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Sie hat dunkelblonde Haare, unter denen ihr Gesicht hervorschaut, einen bunten Kopfhörer um den Hals, und sie kann reden, reden, reden.“ Es war bezeichnend, dass Tobias Rapp seinen Bericht im Spiegel Mitte Januar über eine spektakuläre Neuerscheinung mit der Beschreibung der Autorin begann.
Nicht nur ihn hatte die Presseabteilung des Verlages schon vor Weihnachten unter gezielten Beschuss genommen. Selbst die sonst so strenge Kritikerin Ursula März ließ sich auf eine Begegnung mit Helene Hegemann ein und berichtete in der Zeit sichtlich angetan von den Turnschuhen und den vielen Wollschals, die sich die junge Debütantin um den Hals gewunden hatte.
Axolotl Roadkill, der Hype der Saison, trieb die gute alte Homestory zu hypertropher Blüte. Kaum einer hat Hegemanns Buch wirklich gelesen. Aber alle wissen jetzt, was für ein erbärmlicher Bohemien ihr Vater ist, wie prekär die junge Dame lebt und wie es im Berliner Club Berghain zugeht.
Doch nicht nur das literarische Leben steht unter der Regentschaft des human touch. Die Plakate von Moritz Bleibtreu oder Catherine Zeta-Jones, die in diesen Tagen an jeder Bushaltestelle hängen, mögen noch als Marketing-Aktion durchgehen. Zeigen aber auch, wie man eine der komplexesten Kunstformen auf das reduzieren kann, was im PR-Deutsch „Persönlichkeitsfaktor“ heisst. Sie spiegeln, wie der Kulturteil in den Zeitungen inzwischen aussieht.
Besuch bei Hanna Schygulla
Während dort in den Redaktionen selbst das „Rezensionsfeuilleton“ geschmäht wird, quellen dieselben Blätter über von Berichten, die mit Sätzen wie „Ein Treffen mit Siri Hustvedt, ein Besuch bei Hanna Schygulla“ beginnen. Wie jemand aussieht, mit wem er wohnt, was er gern isst - alles scheint mehr über seine Kunst auszusagen, als diese selbst.
Eigentlich gilt die Homestory als das Schmuddelgenre des Kulturjournalismus. Es ist nicht mehr ganz auszumachen, wie sich diese Schlingpflanze hierzulande derart ausbreiten konnte. Entweder handelt es sich um ein Missverständnis dessen, was in den angelsächsischen Ländern als literarische Reportage zu höchster Kunst gedieh.
Oder es sind doch die dunklen Mächte des Kommerzes, die Presseabteilungen der Verlage und Verleihe, die noch die kritischsten Kritiker vorab mit fertigen Geschichten und Fotos von Stars und Sternchen einlullen. Auf dass sie vergessen, was nach Kant einmal das ästhetische Urteil hieß.
Das kulturpessimistische Bild von der Verschwörung der Kulturindustrie ist freilich nur die halbe Wahrheit. Selbst der nicht gerade auf den Kopf gefallene Daniel Kehlmann verwechselt Kritiker gern süffisant mit Zahnärzten. Als ob der Kant-Kenner Kehlmann nicht wüsste, dass der Königsberger Philosoph ihre Aufgabe darin sah, das Allgemeine im Besonderen zu finden.
Solche Sprüche bestärken das Publikum, das die Nestwärme der Empathie der Kälte der Abstraktion vorzieht. Nicht umsonst trifft sich die „friendly community“ der Website Homestory am liebsten zu dem, was sie „gepflegte Diskussionen auf dem Sofa“ nennt.
Kamingespräche mit Künstlern
Ganz so unschuldig sind die Gescholtenen natürlich nicht an der Verwilderung der Sitten. Wer schon einmal mit Judith Hermann zu Mittag gegessen hat, auf Brad Pitts Motorrad mitfahren oder Lady Gaga backstage bewundern durfte, genießt einen privilegierten Blick auf deren Werk.
Mit solchen Ausflügen in die Gefilde der Selbstinterpretation kann auch der unbedeutendste Kritiker ein soziales Kapital kumulieren, das der Karriere zumindest nicht hinderlich ist. Und es ist ja so viel angenehmer, mit Künstlern am Kamin zu plaudern, als ganz allein ihr Oeuvre zu begrübeln.
Dabei befriedigen Popularisierung und Simplifizierung, bei der sich niemand mehr auf den Gegenstand selbst einlässt, gar nicht die verständliche Neugier auf den Menschen hinter der Kunst, die wir manchmal nicht verstehen. Sie lenken ab von dem Strukturwandel der Öffentlichkeit, der sich durch die digitale Revolution immens beschleunigt und vertieft hat.
Und sie dienen als Techniken der Aufmerksamkeitsökonomie in einer Gesellschaft, in der als Ware funktionieren und immer schneller zirkulieren muss, was Kunst zu sein beansprucht. In einer Gesellschaft, die sich von allem ein Bild, aber keinen Begriff mehr machen will. Die nichts mehr kritisieren will, sondern nur noch präsentieren, konsumieren.
Dass dem deutschen Feuilleton das Schicksal eines blonden jungen Mannes namens Airen, von dem sich Helene Hegemann die Erfahrungen geborgt hat, die sie selbst nicht machen konnte, nun wichtiger ist als die Frage, wie avanciert Hegemanns Sample-Technik ist, zeigt: Es hat auch die Avantgarde vom Beginn des Jahrhunderts falsch verstanden. Die wollte mit ihrer Kunst zwar auch mitten ins Leben. Aber nicht, um es zu verdoppeln, sondern um es zu verändern.
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schrieb am
17.02.2010 um 16:47
Zweimal ja, einmal nein; dem "amüsant" kann ich mich nämlich nicht anschließen.
Eher der Fragestellung, warum der Künstler heute wichtiger ist als sein Werk - obwohl der Biographismus ja eine unselige literaturwissenschaftliche Tradition hat. Und: Bild vor Begriff, digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit, Änderungen der Aufmerksamkeitsökonomie - als Dinge, die ich an mir selbst beobachten kann. Man folgt der Welt - man muß es aber nicht freiwillig und widerspruchslos tun. Hegemann hab ich bei Harald Schmidt gesehen, nett, sie präsentiert sich gut, aber doof finde ich das. Das Buch werde ich nicht lesen. Aber meine Aufmerksamkeit hat sie und er Apparat erzwungen/gewonnen. 100 Liter Hass drauf. |
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Ja, stimmt, aber mit dem letzten Abschnitt frage ich mich doch-
1. Ob das dann diesem Airen gegenüber gerecht ist. 2. Ob die Hegemannsche Sample-Technik so bewusst eingesetzt ist, wie es hier wohlwollend gemeint ist. Aber, Sie zielen ja auf eine generelle Feuilletonkritik und da kann ich nur sagen: Immer drauf, blamabler und oberflächlicher kann es im Moment kaum sein. |
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Lieber Ingo,
einverstanden, die "homestory" ist das Zerfallsprodukt der literarischen Reportage. Eine gute literarische Reportage, denke ich, führt ein Werk an ein Leben heran, ohne dieses darin aufgehen zu lassen. Also: Wenn ich über ein Essen mit Judith Hermann berichte, hilft das per se noch keinen Deut, ihr Werk einer interessierten Leserschaft näherzubringen. Wenn ich aber mit Judith Hermann an die Orte zurückgehe, wo sie gekellnert hat und wo sie ihre Inspiration zu "Sommerhaus, später" gewonnen hat, kann daraus ein Mehrwert entstehen. Gelungene literarische Reportagen kreieren eine Atmosphäre. Atmosphären könnte man als in Öffentlichkeit geronnene Intimität bezeichnen. An dieser Schnittstelle bewegt sich nun einmal ein Schriftsteller. Warum aber lesen wir in den Feuilletons so wenig Reportagen, oder sagen wir: literarische Porträts in diesem Sinne? Wir lesen ja noch nicht einmal Klatsch und Tratsch, der sich gewaschen hat, weil er gemein und böse ist (und nichts gegen solchen Klatsch). Weil das Kulturmarketing alles beherrscht? Das glaube ich nicht, oder nur mittelbar. Meine deprimiernde Antwort ist leider, weil nur (noch) wenige Autoren solche Porträts schreiben können. Wie die Geschichte des Feuilletons zeigt, waren die meisten dieser Kunstfertigen selbst Schriftsteller. Kein Wunder, sie haben ja auch ein vitales Interesse an der Begegnung mit dem anderen, der schreibt. Man nehme die Gesamtausgabe eines beliebigen modernen Klassikers in die Hand: früher oder später wird man auf ein hinreißendes Porträt stoßen - spätestens in den "kleinen Schriften". Neulich habe ich zum Beispiel ein wunderbares kleines Porträt von Paul Nizon über Max Frisch gelesen. Ausgangspunkt: Die Beobachtung, dass ihn die Nachricht von Frischs Tod relativ kalt gelassen hat. Das ist doch mal ein Ansatz, würde ich sagen. Von den so genannten Kulturjournalisten kann man dergleichen leider kaum erwarten, schon gar nicht, wenn sie den Kulturjournalismus studiert haben. Ich meine, wie viele gute literarische Reportagen/Porträts kriegen wir denn angeboten? Aber gut, bevor ich mich nun um Kopf und Kragen rede, breche ich hier lieber ab. |
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totalement d'accord, cher michel. zumal du nizon ins feld führst. einen meiner lieblingsschriftsteller: rücksichtsloser als er kann man die selbstbeobachtung kaum betreiben.
anschauung in form der literarischen reportage muss auch nicht immer affirmativ sein. muss man ja hier nicht alles ausbreiten. aber wenn sie überhand nimmt, wenn keiner mal mehr die summe aus lauter beobachtungen zieht, dann wirds eben problematisch. that's what i wanted 2 say... |
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Homestory? Aber gerne. Am liebsten aus der Konserve. Z.B. Magret Dünser:
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schrieb am
17.02.2010 um 16:19
@ Ingo Arend
Ja. Schien wohl eine Marktlücke gewesen zu sein. Haben wir früher alle gesehen! Bestimmt 70% Marktanteil damals, in den 70ern. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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