8
]
„Ich stelle mich hier doch nicht in die Reihe“. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, wie verkommen der ganze Literaturbetrieb ist, dann wurde gestern abend bei der Buchparty von Helene Hegemanns Axolotl Roadkill erbracht. Auf der einen Seite regt sich der Kritiker spaltenlang darüber auf, dass um jeden unbekannten Debütanten ein Hype wie um einen Nobelpreisträger gemacht wird. Auf der anderen Seite ist er (der Autor dieser Zeilen inclusive) dann doch erste, der auf der Release-Party auftaucht, wenn das Teil erfolgreicher wird, als man erst gedacht hatte. Noch dazu, wenn es in so verrufene Orte geht wie den Tresor, ein sagenumwitterter Nachtclub, der nach Jahren erfolgreich ausgeübter kultureller Hegemonie in Berlin-Mitte nun ein Exil am unansehnlichen Nordrand Kreuzbergs gefunden hat. Ist natürlich geiler als ein verstaubtes Literaturhaus: Cool, lebendig, frische Gesichter, beats per minute, wie im Leben eben. Trotzdem will der Kritiker natürlich seine VIP-Extrawurst gebraten bekommen. Und sich nicht wie Kreti und Pleti anstellen müssen. Spätrömische Dekadenz wohin man schaut.
Jedenfalls war es eine selten illustre Schar, die sich da gestern dann doch irgendwie Einlass verschafft hatte. Ein Beweis auch für die Integrationskraft der Literatur: Jede Menge sexy Partypeople, die von dem Verlagsevent gehört hatten und das dann doch irgednwie aufregender fanden, als mit Bierfalschen durch Mitte zu ziehen, standen neugierig herum. Der ganz große inner circle des eher wohltemperierten Literaturbetriebs. Die lustigen friends of Helene natürlich. Aber auch renommierte Größen vom Spiegel oder vom Stern tingelten verzückt durch die stroboskopdurchzuckten Katakomben des düsteren Betonklotzes: die ubiquitäre Luzia Braun vom ZDF, noch ganz mondän von der Berlinale, der große Junge Moritz von Uslar, immer noch ganz casual . Selbst die Grande Dame der Literaturkritik, Verena Auffermann, bahnte sich im Samtwams und huldvoller Miene den Weg durch die schwitzende Menge. Ja, was tut sich jetzt hier wieder? Nur Rainald Goetz, den abgefahrensten aller Berliner Partygänger, haben wir schmerzlich vermisst. Was war los? Einladung verlegt? Notizblock vergessen? Anderswo festgelabert? Wäre sicher genau dein Ding gewesen.
Kann das wahr sein? Oder ist es nur gut geheuchelt? In Ehren ergraute Feuilletonisten standen ergriffen vor dem neuesten Raubtier des Betriebs. Ungläubig schauen sie auf das, was sie selbst erschaffen haben wie auf ein außerirdisches Drittes, zückten die Handys zum Fotografieren. Im Keller des Party-Bunkers tänzelte Helene Hegemann am DJ-Pult, das in einer Art Käfig aus Eisenstäben aufgebaut war, der Grace Jones alle Ehre gemacht hätte. Hinter ihr stand ihr Vater Carl und schnorrte Zigaretten von ihren Kumpeln. Absurde Welt: Ein Bodyguard musste der Debütantin den Weg bahnen, als sie sich auf dem Weg zum Mikro machte: Wie ein misshandeltes Arschkind wirkte das freundliche Literaturgirl von der wir aus den 1001 als Literaturkritik getarnten Homestories eigentlich schon alles wissen, eigentlich nicht. Aber ob sie sich ihren 18. Geburtstag wirklich so vorgestellt hatte?
Die Lesung ging genauso im Pfeifen der Mikros unter wie das Bekenntnis von Ullstein-Chefin Siv Bublitz zum Urheberrecht. Für ein Buch, in dem alle meist im Erbrochenen liegen, durch Fleisch und Blut waten, gefickt und geschändet werden, ging es dann aber enttäuschend, man möchte sagen kindgerecht zu: 99 Luftballons hingen unter der Decke, Luftschlangen überall, Samtkissen in Herzform lagen auf dem verklebten Betonboden. Am Eingang gabs Zuckerwatte für die ganz Süßen. Schließlich wurde eine riesige Geburtstagstorte herein geschoben. Immerhin aus opiatschwerer Kakaomasse gebacken. Und alle sangen so bisschen verquält pennälermäßig „Happy Birthday, dear Helene“. Trotzdem entwickelte dieses urkonventionelle Event eine Anziehungskraft wie vielleicht nur die Berlinale. Selbst Thomas Flierl, Berlins Ex-Kultursenator und frischgebackener Polit-Aussteiger, lag gegen Mitternacht, als sich nur noch ein verschworenes Hardcore-Häuflein auf der Tanzfläche wand, auf ein paar besudelten Kissen und beobachtete angeregt die Szene: Philosoph unter Hedonisten.
Gegen Mitternacht wurde es zum Glück dann doch noch etwas gewalttätig. Ein paar Freunde von Helene hatten einen roten Axolotl an die Decke gehängt. Zu dritt schlugen sie, Schals über die Augen gelegt, das Geburtstagsgeschenk kaputt, bis etwas aus dem Pappmache-Laib quoll, was schwer symbolisch für diese ganze Buchaffäre aussah: eine riesige Wolke Konfetti. Doch die Hoffnung, dass dieses arme Wesen jetzt vielleicht endgültig tot sein könnte, wird sich wohl nicht erfüllen. Nächste Woche sitzt die fromme Helene bei Giovanni di Lorenzo auf dem Sofa von Drei nach Neun.
|
|
"Und alle sangen so bisschen verquält pennälermäßig 'Happy Birthday, dear Helene'." - Haha, sehr hübsch geschrieben, auch wenn das Thema schon ein paar Stunden nervt.
Dass Thomas Flierl da hingehen muss, um drüber zu philosophieren, das ist ja enttäuschend... :) |
|
|
Ich hab Helene bei Harald gesehen. Da flogen vielleicht die langen Haare! Die Drei nach Neuner müssen sich warm anziehen, damit kein Haar ins Becherchen fällt.
Warum war Goetz nicht da? Aufklärung erwünscht. |
|
|
ich gestehe, dass ich mit diesem text natürlich zu dem beklagten feuilletonistischen hegemann-overkill beigetragen habe. aber aufschlußreich für den betrieb war der besuch dort dann doch. was die abwesen- oder (unsichtbar-?)keit von rainald "irre" goetz enbetrifft, muss ich mich heute nacht mal kundig machen. man kommt ja rum. gebe dann bescheid....
|
|
|
Irgendwie passt es dann doch alles ins Bild.
Zugegeben: Ich wäre wohl auch hingegangen. Und hätte darüber geschrieben. Trotz nervendem Overkill und allem. |
|
|
Ich vermute doch, lieber Ingo, das mindestens die Hälfte der anwesenden Betriebsmenschen das gleiche wie du gedacht haben, nämlich: "wie verkommen dieser Betrieb doch ist (und ich bin auch dabei, aber doch eigentlich nur als Beobachter!)". Das Problem ist, man sieht niemanden während des Anlasses an, dass er mit solchen Vorbehalten, mit einer reservatio mentails quasi, den Anlass bestreitet. Sondern man sieht eben: "die ubiquitäre Luzia Braun vom ZDF, noch ganz mondän von der Berlinale, der große Junge Moritz von Uslar, immer noch ganz casual". Etc. Fällt mir gerade ein, man sollte wirklich einmal etwas über die Funktion von Mentalreservation in Zeiten der Popkultur zu machen, vielleicht ein Fall für Rainald Goetz?
|
|
|
Lasst doch Rainald Goetz in Ruhe. Er war jedenfalls mal gut. Ein Realist. Ich sass auf meiner Leiter, da ist doch alles drin, was wir an Kleist so lieben.
|
|
|
Ich denk,ich haett sie gestern im Zoo-Palast oben auf der Treppe sitzen gesehen. Nicht unsympatisch, normal. Auf Welcome to the Rileys wartend. Mit mir wartete Frau Huppert, maybe. Sauve qui peut, 700 MB, anyway.
|
|
|
bin mir nicht sicher, ob das mit der reservatio mentalis nicht eine nummer zu hoch ansetzt. journalisten kommunizieren soviel, dass sie eigentlich keinen geheimen vorbehalt kultivieren müssen, geschweige denn können. in der regel ist es doch eine mischung aus statusbewusstsein und sensationsgeilheit, die sie dorthin treibt. und natürlich die hoffnung, dass von den wärmenden strahlen der prominenz und bedeutung, die von solchen anlässen ausgehen, etwas an, auf ihnen hängenbleibt. von dem spiegelungsbedürfnis des kritikers in einem - letztlich unerreichbaren - gegenüber mal ganz abgsehen: siehe heute volker hage im spiegel...
|
Ausgabe 07/12
16.02.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen