Ingo Arend

Blog von Ingo Arend

12.03.2009 | 01:30

Leipziger Rituale

"Redaktion sucht neue Herausforderung". Vor dem Leipziger Gewandhaus stehen abends um sechs ein paar Leute und verteilen Flugblätter. Mitarbeiter des verkauften Brockhaus und des abgewickelten Bibliographischen Instituts suchen Arbeit für ihr "interdisziplinär arbeitendes Team". Gibt es die Krise also doch, die der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried Honnefelder, heute morgen auf der Eröffnungspressekonferenz der Leipziger Buchmesse, so vehement in Abrede gestellt hat?
DieLeute, die ins Gebäude streben, sehen so garnicht nach Krise aus. Man hat eher das Gefühl von festlicher Sammlung. Vor die Freuden des Lesefestes hat ein ungütiger Gott die Vorhölle des Gewandhauses gesetzt. Der rituelle Eröffnungsakt der Leipziger Buchmesse kitzelt die spießbürgerlichen Seiten der Buchbranche heraus. Herrschaften mittleren Alters in gedeckten Anzügen und mit frisch gewaschenen Haaren sitzen in einem dunkel getäfelten Saal. Selbst ein taz-Redakteur mit Vollbart hat sich in eine Art Sacco gezwängt. Als ich vor dreizehn Jahren hier zum ersten Mal in Jeans aufgetaucht bin, war das eine stockkonservative Ambiente eine Art Kulturschock. Jetzt laufe ich selbst im Anzug herum. Na ja.
Zum Ritual gehören die Bekenntnisse zur Buchstadt Leipzig, zu Europa im Allgemeinen, zum Osten im Besonderen, zu Macht der Literatur. Börsenvereinschef Honnefelder schimpft auf Internetpiraterie, Pirate Bay  und Kulturvermüllung im Netz. So weit wie gehtabt. Auch das Gewandhausorchester hat seinen rituellen Einsatz. Weiter als bis Leonard Bernstein sind die auch noch nie gekommen. Diesmal gab es Prokofieff und Dvorak. Wahnsinn. Ein maskenhaft grinsender Dirigent mit wippenden Frackschößen fuchelt chirurgische Schläge in die Luft. Dann hält Jens Reich eine lauwarme Laudatio auf seinen Freund Karl Schlögel, den Professor aus Frankfurt an der Oder, der in diesem Jahr den Buchpreis für europäische Verständigung erhalten hat. Als Schlögel emphatisch entgegnet: "Russland ist, wenn man die Bilder von der Landschaft nach der Schlacht hinter sich gebracht hat, ein Land von grosser Schönheit" wacht die Kollegin neben mir aus dem Dämmerschlaf uf. Ein beleibter sächsischer Staatsminister drückt dem armen Mann eine blaue Urkunde in die Hand. Blumen. Tusch. Beide ab.
Wichtiger als die Ansprachen sind die Gespräche auf dem Empfang danach. Der Betrieb kennt und küsst sich. Man lächelt Gegnern zu, umarmt Freund, balanciert Rotweingläser durchs Gewühl. Einer, der es nun wirklich wissen muss, berichtet, dass der Suhrkamp-Umzug noch gar nicht in sicheren Tüchern ist. Der Laden ist pleite. Mit der Immobilie in Frankfurt ist alles unsicher. Wer weiss, ob sie wirklich in die viel zu kleine Brüderstrasse in Berlin ziehen. Helmut Herles gesteht, dass er die Bücher, die er auf dem Blauen Sofa des ZDF liest, nicht immer ganz bis zum Ende gelesen hat. Zwischendurch werden die Wetten auf den Preisträger des Leipziger Buchpreises entgegengenommen, der morgen vergeben wird. Es läuft alles auf Sibylle Lewitscharoff hinaus. Die Pressechefin von Suhrkamp freut sich.
Jetzt wird mir die Luft langsam zu dünn in der Blase des Betriebs. Ich stürze aus dem temporären Buch-Bunker. Ein paar hundert Meter weiter, im Cafe Telegraf, am Rande der Altstadt, liest Susanne Heinrich aus ihrem neuen Buch: "So, jetzt sind wir alle mal glücklich". Gläserklirren, Ruach liegt in der Luft. Junge Leute hocken am Boden, Rucksäche hinter isch. Ich atme auf, bestelle ein Bier. Lesefest, endlich.
 
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