, es könnte sich um eine Art gutgemeintes Gender-Dings-Recycling handeln, bevor man(n)s in die Bio-Tonne kloppt.

Ich frag' mich aber auch, welche Motivation steckt hinter diesen Theorien, das Geschlchet oder Gender seie alleinig ansozialisiert? Eine geheime Abneigung gegen die Biologie, die Hoffnung damit könne man/ frau Menschen umerziehen, oder wie oder was.

Jedenfalls, falls das Gender-Ding nochmal auftaucht, in welcher Form auch immer, vielleicht als Tragegriff einer Handtasche, dann bitte ich um Rückmeldung.
ideefix
simple writing graphics installation - arts
Mitglied seit:
1 Jahr 2 Wochen
Zuletzt aktiv:
27.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 3
Kommentare: 289
Logbuch
01:51
lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:45
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:42
seriousguy47 hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:40
xxm hat gerade einen Kommentar geschrieben.
01:38
DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG