isam almatlub

damaszener scharaden

08.01.2012 | 22:15

Leere iPhones, volle Supermärkte und knödelige Kabelenden

„’Ach aber ach’ dachte der kleine Igel. Kann ich hier einfach so vor der Heizsonne sitzen, während unmittelbar hinter der Heizsonne das totale Chaos herrscht?“ An diese kleine Zeichnung in dem wunderbaren Buch „die Drei“ muss ich heute Morgen denken, als ich so beim Frühstück einfach so vor der Heizsonne sitze. Wenn man das tut, ist es wunderbar warm aber ich dachte ursprünglich wirklich, dass meine Wohnung etwas besser isoliert sei, als sie es ist. Im Sommer bei der Hitze und selbst im Oktober fallen einem eben doch die breiten Spalten in den modernen Fenstern nicht auf. Und neben den Widrigkeiten der Beheizung, die ja fast schon ein Klassiker eines jeden Winteraufenthaltes in Damaskus sind, habe ich mich nun auch noch mit dem Ladezustand meines deutschen iPhones zu befassen.

Die ursprüngliche Information, iPhones seien hier jetzt verboten, konnte ich bisher nicht bestätigen. Man sieht diese Dinger weiterhin überall. Allerdings sperrt sich das syrische Syriatel-Netz gegen ein Einloggen meines Telefons und zeigt beharrlich „kein Netz“. Das ist schade, denn Syriatel ist das einzige Netz, in dem SMS aus Deutschland zugestellt werden (würden). Bei (dem angeblich privaten, in Wirklichkeit auch der Präsidentenfamilie gehörenden Anbieter) MTN komme ich zwar ins Netz, habe jedoch eine andere merkwürdige Erscheinung: selbst im Stand-by ist mein Akku nach 3 Stunden vollkommen entladen! Ich habe schon alle Ortungs-, Netzwerk- und sonstigen Dienste deaktiviert und die Einstellungen so gesetzt, dass die Batterielaufzeit möglichst lange halten müsste – complèttement ohne Erfolg! Ich habe dafür zwei Erklärungen. Entweder hat der Akku meines Telefons mit Eintritt ins syrische Staatsgebiet seinen Geist aufgegeben, oder die Telefonnetze wissen sehr genau, welche Telefone sich bei ihnen einloggen und im Hintergrund laufen irgendwelche batterieenergiebenötigenden Prozesse. Beide Erklärungen sind nicht beruhigend, denn die eine läuft darauf hinaus, dass der Akku des iPhones eine Halbwertszeit von wenigen Wochen hat, die andere darauf, dass mir wohlmöglich einen Trojaner des syrischen Geheimdienstes in mein Telefon gespeist worden ist. Ich habe es daher erst einmal ausgestellt und bin nur noch unter der syrischen Nummer zu erreichen.

Es ist inzwischen später Nachmittag, ich mache noch ein paar Einkäufe im Supermarkt in Scha'alan. Ich habe gerade das Haus verlassen, da wird der Strom abgestellt. Es dämmert bereits und die dunkle Stadt entfaltet eine ganz wundersame Atmosphäre. Die einzige Veränderung die ich auf meinem Weg wahrnehme, sind die mit Maschinengewehren ausgerüsteten martialisch uniformierten Polizisten vor dem Scham Hotel. Später erkläre ich mit Sachverhalt damit, dass die Vertreter der Arabischen Liga zurzeit in Damaskus weilen und vermutlich in eben genau diesem Hotel untergebracht worden sind. Zu meinem Erstaunen gibt es im Supermarkt immer noch alles, selbst die leckeren Danette Puddings sind wieder zu haben! Eine große Enttäuschung ist der Zipkie Park. Dort hatte man bis auf die großen Bäume und Palmen alles platt gewalzt und ist hoffentlich im Begriff einen neuen Park zu gestalten. Für die nächste Zeit allerdings wird der Park kein Ort sein, an dem man sich länger aufhalten möchte.

Die Funktion des Heizens meines Etablissements übernehmen drei kleine vor sich hin glühende Spiralen, die in die Steckdose gesteckt werden und bei denen man immer regelmäßig aufpassen muss, dass entweder die Kabel oder die Stecker oder die Steckdosen nicht zu heiß werden und anfangen zu schmelzen. Umso erstaunter bin ich, wenn ich jeher, dass diese eh schon gefährlichen Gerätschaften ohne jeden Stecker in die Steckdose gesteckt werden. Sprich: die Kabelenden werden blank einfach so jedes für sich in die Löcher der Steckdose gefriemelt. Da Rafik mir schon von mehreren Wohnungsbränden durch eben diese Heizgerätschaften berichtete, sah ich es als eine meiner wichtigsten Aufgaben, diese zumindest mit angemessenen Stecker zu versorgen um sie auf elegante Art und Weise in die Steckdose zu stecken. Mein Versuch eben diese zu erwerben gelangt auf Anhieb und da ich der Aufgabe realistisch in die Augen blickte nach stand ich auch gleich einen Phasenprüfer. Eben dieser verbog sich allerdings sofort beim Versuch die erste Schraube im Stecker zu lösen. Mit viel Gewurschtelt habe ich es dann geschafft, die beiden knödeligen Kabelenden in die viel zu dünnen Öffnungen im Stecker zu friemeln. Rafik, der ganz begeistert von meinen diesbezüglichen handwerklichen Fähigkeiten war, berichtete mir auch sogleich von einem Wohnungsbrand im Hause gegenüber, der vor wohl zwei Tagen durch einen sich in Brand setzenden Generator entstanden ist.

Das Knattern der Generatoren ist übrigens ausgesprochen selten und nicht wie noch vor ein paar Jahren im Sommer bei Stromausfällen fast allgegenwärtig. Hier zeigt sich, dass es nicht nur Ausfälle des elektrischen Stroms gibt sondern auch die Versorgung mit Diesel und Benzin ein Problem darstellt. Allerdings haben die meisten Kerzen oder kleine chinesische Akkuleuchter aufgestellt die einen manchmal romantischen Charme versprühen. Und überhaupt ist zu viel Licht ja auch manchmal nicht gut. Rafik kocht in der Küche Kebab Hindi. Es duftet schon ganz köstlich und gleich kommt wohl wieder Ali zum Abendessen.

 
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Kommentare
h.yuren schrieb am 09.01.2012 um 09:42
grüß dich, isam. bist du wieder hier, ich meine, dort und hier? das ist ja eine schöne neujahrsüberraschung unter diesen umständen. improvisation in der not ist so viel wert wie brot, reime ich mal schnell dazu.
Rosa Sconto schrieb am 09.01.2012 um 10:34
"Und überhaupt ist zu viel Licht ja auch manchmal nicht gut."

Isam, das ist eine nette Umschreibung. Ist der Park eigentlich abgeholzt wurden um Feuerholz zum heizen zu haben? Ich meine ja das jetzt im Park die Sonne viel mehr scheint weil die lästigen Bäume nicht so viel Schatten werfen. Tut richtig gut eine etwas weniger bellizistische Alltagsvariante zu lesen bevor gewisse Interessen dort doch die Pandorasbox öffnen.
weinsztein schrieb am 09.01.2012 um 15:24
Schön, dass Du wieder da bist, Isam.
Beste Grüße aus der Türkei.
hardob schrieb am 10.01.2012 um 13:39
Vielen Dank, herzliche Grüße, alles Gute.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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