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Wo steht die Literatur in der Gesellschaft? Wer die festliche Gesellschaft beobachtete, die sich gestern abend zur Verleihung des Berliner Literaturpreises 2010 im Zentrum der deutschen Hauptstadt zusammen fand, konnte sich auf den ersten Blick beruhigen: Offenbar doch immer noch im Zentrum. Rund 400 Leute strömten ins Rote Rathaus. Berlins Regierender an ihrer Spitze. Zustand und Kontext der auftretenden Protagonisten musste jedoch äußerste Besorgnis erregen.
Schon klar: Das war kein fröhliches Festival, was da im muffigen Wappensaaal des Rathauses ausgerichtet wurde, sondern eine jener Zeremonien, die ab und zu mal sein müssen, um sich seiner Existenz und Bedeutung zu versichern. Der Berliner Literaturpreis ist ja auch ein Staatspreis. Da lassen wir DJ-Traumatisierten uns notfalls auch mal auf Streichorchester ein. Vor allem wenn sie so spielfreudig sind wie die Berliner Cellharmoniker. Aber ginge es nicht ein klein wenig lebendiger? Ein klein wenig moderner? Und vielleicht ein klein wenig anspruchsvoller?
Es gibt Leute, die auf Veranstaltungen stehen, bei denen sich die Formel „geladene Gäste“ auf der Eintrittskarte findet. Alle Tage bekommt man Klaus Wowereit, Sigrid Löffler oder Christoph Hein in einem Raum auch nicht zu sehen. Aber könnte man das nächste Mal nicht ein paar Exemplare jener Spezies einladen, die man gemeinhin den "enthusiastischen Leser" nennt? Von denen lebt doch dieser ganze bemooste Betrieb. Warum treffen sich auf solchen Veranstaltungen meist nur Leute, die sich eh schon alle kennen?
Dass der Literaturbetrieb nie besonders glamourös auftritt, sondern höchstens rechtschaffen bis konservativ; dass da Anlass und Gewand, Frisur und Gesicht, Stand und Benehmen ganz selten zusammen passen, hat auch seine Vorteile in einer Kultur, wo fast nur noch Showeffekte zählen. Aber muss sich bei solchen Gelegenheiten immer das Gravitätische mit dem Unprogrammatischen paaren?
Laudator Hermann Wallmann verkörpert die ganze Tragik dieser hausbackenen Szene. Der Vorsitzende des örtlichen Literaturvereins, die Marke backenbärtiger Oberstudienrat, vermied jeden Blickkontakt mit dem in sich zusammengesunkenen Publikum. Leblos leierte der seltsam gehemmte, introvertierte Literaturwissenschaftler seine Laudatio herunter. Zu wem sprach dieser Mann? Und was hat er eigentlich gesagt?
Als Lebendigster trat in diesem wächsernen Ritual noch der buchferne Klaus Wowereit auf, der sich vielleicht nichts aufs Schneeschippen versteht, aber aufs Menschenfischen. Das Werk der Preisträgerin hat er garantiert nicht gelesen. Doch sein Lob, dass Sibylle Lewitscharoffs Bücher sich „überaus erfrischend“ läsen, kam so spontan und überzeugend daher, dass man sofort aufwachte in seinem schwarz gepolsterten Schalensessel.
Dass Hermann Wallmann sich darauf beschränkte, die Begründung der Jury für den Preis in einer somewhat extended & more verwickelt version nachzuerzählen, haben wir sanft schlummernd hingenommen. Hauptsache, er kam endlich zum Ende. Dafür, dass der diesjährigen Preisträgerin immerhin die Heiner-Müller(!)-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität verliehen wurde, blieb Sibylle Lewitscharoff bei ihrer Replik aufregend konturlos.
Natürlich nehmen wir der Bekränzten das Glücksgefühl ab, dass sich ihrer bemächtigte, als Jury-Chefin Sigrid Löffler sie in einem hässlichen Hotel in der deutschen Provinz anrief, um ihr zu dem Preis zu gratulieren. Und nicht in jedem Rathaus muss man gleich eine Regierungserklärung abgeben. Aber so gar keine Grundsatzkrümel unters Volks zu streuen, wie Literatur und Gesellschaft zusammenhängen oder eine paar avancierte Bonmots zum Stand der deutschen Poetik zum Besten zu geben, ist für einen Preis etwas wenig, der - glaubt man Klaus Wowereit - gleich nach dem Literaturnobelpreis kommt.
Die Literatur kämpft um ihren Platz in der Gesellschaft. Sie muss sich mit der Eventkultur messen und gegen die neuen Bilderwelten behaupten. Wenn sie dann schon mal im Spotlight an symbolisch herausgehobener Stelle steht, gilt das Prinzip Beton: Es kommt drauf an, was man draus macht.
Als „eigentümliches Amalgam aus Heiterkeit und Tiefsinn“ hat die Jury des Berliner Literaturpreises das Werk von Lewitscharoff gewürdigt. Die Form, in der der Literaturbetrieb diesen Befund gestern inszenierte, glich einem Amalgam aus Humorlosigkeit und Tiefschlaf. Ganz sicher will die Stiftung Preußische Seehandlung, die den ganzen Zinnober veranstaltet, mit diesem Preis etwas erreichen: Für die Literatur. In der Gesellschaft. Gerade dann müsste sie dieses abgestumpfte Ritual dringend generalüberholen.
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"Von denen lebt doch dieser ganze bemooste Betrieb." - Kann man denn sooo über eben diesen Betrieb schreiben?! Von mir aus gern, dann macht das Drübergeschriebenelesen auch noch Spaß!
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Die Preisträger werden immer unbekannter, ebenso die Laudatoren.
Das Unbekannteste aber und stets im Obskuren verborgen bleibt die "Jury". Wer hat sie berufen, wie ausgewogen ist sie besetzt, wie hat sie abgestimmt, wer war Pro, wer war Kontra, was stand zur Debatte, nach welchen Kriterien wurde "Literatur" bewertet. Eine unendliche Geschichte, die objektive Kritiker und Literaturwissenschaftler zur Verzweiflung bringt. Ich habe zwei Diskussionen zur Thematik hier begründet, einmal zum "forcierten Nobelpreis" für Literatur 2009, dann noch: www.freitag.de/community/blogs/carl-gibson/literatur-preise-und-kunstfoerderung---grenzphaenomene-der-manipulation Fragen über Fragen, nur aus literatur-ästhetischer, sprachlich-stilistischer Sicht, nicht aus politischer oder geistig-moralischer! Wer immer etwas zu sagen hat: Nein, nicht der bestellte „Laudator vom Dienst“, der das sagt, was allgemein (in der Regel von Literatur- und Kunst-Banausen aus dem Publikum) erwartet wird, sondern der Berufs-Politiker: Er redet über alles, obwohl er fast zu nichts Konkretes zu vermelden hat. Wenn wir schon von "Niedergang" sprechen - die "Literatur" (siehe Nobelpreis an Herta Müller) kann da gut mitreden, gerade die preisgekrönte. Carl Gibson |
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ganz so kulturpessimistisch würde ich den vorgang vielleicht nicht sehen, lieber carl gibson. was mir auffällt sind die intransparenz und das fehlen eines diskurses. die jury saß im raum, mit sigrid löffler an der spitze. aber das ganze war eben ein ritus. die frage nach dem ästhetischen urteil, nach seinen bedingungen und begründungen, ein streit über kunst findet/fand nicht mehr statt. kein niedergang, aber doch ein indiz für einen aufschlussreichen wandel.
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Wir werden mit vollendeten Tatsachen konfrontiert, lieber Ingo Arend! Als Herta Müller von Verlagsmanager, Kulturstaatssekretär und ZEIT- Mitherausgeber Michael Naumann (SPD) fern von aller Öffentlichkeit als Nobelpreiskandidatin der BRD in Stockholm nominiert wurde, wäre ein "Debatte" angesagt gewesen.
In der Tat - mehr "Transparenz" (Glasnost, auch in der Kunst!) Weshalb gerade Müller - und keine andere? Weshalb wurden gute Schriftsteller mit einem beachtlichen, viel pämierten Lebenswerk einfach übergangen? Reichte das, was Herta Müller bis vor ca. 10 Jahren an schöngeistiger "Literatur" vorgelegt hatte, um einem Siegfried Lenz, Martin Walser, H. M. Enzensberger, Peter Handke etc. vorgezogen zu werden? Sigrid Löffler fand Herta Müller vielleicht gut, Marcel Reich-Ranicki, der zum Nobelpreis an Herta Müller "keinen Kommentar" abgeben wollte, fand sie überhaupt nicht gut. "Kitsch" oder "Weltliteratur"? Naumann, ihr uneingeschränkter Befürworter und Förderer, sieht in ihrem schmalen Oeuvre ein Meisterwerk (im Hausblatt ZEIT!) - dafür wird Iris Radisch in der gleichen ZEIT zurückgepfiffen, weil sie wie Reich-Ranicki auch nicht alles so großartig und toll fand! Toll vielleicht, surreal, aber auch dadaistisch-expressionistisch hundert Jahre nach der Bewegung, post festum und epigonal? Zwei Jahre lang habe ich versucht eine Diskussion in Gang zu bringen, vergeblich. Sie wurde verhindert! Also wozu noch Preise und Lobhudeleien, wenn wir als Lesepublikum doch nur noch zur Kenntnis zu nehmen haben, was ein einflussreicher Politiker und Tausendsassa in Sachen Kunst- und Kulturförderung "gut" findet. Einer diktiert, was gelesen werden soll, nötigt uns auch noch zu einem - vielleicht schlechten - Geschmack und macht dabei sogar noch ein Geschäft. Wenn ich das Wort "Preis" höre, klingeln bei mir schon die Alarmglocken - verbunden mit der Frage, wer will nun schon wieder über - wen auch immer - was durchsetzen? Die "Literatur" an sich interessiert nicht mehr primär. Sie ist leider nur noch ein Mittel zum Zweck ... und leider, leider ist das auch auf andere Bereiche der Kunst und Kultur ausdehnbar. Wenn es um die „Wahrheit“ und „Echtheit“ geht, hat eine Preisverleihung in der Tat viel mit einer Leichenbestattung zu tun, wo sterile, fremde Leute ihren Krokodilstränen des Mitgefühls freien Lauf lassen – doch nirgendwo hört man so viele Lügen wie am Grab. Carl Gibson |
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Lieber Herr Gibson,
Was Sie im Bezug auf Herta Müller schreiben, das ist nicht gerecht. Unter Viellesern und Literaturkennern war Frau Müller lange schon als diejenige bekannt, die sowohl stilistisch, als auch mit ihren Themen, mit anderen natürlich ebenso honorigen und auszeichnungswürdigen Schriftstellern (m/w), derzeit das beste Deutsch und die interessanteste Literatur schreibt. - Übrigens undenkliche Zeiten vor Herr Naumanns Aufmerksamkeit, und gerade wegen ihres schmalen Werkes. Wäre Oskar Pastior noch am Leben, er wäre auch ein guter Kandidat für den Nobelpreis gewesen. -Lyriker bekommen ja auch bei Gelegenheit einen Literaturnobelpreis. Schmale Werke reizen ganz besonders. Sie brechen häufig auch jene Tabus, die sich die an alten Realismus- und Erzählkonzepten festhaltenden "Seitenfüller", meist das erfolgreichere Konzept am Markt, verkneifen. Denken Sie nur einmal an den famosen Wolfgang Koeppen (Triolgie: "T.i.G","DT","T.i.R",..., und Arno Schmidt (Leviathan, Gelehrtenrepublik,...) , denken Sie an die wunderbar genauen, aber "schmalen" Werke, eines Ian McEwan, denken Sie an die schmalen Werke Handkes, die mir z.B. literarisch viel besser gefallen als seine Vielseiter. Zu Herta Müller kann ich Ihnen ihren ersten Erzählband empfehlen. Vielleicht urteilen Sie dann milder. www.freitag.de/community/blogs/columbus/herta-muellers-rede-und-ceauescu-n-a-murit- Ich glaube, Herr Arend kritisiert mehr die Art und Weise der Preisverleihung und diese Art intransparente Preisvergabe, bei einem bedeutsam dotierten Literaturpreis.- Allerdings heißt das auch ein wenig Eulen nach Athen tragen, denn grundsätzlich sind die Kulturpreisvergaben in Deutschland weniger am Werk des Ausgezeichneten orientiert, sondern spiegeln die Markt- und Medienmacht der Juroren und die Schmuckierungslust von Dezernenten und Kulturpolitikern. Einige Preise sind dezidierte Buchhandelspreise, die der Verkaufsförderung dienen, auch wenn das nur verschleiert gesagt wird. Frau Lewitscharoff schreibt so gut, sie ist mit und ohne Preis lesenswert und erhält den Berliner-Preis nur, weil es den Preis mächtig aufwertet. Sie hätte besser einfach nur ein Kapitel aus "Apostoloff" vorgelesen. Das Vorlesen kann sie nämlich, wie Grass, mit ganz eigener fesselnder Prosodie, hervorragend. - Vorlesungen gehören an die Uni. Sie können ähnliche Vergabe-Praktiken auch beim höchstdotierten Literaturpreis Deutschlands, dem Breitbachpreis, beobachten. Tatsächlich wirkt das Verfahren reichlich angestaubt. Aber, so frage ich Sie und Herrn Arend, gehört die Intransparenz nicht mittlerweile zum "Wesen" Deutscher Verwaltungs- und Medienöffentlichkeit zwingend dazu? Ist Intransparenz nicht gerade politisch der einzig zielführende Weg, wie man an dem Koalitionsvertrag und seiner grundsätzlichen Interpretierbarkeit und Mehrdeutigkeit, an der Verhandlung um Unverhandelbares in der Politik erkennen kann? R.-R. hat sich schon häufig geirrt und häufig Fehlurteile nicht korrigiert. Er bleibt trotzdem ein großer "Literaturkriitikherr" und Kompilator,gerade von Kurzgeschichten, ein guter Autobiograf, und ich rechne ihm z.B. hoch an, die Begabung für die kurze Form der Erzählung bei Anna Seghers erkannt und früh publik gemacht zu haben. Aber, mit dem ewigen R.R.-Bezug retten Sie ihr Argument nicht. Denn die R.R.-Generation, sie könnten auch sagen die Helmut Schmidt Generation rechnet bei Fehlern und Fehleinschätzungen höchstens bis zur Zahl Drei. Führen Sie sich bitte nur einmal vor Augen, welche Lieblingswerke der Superkritiker aus dem reichen Thomas Mann Werke-Fundus an die erste Stelle setzte. Ach, die Mühe lohnt nicht, Leuten mit manchmal apodiktischen Urteilen diese austreiben zu wollen. Man müsste dazu nämlich hexen können. Liebe Grüße Christoph Leusch |
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Lieber Herr Leusch,
Sie werden es mir vielleicht nachsehen, wenn ich im Fall Herta Müller nicht ganz so wohlwollend und unbefangen an das Sujet herangehen kann, denn ich war fast zwei Jahre lang damit beschäftigt, diesen Nobelpreis verhindern zu wollen, nicht aus rein literarisch-sprachlich-stilistischen Überlegungen, sondern aus moralischen und politischen Gründen. Vielfach habe ich versucht, gerade diese "moralische und politische Integrität" zu hinterfragen, weil ich sie bewiesen haben wollte - aus rein prinzipiellen Gesichtspunkten. Ich wollte es nicht hinnehmen, dass eine Allianz von Konrad-Adenauer-Stiftung, Michael Naumann und anderen mir nicht näher bekannten politisch einflussreichen Kräften eine bestimmte Kandidatin forciert ins Ziel bringt, ohne dass eine Debatte - vor allem über "moralische Integrität" stattgefunden hat, da der Nobelpreis a priori ein "ethisch" definierter Preis ist. Ein Kandidat sollte - als künftige moralische Autorität - ohne Makel sein! Die Details und Argumente finden Sie hier: www.freitag.de/community/blogs/carl-gibson/der-forcierte-nobelpreis---herta-mueller Herta Müller steht heute auf einer Stufe mit Thomas Mann! Ist das gut so? Wird ihr schmales Oeuvre den Geist dieser Zeit überdauern? Und wird etwas davon in die Literaturgeschichte eingehen? Ich zweifle daran. Zur „literarischen Qualität“ von Herta Müllers Werken kann man unterschiedlicher Meinung sein. Je nach individuellem Geschmack kann man das, was sie schreibt, mögen oder nicht – wie andere moderne Kunst auch. Eine andere Sache sind Politik und Moral. Da setzen meine vielfachen Bedenken ein, die „Wahrheit“ einfordern, nicht „erfundene Wahrnehmung“ und Fiktion. Liebe Grüße Carl Gibson |
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Ein schöner Kommentar Herr Leusch, insbesondere der Hinweis auf den ersten Erzählband der Frau Müller. Ich kenne bislang nur den rororo-Band, doch wird in ein paar Tagen eine neue Ausgabe erscheinen. Ich bin schon neugierig drauf, weil darin einige bisher unveröffentlichte (da der Zensur zum Opfer gefallene) Texte enthalten sein sollen. In der Tat ist es übertrieben, zu behaupten, keiner hätte das Werk von Müller gekannt und sie sei unbekannt gewesen. Denken wir doch an die vielen Preise, die sie seit 1987 fast jährlich bekommen hat. Ich finde, sie ist eine würdige Preisträgerin (was, natürlich, nicht bedeutet, dass z.B. Lenz ihn nicht ebenfalls verdient hätte).
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Das mit der "Zensur" ist ein Märchen, Zachor!
Der Band "Niederungen" erschien im Jahr 1982 in deutscher Sprache im Kriterion-Verlag Bukarest. Die "Zensur" wurde in Rumänien im Jahr 1978 "offiziell" abegschafft. Wer soll Herta Müllers frühe Erzählungen zensiert haben? Diese Erzählungen richteten sich nicht gegen die Kommunisten von Diktator Ceausescu, sondern gegen die eigene deutsche Minderheit im Banat, gegen die Banater Schwaben. Die Kommunisten segneten diesen Debütband ab und lachten sich ins Fäustchen, weil Herta Müller die Banater Schwaben verhöhnte und verspottete, nicht aber die "real existierende" sozialistische Gesellschaft unter Ceausescu. Die Kommunisten überreichten Herta Müller den Preis der VKJ (UTC), den Preis der kommunistischen Jugend. Die Banater Schwaben hingegen befanden sich damals mit dem Rücken zur Wand in Agonie und mitten im Exodus, interessiert ihre deutsche Identität über Ausreise in die BRD zu wahren.In dieser besonders "exponierten Not-Situation" wurden sie von Herta Müllers Literatur zum Teil in den Dreck gezogen ( Das schwäbische Bad, Grabrede, Deutscher Schnurrbart, deutscher Scheitel etc.) Das alles war nach 1987 vergessen. Herta Müller wendete ihren Hals um 180 Grad und wandelte sich von einer strammen Linken zur Antikommunistin. Vom sicheren Hafen Berlin aus begann sie dann nach ihrer Ausreise Ceausescu und die Securitate zu beschimpfen, ohne selbst in Rumänien opponiert zu haben. Ihre "Verfolgung" ist ein Mythos. Carl Gibson |
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lieber carl gibson, können sie mal näheres über diese finstere naumann-adenauer-verschwörung erzählen? hab ich noch nie gehört diese theorie. glaube ich auch nicht so recht. man kann dem nobel-komitee zwar was vorschlagen, aber letztlich macht es doch, was es will und beugt sich keiner "kampagne". und was sind denn ihre moralischen einwände gegen herta müller?
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Das Schlüsselwort zum "Phänomen" Herta Müller ist die fehlende "Transparenz" in ihrer Vita vor 1987, lieber Ingo Arend.
Herta Müller war eine privilegierte Westreisende. Vor ihrer Ausreise in die BRD war sie mehrfach im Westen, während andere Freiheitsuchende an der "grünen Grenze" erschlagen wurden. Sie war systemloyal und wurde von dem bestehenden Regime Ceausescus gefördert. Verheiratet war Herta Müller seit 1984 mit den Dichter Richard Wagner, der von 1972-1985 in der Rumänischen Kommunistischen Partei war - als Mitglied. Müller und Wagner haben diese RKP- Politik auch dann noch mitgetragen, als die Verbrechen des Systems am Volk (Aushungerung, Geleiten des Landes in den Ruin)allen klar wurden. Als Müller und Wagner im Jahr 1987 doch in den Westen kamen, änderten sie ihre Haltung und wurden hier als "Dissidenten" wahrgenommen, obwohl sie nichts mit konkretem politischen Widerstand gegen das Ceausescu-Regime zu tun hatten. Im Jahr 1984 setzte sich der Förderer von Herta Müller und Richard Wagner, der Chefredakteur der Neuen Banater Zeitung aus Temeschburg, Nikolaus Berwanger hier in der BRD ab - somit entfiel die schützende Ägide dieses "ersten Repräsentanten" der deutschen Minderheit im Banat. Berwanger wunderte sich hier im Westen später (1988), dass Herta Müller als "Dissidenten" wahrgenommen wird. Kurz: Herta Müllers Vita vor 1987 ist dunkel, intransparent. Meine Sicht der Dinge: Wenn jemand aus der literarischen Zunft übermäßig stark gefördert wird - und das ist bei Herta Müller der Fall - dann sollte der gesamte Lebensverlauf "transparent" sein, damit jedermann auch von der "moralischen Integrität" einer übermäßig Geförderten überzeugt ist. Darüber hinaus benötigt jeder Literaturwissenschaftler, der ein Werk - über die reine Textimmanenz hinaus - adäquat deuten will, die komplette Vita zur Exegese. Wie oft habe ich das Vorlegen eines "kompletten" Lebenslaufs angeregt? Nichts ist erfolgt! Herta Müller schweigt seit Jahren. Weshalb? Zur "Verschwörung" - die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zeichnete Herta Müller mit ihrem Literaturpreis für das Jahr 2004 aus, verschanzt hinter der Entscheidung einer "Jury". (Details zur Ehrung sind im Internet abrufbar. PDF-Datei). Als ich im Jahr 2008 in mehreren Schreiben an die KAS unbequeme Fragen stellte, würgte Professor Günther Ruether die einseitige Sache ab. Als ich dann im letzten Juli auf Herta Müllers Artikel in der ZEIT "Die Securitate ist noch im Dienst" reagierte und auf diverse Ungereimtheiten und Unwahrheiten hinwies, wurde mein "Offener Brief an Herta Müller" auf ZEIT- Online "entfernt" - und ich wurde gesperrt. (Die Reste der Kommentare sind dort noch abrufbar.) "Verschwörung" oder nicht - jedenfalls wollte man meine Fragen nicht hören, weder bei der KA, noch bei der ZEIT des Mitherausgebers Michael Naumann. Jeder kann das nennen und bewerten, wie er es will. Die Frage ist nur: Sind die aufgeworfenen Fragen legitim? Und was hat eine Person zu verbergen, die "moralisch integer" zu sein vorgibt? Je tiefer und differenzierter wir in diese Diskussion einsteigen, desto klarer sehen wir. Nur ist es leider so: Den meisten Lesern und Mitdiskutierenden geht es bei Herta Müller etwa so wie mir bei Frau Lewitscharoff: Da man nichts von ihr gelesen hat und von ihrer Vita nichts weiß, glaubt man ihr - und kann nicht "kritisch" mitreden. Auch ich habe Herta Müller lange geglaubt - bis ich dann in konkreter Auseinandersetzung mit dem Thema merkte, dass viele Details von grundsätzlicher Bedeutung noch nicht aufgeklärt sind. War Herta Müller systemloyal - und wurde sie opportunistisch zum "Wendehals"? Wird sie eingesetzt, um eine bestimmte Politik durchzusetzen? Jedenfalls haben Herta Müller und Richard Wagner mir im August 2008 mit Anwälten und Gericht gedroht, nachdem ich mich in die so genannte "Spitzel-Affäre in Berlin" eingemischt hatte und ihre Denunziationen hinterfragte. Meine direkte Anfrage an Herta Müller aus dem Jahr 2006 über ihren Verlag blieb unbeantwortet. Ich hätte mir eine breite Debatte noch im Vorfeld der Nobelpreisvergabe gewünscht - sie fand nicht statt. Diskutiert wurde die Materie mit meinen Fragen aber sogar in Schweden im Blog der Germanistin Dr. Bodil Zalesky. (Heute noch abrufbar.) Das Nobelpreiskomitee erfuhr wohl nichts davon. Soviel in aller Kürze. Aber die eigentliche Diskussion, beginnend mit Fragen literarischer Wertung, beginnt erst. Carl Gibson |
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Nein, die Lewitscharoff ist keine Unbekannte, Klagenfurt 1998, ihr "Pong" ist vom Ansatz her raffiniert oder wie die Feuilletons gern sagen: vertrackt, hält dieses momentum nach meinem Eindruck leider nicht bis zum Ende durch, aber egal, es liest sich schon auch als, siehe oben, eigentümliches Amalgam aus Heiterkeit und Tiefsinn.
Das Problem ist wie bei Fußball, bei Olympia die sogenannte Funktionärsszene: Fett, das im eigenen Saft schmort, bankstergleiche Elite, feuilletonistische Eitelkeiten, Geltungssucht und und und. Wär's die Ausnahme - schön und gut. Aber es scheint sich um die Regel zu handeln, und vermutlich deswegen wirkt die Veranstaltung hohl und leblos. |
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ich finde die lewitscharoff auch gut. sie hat eine tolle abgründigkeit. ihr roman "apostoloff" hat mir sehr gut gefallen: www.freitag.de/kultur/0911-graessliches-bulgarien-lewitscharoff-apostoloff-buchmesse. ich habe nur ihren versuch einer gesellschaftlichen oder wenigstens poetologische standortbestimmung der literatur vermisst. in diesem rahmen wäre das angebracht gewesen. im grunde waren alle froh, dass sie es nicht gemacht hat, um so unbeschwerter konnte man die schnittchen im anschluss an die verleih-nummer genießen. da fragt man sich sich: was soll ich dann da?
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Andererseits: sie wissen ja, dass sie hohl sind und Figuren bis obenhin voll mit Leblosigkeit.
Und zur Zeit bricht ihnen ja auch alles weg, all den 68er-bashern, die können gar nicht so schnell atmen, wie ihnen die Luft ausgeht: der Beust in Hamburg muss ein Modell integrierter Schule durchkämpfen, der Schäuble ist entschlossen, die Macht der Banken zu brechen, der Wieheißternochgleich Froschungsminister neekorrigierichjetznich nimmt ne Grünenposition zu Kernkraft ein. Da darf man guter Hoffnung sein, dass auch die kulturell festgeklopften Positionen so mir nichts, dir nichts bröseln, keiner hat's gemerkt, und dann will's natürlich wieder niemand gewesen sein. |
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ich wußte garnicht, dass wir in berlin auch so was haben. nachdem ich den bericht darüber, wie die verleihung war, gelesen habe, weiß ich jetzt, warum ich das nicht wußte. - noch nicht weiß ich, ob ich's gleich wieder vergesse oder ob ich nächstes jahr - so wir noch leben - gucken gehe, ob der immer noch verliehen wird.
Du hast garnicht erwähnt, ob auch die Johannes-Bobrowski-Medaille noch überreicht wurde. warum nicht? hat er sich beschwert? |
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Lieber Herr Gibson,
Abgesehen davon, dass Literaturpreise Literaturauszeichnngen bleiben sollten und es nicht vorrangig um Moral gehen kann, -einmal von der Preisvergabe an Mörder, Kriegsverbrecher, Staats-Spitzel oder sonstige Kriminelle abgesehen-, es stimmt so gut wie keine Behauptung in Ihrem verlinkten Artikel. Weder wurde Frau Müller vom rumänischen Staat verhätschelt, noch hat sie die Banater Schwaben verraten. Gerade die aufgeführten Erzählungen aus dem Band „Niederungen“ belegen das sehr gut. Ganz im Gegenteil. Wer in Rumänien aus den Siedlungsgebieten heraus wollte, die gewollt enge Welt dort hinter sich lassend, die auf eine schon bestehende Enge aus der speziellen deutschen Kultur dort traf, -diese schildert Frau Müller-, wer dort weg wollte, der konnte entweder durch besondere Leistungen auffallen, oder aber in Graden beim Staat mitmachen. Frau Müller und Herr Wagner glänzten schon damals sprachlich und literarisch. Das fiel nicht nur manchem Banater auf, sondern natürlich auch selbst dem ideologischsten rumänischen Germanisten oder den politisch und kulturell Verantwortlichen in den Gebieten. Sie, Frau Müller und Herr Wagner, waren ja Träger einer deutschen Kultur in Rumänien, die nicht in alten Formen und Traditionen eingesperrt blieb. Sie gründeten Literaturzirkel, deren literarische Vorbilder nicht aus dem Realismus der Erzähler des Banats oder Rumäniens stammten. Schrieben, wie z.B.Frau Müller in genau dem gleichen Erzählband, aus dem Sie ihre Beispiele anführen, über die Abstumpfung in einem solchen Staat, bei dem die Chancenlosigkeit aus der Misere heraus zu kommen, viele Menschen korrumpierte (Denken Sie an die Geschichte mit der Busfahrt, denken Sie an die Geschichte mit dem jungen Arbeiter in der Fabrik, dessen Hände wegen einer Schlamperei abgequetscht werden). Also, schon Herta Müllers erster Erzählband ist ein einziger Protest gegen diese Enge, in einer Sprache, die die Enge erst recht begreiflich macht. - Übrigens ganz ohne einen persönlichen Anwurf, wie Sie ihn nun erneut gegen Frau Müller und Herrn Wagner starten. Wie weit konnte eine Banater-Schwäbin mit solchem Talent, durchaus nicht zum Widerstand geboren, was jeder begreift, der ihr einmal persönlich begegnet ist, im Conducator-Rumänien kommen? Maximal bis Temesvar an die Universität. Wenn Sie, Herr Gibson, das nicht schon als Einengung, als massive Beschränkung der Möglichkeiten sehen können, dann weiß ich es eben nicht besser. In Temesvar saßen sie alle zusammen, die Spitzel, die Teilspitzel, die Aufrechten, die Spieler, die Verführten, die ideologisch Hundertprozentigen. Deshalb kamen ja auch fast alle in den Literaturzirkeln aus dem germanistischen Seminar dort und die Spitzel saßen auch dort, und sie sprachen und schrieben Deutsch. Wie hätten sie sonst die Überwachung durchführen können? Hier bei uns am Rhein tobt gerade ein Kampf um einen anderen Literaten aus Rumänien. Der schreibt selbst verdammt gut, der ist hier bei uns im Westen, seit Jahrzehnten ein ganz honoriger Mensch. Aber, er hat jahrelang über seine Tätgkeit für die Securitate geschwiegen, oder verharmlost sie jetzt. So kann er nicht die Oppenheimer Kulturtage leiten, gerade einmal 20 km vom ehemaligen KZ Osthofen, gerade einmal 20 km vom ehemaligen Gestapo-Keller in der Kaiserstraße zu Mainz entfernt, selbst wenn er der beste, aktivste und engagierteste, um Wiedergutmachung bemühte Mensch ist, für den ich ihn immer noch halte.- So weit reicht die Geschichte und so brutal ist sie, und sie geht noch viel weiter. Ich kann unmöglich nachprüfen, was Sie sonst noch, in ihrem Blog, in ihrem Buch, über die Frau Müller erzählen und verkünden. Aber, schon eine einfache Lektüre der „Niederungen“ kann jeden „Der Freitag“-Leser überzeugen, dass es in den Kurzgeschichten nicht um eine Verächtlichmachung der Banater geht. Höchstens ganz konservative und böswillige Menschen können bei dieser Meinung bleiben. Wenn Sie meinen, die Securitate sei nicht mehr im Dienst, wenn Sie glauben, die Bösewichte von einst hätten sich mit dem Tode des „großen Conducătors“ auch verflüchtigt, so ist das nicht wahr. Ada Milea, eine ganze Generation jünger als Herta Müller, singt dazu treffend : „ Ceauşescu n-a murit“. Ich kann Ihre Verbitterung nachvollziehen, wenn es denn so ist, dass Sie als Verfolger des Regimes, als Banater-Schwabe, mit Ihren Hinweisen und Warnungen nicht genügend Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit erfahren haben. - Das ist das Schicksal so mancher Menschen, die von ihren Warnungen und Mahnungen vor der Diktatur später nichts, nicht einmal Anerkennung, hatten. Aber, an der Wirkung und Sprachmacht, an den gut gewählten und glaubwürdigen Inhalten der Literatur Herta Müllers ändert das nichts. Sie sollten auch nicht Frau Müllers Ansichten mit denen anderer, namhafter rumäniendeutscher Schriftsteller verwechseln. Ich glaube, einigermaßen informiert, dass literarisch und gedanklich Oskar Pastior der wesentliche Anreger und Freund im Geiste der Herta Müller war. Das ist die Hauptlinie, das hat mit Antikommunismus oder vorgeblichem Rechts-sein der Schriftstellerin überhaupt nichts zu tun. Selbst ihr „Ex“, Richard Wagner, sagt von ihr, dass nicht primär die Kritik am rumänischen Staat der Hauptantrieb ihres Schreibens war. Das ist auch eine feine Abgenzung zu Herta Müller. Sie und ich wissen ja, es gab in der Zeit, als Herta Müller ihre Fähigkeiten zu Schreiben entdeckte, eine Öffnung in Rumänien. Ein paar Jahre, so wie in anderen sozialistischen, pseudokommunistischen Ländern. - Diese „Minimalöffnung“ brachte für kurze Zeit, neben ein wenig mehr Gelassenheit gegenüber nicht formalistisch arbeitenden Künstlern, auch ein wenig Öffnung für die Banater. Als der „Spuk“ vorüber war, gab es für Intellektuelle aus dem Banat nicht mehr allzu viel zu tun. Den anderen Deutschen in Rumänien erging es nicht besser. Die Ausreise, Auswanderung und Flucht nach Deutschland waren die logische Konsequenz. Na, ja, man hätte auch nach Frankreich oder Italien gehen können. Aber, wer Germanist aus Temesvar war, der kam wohl hier her. Ich habe sowohl einen ausgezeichneten Germanisten und Pädagogen aus Rumänien kennen gelernt, der heute eher sein Schweigen büßt, und die Schriftstellerin Herta Müller. Als Widerstandskämpferin hat sie sich wahrlich nicht geriert. Liebe Grüße und Mahzeit Christoph Leusch |
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Lieber Herr Leusch, Sie sind sehr gnädig und konziliant. Man kann eine Sache wohlwollend betrachten, aber auch kritisch.
Leider wurde die Herta Müller-Materie noch nicht kritisch analysiert oder in den Medien debattiert. Mir geht es um folgende Frage: Ist es aus bundesdeutscher Sicht wichtig zu erfahren, was vor 1987 war, ob Herta Müller und ihr Gatte Richard Wagner mit den Kommunisten paktierten, ob sie mit den Wölfen heulten oder nicht. Wenn es denn so war, dann können Müller und Wagner dazu stehen, sich eventuell entschuldigen und ihre "Kehre" (Heidegger) oder ihre Kehrtwendung in den Anti-Kommunismus rechtfertigen und leben. Aber sie dürfen ihr Vorleben vor der Ausreise 1987 "nicht ungeschehen machen wollen" oder das verstecken, was war. Das nehme ich so nicht hin. Das wäre Betrug. Damit wären Ehrungen etc. bis hin zum Nobelpreis eigentlich "erschlichen". Das darf nicht sein. Ich stand seinerzeit im anderen Lager, in der antikommunistischen Opposition, ging ins Gefängnis, durfte nicht veröffentlichen. Schauen Sie nach in meinem Wikipedia- Portrait. Was in meinem letzten Buch steht, können sie über books.google.de herausfinden. Über die Fakten selbst kann ich konkret Auskunft geben, wenn jemand hier danach fragt. Im Internet finden sie unzählige Informationen, Dokumente, Bilder zu meiner Opposition. Die geführte Debatten können nachgelesen werden. Was hindert Herta Müller daran, einen umfassenden, lückenlosen "Lebenslauf" vorzulegen, lieber Herr Leusch? Die Forschung verlangt danach! Wie wollen wir Werke deuten, wenn wir nicht wissen, was damals war, was wirklich war und was erfunden wurde. Gerade wurde mir eine Liste zugemailt, eine Art Netzwerk Herta Müller, alles Forscher, die sich mit dem Werk der Nobelpreisträgerin beschäftigen oder noch beschäftigen wollen. Aber arbeiten wir am "Mythos", an der "Mythisierung" - oder doch auch an der kommunistischen, totalitären Wirklichkeit und an deren Aufarbeitung bzw. Bewältigung. Unkritisch wohlwollend (wie in der Kirche) lief es bisher ab - die Zukunft aber wird "kritisch" verlaufen. Dafür hat der Nobelpreis gesorgt. Und noch etwas: Ich will nicht Recht behalten wollen! Ich will nur, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt. Zu "Niederungen" könnte ich Ihnen hier seitenlange Interpretationen aus meiner Feder einspeisen, zitieren. Doch das würde zu weit führen. Das Thema "Securitate" ist etwas Eigenes und sehr speziell. Der Lyriker, Romancier und Essayist Dieter Schlesak hat hier auf Freitag eine exzellente Analyse veröffentlicht, die ich wärmstens empfehle, mit sehr differenzierten Bezügen zu Herta Müllers Haltung in Rumänien. Liebe Grüße Carl Gibson |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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