Insight

Blog von Insight

17.02.2009 | 15:53

Verlierer Kapitalismus - Gewinner FDP?

In Zeiten der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise haben die Kritiker des Kapitalismus Aufwind, Apologeten der freien Marktwirtschaft sind dagegen kaum noch zu vernehmen. Wie kann es da sein, dass ausgerechnet die FDP als einzige Partei Deutschlands, die ohne Wenn und Aber für eine liberale Wirtschaftsordnung eintritt, von einem Umfragehoch zum nächsten eilt?
 
Glaubt man den Meinungsforschern von Forsa, kann sich die FDP bei der nächsten Bundestagswahl Hoffnungen machen, mit einiger Verspätung doch noch das inzwischen längst beerdigte Projekt 18 zum Erflog zu führen. Ausschlaggebend sind im Wesentlichen zwei Ursachen.

Zum einen, um in der Sprachbild der Ökonomie zu bleiben, einen konjunkturellen, also eher kurzfristigen Grund. Bei der Hessenwahl erreichten die Liberalen deutliche Zugewinne, weil die Wähler weder die SPD der Wortbrecherin Andrea Ypsilanti zur Macht verhelfen, noch den brutalstmöglichen Wahlkämpfer Roland Koch als Person als Ministerpräsident bestätigen wollten. Dies brachte der FDP in der öffentlichen Wahrnehmung ein Siegerimage ein, das auch bundespolitische Ausstrahlung entfaltete. Dieser Effekt ist jedoch nicht von Dauer, wie auch die neusten Zahlen des Politbarometers zeigen, nach denen sich die Zugewinne der Liberalen schon wieder relativieren.

Zum anderen, und das ist im Hinblick auf die Bundestagswahl um einiges relevanter, liegt auch eine strategische, also langfristige Verschiebung im Wahlverhalten vor. Wie bereits eingangs erwähnt, liegt der Kapitalismus nicht gerade auf der Höhe des Zeitgeistes. Die CDU als vormals einziger Mitbewerber um das bürgerliche Lager hat sich längst von Ihren Beschlüssen des Leipziger Parteitages verabschiedet und damit die viel zitierte Sozialdemokratisierung der Union weiter vorangetrieben. Die SPD wiederum hat sich unter dem Druck der Linkspartei längst aus der Mitte verabschiedet um ihre vermeintliche Stammklientel nach den Beschlüssen im Rahmen der Agenda 2010 – vergeblich – zurückzugewinnen. Grüne und Linke scheiden für Wähler, die auf freie Märkte setzen ohnehin als Alternative aus.

Somit bietet sich für die bürgerlichen Wähler, die trotz der Wirtschaftskrise bewusst gegen mehr Staatsinterventionismus stimmen wollen, nur die FDP an, was sich entsprechend in den Umfragewerten widerspiegelt. Und im Gegensatz zum eher kurzfristigen Trend im Sog der Hessenwahl haben die Liberalen vor diesem Hintergrund durchaus gute Aussichten, ihre Stimmbasis langfristig auf deutlich zweistelligem Niveau zu stabilisieren. Schließlich wird die Krise nach heutigem Ermessen die Bundestagswahl überdauern.
 
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Kommentare
Jakob Augstein schrieb am 17.02.2009 um 22:02
Das Thema finde ich sehr spannend. In der Tat überrascht ja, dass die FDP gewinnt, während der NeoLib verliert. Die Beobachtung ist also allemal einen Text wert. Aber die Argumentation scheint mir nicht klar auf ein Ziel gerichtet. Kurz: Ich sehe am Ende die Frage, die am Anfang steht, immer noch offen. Wie sehen Sie es selbst?
Insight schrieb am 18.02.2009 um 14:47
Ich sehe die Eingangsfrage - im Gegensatz zu Ihnen - mit meinem Beitrag als beantwortet an. Der Ausgangspunkt war, warum die FDP trotz der gegenwärtig vorherrschenden Strömung weg vom Kapitalismus Zugewinne in der Wählergunst erfährt. Hierzu habe ich zwei Gründe angeführt: einen eher kurzfristigen aufgrund des Aufwärtstrends infolge der Hessenwahl und einen länger vorhaltenden durch Zulauf von bürgerlichen Wählern, die sich von den übrigen Parteien abwenden. Dies ist eben die Haupterklärung für den scheinbaren Widerspruch zwischen dem Verlieren von NeoLib in der öffentlichen Debatte und dem Gewinnen der Liberalen bei der Sonntagsfrage: Es gibt einen deutlich zweistelligen Prozentsatz von Wählern, die Staatsgläubigkeit auch in der derzeitigen Krise nicht für zielführend halten und sich daher bewusst gegen den Zeitgeist und für die am marktwirtschaftlichsten ausgerichtete Partei entscheiden.
odradek schrieb am 18.02.2009 um 15:10
Solange die Meinungsforschungsinstitute keine Angaben über den Nichtwähleranteil und die Wählerwanderungen veröffentlichen, kann man aus den Zahlen wenig bis gar nichts herauslesen, insbesondere nicht ob überhaupt die Positionsverscheibung vorliegt oder nicht. Wenn z.B. ausreichend viele Wähler etwa von der SPD ins Nichtwählerlager abwandern, dann müssen logischerweise die wahrgenommenen Anteile der anderen Parteien steigen, der Effekt einer geringfügigen Verschiebung von CDU nach FDP oder einer an sich unbedeutenden Mobilisierung von FDP Wählern würde dadurch überproportional aufgebläht.
Celsior schrieb am 17.02.2009 um 23:37
Das liegt an den Medien wo Geschichte verklärt wird.Z.b. Westerwelle behauptete doch in der Bild die FDP sei schon immer für die Regulierung der Finanzmärkte gewesen. Der normale Wähler schluckt alles wen mann es im oft genug Vorkaut. Das ist genau wie die behauptung von FDP und INSM sie stünden für die soziale Marktwirtschaft und berufen sich auf die Erhardt, Eucken usw. ob die Argumentation richtig ist kann doch der Durchschnittsbürger gar nicht Nachvollziehen (Ich schliesse mich da ein). So wird die Lüge zur Warheit. Alles Staatliche wird Grundsätzlich niedergeschrieben damit Privatisiert wird. Selbst jetz in der Krise. Es gibt doch kaum Kritische Presse und weil es die kaum gibt wird Sie nicht Ernst genommen. Wie kann es z.B. sein das Herr Sinn immernoch in manchen Zeitungen als Führendem Ökonom vorgestellt wird und Ökonomen die schon vor Jahren vor dem Gau gewarnt haben als Scharlatane diskreditiert werden. Es sind die Medien.
utc schrieb am 21.02.2009 um 00:04
Auch wenn es mich graust vor dem Erfolg der FDP, muss man ihnen zwei Dinge lassen.
Sie schaffen es zum einen jetzt in der Opposition wenige Fehler zu machen und ihre Fehler der Vergangenheit zu verschweigen. Zum anderen produziert sich die FDP als die moderen Partei für den modernen (Großstadt-)Menschen.
Für letzteres steht der neue Politstar in unserem Land Philip Rösler. Der niedersächsische FDP-Partei- und Fraktionschef bricht so gut wie jedes Tabu, was in der FDP herrscht. Sogar die Antikirchlichkeit: "Zusammenhalt, Gemeinsinn, die gegenseitige Unterstützung wie sie etwa in der Kirchengemeinde vorgelebt wird, das sind Werte, für die unsere Politik steht."
Hey, der zerstört jedes Vorurteil, was ich gegenüber FDPlern habe.
Und dann schafft es die FDP mit ihm mal wieder zwei Randgruppen in die Politik zu integrieren, so wie damals mit Graf Lambsdorff. Lambsdorff: vorbestraft und behindert. Rössler: Migrant und Arzt. ;-)
Trotzdem werde ich in diesem Jahr nicht gelb sehen.
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