Ingo Stützle

Blog von Ingo Stützle

01.03.2009 | 13:06

Das Problem sitzt knapp hinter der Nase

An anderer Stelle hat Juli bereits ein paar schöne Stilblüten der Naturalisierung der gegenwärtigen Finanzkrise zusammengetragen. Die FAS legt jetzt nach. Aber sie setz noch einen drauf und liefert implizit gleich eine Lösung für die ganze Misere mit. In der heutigen Ausgabe findet sich in der Rubrik "Geld & Mehr" ein längerer Artikel und ein Interview mit einem Hirnforscher - zu Gier. Unter der Überschrift "Gegen die Gier ist das Gehirn machtlos" lesen wir dann:

"Kaum einer versteht die Gier so gut wie der Psychologe und Hirnforscher von der Universität Stanford in Kalifornien. Er untersucht seit einigen Jahren, was sich in den Gehirnen der Menschen tut. Dazu legt er sie in einen Magnetresonanztomographen und lässt sie entscheiden. Zum Beispiel: Wollen sie lieber einen Dollar sicher haben oder aber die Chance auf zehn Dollar? Bei solchen Fragen hat er den Sitz der Gier im Gehirn gefunden. Sie steckt tief innen, ungefähr hinter der Nase, in der Region "Nucleus accumbens", die zum Belohnungszentrum gehört. Wenn sich Knutsons Probanden auf Geld freuen, leuchtet ihr Nucleus accumbens auf."

Endlich ist der Kern des ganzen Problems erkannt. Es liegt knapp hinter der Nase und leuchtet! Damit haben wir doch eigentlich schon einen Teil der Lösung. Mit einem kleinen, unkomplizierten chirurgischen Eingriff könnte das Problem der ständig wiederkehrenden Krisen im Kapitalismus nachhaltig gelöst werden! Das Problem wird nur sein, dass derartige Eingriffe nicht von der Krankenkasse übernommen werden und sich die Operationen nur Reiche leisten werden können.
 
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Kommentare
FOW schrieb am 02.03.2009 um 12:21
Das ist aber nur die Version für doofe NaturwissenschaftsphilosophInnen, die an nichts glauben außer an physikalische Messungen. Falsche 'Naturalisierungen' des historischen 'Kapitalismus' gibt es auch in raffinierteren Versionen, etwa 'soziobiologischer' oder 'anthropologischer' Art. Der Kernpunkt ist eigentlich immer wieder, dass man an der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise nichts ändern könne, weil sie 'in der Natur' läge. Das bedient die Erfahrung, dass Menschen aggressiv und egoistisch sein können - und knüpft an den Traditionshintergrund der christlichen Erbsündelehre an. Für Gutwetterzeiten gibt es auch noch die spiegelverkehrte Version, dass die kapitalistische Konkurrenz optimal die 'Leistungsfähigkeit' der Menschen, 'wie sie von Natur aus nun einmal sind', hervorkitzle.
Allerdings sollte uns nicht zu dem Irrglauben verleiten, wir als Individuen der species homo sapiens sapiens stünden 'außerhalb der Natur'. Zu dieser Natur gehört es aber auch, die historischen Verhältnisse zu produzieren,in und unter denen wir leben.
Werden wir es schaffen, sie so zu verändern, dass wir uns von allen Herrschaftsverhältnissen befreien? Diese Frage soll uns durch diese Art von Naturalisierung ausgetrieben werden - deswegen ist es so wichtig, diese Naturalisierung 'des Kapitalismus' in allen ihren Gestalten zu kritisieren.
FOW
Ingo Stützle
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