isam almatlub

damaszener scharaden

12.05.2010 | 10:31

schiefe vokabelkarten, blondiertes brusthaar und geheime informationen

Beim sport steige ich das erste mal hinter das prinzip, wie das mit den schränken und dem schlüsselbrett funktioniert. Anscheinend hat jeder, der es will und braucht (ich also nicht, da ich nah genug wohne, die drei minuten im peinlichen trainingsdress zurückzulegen) ein kleines schrankfach. Den schlüssel zu diesem fach, in das man seine persönlichen dinge einschließen kann aber hängt man dann neben der tür an ein schlüsselbrett, anstatt ihn, wie man es sicher in europa machen würde, mitzunehmen. Das ist doch auch komisch, oder? Da müsste man die schrankfächer ja gar nicht abschließen. Schließlich kann sich jeder den schlüssel nehmen, und das fach ausräumen. Scheint aber niemand zu tun. Sonst hätte man das verfahren sicher schon geändert. Das erinnert mich an die situation, in der ich hier vor einigen jahren mal einen wagen gemietet habe. Mir war kurz zuvor in tunesien ein mietwagen gestohlen worden (unangenehme situation, die ich hier jetzt nicht ausbreiten möchte). Daher war ich etwas skeptisch, als ich auf allen seiten des mietwagens einen „rent a car“-aufkleber sah, denn ich wusste, dass mietwagen (wegen ihrer meist hilf- und orientierungslosen insassen) gerne gestohlen werden. Auf meine diesbezügliche nachfrage antwortete mir der mitarbeiter der vermiet-agentur, dass man den wagen ja nur mit diesem schlüssel (und er hielt mit pathetischer geste einen normalen autoschlüssel in die luft, als sei es eine besondere errungenschaft), ja nur mit diesem schlüssel öffnen könne! Daher sei diebstahl gänzlich unmöglich. Da wusste ich, dass das in syrien wirklich absolut kein thema war. Beruhigend. Weniger beruhigend waren heute im sporstudio die aktuellen männer-haarmoden: blondiertes brusthaar (scheußlich!) und geglättetes krauses kopfhaar (erst dachte ich, da führt jemand den hund spazieren). Die fashon-police hat offenbar versagt!

Es hat sich hier inzwischen rumgesprochen, dass ich aus deutschland komme. daher werde ich oft gefragt, aus welcher stadt ich käme. Aus bonn? Warum bonn? Weil es die hauptstadt war. (das mit der wiedervereinigung spricht sich nur mühsam herum – immer noch wird man gefragt, ob man aus ost- oder westdeutschland komme.) es ist lustig, dass eine stadt wie bonn, die für uns so ganz aus dem bewusstsein verschwunden ist, hier noch als (ehemalige) hauptstadt weiterhin bedeutung hat. Ja, was sind schon 20 jahre, wenn man 6000 jahre geschichte unter seinem arsch hat? Was mich mehr erstaunt, ist, dass hier auch kinder (und ich meine kinder, so 8 bis 12 jahre alt) trainieren. Bei uns würde man die in die tobestunde aber nicht zum bodybuilding-training schicken, denn die sind ja noch im wachstum und das, was die hier tun, ist garantiert nicht gesundheitsförderlich für menschen im wachstum. Ebenfalls erstaunlich: einige mitglieder des studios kennen meinen namen, obschon ich ihnen den noch nie gesagt habe. Ja, die informationskanäle der geheimen... im park zum beispiel, wo ich mir am kiosk immer mein wasser oder einen saft kaufe, begrüßte mich vor einigen tagen der neue mitarbeiter auf deutsch. Er habe angeblich gesehen, dass ich deutscher sei. Das sieht man aber überhaupt nicht!!! Er hatte seine information ganz offenbar aus anderen quellen als meinem aussehen. Sie lassen einen an kleinen und unwichtigen stellen immer mal wissen, dass sie im prinzip alles über einen wissen.

Der versuch, kleine karteikarten für die vokabeln zu kaufen gelingt nur mäßig. Nicht, dass ich die 600 vokabeln kann, aber die 600 mitgebrachten karten sind beschrieben. So kleine karten finde ich hier nicht (und so akkurat geschnittene und mit linien bedruckte erst recht nicht). Die größeren, schlampig bedruckten und schief geschnittenen werde ich nun also noch mal von hand nachschneiden und zerkleinern müssen. Immerhin hat sich das verfahren des lernens per karten bisher bewährt. Was nicht heißt, dass ich heute beim arabischunterricht auch nur eine sache gekonnt hätte. Ich war kurz davor, mich aus dem fenster zu stürzen, wenn ich nicht kurzfristig eingesehen hätte, dass es für die nachbarn auch nicht schön ist, jemanden von ihrem wellblechdach wieder befreien zu müssen, der sich nach einem ungeschickten sturz über höchstens einenmeterfünfzig vermutlich nur eben den fuß verknackst hat. Und wenn man dabei eben nicht stirbt, bekommt man die ganze peinliche rettungsaktion ja auch selbst noch mit. Also habe ich contenance bewiesen und bin nicht zum fenster.

 

 
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Kommentare
h.yuren schrieb am 12.05.2010 um 20:07
isam, wenn du noch mehr so teutonische qualitäten vorweist wie das zurechtschneiden der karten, wundert es mich nicht sehr, dass jemand dich als deutschen aus bonn erkennt.

ich erinnere mich an eine passage in einem deiner früheren briefe, wo es auch um unverschlossene türen ging, haustüren, wenn ich mich recht entsinne. sind die syrer so grundehrliche leute oder haben sie die erfahrung gemacht, dass bei den andern nichts zu holen ist?

wenn du nicht orientalisch übertrieben hast, isam, mit deinen arabisch-unkenntnissen, dann wird es aber allmählich zeit, dass du ordentlich eintauchst (immersion) in die zielsprache. und gib mal das eine oder andere beispiel für besondere schwierigkeiten oder auch leichtigkeiten des spracherwerbs in der situation der fülle um dich her.
isam almatlub schrieb am 13.05.2010 um 13:11
ja, peinlich, aber im ausland wird man ja manchmal deutscher als man gehofft hatte, zu sein...

glaube, dass es eine mischung aus mehrerem ist. manchmal wird es schon etwas zu holen geben. auch ehrlichkeit wird hier nicht viel verbreiteter sein als woanders. ich vermute eher dass es eine größere soziale kontrolle verbunden mit horrenden strafen ist.

naja, ein smaltalk gelingt mir schon ;-) immerhin!
I.D.A. Liszt schrieb am 13.05.2010 um 22:08
>dass es eine größere soziale kontrolle ... ist< - diese scheint ja wunderbar zu funktionieren. Dafür spräche auch, daß Hinz und Kunz (oder deren syrische Äquivalente - vielleicht Mohammad und Abdul?) dort soviel über Dich wissen.

Auf dem Dorf wird ja auch hierzulande äußerst selten geklaut...
Fritz Teich schrieb am 13.05.2010 um 10:06
<<
es ist lustig, dass eine stadt wie bonn, die für uns so ganz aus dem bewusstsein verschwunden ist, hier noch als (ehemalige) hauptstadt weiterhin bedeutung hat
>>

Die Deutsch-Syrische Gesellschaft hat in der ehemaligen Residenz des syrischen Botschafters mit diesem und anderen Exzellenzen jedenfalls noch bis 2007 sehr schoen weitergefeiert.
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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