insomnia

Blog von insomnia

03.03.2009 | 19:58

Historisches Stadtarchiv Köln eingestürzt

Nach dem Einsturz des Stadtarchivs und zweier Nebengebäude in der Kölner Severinstraße, werden zum jetzigen Zeitpunkt noch Menschen in den Trümmern vermisst. Die Zahl der Vermissten variiert von zwei bis neun. Es bleibt zu hoffen, dass alle Menschen lebend aus den Trümmern gerettet werden können!!
 
Das Gebiet rund um den Waidmarkt wurde großflächig gesperrt, da weitere Einstürze benachbarter Häuser nicht auszuschließen sind. Die Mitarbeiter des Stadtarchivs selbst haben sich offenbar und glücklicherweise rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Es ist die Rede von Leichtverletzten und einem Sachschaden in Millionenhöhe.

Das Archiv bewahrte wertvolle Dokumente der Kölner Stadtgeschichte auf, darunter auch einzigartige, bis ins Frühmittelalter zurückreichende Codices und Urkunden von überregionalem Interesse. Auch hier ist nur zu hoffen, dass Dokumente noch sicher geborgen werden können. Der Verlust für die Forschung ist aber wohl kaum hoch genug anzusetzen!

Unter dem Gelände wird seit längerem die Kölner U-Bahn ausgebaut. Ob dies der Grund für den Einsturz sein könnte, ist bislang unklar. Die letzten größeren Baumaßnahmen fanden im Sommer des Jahres 2007 statt. Derzeit seien nur kleinere bauliche Maßnahmen durchgeführt worden, so die Sprecherin der Nord-Süd-Bahn gegenüber dem WDR. Bereits im September 2004 kam es, durch unterirdische Grabungen im Vorfeld der U-Bahn-Ausbauten, fast zu einem Einsturz des Turmes der Kirche St. Johann Baptist. Der Turm, der daraufhin als „schiefer Turm von Köln“ Bekanntheit erlangte, neigte sich damals um 75 Zentimeter. Er wurde ein Jahr später wieder aufgerichtet.

Eberhard Illner, langjähriger Abteilungsleiter im Archiv, sprach im Deutschlandradio Kultur von einer „absehbaren Katastrophe“. Er selbst habe Mitte letzten Jahres im Keller des Hauses Senkungsrisse festgestellt und diese Information an die Archivleitung weitergegeben. Die Polizei der Stadt Köln habe ihm zudem letzte Woche den Eingang weiterer Hinweise bezüglich Senkungsrissen bestätigt. 

Sobald die Rettungs- und Aufräumarbeiten abgeschlossen sind, wird zu prüfen sein, was die genauen Ursachen für den Einsturz des Gebäudes waren und wer sich dafür zu verantworten hat. Fest steht nur, es gab wohl Anzeichen für die Gefährdung von Menschenleben und fest steht auch, die historische Forschung hat heute einen heftigen Schlag erlitten.
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
cori schrieb am 03.03.2009 um 21:41
wohl wahr, das ist DIE absolute katastrophe. 1000 Jahre Stadtgeschichte liegen da im dreck! und vieles wird da auch bleiben. das ist für die kölner stadtforschung ein tief schwarzer tag...
insomnia schrieb am 03.03.2009 um 23:03
Es handelt sich zwar um ein kommunales Archiv (das größte nördlich der Alpen), aber ich denke, es betrifft nicht nur die Kölner Stadtforschung. Das Archiv besaß allein ca. 65 000 Urkunden ab dem Jahr 922 und einige interessante Nachlässe (z.B. Heinrich Böll). Gerade der Bestand an mittelalterlichen Kölner Urkunden wurde von vielen in- und ausländischen Forschern eingesehen, in einen größeren historischen Kontext eingeordnet und ist damit allgemeines Kulturgut.

Als Goethes Werke in Weimar brannten gab es eine Welle der Bestürzung und Hilfe beim Wiederaufbau. Aber warum sollte der Brand der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek im September 2004 mit einem zu beklagendem Buchverlust von über 50 000 Exemplaren ein größerer Schaden sein, als das zerstörte historische Gedächtnis einer großen Stadt wie Köln? Vermutlich weil einem Bücher näher stehen als Akten oder Urkunden und weil man Goethe einfach kennen muss, aber nicht zwangläufig den Einfluss Kölns auf andere Städte.
cori schrieb am 04.03.2009 um 20:52
da hast du vollkommen recht. das ausmaß ist so riesiges, es bleibt für mich auch einen tag später unvorstellbar. schon allein, dass die gesamte verzeichnungsarbeit des archivs, über jahrzehnte entstanden, alles kaputt sein soll, wahnsinn. das wird jahre dauern bis irgendeiner wieder mit den archivalien forschen kann. wobei ich mir beim jetzigen zeitpunkt noch gar nicht vorstellen kann, wie forschung mit solchen dezimierten beständen überhaupt funktionieren kann.
und, ich teile auch deine Meinung mit der HAAB, die haben wirklich sehr viele handschriften und bücher verloren, das kann man mit werten nicht wiedergeben.
nur in einem archiv sind das quellen und nur die wissen wie etwas passiert ist und das wird jetzt wohl bei einer vielzahl von ereignissen auch so bleiben.
insomnia schrieb am 04.03.2009 um 22:20
"wobei ich mir beim jetzigen zeitpunkt noch gar nicht vorstellen kann, wie forschung mit solchen dezimierten beständen überhaupt funktionieren kann."

Es bleibt zu hoffen, dass ein Teil als Digitalisat außerhalb des Hauses aufbewahrt wurde. Dies ersetzt aber weder das Original, noch wäre es annähernd realistisch, an eine vollständige Digitalisierung der Bestände zu glauben. Die in den Kelleräumen gelagerten Manuskripte haben noch die besten Chancen auf Unversehrtheit, sofern kein Wasser eindringt.

Dr. Jochen Roessle, der seit 2007 im Archiv den Nachlass des Kölner Architekten Karl Band verzeichnet hat und sich an diesem Tage aus dem Hause retten konnte, steht buchstäblich vor den Trümmern seiner bald zweijährigen Arbeit. Er sprach heute in einer Email davon, "dass hier die größte kulturelle Katastrophe in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands/Europas passiert" sei. Ich denke, er hat vollkommen Recht! Die Tragweite dieses Unglücks wird vermutlich erst in ein paar Tagen wirklich ins Bewusstsein gelangen...
insomnia
Lesende.
Ort:
Berlin
Mitglied seit:
3 Jahre 13 Wochen
Zuletzt aktiv:
27.01.2012
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 1
Kommentare: 21
Logbuch
02:28
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:13
Columbus hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:51
lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG