ideefix

Blog von ideefix

14.02.2012 | 16:05

Meine Facebook - Familie und Ich. Reihe: erzählte Alltagsdramen

Meine Familie ist auf Facebook. Meine Familie ist schon eine ganze Weile auf Facebook. Wer ist eigentlich nicht auf diesem Portal unterwegs fragt man sich in diesen Horizonten? Ich.
Einige andere auch nicht, manche aus Prinzip, manche aus Antikommerzialismus, manche aus Widerstand gegen Selbstdarstellungszwänge, manche aus Bequemlichkeit usw. - es gibt viele Gründe nicht auf Facebook zu verkehren und wie´s scheint nur einen einzigen dabeizusein:
Facebook ist eine Art virtueller Volkssport, dabei sein ist alles.

Meine Familie ist auf Facebook und ich nicht. Das birgt ein gewisses Konfliktpotential, weil ich als Erziehungsberechtigter den Kindern auf die Finger gucken muss – es aber nicht richtig kann, solange ich nicht bei Facebook bin. Also ist meine Frau auf Facebook gegangen und fühlt sich dort ungemein wohl, wie sie sagt. Dagegen kann ich nichts haben, denn erstens ist damit das Minimum an Kontrolle über das Treiben des Nachwuchs gegeben und zweitens hat es auch in der realen Welt zu einer Erweiterung der Gesichtsfelder geführt. Tatsächlich ist meine Frau so mit einer ganzen Reihe von Leuten zusammengekommen, die sich für die Geschichte ihrer Geburts – und Heimatstadt interessieren und dazu alle möglichen Wissensbestände, Bilder, Photos, Anekdoten u.a.m. austauschen und dabei die dunklen Seiten nicht aussparen. Einige, wie unser Jüngster und seine Mutter, wurden dadurch sogar bei der hiesigen Geschichtswerkstatt aktiv und deren durchaus interessanten Beiträge, Bücher und Dokumentationen werden allmählich Teil unserer Hausbibliothek und der Familienkultur.

Außerdem findet sich in den sozialen Netzwerken immer jemand, der einem bei Computerproblemen oder mit Tipps, wie z.B. bei der Bildbearbeitung, mit Rat und Tat zur Seite steht. Als in diesen Fragen fachlich vorbelasteter Vater und Eheteamer bin ich auf diesem Wege durch mir unbekannte Fachleute als Auskunft, Helfer, Korrekturmann usw. im familiären Rahmen arbeitslos geworden. Nicht, daß mir dadurch etwas fehlen würde, aber es ist schon seltsam, wenn man erst nach Monaten feststellt, daß man/n gar nicht mehr zu seinem Fachgebiet gefragt wird.
Facebook hat mich so als familieninterner PC-Experte entthront und meine Familie nachhaltig zu außerfamiliären soziokulturellen Unternehmungen animiert. Beides ist mir nur recht, denn dies lag und liegt auch in meinen Interessensgebieten – nur bin ich diesmal außen vor, weil ich nicht auf Facebook bin – jedenfalls nicht direkt.

Indirekt bin ich nämlich auf Facebook, nur eben nicht auf Photos und mit eigener Seite vertreten. Beteiligt bin ich an den Facebook-basierten familiären Entwicklungen dennoch: wenn die o.g. lokale Facebook-Community sich trifft, bin ich gelegentlich mit dabei. Wenn meine Familie ihren via Facebook kommunizierten Interessen und den Anregungen anderer UserInnen nachgeht, dann ist das beim Abendessen oder sonstigen Gesprächsanlässen ein Thema. Ich werde also auf dem Laufenden gehalten, was so läuft auf Facebook bzw. in den Communities in denen meine Familie mitwirkt. Mit einiger Verwunderung habe ich in den letzten Monaten ein paar dieser realen Treffen begleitet und sogar ein erstaunlich großes über die FB-Community arrangiertes Event besucht, das rein virtuell organisiert wurde. Vor allem hat mich überrascht, wie freundlich, hilfsbereit und umgänglich die Leute waren – und munter ihre Online – Chats ins Reallife verlängerten.

Da war ich natürlich wieder außen vor, klar.

Solche Ereignisse fördern natürlich auch den Zusammenhalt der virtuellen Gemeinden im realen sozialen Leben, woraus ein reges und regelmäßiges Treiben gespeist wird. Dies hat neulich sonntagnachmittag dazu geführt, daß bei uns eine junge Familie klingelte und einen unserer, nach dem Ausfliegen der älteren Kinder, überzähligen Lattenroste für ihre Tochter abholten – vorvereinbart natürlich per Facebook-Tauschbörse. Unser Jüngster hat dem Mädchen dann noch sein im Jugendzimmer unpassend gewordenes Riesenlilakuscheltier „Sharky“ als Zugabe geschenkt, sie hat sich sehr darüber gefreut – und ich mir gedacht, wenn er damit mal nicht die Kleine für Facebook angefixt hat...

Wie komme ich überhaupt darauf über meine Familie auf Facebook zu schreiben? Dazu muß man wissen, daß ich über ggf. Aufzuschreibendes während meiner Hunderunden nachdenke. Eigentlich ist unser Hund ein Familienhund und alle Haushaltsangehörigen sollten mit ihm Gassi – bei uns eher Feldwege – gehen. Da ich aber häufiger zuhause arbeite, bleiben diese Spaziergänge bei Wind und Wetter an mir hängen und ich versuche dadurch u.a. von der Arbeit am PC zu entspannen und komme somit tagsüber auch mehr unter Leute bzw. Frau – und Herrchen.
Im Laufe der letzten Jahre haben sich so ein paar nette Bekanntschaften entwickelt, die auch einige interessante Gespräche ergaben – daher gehe ich durchaus nicht ungern auf Hunderunde, man sieht sich? Ja, man sieht sich. Was haben nun meine Hunderunden mit meiner Familie auf Facebook zu tun? Nichts, möchte man meinen. Irrtum.
Denn:
Neulich sprach mich ein gutaussehendes Frauchen auf unseren wirklich ausnehmend hübschen und kultiviert bis aristokratisch auftretenden Terrierrüden an, einfach so. Ich kannte die Frau bis dahin nicht,  wunderte mich aber nicht, weil ja meine Frau und unser Jüngster auch manchmal Hunderunden laufen und gefühlt mehr als doppelt so viele Hunde und ihre BesitzerInnen kennen wie ich – was vermutlich mehr an meinem schlechten Namensgedächtnis liegt, denn kontaktscheu und mundfaul bin ich eigentlich nicht.
Nun ja, im Laufe des gemeinsamen Weges mit den Hunden kamen sie und ich ins Gespräch, natürlich nur über Hunde im Allgemeinen und die beiden vor uns herumtollenden im Besonderen, wobei sich herausstellte, daß sie unseren Hund und meine Familie vorher gar nicht kannte,
aber durch Facebook!
Er sei ihr gleich aufgefallen beim Stöbern auf dieser Facebook – Seite (deren Namen mir gerade entfallen ist) und sie freue sich sehr über ihr Glück, daß unser Hund ja ganz in der Nähe zu ihrem lebe und die beiden sich, wie heimlich von ihr erhofft, sooo gut verstehen – und er sei ja so süß und sie rang mit ihrer Fassung und war augenscheinlich zutiefst gerührt von dieser sich aus dem virtuellen zur erfreulich realen Begegnung.
Dagegen war ich eher vom Donner gerührt. Unser Hund hatte eine eigene Facebook-Seite. Die Frau neben mir redete einfach weiter und ich stutzte bei der Frage, ob ich derjenige gewesen sei, der auf die Freundschaftsanfrage ihrer wirklich ausnehmend hübschen Hündin gleicher Rasse so positiv reagiert habe. Ich wusste natürlich, daß es sowas auf Facebook gibt und verneinte wahrheitsgemäß, wobei es langsam in mir zu brodeln anfing und ich die nächste Abzweigung anvisierte, um mich von meiner Hunderundenbegleitung zu verabschieden. Aber sie ließ nicht locker, weswegen ich mich – gottlob gibt es Handys – erst mit einem gefakten Telefonanruf aus der Affäre ziehen konnte und dabei einen kleinen Umweg in Kauf nahm.

Daheim angekommen stellte ich unseren Jüngsten zur Rede, der allerdings von diesem Ereignis völlig begeistert war und mir sogleich die FB-Seite unseres Hundes mit rund drei dutzend Freundschaftsanfragen von anderen Hündinnen zeigte. Die Seite war gerade mal ein paar Tage alt und in mir zogen böseste Vorahnungen hinsichtlich kommender Hunderunden auf.
(In diesem Moment fiel mir Harpe Kerkeling ein – ich bin dann mal weg...)
Beim Abendessen hatten wir natürlich nur ein Thema. Ich überlegte laut, ob ich mich nicht doch bei Facebook anmelden sollte, allein schon um die Hundeseite zu betreuen.
„NEIN, bloß nicht, du doch nicht“ schallte es mir entgegen.
Da war ich dann doch einigermaßen verblüfft, aber in gewisser Weise auch zufrieden. Meine Familie hatte ein einstimmiges Votum abgegeben und ich brauchte mir gegenüber meiner Familie keine  Gründe mehr einfallen zu lassen, warum ich nicht auf Facebook unterwegs bin.

Dabei ist der Grund warum ich nicht auf Facebook bin im Grunde sehr trivial: ich hatte mich mal testweise bei einem Schulfreunde – Portal angemeldet, um mal zu gucken was aus einigen die ich damals gut kannte so geworden ist. Allerdings war meine Frau auch schon da und ich wusste es nicht, wir hatten unabhängig voneinander dieselbe Idee, was ja vorkommt, wenn man sich so gut kennt wie wir und so lange zusammen ist...
Jedenfalls konnte meine Frau beobachten, wie sich binnen weniger Tage rund 60 Ehemalige, etwa doppelt soviel wie bei ihr, auf meiner Seite eintrugen und ich auch ein paar kurze mails von diesen erhielt. Tja, meine Frau konnte daraufhin natürlich auch meine Seite besuchen, sie gehört seitdem unter meinen Kontakten dort zur Familie.
Allerdings musste sie feststellen, daß die Schulfreunde, die sich dort abbildeten zu gut 95% weiblichen Geschlechts waren und sich ca. die Hälfte nach meinem Befinden erkundigt hatten, bevor ich meine Frau als familiären Kontakt auf die Seite brachte. Ehrlich gesagt hatte ich nicht damit gerechnet, daß sich da bis auf so zwei bis drei alte Bekannte überhaupt jemand meldete und war über diese Resonanz ebenso überrascht, wie über das meinem weit überlegene Erinnerungsvermögen meiner ehemaligen Mitschülerinnen an einige intensivere Bekanntschaften von mir mit damals jungen Frauen, an die ich mich gar nicht oder nur nebulös erinnern kann.
Im Weiteren sah mich meine Frau nach diesem ersten Versuch mich im fehlgeschätzt kleinen Rahmen sozialer Netzwerke zu bewegen die nächsten Tage sehr merkwürdig an, so als hätte ich ihr irgendwas zu erklären – was ich aber nicht konnte, weil ich einfach ein vergesslicher Typ bin.
Natürlich glaubte sie mir kein Wort, fragte mich aber auch nicht wieviele „Leichen im Keller“ evtl. noch auftauchen würden, wäre ich auf Facebook.

Ich weiss es – ganz ganz superehrlich - auch nicht. Ich schwöre es. Nur damit das nicht die ganze Welt merkt und es am Ende superduperpeinlich wird, bin ich lieber nicht auf Facebook.

Gut, daß meine Facebook – Familie das genauso sieht.

Ideefix

 
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Kommentare
Meyko schrieb am 14.02.2012 um 18:45
Feine Alltags-Story. Gefällt mir :-)

Ich hab sofort nach nem Foto des vergesslichen "Don Juan" gesucht. - Bei Facebook hät ich auch vermutlich eines gefunden... ;-)
ideefix schrieb am 14.02.2012 um 21:31
nene Meyko, bei Facebook findest du den "vergesslichen Don Juan" nicht...

Aber es gibt in der Kunst durchaus Abformen dieses Typus. Einfach mal die Mannsbilder der letzten Jahrhunderte in der Tafelmalerei unter dieser Prämisse betrachten. Das erheitert ungemein...

In der Literatur findet sich allerdings erheblich mehr zu diesem Thema, allerdings sind die AutorInnen nicht so vergesslich wie ich.
;-)

I.
Winterkind schrieb am 14.02.2012 um 21:03
Gefällt mir Kommentieren Teilen

Ich habe die Geschichte meiner Familie vorgelesen ( ein bischen im Stil von Harpe)

Großes Gebrülle.
Besonders gut hat meinem Mann die Geschichte gefallen.
Der hat sich vor fast....

Na, wenn Ideefix sich auf dem Schulfreunde - Portal mit "Mädchennamen" eingeloggt hat, sollte seine Frau das auch machen.
Dann klappt das auch mit den Klicks. ;-D

Wir führen gerade eine anregende Unterhaltung über FB.
Außer Papa sind alle auf FB;-)

Winterkind und ihre Sommerfamile
ideefix schrieb am 14.02.2012 um 21:38
Genau so sollte es sein. Es ist eine Vorlesegeschichte.

Ich hab´s meinen Familienangehörigen auch vorgelesen, Ergebnis:
am Boden kringeln...
(zwerchfellverschärft durch literarisch-humoristische Spiegelung realer Vorkommnisse)

Ich habe es Ihnen aber untersagt, die Story auf Facebook zu bringen - aus guten Gründen.

Aber ich kann nix dagegen tun, wenn andere dies machen...

Aber wenn dann bitte mit Urheberangabe und link auf den Freitag, wegen der Klicks und Lachkrampf-Kicks usw.

Und mit "Vorlesegeschichte" versehen. Danke.
;-)

Mal sehen, wann das wieder bei uns eintrudelt via Facebook...

;-D

I.
goedzak schrieb am 14.02.2012 um 21:44
Wunderbar! Und so schön locker daher geplaudert. - Selbst wenn nicht alles ganz genau echt wirklich voll wahr sein sollte....
ideefix schrieb am 14.02.2012 um 22:02
alles voll wahr goedzak!

unser Hund ist inzwischen eine Facebook-Legende...

Insoweit könnte man sagen, daß Facebook bei mir als Hundeführer einen Perspektivwechsel eingeleitet hat:
nicht ich gehe mit dem Hund, sondern der Hund mit mir.

Glücklicherweise weiß das Tier davon nichts, hoffe ich jedenfalls...
;-)

Ich stell´ aber lieber kein Photo von unserem tierischem kleinem Lord hier rein.

Bessa is das.
;-)

I.
Winterkind schrieb am 14.02.2012 um 22:19
nene Meyko, bei Facebook findest du den "vergesslichen Don Juan" nicht...

Kommentieren: Klick

Nicht bei Facebook weiß aber wer sich auf Facebook rumtreibt??

Grübelkratzkopf.
;-D
Ismene schrieb am 15.02.2012 um 08:32
Hallo ideefix,

das ist ja mal eine schöne Geschichte, sprachlich gelungen und spiegelt recht gut auch unsere Situation (wir haben allerdings glücklicherweise keinen Hund).

Danke schön.
ideefix schrieb am 15.02.2012 um 20:43
der Hund ist der Clou dieser Geschichte...

Als Türöffner für den Geschichtensammler Ideefix verfügt er über geradezu magische Kräfte...

Ich habe zu danken.

I.
Katrin Rönicke schrieb am 15.02.2012 um 09:06
Sehr schön. ja - das gefällt mir :)
ideefix schrieb am 15.02.2012 um 20:44
...
;-)
Malte Krøgergaard schrieb am 02.03.2012 um 14:33
Malte Krøgergaard schrieb am 02.03.2012 um 14:35
Auch ein netter Beitrag über die ganz alltäglichen Zwänge bei Facebook. Und ja, ich benutze es. :)
Winterkind schrieb am 02.03.2012 um 22:35
tja ein idefix verabschiedet sich ja schnell aus seinen Blogs und lässt fragen unbeantwortet...
ist er nun auch dabei?

Zwänge.hmmmmm ich glaube es gibt schlimmere Zwänge als Facebook.

Freundschaftsanfrage auf facebook??
LG
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lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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DandelionWine hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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seriousguy47 hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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