isam almatlub

damaszener scharaden

08.07.2010 | 11:08

allevitische busse, frisches pizzabrot und blondiertes körperhaar

Das Nationalmuseum von damaskus ist ja immer einen besuch wert. Im foyer sind größere umbaumaßnahmen bereits angekündigt und da diese mit italienischer hilfe wohl schon begonnen haben, sind teile des museums leider gesperrt. Die besichtigung der herumstehenden und schlecht ausgeschilderten exponate dauert dennoch lange, da ja wirklich viel ausgestellt ist. aber wenn man nicht selbst zum beispiel als archologe weiß, um was für ein exponat es sich gerade handelt, bekommt man auch keinerlei hinweis, denn eine beschriftung oder weiterführende hinweise sind nur sehr sporadisch angebracht. Zum glück aber begegnet man nur wenigen menschen und so hat man zeit, die dinge auf sich wirken zu lassen. Danach haben wir im bocelli einen kaffee getrunken. Die haben jetzt einen windschutz (glasplatten am terrassengitter) und einen sonnenschutz (eine schlichte markise) angebracht und tolle ventilatoren aufgestellt, die kühlenden wasserdampf versprühen. Wahnsinn!

Ian und ich versuchen das schwimmbad der jugend nun mal am Nachmittag. Da alle bäder hier um vier nachmittags schon schließen, müssen wir den Nachmittag um zwei beginnen lassen. Und tatsächlich: weniger kinder. Dafür bodybuilder, die sich ihre hormongeschwängerten körper mit einer schäumenden lotion aus amoniak und sonstigen ungesunden inhaltsstoffen einschmieren, die sie „oxygene“ nennen. Ziel dieser prozedur ist es, blondiertes körperhaar zu bekommen. Unappetitlich und ungesund und im ergebnis nichtmal schön. Wie albern: schwarzes haupthaar zu blondiertem körperhaar! Das also war das geheimnis des blondierten brusthaares, welches mir schon vor wochen im sportstudio begegnet ist – ich hatte nicht halluziniert!

Dann haben wir tickets gekauft. Für einen kurz-trip nach tadmur (palmyra) morgen. Bei haval meinte man erst, es gäbe keine busse nach tadmur, dann, der bus fahre um drei, dann er fahre schon um halb zwölf und letzlich, es gebe keine freien plätze mehr. Das erste war nachweislich eine lüge. Wenn aber das letzte stimmt, ist der wahrheitsgehalt der anderen beiden informationen egal. Zwischen diesen infos lagen einige telefonate und viele scherzereien mit den angestellten. Auch bei civan war nix zu holen. So mussten wir wohl oder übel zu kadmus gehen. Die hatten noch plätze. Aber die setzen auf diesen linien in den osten immer schrottbusse ein. Wenn man nach latakia oder woanders ans wasser fahren will, ist kadmus eine gute wahl. Dorthin fahren die luxeriösesten busse. Da es sich aber, wie mir mein arabischlehrer erklärte, um eine allevitische firma handele, setze sie in den osten und in die kurdengebiete eben schrottbusse ein. Dorthin müsse man mit den kurdischen firmen reisen. Aber die waren ja eben leider schon ausgebucht.

Am abend aber raffen wir uns auf und machen noch einen kleinen ausflug auf den berg, vielmehr dorthin, wo noch häuser den berg hochwuchern. Das war nicht so geplant, hat sich aber so ergeben, denn wir sind einem missverständnis aufgesessen. Die neuen kleinen und offenbar illegal betriebenen mini-mini-busse von afif nach oben fahren nicht zum berg qassiun, sondern nur in den letzten winkel der den berg hochwuchernden bebauung (nba’a oder so genannt). Auch nicht schlecht und eine wirkliche abenteuerfahrt durch steile, enge gassen in mir bisher unbekannte gegenden. Dort angekommen spazieren wir etwas umher, werden von allen menschen sehr nett gegrüßt und willkommen geheißen und einer bringt uns sogar (nachdem er uns durch sein fenster angesprochen hatte und uns schon gesagt hatte, dass wir schön seien – wie nett, wo hört man das in deutschland mal von fremden menschen?), noch selbstgebackenes pizzabrot auf die kaum touristen gab. Die rückfahrt war nicht weniger abenteuerlich und ich muss sagen, dass ich als fahrer manchmal wohl nicht weiter gewusst hätte, wenn sich am steilen abhang mehrere wagen so unglücklich ineinander geschoben hatten, dass es weder vor noch zurück ging, wäre ich sicher einfach weinend ausgestiegen. Aber irgendwie sind wir dann doch wieder heil in afif gelandet. Ein toller ausflug!

 

 
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Kommentare
hibou schrieb am 08.07.2010 um 19:37
danke für die hochwuchernden haeuser :-)) in museen sollte man nach meinem erachten die exponate nie anschreiben: das staerkt das qualitaetsgefühl in der wahrnehmung: "was ist das, zum henker? habe ich so was schon mal gesehen?" ob dann (na, ohne vorwissen) so viele leute vor der nike von samothrake oder der mona lisa stehen bleiben würden?
grüsse vom graubrusthaarigen hibou
h.yuren schrieb am 08.07.2010 um 21:05
ist das nicht etwas gewagt, isam, sich in einen schrottbus zu setzen? oder sind "nur" die vehikel ein wenig betagt bis oldieverdächtig, die fahrer aber vertrauenswürdig?

sag mal, lieber isam, wenn dir die blonden körperhaare gleich aufgefallen sind; hast du schon bemerkt, dass es in damaskus und in ganz syrien auffallend viele türkische fahnen und plakate mit netten worten über den nachbarn im norden gibt? die info hab ich irgendwo aufgeschnappt.
hibou schrieb am 09.07.2010 um 07:03
der dortige ministerpraesident hat sich durch seine aeusserungen über die "hilfsflottille" nach gaza zum helden aller arabaer gemacht :-)
isam almatlub schrieb am 09.07.2010 um 15:22
ja, die türkei ist hier hoch im kurs. türkische produkte überall, fahnen auch, aber deutsche gab es bis vorgestern mehr ;-)
die fahrer sind jung und risikofreudig, die busse aber irgendwie ok.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.07.2010 um 02:32
Die Busfahrer fahren diese Strecken ja oft, fast jeden Tag und kennen darum jeden Stein auf der Piste. Darum fallen die eben auch nicht so häufig den Berg runter und trotz Luxusbus, Latakia wäre ja auch ein tolles Ziel! Wird da noch dieser berühmt gute Tabak angebaut?
isam almatlub schrieb am 09.07.2010 um 15:23
ja, der tabak wird dort noch angebaut. auch die familie meines freundes hat wohl einige pflänzchen...
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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