isam almatlub

damaszener scharaden

08.05.2010 | 10:07

ein akt der sabbotage und schöne balletteinlagen der syrischen armee

Ein akt der sabbotage muss es sein, dass meine anzeige zum sprachunterricht zwar erschienen ist, aber mit einer falschen telefonnummer! Ich hatte – ich schwör auf alles alder! – die richtige nummer angegeben. Dann wurden einige wörter vertauscht, also die reihenfolge wurde verdreht, was wohl dem aufbau der schrift von links nach rechts geschuldet ist, womit die layout-abteilung der sonst in arabischer schrift gesetzten zeitung überfordert war. Das aber nicht schlimm ist, verstehen weil kann auch so man ja in reihenfolge falscher, oder? Schlimmer ist der dritte fehler. Die anzeige begann mit: „german teacher...“ gibt stunden undsoweiter. Aber das „german“ wurde vergessen. Nun bietet ein lehrer stunden in irgendetwas an. Natürlich muss ich bei aller bescheidenheit sagen, dass ich mich in vielem auskenne und sicher in der lage wäre auch stunden in anderen dingen zu geben. Dennoch ist damit ein entscheidender bestandteil meines angebotes (eben die deutsche sprache) unterschlagen worden. Gespannt wäre ich eher, wer auf eine solche anzeige antworten würde und was für stunden dann von mir verlangt werden könnten. Leider ist die nummer falsch... Nun wird sich die revisionsabteilung oder die reklamationsabteilung damit befassen müssen, wenn nicht der präsident persönlich. Auf jeden fall kamen heute – erstaunlicherweise – noch keine anrufe. Meine arbeitssaison geht also dann wohl erst eine woche später los...

Gestern hatte ich einen lasy day im park, wo ich mit einem achmed gelbpulli meine rudimentären arabischkenntnisse amelioriert habe, dann mit ihm zu ian gefahren bin. Der taxifahrer verwickelt uns in ein gespräch und meint dann, er sei bei der polizei. Immer diese ungeheimen geheimpolizisten. Hatte ich mir ob seiner visage aber eh schon gedacht, dass er bulle ist und natürlich nichts diskreditierliches von mir gegeben. Immerhin will er, als wir in mezzeh ankommen, kein geld annehmen – ja die geheimpolizei: we are only here to serve you!

Gestern abend sehe ich ali, der mir auf seinem handy erstaunliche videos der syrischen armee zeigt, auf denen halbnackte männer martialische balletteinlagen vorführen. So etwas bizarres habe ich noch nie – und ich betone noch nie! – gesehen. Es tun sich immer wieder erstaunliche dinge auf, wenn man mit anderen kulturen bekanntschaft macht. Und der hier weit verbreitete militarismus muss ja auch irgendwie homosexuell überhöht werden. Angeregt durch das video bekomme ich diverse geschichten von alis militärzeit erzählt, die er mir alle lebhaft vorträgt. Ich habe fast das gefühl, dabei zu sein. Das passt alles so gar nicht zu unserer kultur der konfliktvermeidung, aber ich habe das gefühl, dass da kanalisiert etwas ausgelebt wird, womit jugendliche bei uns vor dem computer allein gelassen werden. Mir ist das alles fremd, aber ich komme auch nicht aus einer region, in der man in den letzten jahren kriege hatte.

Ich weiß noch, wie mich der libanonkrieg 2006 in damaskus überrascht hat und wie von einem auf den anderen tag die ganze kriegsmaschinerie angeworfen wurde mit kriegslieder im radio, videos im fernsehen und neuen plakaten und fahnen überall. Wo jeder laden glaubte, er müsse mindestens einmal am tag laut die nationalhymne spielen und wo die menschen sich tatsächlich (und fast routiniert) auf einen krieg auch hier in damaskus vorbereitet haben, indem sie nahrungsmittelvorräte angelegt haben, medikamente zusammengetragen und geklärt haben, wie im falle eines stromausfalls die wasserversorgung im haus sichergestellt werden könnte (generatoren). Ich wusste bis dahin gar nicht, dass man für wasser strom braucht und dass man strom zum kochen oder heizen natürlich gut durch gasflaschen kompensieren kann, aber die wasserpumpe sich damit eben nicht betreiben lässt. Nun, lange rede – kurzer sinn: mir ist diese kriegerische kultur nicht geheuer und nicht vertraut, aber ich komme eben auch nicht aus damaskus, sondern aus deutschland. ali sieht das ganz anders und zeigt stolz videos, die nicht nur die schönheit (das ist wieder das, was ich sehe), sondern eben auch die kampfbereitschaft der syrischen armee belegen. Mindesten die entschlossenheit, denn ich bezweifle, dass im falle eines falles dieses schöne ballett die israelis beeindrucken würde.

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
KalleWirsch schrieb am 08.05.2010 um 10:24
Ernsthaft, ich liebe deinen Blog. Ich geh grad auf -mein Freitag- sehe deinen Blog und denke. Ach guck, Damaskus Calling.
Ich würde das Video wirklich zu gerne sehen. Vielleicht war ja das ja ein Pornocasting;-)))
Ich finde diese Selbstverständlichkeit des Krieges sehr beängstigend. Aber wahrscheinlich kann man damit schlecht anders umgehen. Wahrscheinlich ist es eine Überlebensstrategie.
Ich möchte mal in Worte fassen, was ich so an dienem Blog mag. Ich habe das Gefühl ein bisschen zu verstehen. Gerade auch, weil du eben selber eher mit staunenden Augen wahrnimmst. dafür danke und noch eine spannende Zeit in Damaskus.
isam almatlub schrieb am 08.05.2010 um 10:28
danke für das lob. das freut mich.
ich hätte das video so gerne gehabt, aber er wollte es mir nicht geben! wenn es auch kein pornocasting war, so war es doch der reinste porno!
dame.von.welt schrieb am 08.05.2010 um 12:08
Lieber Isam,
zu 'lazy day im Park' fällt mir ja sofort Fiona Apple ein.
Geht iTunes in Damaskus? itunes.apple.com/us/album/extraordinary-machine/id153432152 das letzte Stück auf der Platte.
Oder VidoEmo?
www.vidoemo.com/yvideo.php?fiona-apple-waltz-better-than-fine=&i=SzEwMWx5cWuRpcFdPMFU

Falls nicht, mußt Du Dich leider mit den lyrics begnügen:

'Waltz (Better Than Fine)

If you don't have a song
To sing you're okay
You know how to get along
Humming
Hmmm

If you don't have a date
Celebrate
Go out and sit on the lawn
And do nothing
'Cause it's just what you must do
Nobody does it anymore

No I don't believe in the wasting of time,
But I don't believe that I'm wasting mine

If you don't have a point to make
Don't sweat it
You'll make a sharp one being so kind
And I'd sure appreciate it
Everyone else's goal's to get big headed
Why should I follow that beat being that I'm
Better than fine'

Grüße!
die dame
isam almatlub schrieb am 08.05.2010 um 16:07
danke! immerhin itunes kann ich öffnen und den kurzen ausschnitt hören. wunderbar! nochmals danke!
luggi schrieb am 08.05.2010 um 23:25
Folgende Videos sind beeindruckend.


isam almatlub schrieb am 09.05.2010 um 08:17
ach mensch! und ich kriege hier wieder nur eine weiße fläche, wo sonst ein videofenster sein müsste. die arbeiten wirklich gründlich!
Magda schrieb am 09.05.2010 um 09:07
Fand ich auch wieder so interessant.

"Nun, lange rede – kurzer sinn: mir ist diese kriegerische kultur nicht geheuer und nicht vertraut, aber ich komme eben auch nicht aus damaskus, sondern aus deutschland" - Das wird auch in Deutschland noch (oder auch wieder) nur in anderen Formen.
Und einen leicht homoerotischen Hintergrund hatte auch das ganze verflossene deutsche Militärwesen.

So sieht man, auch in der Fremde kann man auf "befremdliches" treffen.

Ich lese auch immer gern mit, wie Du weißt.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
Mitglied seit:
2 Jahre 22 Wochen
Zuletzt aktiv:
09.02.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 95
Kommentare: 137
Mein Projekt:
Logbuch
02:28
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:13
Columbus hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
01:51
lurch hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG