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Vor 75 Jahren, am 12. Juni 1936, ist KARL KRAUS gestorben.

"Hinter Karl Kraus steht keine Religion, kein System, keine Partei, hinter Karl Kraus steht immer wieder immer nur Karl Kraus. Er ist ein in sich geschlossenes System, er ist eine Ein-Mann-Kirche, ist selbst Gott und Papst und Evangelist und Gemeinde dieses Bekenntnisses. Er spricht in eigenem Namen, in eigenem Auftrag und ohne Rücksicht auf Resonanz. Er hasst das Publikum seiner Leseabende und hasst die Leser seiner Zeitschrift, er verbittet sich jede Zustimmung [...]
Er war im Grund seines Herzens Schauspieler, besser Theatermensch, und er konnte nicht zum Theater [...] "Wenn ich vortrage, so ist es nicht gespielte Literatur. Aber was ich schreibe, ist gedruckte Schauspielkunst." Und: "Ich bin vielleicht der erste Fall eines Schreibers, der sein Schreiben zugleich schauspielerisch erlebt." (Hans Weigel: Karl Kraus oder die Macht der Ohnmacht, 1968)
"... Ich beherrsche die Sprache nicht; aber die Sprache beherrscht mich vollkommen. Sie ist mir nicht die Dienerin meiner Gedanken. Ich lebe in einer Verbindung mit ihr, aus der ich Gedanken empfange, und sie kann mit mir machen, was sie will. Ich pariere ihr aufs Wort. Denn aus dem Wort springt mir der junge Gedanke entgegen und formt rückwirkend die Sprache, die ihn schuf. Solche Gnade der Gedankenträchtigkeit zwingt auf die Knie und macht allen Aufwand zitternder Sorgfalt zur Pflicht. Die Sprache ist eine Herrin der Gedanken, und wer das Verhältnis umzukehren vermag, dem macht sie sich im Hause nützlich, aber sie sperrt ihm den Schoß. ..."
„Der Mensch ist außer sich geraten. Kein Wort lebt, keine Farbe – denn alles ist sowieso laut und bunt. Künstler heißen die, die man sofort erkennt, und die noch wenn sie nackt sind, auffallend gekleidet gehen. Jede Gebärde eine Arabeske, jeder Atemzug instrumentiert, jeder Bart eine Redensart. Das alles ist notwendig, weil sonst in den öden Fensterhöhlen das Grauen wohnen würde: Mich täuscht die Fassade nicht! Ich weiß, wie viel Kunst dem Leben und Leben der Kunst abgezapft werden musste, um dies Kinderspiel zwischen Kunst und Leben zu ermöglichen."
"Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluss an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.“
Als Hitler an die Macht kam, zog er es vor, zu schweigen. »Warum die Fackel nicht erscheint«, erläutert der Sechzigjährige seinen Satz "Mir fällt zu Hitler nichts ein" mit der Bemerkung, daß es Übel gibt, vor denen, "was man die Stirn bieten nennt", "aufhört eine Metapher zu sein", weil das Gehirn hinter dieser Stirn, "das doch an solchen Handlungen seinen Anteil hat", keines Gedankens mehr fähig ist: "Ich fühle mich wie vor den Kopf geschlagen".In der dünnen, nur vierseitigen »Fackel« vom Oktober 1933 schrieb er am Schluss eines Gedichts:
»Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.«
Unter den wenigen, die seine Haltung damals achteten, war Brecht. Er antwortete mit fünf Zeilen: »Als der Beredte sich entschuldigte / daß seine Stimme versage / trat das Schweigen vor den Richtertisch / nahm das Tuch vom Antlitz und / gab sich zu erkennen als Zeuge.»
Leben ohne Eitelkeit
Sieh, mein Außenbild ist fügsam,sieh, mein Haben, so genügsam,
achtet wohl des Gleichgewichts.
Hat es wenig, dankt für viel es,
wahrt des Weges, Maßes, Zieles
und Verzichts.
Doch mein Innensein verzichtet,
eh es sich genügsam richtet,
achtet nicht des Gleichgewichts.
Immer steig' es oder fall' es,
hat es vieles, will es alles
oder nichts!
walter benjamin zu karl kraus:
"Alte Stiche haben den Boten, der schreiend, mit gesträubten Haaren, ein Blatt in seinen Händen schwingend, herbeieilt, ein Blatt, das voll von Krieg und Pestilenz, von Mordgeschrei und Weh, von Feuer- und Wassersnot, allerorten die »Neueste Zeitung« verbreitet..."
„Die Phrase“, schreibt Walter Benjamin in seinem großen Kraus-Aufsatz richtig, „in dem von Kraus so unablässig verfolgten Sinne ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht, so wie die Floskel, das Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht“
www.textlog.de/benjamin-allmensch-karl-kraus.html
Essay zum nachhören "viele haben den wunsch mich zu erschlagen"
www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/8696560.html
anstiftungen zum wiederentdecken von karl kraus
www.augustin.or.at/article399.htm
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Danke für die Erinnerung......
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Karl Kraus' Gruß an die Presse:
Zensur und Zeitung - wie sollte ich nicht zugunsten jener entscheiden? Die Zensur kann die Wahrheit auf eine Zeit unterdrücken, indem sie ihr das Wort nimmt. Die Zeitung unterdrückt die Wahrheit auf die Dauer, indem sie ihr Worte gibt. Die Zensur schadet weder der Wahrheit noch dem Wort; die Zeitung beiden. |
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"Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten". Danke, indyjane, für diese Erinnerung an Karl Kraus! "Ein Blitzableiter auf einem Kirchturm ist das denkbar stärkste Mißtrauensvotum gegen den lieben Gott". Publiz ist Karl Kraus gewesen. "Philosophie ist oft nicht mehr als der Mut, in einen Irrgarten einzutreten. Wer aber dann auch die Eingangspforte vergißt, kann leicht in den Ruf eines selbständigen Denkers kommen". Lyrik er liebte sie. "Die Welt ist ein Gefängnis, in dem Einzelhaft vorzuziehen ist". Außerdem war Karl Kraus Dramatiker, Satiriker, Aphoristiker und Kritiker. "Bei gleicher Geistlosigkeit kommt es auf den Unterschied der Körperfülle an. Ein Dummkopf sollte nicht zu viel Raum einnehmen".
Die kursiv gesetzten Zeilen sind Original-Karl Kraus-Zitate. |
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Meine Beziehung zu Karl Kraus ist kompliziert:
Ich mochte ihn als Kritiker seiner Zeit und kaufte mir den photomechanischen Nachdruck der „Fackel“, der bei Zweitausendeins erschienen ist. Las in den Bänden aber eigentlich nur, wenn ich mal wg. Grippe oder so einige Tage ans Bett gefesselt war. Ich kaufte mir auch „Die letzten Tage der Menschheit“, bin aber über die ersten 50 Seiten nicht hinaus gekommen. Und dann sah ich vor Jahren die Inszenierung der „Letzten Tage“ im Valentinsbunker in Bremen von Kresnik, war sehr begeistert und nahm mir vor, endlich das Buch zu lesen. Dabei blieb es. Herzlichen Dank für die Erinnerung an Karl Kraus und meine guten Vorsätze. |
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„Die Phrase“, schreibt Walter Benjamin in seinem großen Kraus-Aufsatz richtig, „in dem von Kraus so unablässig verfolgten Sinne ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht, so wie die Floskel, das Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht“
Niemand aber von geschichtsbefugtem Adel/Geldadel wird öffentlich die Frage stellen, was das Phrasenhafte so wertvoll und überlegen macht für die Herrschenden, seit Jahrtausenden. Nun, die Erkenntnis der Gauss´schen Normalverteilung macht es. Wenige Hirten und viele Schafe, aber die guten Hirten sind immer Wölfe, Schakale und Geier . Und die Schafe werden schaftsmäßig konditioniert. Hier nennt man das Demokratie. Neuerdings gelenkte Demokratie. |
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schrieb am
12.06.2011 um 00:34
Karl Kraus war kein Kritiker allein seiner Zeit :
Er und seinesgleichen sind zeitlos und immer aktuell. Für die wirkliche Elite. |
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schrieb am
12.06.2011 um 00:57
Phrasen als verkehrsmäßige Warenzeichen,
Floskeln als weitere Helfertruppen der Verkaufsstrategen.... des Krieges und der Zerstörung. Sprache als Ausgangspunkt. Aller Handlungen. |
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Danke für das Blog. Gerne gelesen. Einer , der ganz viel Erinnerung verdient hat. ;)
Herzliche Grüße por |
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schließe mich den danksagern an.
wenn ich manche passagen lese aus seinem reichen werk, freue ich mich, dass einer die wahrheit erkannte und aussprach. wenn ich aber seine vortragende stimme höre, wie in den hier verlinkten beispielen, graust mir vor den zeiten, in denen zu leben er gezwungen war. ich finde, er schreit seine sätze und reime. tut mir leid. ich höre die schreckliche zeit in seiner stimme. aber was werden nachfolgende generationen - falls es sie überhaupt geben wird - über unser gemurmel sagen? wie bekannt, sind wir 'die erste enkelmordende generation'. |
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Hallo indyjane,
danke für die Erinnerung. Karl Kraus war ein Getriebener, er mußte schreiben. Und er war ein Erlediger, ohne Kompromiss. Hier noch einige seiner Worte: "Gewiß, auch ich bin ein Vielschreiber. Aber wahrlich einer durch unwiderstehlichen Zwang. Wohl hat sich noch nie bei mir eine Schreibmaschine wegen Überbürdung zu beklagen gehabt. Aber es ist richtig, daß meine Hand den Bestellungen meines Kopfes nicht immer nachkommen kann. Wie beneide ich die Autoren, deren Kopf den Bedürfnissen ihrer Hand nicht nachkommt! Sie können sich wenigstens ausruhen. Die einzige Konzession, zu der man sich etwa noch herbeilassen könnte, wäre die, sich so weit nach den Wünschen des Publikums zu richten, daß man das Gegenteil tut. Aber ich tue es nicht, weil ich keine Konzessionen mache und eine Sache selbst dann schreibe, wenn sie das Publikum erwartet. Was könnte noch reizvoller sein als die Spannung, wie der Ort aussehen wird, den ich mir so oft vorgestellt habe? Die Spannung: wie ich meine Vorstellung wiederherstelle, nachdem ich ihn gesehen habe." Und mal was ganz Anderes von ihm: "Ich kannte einen Hund, der war so groß wie ein Mann, so arglos wie ein Kind und so weise wie ein Greis. Er schien so viel Zeit zu haben, wie in ein Menschenleben nicht geht. Wenn er sich sonnte und einen dabei ansah, war es, als wollte er sagen: Was eilt ihr so? Und er hätte es gewiß gesagt, wenn man nur gewartet hätte." (Karl Kraus) Heute so aktuell wie damals. Gruß von SuzieQ |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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