isam almatlub

damaszener scharaden

17.01.2012 | 17:11

Leere Hotels, freundliche Bewohner und aufmerksame Milizionäre

Anrufe in Palmyra im Hotel um eine Übernachtungsmöglichkeit bei unserem avisierten Kurztrip in die Wüste zu sichern. Schon das zweite Etablissement hatte geöffnet. die Preise dort haben sich mehr als halbiert, allerdings hat man den Frühstücksdienst eingestellt, von dem man eh behaupten musste, dass er nicht wirklich ein Dienst am Reisenden war, sondern eher ein Ärgernis. Wir tätigen eine unverbindliche Reservierung, damit wir uns vor Ort davon überzeugen können, dass nicht z.B. neben dem Frühstück auch an der Reinigung der Räumlichkeiten gespart wurde.

Rafik kommt gegen Mittag zu mir, dann treffen wir Ian und fahren zum Busbahnhof. Die erstaunliche Sicherheitskontrolle, bei der Taschen auf ein Band gelegt und durchleuchtet, Menschen durch eine Schleuse gehen müssen, die in Permanenz piept, was aber beides niemanden interessiert, ist immer noch die alte. Bis auf, dass wir einen der diensthabenden Polizeibeamten schon aus dem Revier am Marje kennen und Rafik sofort mit dem anwesenden Personal zu shakern beginnt. Sehr zum Leidwesen des Busunternehmenskoberers (oder wie soll man die Menschen nennen, die potenzielle Reisende zu einem entsprechenden Busunternehmen locken?), der ungeduldig wartet, da unser Bus angeblich in zwei Minuten abfahrtbereit sein soll. Tatsächlich sitzen wir, nach einem obligatorischen Besuch bei der Sicherheitspolizei, bei der unsere Reise annonciert werden muss, im Bus. Diesmal nicht schreckliche ägyptische Komödien, sondern Actionfilme unterirdischster Machart mit grauenhaften Folterszenen, die bei uns nicht im Spätprogramm gezeigt werden dürften. Mitreisende Kinder starren gebannt auf die Bildschirme. Jugendschutz ist ein hier vollkommen unbekanntes Wort. Ich versuche mich auf meine Lektüre zu konzentrieren, was aber auch schwierig ist, da der Bus erstens einen kaputten Stoßdämpfer zu haben scheint, was zu schlimmem Rütteln führt und die Heizung ebenfalls nicht wirklich funktioniert. So dämmere ich Tadmur entgegen.

In Palmyra (Tadmur) ist alles tot. Und tot meint tot. Es haben von den schätzungsweise 30 bis 40 Hotels unterschiedlichster Kategorie gerade mal zwei geöffnet. Da fällt die Wahl nicht schwer. Und obschon wir in Ermangelung von Alternativen ja im Prinzip in einem der beiden Hotels schlafen müssen, geht der sich vor dem Hotel langweilende Rezeptionist mit dem Preis so weit runter, dass wir alle drei für fast ein Drittel des Preises schlafen, den zuvor noch ein einzelner Gast zahlen musste. Haben wir noch im Oktober 2010 noch 2600 Lira für ein Einzelzimmer gezahlt, zahlen wir heute noch 330! Da kann man das ganze Ausmaß der Katastrophe des Tourismus in Syrien erst ermessen. 1000 Lira – rund 15 Euro für drei Einzelzimmer mit Bad! Dabei muss warmes Wasser erst für uns angeheizt, der Strom erst wieder für uns angestellt werden. Seit Monaten keine Touristen. Alle Menschen schauen uns mit ungläubigen Augen an, winken freundlich und begrüßen uns herzlich. Schon auf unserer ersten Tour durchs Dorf, in dem 80% aller Läden geschlossen haben (auch die Restaurants, die Souvenirshops sowieso) werden wir so oft zum Tee eingeladen, bekommen so viele Datteln verschiedenster Art in unsere Münder gestopft, dass wir ein Restaurant sowieso nicht brauchen werden.

Tatsächlich finden wir dann doch noch ein kleines volkstümliches Restaurant, dass uns ein Essen mit einem halben gegrillten Huhn und Salat auftischt, welches, obschon unter bedenklichen hygienischen Standards zustande gekommen, ganz köstlich ist und mir bis heute keine Beschwerden bereitete. In Ermangelung einer geeigneten abendlichen Aktivität schleichen wir noch etwas durchs verlassene Tadmur (natürlich auch die Ruinen), stellen aber schnell fest, dass wir immer durch einen unauffälligen Wagen observiert werden, der Angaben der Einheimischen zur Folge von der sogenannten Milizia ist. Touristen hier scheinen verdächtig zu sein und wenn es nur zwei davon gibt, dann kann man diese natürlich auch sehr leicht lückenlos überwachen. Immerhin ruft der Geheimdienst nicht (wie damals in Trablus) bei uns an und fragt uns, ob alles ok sei und was wir denn gegessen haben. Es ist ja alles nur zu unserer Sicherheit. So wohl behütet schlafen wir recht früh ein.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 17.01.2012 um 20:14
Danke isam almatlub - das war wieder ein interessanter Bericht. Und dicht am Leben. Es ist immer alles anders, als es eine hektische Nachrichtenwelt vermittelt.

"Da fällt die Wahl nicht schwer."

Das kenne ich aus der alten DDR. :-)))))
miauxx schrieb am 17.01.2012 um 23:53
Schön, mal wieder, Dein Text!
"Dicht am Leben", wie Magda schon sagt. Leben, dass es, mehr oder weniger "normal" oder "gewohnt", eben doch noch gibt. Dass sage ich, weil sich der der hiesigen Mainstream-Berichterstattung über Syrien Ausgelieferte davon ja kaum noch ein Bild zu machen wagt.

PS: Die Filmberieselung und -auswahl ist wohl in allen orientalischen Reisebussen die gleiche. :-)
Joachim Petrick schrieb am 19.01.2012 um 21:53
@isam almatlub

"Diesmal nicht schreckliche ägyptische Komödien, sondern Actionfilme unterirdischster Machart mit grauenhaften Folterszenen, die bei uns nicht im Spätprogramm gezeigt werden dürften. Mitreisende Kinder starren gebannt auf die Bildschirme. Jugendschutz ist ein hier vollkommen unbekanntes Wort"

Beim Lesen erfaßt mich ein nachhaltiges Schaudern.

Wie ist das dort alles so entsetzlich von allen guten Geistern verlassen unheilschwanger.

Trotzdem und gerade deshalb Danke für diesen Bericht.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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