isam almatlub

damaszener scharaden

20.07.2010 | 11:13

fahrten mit körperkontakt und scheitern des pünktlichkeitsprogramms

Neulich am abend fahren wir nach qabun einen freund besuchen. Im micro hat man hier ja immer viel körperkontakt. So eng, wie man hier sitzt, da müssten auf jeder bank in u- oder s-bahn in deutschland mindestens drei oder vier leute platz finden. Die leute hier sind das ja aber gewohnt und ich glaube auch, dass der häufigere körperkontakt eben auch beruhigend wirken kann. Indem man sich berührt, kommuniziert man ja irgendwie auch miteinander. Und schließlich sieht man hier ja auch ständig menschen hand in hand oder umarmt miteinander sitzen. Allerdings eben nur gleichgeschlechtlich. Für die zwischengeschlechtlichen berührungen scheint das private haus der geeignete ort zu sein, nicht die öffentlichkeit.

Busfahrten nach qabun sind immer eine große freude. Alle busse sind mit „qabun-schara’-a-thawra“ ausgeschildert, fahren aber mitnichten die selbe route und nichtmal alle nach qabun oder zur schara’-a-thawra, der straße der revolution im zentrum der stadt. Einige machen auf halber strecke kehrt, man muss das dann merken und schnell rausspringen. Andere fahren direkt und schnell über die beliebte autostraat. Wieder andere juckeln durch alle gassen und stehen stundenlang im stau. Ich dachte ja, dass es nur mir noch relativ ortsunkundigem so geht, aber auch rafik weiß nie, in welchem bus man wohin kommt und wie das alles nun funktioniert. Habe es aber dennoch geschafft heute das ziel der reise zu erreichen, zwar mit mehreren bussen und umsteigen, aber immerhin. Dabei war ich richtig stolz, dass ich jetzt schon im vorbeifahren die schilder der busse lesen kann, die ja auf unterschiedlichste weisen geschrieben sind und auch in einem mir bisher unbekannten teil dieser stadt schon weiß, wohin in etwa die busse fahren müssten und dass das dann die richtige richtung sein dürfte. Hat sich das viele geld für meine ausbildung doch gelohnt...

Vom deutschen pünktlichkeitsprogramm keine spur erfolg! Angekündigt war ali für den frühen morgen (neun uhr) unseres abfahrttages zum besuch seiner familie. Als ich ihn um halb elf anrufe, wecke ich ihn. Also ich meine, dass es kein wunder ist, wenn es mit der syrischen wirtschaft nicht bergauf geht. In etwa einer stunde (also in zwei stunden) ist er dann auch schon zum frühstück bei mir. So kommen wir „früh am morgen“, noch vor der Mittagshitze gegen halb zwei los. Die fahrt gestaltet sich – abgesehen von den 45 grad temperatur – angenehm. Ich muss nicht ans lenkrad und ali fährt inzwischen auch sicherer, so dass ich keinen verkrampften rechten bremsfuß habe, den ich ja sonst als beifahrender manchmal habe. Nach einer pause und mehreren stunden fahrt erreichen wir das elterliche haus. Wie gehabt nette familie, die schwester ist da, der esel und die eltern. Da wir auf dem weg noch drei hühner erstanden haben, denen vor unseren augen der garaus gemacht wurde (was mir nicht sonderlich behagte, aber sicher ehrlicher ist als das fleisch aus der tiefkühltruhe), wird gegrillt. Eine lange prozedur, bei der vom entschluss zur umsetzung nochmals soviel zeit vergeht, wie während der zubereitung der kohle (aus holz) und den beilagen (aus dem garten – es muss eben erst noch kurz geerntet werden). Nach dem essen trinken alle noch mate, ein gesöff aus kraut und viel zucker, das durch einen strohhalm gezogen wird, an dem unten ein sieb hängt, das eigentlich dazu dient, das kraut aus dem munde fernzuhalten, was aber immer nur mäßig gelingt. Ein zweifelhafter genuss. Die nacht dann auf matten gebettet friedlich schlummernd zugebracht.

Nach frühstück und vielen abgeschlagenen und auf spätere zeit vertrösteten teetrinkeinladungen bei verwandten (so ist das bei 12 kindern und deren kindeskindern eben) schaffen wir es auch am Nachmittag nach latakia zu kommen. Wenn hier jemand sagt: „wollen wir jetzt los?“, heißt das „jetzt“ mitnichten jetzt. Von jetzt, bis zum avancierten zeitpunkt und von dort bis zur tatsächlichen abfahrt vergehen gut und gerne nochmals jeweils zwei stunden. In dieser zeit müssen unvorhergesehene besorgungen gemacht werden oder komplizierte transporte mit dem angemieteten wagen durchgeführt werden. Immerhin haben wir es noch bis latakia geschafft. Allerdings erst kurz vor sonnenuntergang. Das ist für „nach dem frühstück“ dann auch wieder nicht so zeitig...

 

 
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Kommentare
h.yuren schrieb am 21.07.2010 um 19:57
lieber isam, wieder ein sehr eindrucksvoller brief aus damaskus und umgebung.
dass es jetzt in syrien schön warm ist, sodass niemand richtig frieren kann, ist glaubhaft. aber 45 grad ist dann doch ein bisschen mehr als angenehm. hier waren es heute knapp 34. ich nehme an, dass deine temperaturangabe nicht vor ort an einem vorschriftsmäßig angebrachten thermo abgelesen waren, sondern ganz normale werte nach wetterbericht etc. drinnen im bus dürfte es dann ein wenig bis eine menge wärmer gewesen sein. nehme nicht an, dass die busse eine funktionierende klimaanlage haben und nutzen.

dein bild von den überall umschlungenen gleichgeschlechtlichen sieht aus wie ein homoparadies. hier unvorstellbar. die körperberührungen im bus erinnern mich an entsprechende erfahrungen in der londoner tube. im kühlen england ein schöner kontrast.

nun lebe ich wirklich nicht nach der uhr. bin auch nicht pingelig pünktlich. aber die zustände, die du schilderst, fallen irgendwie aus der zeit. mir scheint es so, als resultierte die verzögerung aus den zahlreichen familiären und persönlichen beziehungen, die zum verweilen einladen oder verpflichten, wo die singlegesellschaft ungebremst durchstartet, stets ein auge auf der uhr. wo jetzt auch tatsächlich jetzt bedeutet.
danke für deinen bunten bericht aus dem anderen leben.
isam almatlub schrieb am 22.07.2010 um 09:18
"mir scheint es so, als resultierte die verzögerung aus den zahlreichen familiären und persönlichen beziehungen, die zum verweilen einladen oder verpflichten"

ja genau das ist es. oft wird eben als grund für verspätungen (und da meine ich nicht 15 minuten, sondern eine oder eineinhalb stunden) angegeben, es sei eben unvorhergesehener besuch zuhause aufgetaucht und man habe unmöglich das haus verlassen können.
hibou schrieb am 22.07.2010 um 09:30
syrien muss ein wunderbares land sein! :-)) hier ist es mit dem dolmuş (sammeltaxi) etwas aehnlich, aber doch zunehmend deutschpünktlich....
isam almatlub schrieb am 22.07.2010 um 09:48
um pünktlichkeit messen zu können müsste es ja sowas wie einen fahrplan geben. da der aber selbst bei der syrischen staatsbahn weitestgehend unbekannt ist (siehe: www.freitag.de/community/blogs/isam-almatlub/tutende-zuege-serviceorientierte-bahnbeamte-und-keine-entgleisung), KANN ein micro gar nicht pünktlich sein...
und: syrien ist ein wunderbares land! nicht in jeder hinsicht, aber im großen und ganzen.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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