isam almatlub

damaszener scharaden

26.01.2012 | 09:26

Teure Birnen, Teelichtplaudereien und subjektives Sicherheitsempfinden

Nachdem ich mich ausführlich meiner morgendlichen Lektüre hingegeben hatte, habe ich einen ausführlichen Spaziergang durch die sonnige doch kühle Stadt unternommen. Danach habe ich einige Einkäufe erledigt und mich dann tatsächlich doch das erste Mal über die Preise gewundert. Ein Kilo Birnen 200 syrische Lira – das sind 3 € und damit genauso teuer, wie in Deutschland! Bei einem Einkommen von ungefähr einem Zehntel des deutschen Einkommens. Das wäre, als würde in Berlin ein Kilo Birnen 30 € kosten. Auch das Öl im Supermarkt war mit 2,50 € für einen Liter billiges Sonnenblumenöl meines Erachtens teurer, als in Deutschland. Birnen muss man nicht essen, aber dass auch Öl oder Zucker inzwischen hier so teuer sind, dass man sie sich kaum leisten kann, ist schon erstaunlich. Bei meiner luxuriösen Lebensweise hier gebe ich gut und gerne an 3 Tagen das Geld aus, dass eine arme Familie hier in einem Monat ausgeben kann und es macht nicht einmal Mühe.

Danach bin ich ins Internetcafé und habe mir ein paar beunruhigende Neuigkeiten aus Syrien auf den Laptop geladen, die ich später am Abend lesen werde. Tatsächlich ist in der Stadt heute eine komische Atmosphäre. Die Lederjackendichte ist größer als je zuvor und offenbar scheint irgendwo wieder eine Demonstration für den Präsidenten stattzufinden, stattgefunden zu haben, oder geplant zu sein. Mit meinen Einkäufen schwer bepackt nachhause kommend, berichtet Rafik mir von  Scharfschützen die auf den Dächern am Bab Msalla positioniert seien und er vermutet irgendeine Bombendrohung. Da auch die Stadtverwaltung ein anschlagsrelevantes Ziel ist, dass im Laufe der letzten Tage mit Metallbarrieren umstellt wurde, beschließe ich, da ich nicht möchte, dass wir die Bombe direkt unter meinem Arsch explodiert, auf dem Weg zu Maria einen kleinen Umweg durch kleinere Straßen zu nehmen. Als ich bei ihr ankomme, wird gerade der Strom abgestellt und wir verbringen zwei Stunden bei einem Teelicht plaudernd und ohne jeden Strom. Maria und ihr Mann werden im März wieder nach Kanada gehen, um dort die Geburt ihrer Tochter „abzuwickeln“, wo bei man das bei einer Geburt ja nicht sagen darf, sondern lieber „beizuwohnen“ sagt, oder? Wir unterhalten uns über dies und das, viel über die politische Situation und das Leben in Damaskus. Außer den häufigen Stromausfällen hier, hat sich im Laufe der letzten Monate in Damaskus ja kaum etwas verändert. Mit den Stromausfällen kann man leben, auch wenn es mühsam ist, dass man ausgerechnet in einer Situation, in der man zum Beispiel gerne Nachrichten sehen möchte, den Fernseher ja ohne Strom nicht gebrauchen kann. Auch die Kaffeemaschine und selbst die Elektrozündung des Gasherdes laufen ohne Strom nicht – erstaunlich! Bei der schlechten Isolierung der Häuser wird es auch nach zwei Stunden ohne Heizung etwas kühler.

Außerdem Strom gibt es allerdings in den letzten Tagen eine weitere Veränderung in der Stadt. Um das Bürgermeisteramt und andere strategisch wichtige Gebäude wurden im Abstand von 1 m 50 Rohre, also Metallsperren in den Boden eingelassen. Wir werden uns schnell einig, dass diese wohl kaum Autobombenanschläge verhindern würden, aber offenbar als Signal gelesen werden müssen, dass die Regierung etwas tut. Entweder sollen sie das subjektive Sicherheitsempfinden erhöhen, oder die Unsicherheit. Vielleicht sind Sie aber auch nur Bestandteil des syrischen Investitionsprogramms, das unter anderem auch zur Renovierung des Zipkie-Parks geführt hat. Überhaupt scheint die Ökonomie hier erstaunlich stabil ebenso viele neue Läden eröffnen, wie welche schließen. Die neu eröffneten Läden sind allerdings fast ausschließlich Restaurants, Imbisse oder Saftbuden. Die schließenden Läden häufig Klamottenläden, derer es hier aber eher schon viel zu viele gab. Wir stimmen in dem Erstaunen darüber überein, wie stabil doch die syrische Wirtschaft trotz der Sanktionen weiter funktioniert. Eben nur die Stromausfälle… Der Rest ist Stimmung. Auch bedingt dadurch, welche Nachrichten man gerade selber hört, wie man zu ihnen steht, was man durch welche Kanäle auch immer gehört oder vermutet hat. Zum Beispiel Rafik, der heute die Scharfschützen sah, irgendwie merkte, es ist etwas nicht in Ordnung, aber natürlich niemanden fragen konnte was denn los sei. Diese Unsicherheit, diese Möglichkeit, dass etwas passieren könnte, ist das, was vielen hier das Leben schwerer macht.

 
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Kommentare
abghoul schrieb am 26.01.2012 um 09:39
Vielen Dank für den Bericht.
Ich verfolge diese Serie schon länger mit großem Interesse, vor allen die subjektive Perspektive hat es mir angeht.
Ich kann mir dadurch gut vorstellen was dort abgeht.
Ach ja, es gibt so Zangen die Funken sprühen, dam mit kriegt man Gasherde auch ohne Strom an.
Pass auf dich auf und bleib dran!
greetings from the pit
abghoul
Magda schrieb am 26.01.2012 um 10:59
Auch von mir danke für den auch so schönen gelassenen Ton trotz der schwierigen Lage. Die Lebensbedingungen sind für die Einheimischen dort bestimmt schwer.

Das mit den Metallsperren erinnert mich an einen Spruch aus der Medizin:"ut aliquid fiat"
Damit etwas geschehe, heißt das wohl. :-))))))
Hans Springstein schrieb am 30.01.2012 um 23:35
Hallo,
ich bin durch einen Hinweis auf Ihren Blog aufmerksam geworden und finde ihn schon deshalb gut, weil er direkt aus Syrien kommt.
Ich werde mir die Serie in den nächsten Tagen mal in Ruhe anschauen.
Ihnen alles Gute!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 31.01.2012 um 17:08
Der Kommentar wurde von der Moderation editiert.
miauxx schrieb am 08.02.2012 um 11:47
@isam
Bist Du eigentlich noch in Syrien, oder sind das hier retrospektive Aufzeichnungen? Ich kann mich noch dunkel an den ersten Beitrag, gedruckt im Freitag, erinnern, als offenbar gerade Dein halbes Jahr Damaskus begann. Das dürfte doch jetzt aber schon längst vorrüber sein?!
Oben in Deinem Profil heißt es ja auch: "isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus"

Aber, wie immer schöner Text! Nur frage ich mich halt doch, ob auch jetzt noch ein so gelassener Ton möglich wäre; also wenn man live aus Syrien schriebe ...
lulu morgenstern schrieb am 08.02.2012 um 15:10
Das frage ich mich auch!

Zudem weiß ich von meinen Verwandten, dass mittlerweile wohl das Gas knapp ist und dass man lange warten muss bis man Gas bekommt (Das höre ich garnicht in den Berichten). Das ist besonders im Winter schlimm, wenn die Heizung nicht geht und sogar Gas zum Kochen fehlt :-(
isam almatlub schrieb am 09.02.2012 um 11:34
Hallo,
im Moment bin ich tatsächlich seit einer Woche in Jordanien. Das erste halbe Jahr ist tatsächlich lange lange vorbei und seit dem pendele ich zwischen Jordanien, Deutschland und Syrien wo ich aber immer lange Zeit verbringe. Vielleicht ist der Ton manchmal etwas zu gelassen oder lakonisch, aber hysterisieren tun ja schon die im Ausland sitzenden Medien. Auch die Ereignisse hier haben immer mehrere Facetten. Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Wenn es meine Zeit zulässt schreibe ich, sobald ich wieder in Damaskus bin.
Das mit dem Gas ist tatsächlich nervig! Ich habe bisher das Glück, dass ein guter Freund sich immer darum kümmert, meine Gasflasche zu erneuern. Als Ausländer hätte ich bei dem Gedränge vermutlich auch kaum eine Chance eine neue volle Flasche zu ergattern. Aber außer Stromausfällen und Gasknappheit sind mir bisher keine Versorgungsengpässe begegnet – zum Glück!
Einen lieben Gruß und Dank für die Anteilnahme.
miauxx schrieb am 09.02.2012 um 23:39
Danke!
Und dranbleiben!
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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