isam almatlub

damaszener scharaden

11.01.2012 | 08:38

Widersprüchliche Mission, schummrige Dunkelheit und paffende Raucher

Da im Pages nach der Renovierung kaum noch wirklich gemütliche Plätze zu haben sind, der Nichtraucherbereich überfüllt ist, gehe ich mit meinem Laptop gleich weiter ins nahe gelegene Internetcafé. Die Nachrichten, die man über Syrien und die Mission der Arabischen Liga liest, könnten widersprüchlicher nicht sein. Einerseits wird die von der Opposition geforderte Mission nun von dieser selbst desavouiert, sie habe angeblich das Leid nicht sehen wollen. Andererseits stellt die Mission selber fest, es sei zwar an manchen Orten etwas unordentlich (sic!), man habe aber desweiteren im „Hotspot der Aufstände“ keine weiteren Unregelmäßigkeiten feststellen können. Die absurdeste Behauptung ist, dass die Gefangenen jetzt vor dem Besuch der Arabischen Liga an andere Orte verlegt worden seien. Angeblich seien 600 Gefangene im Militär-Gefängnisse verlegt worden, zu denen die Arabische Liga keinen Zugang hat, zuvor war jedoch schon von 15.000 Gefangenen die Rede die nun offenbar nicht mehr auffindbar sind. Die Arabische Liga selbst stellt fest, dass die syrische Regierung ausgesprochen kooperativ agiert, die amerikanische Regierung droht, wenn Syrien nicht endlich kooperiere, würden weitere Maßnahmen ergriffen werden müssen. Sobald die Arabische Liga, diese Marionette des Westens tut, was Frankreich und die USA von ihr verlangen, schreien eben diese Auftraggeber: Nicht genug! Was für ein geschmackloses Schmierentheater!

Um 16:00 Uhr treffe ich Michel am Bab Touma. Wir gehen im nahe gelegenen Beit Zaman einen Kaffee trinken und plaudern ein wenig über die allgemeine Lage. Im Fernsehen laufende Katastrophenmeldungen aus dem Land. Eine Gaspipeline wurde bei Rastan in die Luft gesprengt, was die Energiekrise sicher noch beflügeln wird. An der Universität hat ein wild gewordener Anhänger der angeblichen Oppositionsbewegung um sich geschossen und mehrere Leute verletzt und einen Studenten getötet. Wenn all diese Meldungen neben einem auf dem Flachbildschirm laufen, nur unterbrochen von den regelmäßigen Klängen der syrischen Nationalhymne, ist ein beschwingtes Gespräch über dies und das und wie man sich die Haare macht kaum möglich. Immerhin klärt Michel mich über das Mysterium meines deutschen Mobiltelefons auf, indem er mir berichtet, dass Deutschland die Telefonverträge mit den syrischen Telefongesellschaften gekündigt habe, weshalb es ganz normal sei, dass ich hier keinen Netzempfang mehr habe. Nach einer knappen Stunde (wir sind noch immer die einzigen Gäste) gehen wir in der Dämmerung durch die Grade Straße. Wieder fällt der Strom aus und ich muss sagen, dass dies die schönsten und stimmungsvollsten Momente sind, wenn hier und dort romantisch der Kerzenschein aus einem Laden hervor dringt, im Großen und Ganzen der Stadtteil jedoch in schummriger Dunkelheit lieg.

Im Café „Rose von Damaskus“, das Rafik fälschlicherweise beharrlich mit „Ali Pascha Café“ tituliert (obschon das Ali Pascha Café eben das Café direkt daneben ist), setzen wir uns ganz nach hinten an den heißen Ofen, auf dem die Getränke (Tee, Kräutertee und Kaffee – was braucht es für ein erfolgreiches Café mehr?) zubereitet werden. Wieder einmal fällt mir auf, dass der Smoking Ban, den die Regierung vor ungefähr zwei Jahren verhängt hat, eine wirkliche success story ist. Ich sehe niemanden, der nicht ununterbrochen vor sich hin pafft. Ich gebe Rafik Recht, der konstatiert, dass die Regierung zur Zeit nicht das Standing habe, um das Rauchverbot konsequent durchzusetzen. Bei all den Problemen im Land, würde das vermutlich noch mehr Unmut erzeugen und mir sind noch die Worte des Taxifahrers von damals im Ohr, der kurz nach dem Rauchverbot allen ernstes behauptete, die Staus seien jetzt länger und der Himmel wolkenverhangener, die Früchte jetzt saurer und die Mädchen weniger hübsch nur wegen des Rauchverbotes! Und selbst Ali behauptete damals in einer Diskussion, bis zu 10 Zigaretten am Tag seien gesundheitsförderlich. Man möchte bei einem derartigen Stand der Gesundheitsaufklärung nicht noch ein zusätzliches Schlachtfeld eröffnen.

 
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Kommentare
Alien59 schrieb am 11.01.2012 um 09:02
Nur mal zu den Zigaretten: Gestern kam ein Bericht in den Nachrichten, dass laut einer neuen amerikanischen Studie Nikotin die Entwicklung von Demenz erheblich verlangsame, wenn nicht verhindere.
Nein, ich bin selbst Nichtraucherin. Nur zu deiner Beschwerde über mangelnde Gesundheitsaufklärung.
born2bmild schrieb am 11.01.2012 um 10:37
Assad zeige, dass er nicht der richtige sei, um das Land in die Demokratie zu führen, heißt es mal wieder aus dem US-Außenministerium.
Da braucht's erneut die führende Hand der Demokratieexperten & -exporteure aus Gottes eigenem Land der Freien und Mutigen: wie es in Afghanistan, Irak, Libyen etc. so erfolgreich exemplifiziert wurde?
Nachdem jüngst ein Gericht in den USA urteilte, dass der Iran für 9/11 mitverantwortlich sei, darf die Welt erwarten, dass auch Assads Syrien darin verwickelt war. Irgendwie.
Es ist doch nix zu blöd, als dass es nicht durch unsere demokratisch freien & unabhängigen Medien kolportiert würde.
Bleibt zu hoffen, dass ich zu schwarz male und sich die Probleme ohne Demokratielenkwaffen von US & GB Flugzeugträgern lösen und Ihre Berichte aus Amman nicht von Bombennächten handeln werden.
born2bmild schrieb am 11.01.2012 um 12:29
Siedendheiß fiel mir gerade ein, dass ich den geographischen Pfaden Andi Möllers (Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien) folgte.
Ihre Berichte aus Damaskus meinte ich natürlich ...
SuzieQ schrieb am 12.01.2012 um 02:11
@ born2bmild
Wir sind uns aber einig, dass niemand ob seiner Meinung(säußerung) erschossen, verletzt oder ähnliches werden soll!!??
born2bmild schrieb am 12.01.2012 um 09:28
Wenn ich bei der meistverwendeten Suchmaschine "Gefecht" und "Syrien" eingebe, erhalte ich "Ungefähr 2.030.000 Ergebnisse". Die Meinung(säußerung)en werden mit Schusswaffen vorgetragen.
Die Bewertung durch die westlichen Meinungsmedien scheint mir nach dem ähnlichen Muster wie in Libyen zu erfolgen. Die anschließenden Nato-Meinungsbeiträge zur Demokratieförderung äußerten sich dort bekanntlich, mehrsprachig - u.a. US-englisch, englisch, französisch, italienisch, schwedisch, in 26 300 (Luftein)Sätzen.
Dem Autor des Beitrags wünsche ich erneut, dass ihm diese demokratischen Lenkwaffen erspart bleiben.
miauxx schrieb am 11.01.2012 um 23:17
Gefällt mir sehr der Text. Klasse geschrieben; sehr stimmungsvoll wie auch schon die vorherigen.
Für den Interessierten und hier in Deutschland Sitzenden ist so schön ein Blick in die Straßen Damaskus' möglich und was die dortigen Menschen noch so beschäftigen kann ...
Anchesa schrieb am 12.01.2012 um 01:11
Wieder toll geschrieben ! ;-)

Mich ärgert nur immer wieder, wie all das Neue in den deutschen Medien totgeschwiegen wird. Nachrichten enthalten nur noch
Eurokrise - Merkel - USWahl - Nazimorde - Wulff und FDP...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.01.2012 um 16:00
rußland hat sich ne pipeline er"kauft" und zog ab, freie hand lassend, der türkei zuallererst und auch, wenn assad sagt: jupp, okay, ihr könnt im märz meinen verfassungsvorschlag ablehnen, damit mich absetzen oder ihn annehmen und mich dann halt abwählen, es interessiert kein schwein! und es wird absichtlich falsch zitiert bzw eben etwas minimiert zitiert...der fehlende kontext ist die wahl, die er den syrern läßt und so steht eben nichts zur wahl, der "krieg" ist beschlossen und wird durchgesetzt, mit welchen mitteln genau...naja, ka...
rauch wirds geben sicherlich :roll:
d ist sehr agil in rauchfragen :roll: und mitinteressent am schwadenerzeugen in syrien, also -abermals- : paß/t gut auf dich/euch auf ...

lg
isam almatlub
isam almatlub, in deutschland geboren und aufgewachsen, lebte und arbeitete ein halbes jahr lang in damaskus, um die sprache seiner eltern zu lernen. er schreibt über den alltag in der syrischen metropole.
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