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Psychedelisch - Deef Pirmasens liest aus Airens Roman "Strobo" (Foto: Ingo Arend)
"Viel Spaß beim Hardcore, äh Hardcover", mailte mir gestern abend noch ein Freund anzüglich, kurz bevor ich nach Mitte in See stach. Ganz unrecht hatte er nicht. In der Tat segelt der Name der Party, zu der ich wollte, ja so haarscharf zwischen Porno und Hard-Edge durch. Das unterschwellige Signal: Es geht hart zur Sache! Und das sind natürlich genau die Gigs, auf die man eher abfährt als eine Einladung zum Bezirks-Lesezirkel in Reinickendorf.
Wer jedes Jahr die dröge Feier zur Verleihung des Berliner Literaturpreises im Roten Rathaus oder ähnliche Zeremonien über sich ergehen lassen muss, kann aufatmen. Denn der Literaturclub, der sich hinter dem Namen Hardcover verbirgt, fordert die Mischung aus eingemottetem Spießbürgertum und steifer Hochkultur endlich mal produktiv heraus, die das Literaturleben in Berlin dominiert -wenn man mal von den ganzen Slam-Poeten absieht, die ja auch ziemlich casual agieren. Mit ihrer Hardcover-Veranstaltungsreihe wollen die Verlage Blumenbar, Berlin und das Maxim Gorki-Theater seit Beginn diesen Jahres Literatur, Theater und Clubkultur verschmelzen.
Es fängt schon damit an, dass man Berlins berühmtesten Techno-Club WMF in der Klosterstrasse betritt, durch neonbelichtete Betongänge eilt und dann im erotischen Halbdunkel an der Bar steht. Becks in Flaschen, jede Menge coole Leute statt beflissener Muttis, Gläserklirren, Rauchschwaden, Flirtstimmung liegt in der Luft. Das ist schon mal ein ganz anderes Feeling, als wenn man im Goldkettchen-Areal in der Charlottenburger Fasanenstrasse die knarrende Holztür mit dem Messingknauf öffnet und auf Samtläufern das Treppenhaus des Literaturhauses erklimmt, um dann in einem öden Seminarraum neben „Literaturliebhabern“ zu landen.
Die Idee, Literatur, Musik und Bilder zu fusionieren, hat heute nacht noch besser geklappt als beim ersten Mal vor ein paar Wochen, als Franz Dobler und Alexander Schimmelbusch in einem viel zu großen Saal lasen. Die Schauspieler Andreas Leupold und Johann Jürgens vom Maxim-Gorki-Theater rezitierten so kongenial aus dem Werk von Hunter S. Thompson, dem durchgeknallten amerikanischen Gonzo-Journalisten, das man sich irgendwie sofort vorstellen konnte, wie das gewesen sein muss, als er bekifft über seiner Schreibmaschine hing und wie ein Geisteskranker „geschrieben“ hat – Gitarre und Mundharmonika inbegriffen.
Danach kam dann Deef Pirmasens. Wer es immer noch nicht weiß: Der Mann betreibt ein Blog namens Gefühlskonserve.de und hatte vor nicht allzu langer Zeit herausgefunden, dass Helene Hegmann in ihrem berüchtigten Buch Axolotl Roadkill so einiges von einem Typen namens Airen abgeschrieben hatte, der über seine Erlebnisse im Berliner Techno-und-Gayclub Berghain einen „Roman“ namens Strobo geschrieben hatte. Airen tritt nicht öffentlich auf, weil er anonym bleiben will. Was man verstehen kann nach den Exzessen, die er da beschrieben hat.
Deswegen las eben Deef Pirmasens aus Strobo. Nach der gehypten Party der Nutznießerin Helene Hegemann kürzlich im Tresor war das so etwas wie eine Wiedergutmachung für den geistigen Urheber von dem ganzen Wahnsinn. Und wie gut man Literatur und Video verbinden kann, konnte man an dem Film hinter Pirmasens sehen, in dem Airens Erlebnisse als experimentelles Mixed-Media-Performance daherkamen. Rainald Goetz war jedenfalls auch ziemlich begeistert, so weit man das durch die Rauchwolken sehen konnte. Man muss sich streiten, ob das gute Literatur ist. Aber zumindest, was die Präsentation angeht, zeigt sich: Es geht auch anders im Literaturbetrieb!
Nur: Hardcover war eine reine Junxxveranstaltung: Leider. Zum zweiten Mal. Die Auswählenden waren Männer, die ausgewählten Autoren waren Männer, die Vortragenden waren Männer. Und die narzistische Ich-Perspektive postadoleszenter Typen und der unterschwellige Sexismus, der all diesen Texten bisher eignete, wurde kaum erträglicher durch die Tatsache, dass mit Airen Schilderungen eine Sexualität verhandelt wurde, die erstaunlich locker und ohne große Erklärungsnotstände zwischen Heterosexualität und Homosexualität hin- und herswitchte. Aber an der Stelle können die Junxx von Blumenbar, Berlin&Co. vielleicht beim näxten Mal noch nachbessern.
Apropos Hardcore: Sex, Sperma und Scheisse – von dem Geruch, der Airen im Berghain immer um die Nase wehte, als er damals im stoned im Darkroom saß, war heute Nacht im Hardcover zum Glück nichts zu merken. Aber etwas anderes hat die Lesung trotzdem deutlich gemacht. Wenn die Literatur und das Nachtleben etwas verbindet, dann ist es die Sehnsucht nach dem sinnlichen Exzess. Das, wofür Airen leider nur einen etwas reduzierten Ausdruck findet: „absolute Geilheit“.
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"war leider zum zweiten Mal eine reine Junxxveranstaltung" - also wieder nix für Archinauten:-))
Sag' mir wo die Mädchen sind.... |
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Wenn ich ehrlich bin, wirkt die Mischung aus Sex, Sperma und Scheiße zumindest auf mich etwas zu entleert, zu reißerisch, zu bemüht, mittels Kickwriting noch Aufmerksamkeit zu erregen. Das Hinterherhetzen nach der geforderten Absoluten Geilheit verspricht doch letztlich nur eine herzlos gefickte BILD-Headline - schnell gelesen, schnell vorbei.
Kultur wie ein Designer-Jäckchen aus einem Trendshop in Mitte. Nett anzusehen - aber nach zwei Wochen fallen die Knöpfe, nach drei Wochen gehen die Nähte auf und nach der ersten Wäsche ist sie eine Nummer zu klein. |
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Das sehe ich genau so, diese Pseudo-Literatur, ob nun von Hegemann oder dieser ehemaligen Viva-Tussie (Namen habe ich gerade vergessen, fand´s nur lustig, das ein halbwegs intelligenter Mensch wie Roger Willemsen das gut fand),sind eigentlich nur der Beweis dafür das Ekelfaktor und Langeweile in einen neurotischen Müllsack gehen.
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schrieb am
13.03.2010 um 12:43
Alle Jahre wieder gebiert der Literaturbetrieb derlei. Ich habe mich mittlererweile zwar daran gewöhnt, gefallen tut es mir indes nicht. Hegemann und Viva-VJ (Roche heißt die Gute, Charlotte) sind lediglich Marketing-Produkte - sie sind so schnell vergessen, wie sie hochgejubelt wurden. Für mehr reicht es nicht - zu profan, zu vordergründig dreckig, zu entblätternd ist das Ganze. Es verhält sich wie mit vielen Dingen, die dann allzu schnell anöden, weil sie mit der Tür ins Haus fallen. Scheiße lässt sich nicht toppen - sie stinkt immer und behalten will sie niemand.
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über die qualität der literatur kann man natürlich streiten, liebe(r) hexogen. im strengen sinne ist airens "strobo" nicht wirklich literatur. aber all das, was da von roche bis airen plötzlich entsteht, nur als scheisse und marketing zu bezeichnen, verstellt den blick für die kulturellen prozesse dahinter.
der hegemann-airen-komplex fiel auch deshalb auf fruchtbaren boden, weil hier plötzlich ein lebensstil - über den umweg der literatur - öffentlich beachtung fand, der bislang symbolisch nicht repräsentiert war. ein ähnliches phänomen wie damals mit judith hermanns roman "sommerhaus, später". diese art zu leben: in dem post-89-er-berlin, in den clubs usw. fand da einen nachhall. deshalb wurde diese "literatur" angenommen. hier wurde etwas an die oberfläche befördert, was längst gängige lebenspraxis war. das berghain ist der berühmteste club der welt, wie ein feuilletonist der süddeutschen zeitung einmal schrieb. ich weiss schon garnicht mehr, wie oft ich da drin war. wahrscheinlich öfter als in jedem berliner literaturhaus. er galt bis dato aber eher als geheimtipp, untergrund usw. jetzt hat er auf der ästhetischen ebene einen ausdruck gefunden. es ist egal, ob man das gut oder schlecht findet. es ist so. und es ist letztlich gut so. im grunde ist die aufnahme dieses prinzips und der symbolischen äußerungsformen, die sich in diesem umfeld entwickeln, in den offiziellen diskurs quasi schon ihr ende. was der hardcover-club betreibt, ist die weiterentwicklung unter den gesichtspunkten des marketing. jetzt wird - qua coolem buch - zur ware, was vorher nur ungerichtete artikulation war. insofern auch ein spannendes fallbeispiel für die mechanismen des kulturbetriebs. was die präsentationsform anbetrifft: wenn literatur nur noch über musik funktioniert und sich ihre schwindende credibility mit dem kopieren anderer disziplinen erkaufen will, stimmt auch etwas nicht mehr. aber der club ist mir eben doch näher als ein literaturhaus. |
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schrieb am
13.03.2010 um 13:17
Lieber Ingo Ahrend,
von welchem Lebensstil schreiben sie, der dort von einer gerade Volljährigen teils selbst, teils kopiert, erzählt wird? Und für wen ist das gängige Lebenspraxis - für die Zusammenschreiberin oder die Protagonistin? Sind es nicht vielmehr die feucht-depressiv-geilen Wunschträume älterer Leser, die hier ihren Niederschlag finden, ist es nicht der ein wenig dreckige Thrill, wenn bei Hegemann z.B. auch Kinder missbraucht werden, das bisschen Dreck, welches anzieht? Es ist Marketing, wenn man die Szene in Berlin oder auch anderen Städten als nicht mehrheitsfähig begreift, denn sie ist es nicht. Sie ist nur - und das war stets so - nur ein Ausschnitt aus der Realität der Menschen und, was diese Literatur betrifft, nur einer sehr weniger Menschen. Mir ist es nach wie vor zu viel Effekt - und das passt eben zur Welt des Selbstbetrugs, den drogenspendenden Kreaturen aus Naked Lunch, an denen der Leser auch bei Hegemann und Co. so gerne saugen möchte. Das macht diese Werke aus - ein übergeilter Zoobesuch in der Welt der Verbrannten. Der Hegemann-Arien-Komplex fiel - glaube ich jedenfalls - auf fruchtbaren Boden, weil Hegemann den richtigen Vater und an richtiger Stelle abgeschrieben hat. Dazu noch ist sie eigentlich zu jung und weiblich. Und da ohnehin kein Jungautoren-Club-Szene-Buch da war, nahm man sie eben dankend an. |
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schrieb am
13.03.2010 um 13:26
Nachtrag: Bourroghs konnte es besser - cut up. Profanitätenschnipselsammlungen a la Hegemann nehmen sich da hingegen sehr dürftig aus, auch wenn die geografische Nähe ein wenig Sympathie und Nachvollziehbarkeit ermöglicht.
Aber vermutlich haben Sie als Club-Mensch auch einen anderen Zugang. |
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keine frage: burroughs konnte es tatsächlich besser. trotzdem glaube ich nicht an den mythos von der verschwörung des betriebs. solche marketing-strategien, die bei hegemann ohne zweifel angewandt wurden, funktionieren nur dann, wenn es ein minimum an gesellschaftlichem bedarf für das produkt gibt, das da platziert werden soll. und diesen bedarf muss man erst mal erklären.
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schrieb am
13.03.2010 um 17:04
Stimmt. Wobei ich hier eben glaube, das der Bedarf einer DSDS-Logik folgt. Leider.
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Lieber Herr Arend,
So schön es wäre, wenn der Hype um Hegemann und ihr Team, die es darauf anlegte etwas "symbolisch zu repräsentieren",-das ist in meinen Augen schon eine philologische Überhöhung und ein Vokabular, welches der Sache überhaupt nicht gerecht wird-, tatsächlich etwas Wichtiges, Trendiges und Notwendiges in den Mittelpunkt des öffenlichen Interesses rückte, so wenig ist das in der Realität der Fall. Weder sprachlich, noch von den Sujets, noch von der Reflexionshöhe, trifft das zu. Schade, dass Sie in Literaturhäusern seltener zu finden sind, als im Berghain. Man mag sich ja gar nicht ausdenken, was das an Lebenszeit kostet, in diesem Schuppen auf dem Laufenden zu sein. Das ist doch eher etwas für die Berliner Tourismusmesse, gekaufter Hype, gekaufte Authentizität und gekaufte Ausschweifung, und dazu einige junge Leute mit Eintrittsberechtigung, manche wohl deutlich zu jung, die sonst nichts mit sich anzufangen wissen. In der Überwertung fast so etwas wie die berühmten New Yorker Klubs der 70er und 80er, eben, wie sie, weiter fortfahrend schreiben, Unterhaltung für ein sehr beschränktes, aber zumindest ein Publikum. Gerne würde ich ja von Ihnen einmal etwas lesen über den "weltberühmten" Klub und vor allem über die "kulturellen Prozesse", da Sie sich nun als besonderer Kenner der Szene zu erkennen gaben und dazu bestimmt etwas wissen dürften. Jetzt sind wir hier doch alle neugierig, berichten Sie! Ich kann nur sagen, ich fasse es nicht. Aber wahrscheinlich verhält es sich damit so, dass allein die Ortskenntnis und offenbar viel Zeit, Sie zum Träger eine besonderen Arkanums macht. Um es deutlich zu sagen, Ihre Antwort trägt den Stempel der Überheblichkeit, den Sie doch erst einmal erklärend und beschreibend, mit irgend einer Substanz unterfüttern müssten. Über solche Antworten auf Leserkommentare bleibt mir der Mund ganz weit, offen stehen.- Ganz ehrlich. Mit lieben Grüßen Christoph Leusch |
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lieber christoph leusch,
ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht so recht, was an meiner antwort überheblich sein soll. ich habe nur gesagt, dass es zu undifferenziert ist, "literatur" à la hegemann/airen&co. pauschal als "dreck" zu bewerten. und dass die gesellschaftliche resonanz, die sie findet, dafür spricht, dass an ihr eben etwas mehr dran ist, als dreck. und dass es lohnt, darüber nachzudenken, was das bedeutet. mein hinweis auf meine club- und berghain-besuche war auch nicht als demonstration der exclusivität zu verstehen. ich wollte damit nur zum ausdruck bringen, dass ich die methoden der kulturpräsentation oft wenig ansprechend finde. und mit diesem gefühl stehe ich offenbar nicht allein, wie man an dem sz-zitat über das berghain sehen kann. ausserdem: warum verlegen andere berliner kulturinstitutionen ihre aufführungen ins berghain? www.tagesspiegel.de/berlin/Stadtleben-Berghain-Ballett;art125,2329002 www.theater.de/news/elektro-oper-nach-scorsese-film-im-berliner-party-club-berghain de-bug.de/musik/3952.html schöne grüße ingo arend |
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hier nochmal der komplette tagesspiegel-link. der oben funktioniert offenbar nicht richtig.
www.tagesspiegel.de/berlin/Stadtleben-Berghain-Ballett;art125,2329002 (notfalls in den browser kopieren) |
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„…funktionieren nur dann, wenn es ein minimum an gesellschaftlichem bedarf für das produkt gibt, das da platziert werden soll. und diesen bedarf muss man erst mal erklären.“
Lieber Ingo Ahrend, ist es nicht aber auch so-und dieser Gedanke ist überhaupt nicht neu und mag hier vielleicht auch nicht zutreffen-dass Bedarf künstlich erzeugt wird und der Mensch sich verführen lässt, etwas als Besonderes (oder Benötigtes, längst Überfälliges usw.) zu empfinden, weil es als etwas Besonderes (Benötigtes, Überfälliges…) dargestellt wird? Ich glaube eben an diesen schon vorhandenen Bedarf nicht, oft funktioniert das ganze nach meinem Empfinden entsprechend dem Prinzip „Des Kaisers neue Kleider“ und es heißt ja auch „ die stetige Präsentation eines Reizes erhöht dessen Attraktivität“... Viele Grüße |
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natürlich gibt es diese künstliche bedarfsweckung, liebe(r) kla. und sie hat im fall hegemann besonders gut funktioniert. aber es muss eben auch leute geben, die darauf ansprechen. und wie erklärt man sich das? sind die alle nur pawlowsche hunde, die auf jeden reiz "bewusstlos" reagieren?
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schrieb am
14.03.2010 um 10:31
In der wunderbaren Welt des Marketing existiert der Begriff des »Tipping Point«. Ein oft angebrachtes Beispiel ist das der Marke Hush Puppies, die lange Zeit als bieder und unattraktiv galt. Gerade deswegen fingen einige Trendsetter in einem kulturellen Londoner Ambiente an, diese wieder zu tragen. Zuerst war es nur eine kleine Gruppe, die diesem (einem von vielen) Retrotrend folgte, andere Menschen sahen es und schlossen sich an, weil sie für sich Teilhabe an der »Szene« erlangen wollten. Am Schluss machte sich dieser Effekt mehr als positiv für die Marke bemerkbar. Sie wurde dadurch keineswegs besser oder gar moderner - dennoch war sie auf einmal in, wobei ich die Schuhe immer noch ekelhaft finde. Diesen Tipping Point, den Punkt, an dem das Interesse positiv kippt, kann man - und in diesem Bereich arbeiten eine Unzahl Verkaufsförderer - provozieren. Diesen Mechanismen/Strategien ist auch der Literatur/Kunstbetrieb unterworfen und der Weg z.b. ins Berghain ergibt genau so viel Sinn wie die Kooperation Bukowina-Club und Schauspiel Frankfurt, wenn ich mich recht entsinne. Inhaltlich ändert sich an den Werken indes nichts - lediglich ein erfolgversprechender Kontext wird erzwungen.
Das ist natürlich alles völlig legitim und auch ich arbeite, wenn es sich ergibt, auf diesem Niveau. Allerdings ist die Kritik - ob positiv oder negativ - davon unbetroffen. Sie sollte sich nicht an der so geschaffenen Akzeptanz in Bezug auf das Werk berufen, sondern beim eigentlichen Werk bleiben. Nur, weil etwas irgendwo angenommen wird, muss es nicht gut sein. Dieser Umstand deutet zuerst lediglich darauf hin, dass der Vermarkter seine Hausaufgaben gemacht hat und das hat er in diesem Fall. Und nein; es sind nicht alles pawlowsche Hunde. Das ist mir zu negativ. Die Leser reagieren einfach nur menschlich locker, was völlig in Ordnung ist. Daran ist nichts kritikwürdig. |
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Lieber Ingo Ahrend,
ich denke, das ist genau der richtige Gedanke, die klassische, vielleicht auch operante (da müsste ich noch drüber nachdenken) Konditionierung. Das ganze funktioniert viel einfacher, also man glaubt, glauben möchte. Der Mensch ist unheimlich manipulierbar, und das meine ich überhaupt nicht schwarzmalerisch (!), und die Verwandlung eines unkondtionierten Reizes (Futter) in einem konditionierten (Glocke) und automatisch wird, naja, eben Speichel (jetzt konditioniert) abgesondert, ist eine Variante. Im übertragenen Sinne! Ein Bedarf muss natürlich hiernach zu Grunde liegen, nur eben nicht unbedingt der von Ihnen benannte. Denn, was hat die Glocke, eigentlich, mit Futter zu tun? Es gibt wirklich sehr viele Spielarten was „Manipulation“ betrifft, ein Stichwort ist „priming (without awareness)“- welche auf künstliche Bedarfserzeugung zutrifft, darüber müsste ich auch noch genauer nachgrübeln. Auf jeden Fall ist es ja hier, wie schon gesagt, vielleicht genau so, wie sie es sagen, nur nach meiner „Kenntnis“ eben nicht prinzipiell. |
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Berichtigung: was hat die Glocke, eigentlich, mit Futter >bekommen< zu tun?
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Hallo Herr Arend,
Clubbing to death Da war ich wohl ein wenig zu heftig. Entschuldigung! Aber das Aufladen mit „symbolischer Bedeutung“, wenn ein sicher mittlerweile „weltberühmter“ („Welt“ in dem Sinne, dass diejenigen die Chancen haben hin zu kommen und Clubs gut finden, hin gehen) Club, in sämtlichen Feuilletons der Republik besprochen wird, nein, vielmehr das Kluberlebnis aus der Sicht einer Minderjährigen, die die zur Auswertung und Vermarktung, das Kluberlebnis anderer gleich einmal einbezog und abschrieb, um daraus vermarktbare Literatur zu machen, die dann symbolische Bedeutung erlangen soll, muss doch erklärt werden. Symbolische Bedeutung heißt doch, Bedeutung hinter und um das eigentliche Objekt oder Sujet, oder die Personen. Also mehr, als zu wissen, es gibt im Berghain eine Techno-Disco und Selbst-Performance Bühne in einer atemberaubenden Halle, mit Bars, Darkroom, sowie Drogen und Sex nach Vorliebe und Geldbeutel. Wenn gar die Literatur darüber „symbolische Bedeutung“ erlangen sollte, - Das gibt es ja tatsächlich in der Literatur, vom „Werther“ Goethes, von den „Webern“ Gerhart Hauptmanns, über Ernst Glaesers Jahrgang 1902, von Kafkas „Prozess“, von den „Stahlgewittern“ Ernst Jüngers oder Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, von Koeppens „Treibhaus“ bis zu dem, in meinen Augen, eher gescheiterten Versuch Uwe Tellkamps, den Weißen Hirschen als Hort des überlebenden Bürgertums zu stilisieren.-, worin liegt der Gehalt des Symbolischen? Was sind also die symbolisch bedeutsamen Inhalte und Formen in der aktuell diskutierten Literatur, die sich dem „Clubbing“, manchmal bis Ultimo, verdanken? - In den New Yorker Clubs heute und in der Vergangenheit, ging es um Bühnen, die von reichen und bekannten Leuten betreten wurden, um sich die Kante zu geben, und ungestört nach Konsum-Ware (menschlicher und dinglicher) suchen zu können. Und um diese herum, gab es tausende, vielleicht hunderttausende, die diesem „Gefühl“ irgendwie auch nahe sein wollten, es nach vollzogen. Gut bekommen ist das einer Menge Leute, ohne die Chance auf bezahlte Therapien und Auszeiten nicht. Bitte, das ist Alles legitim, sogar bis zum Exzess, bis zur völligen Verausgabung, oder, sozusagen als Stammgast, mit einer vielleicht nicht gerade lebensbedrohlichen Schlagzahl an Tanz, Sex, und Suchtmittleln. - Aber, wo, und vor allem was, ist die symbolische Bedeutung an Airens Texten, gar an jenem „Grottenolm- Text“ (zur Vorsicht schreibe ich dahinter, ich weiß, es ist ein biologischer Familien- Unterschied, Axolotl-Grottenolm), -ich gebe ihnen völlig Recht-, jenem aufgesetzten Surrogat-Text der Frau Hegemann? Trifft es da nicht eher zu, dass, neben den sicher hervorragenden akustischen Bedingungen und der Möglichkeit Bühne inmitten und nahe an einem Publikum anzubieten, die Literaturagenten und Zirkel eine Nähe suchen, die es erlaubt mit enormen Werbemitteln und Aktionen auf sich aufmerksam zu machen? Eine Lesung oder Kulturperformance an ungewöhnlichen Orten ist nicht ungewöhnlich. Es werden in Bahnhofshallen sinnvoll Opern inszeniert, in alten Fabrikgeländen quer durch die Republik wird performt, musiziert, gemalt, getanzt, zumal ja gerade Industriereste Hallen anbieten, die nicht ganz so teuer sind. -Das wäre doch einmal eine schöne Artikel-Serie, 10-12 solcher „Kulturhäuser“ zu porträtieren und sich ihrer realen wie „symbolischen“ kulturellen Bedeutung in der Region klar zu werden. In den ländlichen Regionen der Republik fahren die jungen Leute meilenweit, um in eine Diskothek zu kommen, die es in Berlin, Hamburg und München im Dutzend billiger gibt, und an Wochenenden oder zu Städtetripps fliegen Sie von Madrid oder Paris, oder sonstwo her, nach Berlin um einmal ins Berghain zu gehen. Das ist legitim, hat aber keine symbolische Aufladung. Hier kann ich zumindest aus den Kommentaren ahnen, was da zieht: www.qype.com/place/5976-Berghain-Berlin . Aber mit Literatur und symbolischer Bedeutung hat es nicht allzu viel zu tun, es sei denn, es gibt eben ein sehr gezieltes Interesse, das aus markttechnischen Gründen her zu stellen. „Wenn die Literatur und das Nachtleben etwas verbindet, dann ist es die Sehnsucht nach dem sinnlichen Exzess.“ - Eine Literatur aus der Beschreibung sinnlicher Exzesse, wäre die nicht lediglich ein Etwas, also fast nichts? Sie haben Recht. Worte wie „Dreck, Mist, etc“, diese Wertungen, sind völlig daneben. Aber umgekehrt verblüfft ja die Ansprüchlichkeit, mit der viele Feuilletons für Frau Hegmanns Text streiten, um einer „nackten Form“ nachträglich und sehr inszeniert zu einer Bedeutung zu verhelfen. Liebe Grüße Christoph Leusch PS: Wäre „Gonzo“ aus Berghain vielmehr nichts anderes, als ein Remake? |
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schrieb am
14.03.2010 um 16:41
Vielleicht sollte man unterscheiden zwischen Literatur als Kunst (der eine Text) und literarisches Leben (vom Café bis zum Club).
Hegemann lese ich z.B. nicht, weil das von vornherein meinen Kriterien für Literatur nicht entspricht, aber zur Lesung von Charlotte Roche ins Jovel gehe ich schon. Immerhin sollte man sich unvoreingenommen das Neue, das ist und wird, angucken. |
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schrieb am
14.03.2010 um 16:51
Kurze Anmerkung, weil es immer wieder kommt: Ich habe nicht geschrieben, dass die Werke Dreck sind, ich schrieb, dass dort u.a. über Dreck (salopp ausgedrückt) geschrieben wurde. Dreck im Sinne von Verkommenheit, Siff, etc.., eben, weil das "Schmuddelige" so im Vordergrund der Erzählungen steht.
So rum war das gemeint, wurde aber wohl überlesen. |
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Ich habe alles gelesen, was ich wissen wollte. Vor allem auch die Begeisterung durch die Rauchwolken hindurch. Sehr schön.
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Noch eine Ergänzung: Hexogens Beschreibung/Modell trifft es gut, es ist einer von vielen Mechanismen, und mir passiert das andauernd (allerdings nicht bei Büchern, da kann ich mich nicht überwinden, sie gut zu finden oder überhaupt zu Ende zu lesen, wenn sie mich langweilen, abstoßen oder einfach mein Verständnis übersteigen. Glaub ich jedenfalls...).
Der Pawlowsche-Hunde-Vergleich ist natürlich für viele Fälle zu simpel, aber eine Verknüpfung mit angenehmen Empfindungen spielt eigentlich immer eine Rolle. |
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hier noch eine andere stimme zu der wmf-nacht und der frage nach der qualität der hegemann/airen etc. - literatur:
www.tagesspiegel.de/kultur/Helene-Hegemann;art772,3030575 grüße! |
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Einen kleinen Einblick in die erste Dobler-Lesung gibt schon YouTube
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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