isam almatlub

damaszener scharaden

14.07.2010 | 10:56

raketenartige fahrzeuge und sich auf motorhauben räkelnde frauen

Gehe mit michel auf die „drinking, dining and dancing“-Party zur vorstellung neuer coupee-modelle und anderer unnützer und zu großer wagen bei mercedes benz(!). eine kleine spontaneinladung, die ich schon aus neugierde nicht abschlagen kann. Schlimmstes volk! Das reichste und verkommenste, was damaskus zu bieten hat. Als wir (zu spät) kommen, fährt gerade ein wie eine missglückte rakete aussehendes gefährt zu pathetischer musik über einen roten teppich. Dann ein feuerwerk! Die türen öffnen (unpraktischer weise) nach oben. So ist ein dezentes und wenig aufsehen erregendes aussteigen aus diesem wagen gar nicht möglich. Aber vermutlch auch nicht vorgesehen, denn wenn man so viel geld für ein so hässliches auto ausgibt, muss man schon eine vollschacke haben und braucht den großen auftritt vermutlich um seine psychischen defizite zu kompensieren. Nicht ein normaler mensch! Der manager der syrischen mercedes-zweigstelle hält eine rede in bestem westerwelle-englisch. Offenbar sind selbst basale fremdsprachenkenntnisse keine voraussetzung, um bei mercedes manager einer internationalen zweigstelle zu werden.

In der halle, in der es die drinks gibt, räkeln sich drei (wie dolly buster aussehende) damen auf der motorhaube eines anderen weißen und viel zu groß geratenen wagens. Viele „gemachte“ gesichter bei den frauen und die „fratze des verzichts“ bei den herren. Nach der erbärmlichen rede geht es zum diner. Sehr lecker! Groß aufgetischt! Von allem nur das beste. Aber ich vermute, dass mercedes das bei den preisen für die wagen bereits miteinkalkuliert hat. Wir essen, da es so lecker ist, leider zu viel. Viel zu viel. Erstunlich die musik zum essen: härteste techno-klänge! Sehr laut, so dass man sich nur mit großer mühe unterhalten kann. Ich vermute, das bei der musikauswahl der gedanke „wir wollen nun aber mal gaaaanz modern sein“ im vordergrund gestanden hat. Ja aber beim essen soll man ja auch nicht so viel reden und mit vollem mund spricht man eh nicht! Während des gesamten procederes hühnern heerschaaren von fotografen und kameraleuten überall herum und filmen und fotografieren, was das zeig hält. Wenn auch nur ein bruchteil der gemachten aufnahmen veröffentlicht wird, muss in den nächsten tagen die gesamte medienöffentlichkeit des landes pausenlos über dieses event berichten.

Danach wird mit einer sängerin und einer kleinen band, die aufgepoppte remixe arabischer klassiker zum besten gibt, versucht, das publikum zum tanz (der teil „dancing“ aus „drinking, dining and dancing“) zu animieren. Immerhin erbarmen sich wenige paare und einige frauen etwa fünf minuten lang die hüften zu schwingen. Dann bläßt man zum großen aufbruch, denn das geld für die neuen modelle will ja auch verdient werden und vermutlich müssen fast alle morgen früh raus. Eine andere welt! Deutlicher noch als in deutschland treten hier die widersprüche hervor. Der reichtum zeigt, wo er nicht von einem sozialstaat in seine grenzen gewiesen wird, seine hässliche fratze.

Dazu hatte ich mal irgendwo etwas passendes gelesen, das ich jetzt hier nicht wiederfinde. Es ging in etwa so: der eine wird als kind von bettlern, der andere auf rosen gebettet geboren. Dass beide sich auf augenhöhe begegnen können, dafür muss der sozialstaat sorgen. Ich glaube vielleicht es war von heribert prantl, denn von dem finde ich folgendes: „Ein Sozialstaat ist ein Staat, der gesellschaftlichen Risiken, für die der einzelne nicht verantwortlich ist, nicht bei diesem ablädt. Er verteilt, weil es nicht immer Manna regnet, auch Belastungen. Aber dabei gilt, dass der, der schon belastet ist, nicht auch noch das Gros der Belastungen tragen kann. Ein Sozialstaat gibt nicht dem, der schon hat; er nimmt nicht dem, der ohnehin wenig hat. Er schafft es, dass die Menschen trotz Unterschieden in Rang, Talenten und Geldbeutel sich auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Der Sozialstaat ist der große Ermöglicher. Er ist mehr als ein liberaler Rechtsstaat, er ist der Handausstrecker für die, die eine helfende Hand brauchen.“ (aus einem vortrag zur ökonomisierung der lebenswelt). Im prinzip ist er das ja auch in deutschland schon lange nicht mehr, aber hier fällt mir diese idee der gleichen augenhöhe immer ein, wenn ich bettler an den geschlossenen fenstern der luxuslimousinen stehen sehe. Das ist nun bei weitem nicht mehr augenhöhe...

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.07.2010 um 11:41
Solche Autos sollten gar keine Türen haben. Vielleicht klappts dann mit dem Sozialstaat und der Augenhöhe ...
hibou schrieb am 14.07.2010 um 17:07
oder solche, die nur einmal (von aussen) aufgehen.....
h.yuren schrieb am 14.07.2010 um 17:44
und das (fahr)zeugs wird in diesem unserem land, wie der dicke zu sagen pflegte, hergestellt, gekauft und gefahren. aber das fällt nicht weiter auf, wenn die lernfähigkeit auf seiten der macher mit der lernfähigkeit auf seiten der käufer und fahrer auf gleicher (augen)höhe bleibt.
auch in china soll es eine steigende nachfrage nach klimakillern geben usw.

von der autofahrt zur wohlfahrt im gemeinwesen.
zwischen bettler und benzfahrer gibt es keinen vermittler. keinen sozialstaat. staat heißt immer und ohne ausnahme herrschaft. wenn das betteln überhand nimmt, hilft der staat nicht den armen, sondern in wirklichkeit nur sich selbst. bevor der aufstand ihn um seine macht bringt, ihn in ohnmacht fallen lässt. davor fürchtet sich staat stets am meisten.
sozialgesetze stützen in erster linie den staat. das ist ihr sinn und zweck. staat könnte die armut mit einem einzigen beschluss abschaffen, wenn er menschlich wäre. aber er muss jonglieren mit den kräften der gesellschaft.
wie mensch weiß, verliert auch der beste jongleur mal die balance...
claudia schrieb am 14.07.2010 um 20:08
>>bevor der aufstand ihn um seine macht bringt, ihn in ohnmacht fallen lässt. davor fürchtet sich staat stets am meisten.<<
Die Herrscher wissen mittlerweile, dass über ihre Entmachtung keine Prognosen möglich sind. Wer 1788 in Paris vorhergesagt hätte, dass in einem Jahr der König und seine Schranzen abgeschafft werden, dem hätte niemand geglaubt. Kleinere Hungerdemos hatte es in Paris immer wieder mal gegeben...
Es müssen nur mal ein paar Mio. Leute zur gleichen Zeit wollen und weg ist die Herrlichkeit der Herrenmenschen und ihrer re-gierenden Prätorianer...

Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Mehrheit merkt, dass Morbus Hartz gar nicht angeboren ist, sondern dass die meisten Opfer vor wenigen Jahren noch ein passables Arbeitseinkommen hatten. Das bedeutet nämlich, dass es jede/n treffen kann, der/die nicht gut geerbt hat.
Nur müssen die Machtstürzer vorher wissen, was sie nach dem Umsturz wollen, sonst kommen die Herrschaften ganz schnell wieder...

---
>>auch in china soll es eine steigende nachfrage nach klimakillern geben usw.<<
Die Chinesen haben ja mittlerweile gemerkt, dass das nicht geht: Wenn in China ein paar Millionen Benzinkocher mehr herumbrettern, dann steigt der Ölpreis so massiv an, dass die Kutschen für immer in der Garage bleiben.
Drum setzen sie jetzt auf Elektroantrieb und wollen 20-30 neue Kernkraftwerke bauen. Statt Krieg ums Öl wird dann Krieg ums Uran geführt.
Und natürlich um unser Lithium am Hindukusch.
isam almatlub schrieb am 16.07.2010 um 16:01
ich habe das entprechende zitat (tatsächlich prantl) gefunden:
Das Leben beginnt nämlich ungerecht und es endet ungerecht, und dazwischen ist es nicht viel besser. Der eine wird mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, der andere in der Gosse. Der eine zieht bei der Lotterie der Natur das große Los, der andere die Niete. Der eine erbt Talent und Durchsetzungskraft, der andere Aids und Antriebsschwäche. Die Natur ist ein Gerechtigkeitsrisiko. Der eine kriegt einen klugen Kopf, der andere ein schwaches Herz. Bei der einen folgt einer behüteten Kindheit eine erfolgreiche Karriere. Den anderen führt sein Weg aus dem Ghetto direkt ins Gefängnis. Die eine wächst auf mit Büchern, der andere mit Drogen. Der eine kommt in eine Schule, die ihn stark, der andere in eine, die ihn kaputt macht. Der eine ist gescheit, aber es fördert ihn keiner; der andere ist doof, aber man trichtert ihm das Wissen ein. Der eine ist sein Leben lang gesund, die andere wird mit einer schweren Behinderung geboren.
Die besseren Gene hat sich niemand erarbeitet, die bessere Familie auch nicht. Das Schicksal hat sie ihm zugeteilt. Es hält sich nicht an die Nikomachische Ethik. Es teilt ungerecht aus und es gleicht die Ungerechtigkeiten nicht immer aus. Hier hat der Sozialstaat seine Aufgabe. Er sorgt dafür, dass der Mensch reale nicht nur formale Chancen hat. Der Sozialstaat ist, mit Maß und Ziel, Schicksalskorrektor.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
Mitglied seit:
2 Jahre 22 Wochen
Zuletzt aktiv:
09.02.2012
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 95
Kommentare: 137
Mein Projekt:
Logbuch
02:42
Columbus hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:28
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:15
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:13
Columbus hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG