6
]
Lese nach dem arabischkurs (ich bin heute richtig gut) in der syria forward, dass die altstadt von damaskus nun schon für den verkehr (außer anwohner und lieferanten) gesperrt ist. man habe 70 elektro-taxis (!) und mehrere elektro-bahnen (!!!) eingerichtet, mit denen man sich bequem bewegen könne. Ich muss da dann wohl doch mal wieder hin. Wenn man hier lebt, geht man ja nicht so oft in die altstadt, nur wenn besucher aus deutschand zugegen sind, um ein touristenprogramm zu absolvieren. Deprimierend ist die begründung dieser ganzen umstrukturierung: man wolle den touristen mehr raum und mehr ruhe und möglichkeiten geben, die altstadt zu entdecken, sie solle überhaupt touristisch weiter erschlossen werden und man habe den plan, sie analog zu den innenstädten europäischer länder schick, ordentlich, glatt und sauber zu gestalten. Rafik meint ganz trocken, er fände das alles scheiße, die stadt solle so bleiben wie sie ist. und ich befürchte auch, dass diese entwicklung der stadt den letzten charme nehmen wird und die einzigartigkeit, mit der sie sich bis heute von anderen (auch arabischen städten) unterscheidet. Schade, dass dieser globale umstrukturierungsdruck ganz offenbar vor nichts haltmacht.
Gehe dann mit Rafik noch das neue handy kaufen und seine nummer wieder reaktivieren. Bei syriatel ist eine warteschlange, die einem ostdeutschen arbeitsamt alle ehre machen würde. Wir haben nummer 138, es leuchtet die 26. Daher gehen wir erst das handy kaufen, dann die dazugehörige nummer wieder aktivieren. Unklare angaben gibt es dazu, inwieweit syriatel in der lage ist, die telefonbucheinträge, die auf der sim-karte gespeichert waren, wieder zu rekonstruieren. Freunde hatten berichtet, dass es für ungefähr 4 euro extra, möglich sei, dies zu tun. Ich überlege kurz, was das hieße: syriatel hätte all meine nummern und vor allem die entsprechenden dazugehörigen namen (mehr noch: meine persönlichen bemerkungen, notizen und alle zusätzlichen manchmal mit dem namen abgelegten informationen). Zum glück behauptet die freundliche angestellte, dass dies leider nicht möglich sei. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das wirklich beruhigen soll, denn freunde haben glaubhaft berichtet, sie hätten all ihre nummern nach einem telefonverlust ohne probleme von syriatel zurückbekommen.
Gehen dann im beit zaman einen kaffee trinken. Dort hat man die ursprünglich sehr stilvollen alten tassen gegen neue designerwahre ausgetauscht. Nicht alles neue ist besser als alles alte – hier irrte brecht! Die neuen tassen sind nämlich viereckig. Und eine viereckige tasse hat es an sich, dass es schwierig ist, aus ihr zu trinken, da einem neben dem mund links und rechts auf breiter bahn der kaffee aus der tasse läuft, wenn man sie an den mund führt und zum trinken neigt. Man wünscht sich eher eine schnabeltasse. Eine viereckige tasse ist nur etwas für breitmaulfrösche und es will sich mir nicht erschließen, warum ein designer so etwas überhaupt entwickelt und warum dann ein cafehausbesitzer kein probetrinken veranstaltet, bevor er sein cafe mit diesen tassen ausstattet.
Eine andere entwicklung im gastronomischen bereich betrifft das rauchverbot. Dieses als durchschlagenden erfolg zu bezeichnen verbietet der anstand. Nach einem oder zwei tagen an denen man wirklich einen unterschied wahrnehmen konnte, muss man nun nüchtern konstatieren, dass der alte zustand wieder herbeigeführt wurde. Alle rauchen überall. Das erstaunt, wo man doch denkt, in einer diktatur sagt der diktator, was sache ist und alle müssen es machen. Aber weit gefehlt! Das einzige, was sich geändert hat ist, dass in vielen cafes (casablanca, havanna und al kamal lagen heute auf unserem weg) die glausscheiben aus dem fenstern entfernt wurden. Nicht nur am tag sondern komplett und für immer aus den rahmen! Die läden mit teils beeindruckenden fensterfronten sind nun komplett entglast. Das führt zu frischer luft im inneren aber im winter eben auch zu kälte und dazu, dass ein solcher laden im prinzip ja nie schließen kann, da er nie zu verschließen ist. ob sich damit das strenge auge des gesetzes erweichen lässt, wage ich nicht zu sagen, denn das gesetz sprach ursprünglich nicht von frischer luft durch geöffnete fenster, sondern von rauchfreien cafes dort, wo ein dach drüber ist und das wurde (noch) nicht weggerissen.
|
|
»ich bin heute richtig gut«Heute? Sie sind immer richtig gut, isam almatlub. Habe ich Ihnen eigentlich einmal geschrieben, daß ich Ihre Beiträge sehr schätze? Nein? Gut: Ich schätze Ihre Beiträge sehr! Gruß aus München nach Damaskus, J.A.-P. |
|
|
da muss ich aber sagen:
danke, das freut mich sehr! gruß zurück |
|
|
Interessante Einblicke, immer wieder. Und besonders gefreut hat mich, dass Du keinen Vergleich mit Deutschland/deutschen Verhältnissen gemacht hast. Ist dir das aufgefallen...? Nun, du lebst Dich ein ;-).
Gruss Leif Den 'kreativen Umgang' mit dem Rauchverbot finde ich Klasse!!! |
|
|
liebste leif miles, mit deiner feststellung zu anfang bin ich einverstanden, mit dem rest deines kommentars leider nicht.
vergleiche sind methodisch ein ganz wichtiger weg zur erkenntnis, gleichviel was alles verglichen wird. was du am 'kreativen Umgang' mit dem rauchverbot so klasse findest, bringt etlichen menschen einen schweren tod. wo qualm ist, fehlt es oft auch nicht an schnaps(ideen). |
|
|
schrieb am
13.06.2010 um 00:42
@h.yuren
ich denke, dass wir uns etwas missverstehen... ich stelle doch den vergleich als weg zur erkenntnis nicht generell in frage (isam hat den vergleich mit deutschen verhältnissen bis dato auch gepflegt), sondern denke, dass, nach dieser ersten phase, der bezugnahme auf bekanntes und vertrautes (hier D-Land), gewöhnlich eine andere phase folgt, in der man auf inzwischen schon bekanntes/vertrautes fremde referiert. Zum "kreativen Umgang mit dem Rauchen": Ich bin grundsätzlich gegen die unendlich anmutende Zahl von reglementierungen jedwelcher art. sie machen unmündig. und ich bin grundsätzlich offen für kreatives, subversives handeln. und das mit dem rauchen und der rücksicht auf nichtraucher haben wir ja inzwischen geschafft in eine diskriminierung der raucher zu kippen... das gespräch über rauchen und tod und anderen drogen und dem gesundheitswahn wollen wir hier wohl nicht führen. ich fürchte, erst da wären wir uns wirklich nicht einig...:-) Gruss |
|
|
lieber isam, die eckigen tassen sehe ich mal so mal so. zum einen fände ich es einen versuch wert, an einer ecke einen schluck zu nehmen. dazu muss man kein breitmaulnashorn sein.
zum andern lässt mich der hang zum eckigen design an die eckigen hütten denken, die den fortschritt von der dorfkultur zur stadtkultur begleiten oder markieren. was hundertwasser und andere dagegen zu setzen versuchen, sind ausnahmen. das eckige ist unbiologisch, weshalb es keine eier in würfelform geben wird, wenn die auch viel einfacher zu verpacken wären. natürlich sind runde tassen besser als eckige, weil du bei denen überall unbesehen ansetzen kannst, bei den eckigen musst du darauf achten, eine ecke zu erwischen. was den damaszener kampf gegen das rauchverbot betrifft, kann ich nur sagen, dass not erfinderisch macht. sucht ist ein notstand. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen