j-ap

oportet quaedam nescire

05.07.2010 | 16:27

Krise und Phrase — Anmerkungen zum »Kommunistenkongreß«

 

Halten wir gleich zu Beginn eines fest, nämlich: daß das theoretische wie praktische Versagen derer, die zum großsprechenden Schaulaufen in die Berliner Volksbühne einzogen (*), total ist.

Versagen deshalb, weil jede Theorie der Gesellschaft als eine aktuelle Theorie der Krise notwendigerweise eine unmittelbare Entscheidung zum Ausgangspunkt haben muß: Entweder hat nämlich die Stunde der Revolution und des Revolutionärs immer geschlagen, weil der Imperativ, die gesellschaftlichen Beherrschungsverhältnisse umzuwerfen, wo und wann immer man sie betrifft, kategorisch ist und unbedingt gilt. Oder aber diese Stunde wird ohnedies und unvermeidlich durch das große Prozessieren der Historie herbeigeführt, die die »objektiven« Voraussetzungen der Entfaltung der Masse zum Status des Subjekts ohne weiteres selbst mitbringt und das einmal ausgefaltete Subjekt nur mehr zur evidenten Erscheinung sich vermitteln muß. 

Ob so oder anders, ob Setzung oder Entwicklung, knisternde Erwartung des Momentes zum Losschlagen oder aber wissenschaftliches, durch »Geduld und Ironie« (Agnoli) sich fortsetzendes Fiebermessen am Sterbebett des Kapitals: Eine Theorie der Aktion hat sich auf die Suche nach dem Kairos zu begeben und ist daran zu messen, ob sie Auskunft auf die Frage liefert: Warum und wann? 

Es steht zu befürchten, daß das revolutionäre »Jetzt!« der Volksbühnenkommunisten nichts anderes ist als hohle Phrase und äffischer Gestus, also jener verbliebene Rest an »corporate identity«, der es den Damen und Herren erlaubt, wenigstens hier und da noch in ehemals ehrbaren marxistischen Jagdgründen zu wildern, aber am langen Ende doch durch nichts anderes manifestiert wird als die Saturn-Plastiktüte, mit der der bärtige Geschwätzweltmarktführer Žižek so gerne und bereitwillig hausieren geht. 

Tribunat und Ausnahmezustand

Rein äußerlich hätte das Eschatologen-Treffen ja zeitlich günstiger nicht stattfinden können. Daß nämlich an den real existierenden Aggregatzuständen der ‚molaren Masse‘ etwas nicht stimmen kann ist mittlerweile selbst in die dunkleren Theorieprovinzen vorgedrungen, folglich können sich alle, die insgeheim hoffen, über das weit verbreitete spontane Unbehagen, dessen mediale Bedienung und Erhöhung sowie die konkrete Aktion wieder ins Politgeschäft zu kommen, berechtigte Aussichten darauf machen, auf dieser Welle wieder nach oben zu schwimmen. Nicht nur die Konjunktur kennt Krisen, sondern auch die Krisentheorie unterliegt Konjunkturen. 

Bemerkenswert ist, daß sich selbst die anreizendsten Emanzipatoren von Volk und Klasse und Vielfalt allzuleicht einfangen lassen von jenem bürgerlichen Reflex, der als ein kardinaler Sprechakt der Macht schon von vornherein den Weg ins Verderben weisen muß: Die opake Faszination am Ausnahmezustand. Thatcher hat sie wohl kurz vor Falkland verspürt, Helmut Kohl in den Wendejahren und sein Vorgänger im Amt während der von ihm moderierten Aktion in Mogadischu und wohl auch bei der Schleyer-Entführung. In gewandelter Gestalt, nämlich als angemaßtes oder mindestens erhofftes plebejisches Tribunat, viruliert dieser autoritäre Gestus auch bei Revolutionären in spe als in Aussicht stehender Rausch der großen Tat, als Verheißung, der Geschichte wenigstens einmal in die Speichen greifen zu können. In diesem Sinne war es gut und richtig — aber eben auch in weiten Teilen unverkennbar Selbstappell — sich ans tunliche Seinlassen aller hochmögenden Kader- und Avantgardeambitionen zu gemahnen: Wenigstens also da wurde gelernt, halten wir es fest. 

Gleichwohl ist der erkennbare Zusammenhang zwischen autoritärer Geste und realem Krisenbewußtsein draußen vor der Türe damit noch keineswegs erledigt. Wo nämlich bis auf den heutigen Tag der Umstand geleugnet wird, daß Theoriebildung in Nicht-Krisenzeiten nichts anderes sein kann als Ideologiekritik und eben nicht neuerliche und sogar umso stärker zementierte Einmauerung im immer Selben und Hergebrachten, daß die Kritik um der Kritik willen eben nicht dazu da ist, auf der Müllhalde magerer Jahre in Parteien, parteinahen Instituten oder öffentlich-rechtlichen Geschwätzproduktionsanstalten doch noch auskömmlich zu überwintern, dort ist im Zweifel nicht viel zu erwarten, wenn tatsächlich die Zeit reif ist, denn leere Hosen tragen nur diejenigen weit, die den Retro-Look schon immer mochten.

Deshalb sind die Einflußlosen unter den Theoretikern, die ihre umwölkten Elaborate unter gewöhnlichen (d.h. nicht durch die Krise ohnehin in Richtung allgemeiner Panik transponierten) Umständen gar nicht mehr an den Mann bringen würden, auch für jede Illusion in eigener Sache zu haben: Jede noch so geschmacklose Tirade gegen Spekulanten, Arbeitsplatzverlagerer oder Rationalisierer, jedes Hochamt auf die Staatsintervention und noch der allerzarteste aller wohlfeilen Protestlermärsche gegen Etatkürzungen läßt die Revolutionäre vom mentalen Abstellgleis in Richtung Aufbruch rollen und sie sogleich die wundersame Wiederauferstehung des revolutionären Proletariats (oder seines Äquivalents) erwarten — weshalb viele von ihnen auch die Krise erhoffen mit einer Mischung aus Rachsucht gegen eine Welt, die sich partout nicht nach dem eigenen Theorieschatz modeln lassen will, und dem grotesken Credo quia absurdum, daß eine unmittelbar bevorstehende apokalyptische Läuterung die Massen ergreifen und einen selbst damit unentbehrlich machen könnte. 

Masse und Krise

Wenn die Krise erst da ist, so nützt die Einsicht nichts mehr, daß der Kapitalismus sie aus sich heraus produzieren muß, denn wie eben diese Krise auf systemimmanentem Wege zu beenden wäre, wissen weder standardisierte Ausgaben der Krisenpolitiker der Staatsparteien noch die Damen und Herren Kommunisten. Gleichwohl gibt es unter den Letztgenannten einige, die allen Ernstes die herkömmliche Revolution durch Massenaufstand, Generalstreik und Ausschreitung als probate Krisenlösung anempfehlen. Schon dieser Umstand allein beweist mit Nachdruck, daß hier lediglich am eigenen Leben verzweifelnde Misanthropen mit lächelnder Verachtung und mit aus der seligen Bohème entlehntem Elitedünkel über die schrecklichen Schicksale von Millionen einfach hinweggehen und den westlichen Gesellschaften den möglichst schnellen Exitus wünschen, und sei es nur, um der Mehrheit der dort lebenden Menschen ein materiell ähnlich prekäres Dasein zu bescheren wie das, auf dem sie selbst sich fortzubringen haben.

Es will den Angehörigen der spontanrevolutionär gesinnten Intelligenz einfach nicht einleuchten, daß die Kritik, die zur positiven Aufhebung der kapitalistischen Verhältnisse führen soll, in den ruhigeren Zeiten vor der Krise zu leisten gewesen wäre, damit nicht während der Krise die dann panischen Massenstimmungen völlig ungehemmt und unvermittelt in Barbarei ausarten (wie in Griechenland) und damit bestenfalls eine Restauration des und schlechtestenfalls einen Rückfall hinter den Kapitalismus bewirken. Stattdessen halten sie es mit der kurzschlüssigen aber eben öffentlichkeitswirksamen »Kritik« der Massen am Kapitalismus anstelle der sehr gebotenen Kritik der antikapitalistischen Massen.

Die Massen wollen nämlich bei Licht besehen gar nicht den Kommunismus und auch nicht die »Emanzipation«, sondern die wirklich exekutierte Staatsökonomie deutscher Provenienz, also der Deutschen Post (die schon Lenin Beifall abrang), der Deutschen Bank (die ins »Gemeineigentum« gehört) und der verstaatlichten Konzerne, die, um die »Bonzen« bereinigt, dem »Gemeinwohl« dienen. Man sehnt sich, kurzerhand, nach geordneter und erzwungener Gemeinschaft in provinzieller Enge, in der die Helden Postbeamte im einfachen Dienst sind und der Herr Bankdirektor sich sonntags zum allgemeinen Volkseintopf-Fressen herbeizubequemen hat, andernfalls man ihn einfach über die Grenze expediert. 

Eben diese scheinbar utopische, tatsächlich aber noch nicht einmal nostalgische Freundlichkeit der Verhältnisse ist als erstes durch Kritik als das zu entzaubern, was sie ist: eine zutiefst autoritäre Sehnsucht, die früher oder später an sich selbst verrückt wird. Dasselbe ist zu fordern für die mediokren Angebote aus den Bauchläden der ‚globalisierungskritischen‘, natur- und ökoreaktionären oder sonstwie autoritären Ideologen, aber auch in Bezug auf die Apologeten der bestehenden Verhältnisse, die beide nicht anders können als in einem fort den drohenden Ruf nach Gemeinschaft und Zusammenhalt zu aktualisieren und damit zugleich auf den unmittelbaren und physischen Ausschluß ‚unsolidarischer‘ Elemente zielen, die zum Zwecke des erleichterten Aborts meist gleich mit dem Tier auf eine Stufe gestellt werden. 

Zyklik und Permanenz

In diesem eliminatorischen Wunsch der Massen liegt durchaus Verwerfliches, denn er ist nicht ein aktualisiertes Bedürfnis nach echter Änderung, sondern im Gegenteil nach verordneter, festgeschriebener Harmonie, klarer Ordnung und endgültiger Abschaffung aller Freiheit. Während der hochbürgerlichen Ära war das Individuum, das ans freie Spiel der Kräfte und das auf diese Weise  erzeugbare Gemeinwohl noch wirklich glaubte, tatsächlich verstört über die Krise als zyklischen Einspruch der Vernunft, wohingegen die Kollektivmonaden der Staatsanbeter modernen Zuschnitts sich schleunigst auf die Suche begeben, um den Störer höchstpersönlich zur Strecke zu bringen. Das ist die Grundstimmung des derzeit grassierenden Krisenbewußtseins, und jede Kritik muß sich daran messen lassen, ob und inwieweit sie sie fördert oder gar zur Tat ermuntert — auch hier muß entschieden werden, ob die Kritik zu einer Theorie des Besseren führt oder lediglich ein moderiertes und wortreich verbrämtes Verfahren der Panikregie ist. 

Angesichts der hier wie dort verkündeten großen Sprünge macht es sich geradezu grotesk aus, womit die Protagonisten einer Großdemo unter dem schwachsinnigen Motto »Wir zahlen nicht für eure Krise!« aufwarten wollen, die schon einmal vorsorglich den Eliten einen »heißen Herbst« ankündigen, es dann aber doch ganz brav und krämerisch dabei belassen, sich die Geschichte der Arbeiterbewegung schön zu schwatzen, den Eckregelsatz von Hartz IV auf 500 EUR zu erhöhen und die »Verursacher« der Krise exklusiv zur Kasse zu bitten. Kurzum: Starrer, öffentlich-rechtlicher Kapitalismus mit gerechtem Lohn fürs gerechte Tagwerk und ein bißchen Good Governance dazu.

Das ist keine Rebellion und auch keine Aussicht auf die bessere Gesellschaft, sondern Lächerlichkeit in Potenz.

Denn schon längst haben wir es nicht mehr mit einem über jede Grenze hinauseilenden entfesselten Kapitalismus klassischer Prägung zu tun, der historisch betrachtet genau darin seine Berechtigung besessen hätte, einem echten Verein freier Menschen das Terrain zu planieren. Wir haben es zu tun mit einem politisch willkürlichen sozialstationären Kapitalismus im Staatszusammenhang, in dem das Kapital sich selbst bis zur Tautologie abstrahiert, in diesem Zustand seit etwa 140 Jahren existiert und statt eines bloß gesellschaftlichen Verhältnisses das reelle Gemeinwesen selbst geworden ist, also die faktische gesellschaftliche Natur.

Von den allzu hippen Schaustellern der Rebellion scheint niemand begriffen zu haben, daß der Kapitalismus den Übergang von der bürgerlichen zur etatistischen Phase schon lange vollzogen und genau dadurch nicht nur seinen, sondern auch den Charakter der ihm inhärenten Krisen grundsätzlich verändert hat: War die Krise vordem ein zyklisch sich entfaltender Einspruch der Vernunft gegen die Eskalation ins potentiell Unendliche und damit Absurde, so ist sie nunmehr ein permanenter Zustand politischer Unvernunft mit möglicherweise mörderischem Ausgang. 

Dieser Zeitpunkt aber, an dem das Kapital sich über seinen logischen Tod hinaus von sich selbst abstrahiert, sich selbst Zweck und Motiv, Anfangs- und Endpunkt wird, ist nun keineswegs der Moment seines finalen Zusammenbruchs (wie selbst Žižek und seine unlustigen Epigonen nicht müde werden zu insinuieren), sondern der seit bald 140 Jahren gültige Stand der kapitalistischen Verhältnisse! In der Ära des Interventionsstaats muß das Kapital seine inneren Widersprüche nicht mehr mühsam kaschieren, sondern kann, was vorher der Markt blind besorgte, ins politische Kalkül des Volksstaates und seiner Organe verlegen und sich damit, wie erwähnt, in die faktische gesellschaftliche Natur transformieren, der — qua verbindlicher zentralisierter Entscheidung und Gewaltmonopol — alle Individuen angehören müssen und unterworfen werden. Krisenerscheinungen wie die, deren Zeugen wir in diesen Tagen sind, können ab jetzt nur noch Sabotage und Störung sein, die wiederum die Lust anstacheln, die Saboteure zu jagen: Nur ein deutscher Sozialstaat konnte und kann so auf die Idee einer Endlösung als Krisenelimination kommen. 

Salto mortale in die Primitivität

Die Krise, so scheint’s, überkommt seitdem auch Herrscher wie Beherrschte gleichermaßen mit scheinbarer Unvermeidlichkeit, ähnlich wie Dürre, Hunger oder Pest zu früheren Zeiten. Hier und da mag man sich noch in den Ruinen des Vorgestrigen wohlfühlen: »Solidarität« hat noch immer einen romantisch-urwüchsigen Klang von Verheißung, obwohl sie, aus den Mündern der Staatsapologeten zu uns dringend, nichts anderes mehr bedeutet als blanke Lüge, die zur Parole herabgesunken ist. »Arbeit« ist immer noch der Anknüpfungspunkt jeder Wertsubstanz, der je eigenen wie der fremden, obwohl sie schon längst jeden transzendierenden Sinn überhaupt verloren hat: sie ist tatsächlich genauso überflüssig wie das politisch organisierte Kapital, aber ebenso zwingend. 

Der »bürokratische Naturzustand« des autoritären Krisenpräventionsstaates, den noch Adorno und Horkheimer im Sinn und in der Theorie hatten, wird heute nicht mehr thematisiert, auch und schon erst recht nicht mehr von Linken. Dabei hätte Krisentheorie sehr wohl in der Folge der Kritischen Theorie zuerst und zumeist Staatskritik zu sein, und als solche Kritik eines ganz bestimmten Staates, nämlich dem des sozialen Auftrags, des Interessenausgleichs, Kritik des wohlmeinenden und ewigen Staates, der genau nicht »wir alle« sind, wie die Spruchweisheit sagt und wie gerade Linke immer skandieren (etwa wenn der nächste Zumwinkel wieder an der Steuer spart), sondern der exakt der »Gegensouverän« ist und nur sein kann, der jeden Emanzipationsanspruch des Individuums schon von sich aus negieren muß, um zu existieren. Solange diese Kritik nicht auch vermerkt, daß in dem Dualismus zwischen Legalität und Legitimität, dessen Einheit die staatliche Souveränität darstellt, der Nukleus des Gewaltverhältnisses nistet, das es zu beseitigen gilt, solange produziert sie allenfalls deutsche Ideologie von Rang oder auch Sinngebungsprosa für Buchmessebesucher, aber keine Platzhalter des Besseren. 

In einer Welt der total kartellierten Staatsverhältnisse und –bedingungen zu leben ist schon nicht erfreulich, aber wenn darüber auch noch selbsternannte »Kritik« sich zur Tagung versammelnder Kommunisten darüber hinaus so tut, als wäre man nicht auf dem ureigensten Terrain der Politischen Ökonomie, so muß man das entweder dämlich oder feige oder beides nennen, zumal man auch auf anderen Feldern nichts zu bieten hat: Weder in der Kunst noch in der Liebe ist etwas von dem annoncierten Aufbruch spürbar, noch immer prozessiert der Behemoth, wie es ihm und ihm allein beliebt. 

Denn auch darin ist diese Krise höchst aktuell und höchst aufschlußreich: Sie gibt unmißverständlich Aufschluß darüber, daß die, die sich am meisten vor ihr fürchten, sich nur eine Alternative vorstellen können — und diese Alternative von gestern ist. Und schon damals, nämlich im Gestern, notierte Titus Livius über diejenigen, die heute ‚multitude‘ sein sollen: 

Haec natura multitudinis est, aut servit humiliter, aut superbe dominatur.

Ein Drittes gibt es bislang nicht. 

 

(*) Über den Kongreß in Berlin vgl. von Sebastian Dörfler:

 

 

 
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Kommentare
Zachor! schrieb am 05.07.2010 um 16:41
Danke für den schönen Schluß: "Denn auch darin ist diese Krise höchst aktuell und höchst aufschlußreich: Sie gibt unmißverständlich Aufschluß darüber, daß die, die sich am meisten vor ihr fürchten, sich nur eine Alternative vorstellen können — und diese Alternative von gestern ist."

Auch die Erörterung am Anfang war treffend: " Entweder hat nämlich die Stunde der Revolution und des Revolutionärs immer geschlagen, weil der Imperativ, die gesellschaftlichen Beherrschungsverhältnisse umzuwerfen, wo und wann immer man sie betrifft, kategorisch ist und unbedingt gilt. Oder aber diese Stunde wird ohnedies und unvermeidlich durch das große Prozessieren der Historie herbeigeführt, die die »objektiven« Voraussetzungen der Entfaltung der Masse zum Status des Subjekts ohne weiteres selbst mitbringt und das einmal ausgefaltete Subjekt nur mehr zur evidenten Erscheinung sich vermitteln muß. "

Jetzt kommen aber die Betonkommunisten.

"Viel Spaß" mit denen... :-))
j-ap schrieb am 05.07.2010 um 17:57
Lieber Zachor,

die aufmunitionierten Panzerlurche von der Zementfraktion gibt's überall, ja. Aber für die wurde ja weiland der eponyme Boschhammer in die Welt gesetzt.

Der Artikel oben ist übrigens als das zu lesen, was er ist: ein Kopfbeitrag, von dem aus nun manches noch detaillierter aufzufächern wäre, was hier nur als Skizze vorgetragen wurde, etwa eine konzise Bewertung des Arbeitsfetischismus, der als Komplement des bürgerlichen Warenfetischismus auch heute wieder fröhliche Urständ feiert. Auch das hat Gründe, die weit zurückreichen, nämlich noch vor Marxens und d.h. Ricardos Arbeitswertlehre. Wer will, kann sich daran versuchen, auch in der Kunsttheorie könnte man sich noch üben, da sieht's bislang sogar noch dunkler aus.

Grüße,
J. A.-P.
Angelia schrieb am 05.07.2010 um 20:49
J.A.P."Der Artikel oben ist übrigens als das zu lesen, was er ist: ein Kopfbeitrag"

in der Tat. Ich habe den Artikel ausgedruckt, 2 x gelesen und wage deshalb mit der mir möglichen Urteilskraft zu sagen: ausgezeichnet und ich verstehe nicht, warum man sowas nicht in der Kategorie TOP-BLOCK findet.

Das Anstrengende ist der "der Freitag" Community zumutbar.

Danke für diesen anregend anstrengenden Beitrag.

Angelia, die die sich "vor geordneter und erzwungener Gemeinschaft in provinzieller Enge, in der die Helden Postbeamte im einfachen Dienst sind und der Herr Bankdirektor sich sonntags zum allgemeinen Volkseintopf-Fressen herbeizubequemen hat, andernfalls man ihn einfach über die Grenze expediert." fürchtet.
merdeister schrieb am 05.07.2010 um 20:54
Zur Zeit meines Abiturs habe ich bei der Umfrage für die Abizeitung, für welche Partei ich sei ein dickes Kreuz bei den Grünen gemacht und trage seit meiner ersten echten Abstimmung Verantwortung für einen Angriffskrieg.
Seit dieser Zeit sind Grenzen für mich immer undeutlicher zu erkennen. Egal wem man zustimmt, plötzlich steht man auf der falschen Seite, was man daran merkt, wer da so Schulter an Schulter mit einem steht (ich schrieb es bereits in einem anderen Kommentar).

Dieser Text bietet eine klare Position, scheint mir, obwohl ich mir nicht sicher bin, alles verstanden zu haben, ich werde ihn wohl nochmal lesen müssen.

Er hat meinen Horizont erweitert, dafür vielen Dank.
Streifzug schrieb am 05.07.2010 um 21:11
Wenn Libertäre mal nicht an sich halten können, schreiben sie genau so verschwurbelt wie alle anderen Dogmatiker.
Joachim Petrick schrieb am 06.07.2010 um 15:14
immerhin immer hin zum Berliner Kongress

tschüss
JP
Achtermann schrieb am 05.07.2010 um 22:53
@ j-ap

Hast Du Dir Deine Wut aus dem Bauch und Kopf geschrieben? Schlecht registriert ist das nicht! Die Polemik sitzt. Aber woher kommt sie, Deine Wut auf die kommunistischen Apologeten und Eschatologen, die ideologisch verblendet darauf hofften, das von ihnen geliebte wie verachtete Proletariat würde durch dessen scheinbar unmittelbar bevorstehende apokalyptische Läuterung bereit für die revolutionäre Tat sein und zu ihnen aufsehen. Meinst Du tatsächlich, diejenigen, die sich Kommunisten nennen, sind so einfältig psychisch disponiert?

Woher kommt Deine doch eher zynische Erkenntnis, die ehemals schweigende Mehrheit, würde sich nach erzwungener Gemeinschaft in provinzieller Enge sehnen, zu der der Herr Bankdirektor sich sonntags zum allgemeinen Volkseintopf-Fressen herbeizubequemen habe?

Auf der anderen Seite erkennst Du die Apologeten der bestehenden Verhältnisse, die auf den unmittelbaren und physischen Ausschluß ‚unsolidarischer‘ Elemente [der Gesellschaft] zielen, die zum Zwecke des erleichterten Aborts meist gleich mit dem Tier auf eine Stufe gestellt werden.

Dazwischen siehst Du die Staatsapologeten, die, von Solidarität schwadronierend nichts anderes praktizierten als blanke Lüge, die zur Parole herabgesunken ist.

Wenn ich Dich richtig interpretiere, ist es der Staat, der die zentrale Kritik verdiente. Du nennst ihn Gegensouverän, denn er sei es, der, allein um existieren zu können, die Emanzipationsansprüche der Individuen negieren müsse.

Letztendlich übersähen die kommunistischen Kritiker, dass der Dualismus zwischen Legalität und Legitimität, dessen Einheit die staatliche Souveränität darstellt, der Nukleus des Gewaltverhältnisses nistet, das es zu beseitigen gilt…. Du meinst, es würde nur Sinngebungsprosa für Buchmessebesucher produziert, solange nicht die Diskrepanz zwischen den ethisch-philosophischen Grundsätzen und der formalen auf Gesetzen basierenden staatlichen Machtausübung ins Zentrum der Kritik gerückt werden würde.

Oder bist genau gegenteiliger Auffassung? Ich versuch' Dich nur zu verstehen.
j-ap schrieb am 06.07.2010 um 10:11
Hallo Achtermann!

Wut war es nicht, sondern eher eine hochtemperierte Enttäuschung, wenn ich ehrlich bin. Enttäuschung darüber, daß es Kritik auf der Höhe der nachbürgerlichen Zeit scheinbar zu nicht mehr bringt als zu einer kindischen Pose, die der Restmenschheit die Zunge herausstreckt: »Wir haben es ja schon immer gesagt!« oder aber »Das habt ihr nun davon, daß ihr Eigentumswohnungen und Lebensversicherungen angezahlt habt«.

Sieht so vielleicht positive Aufhebung der Knechtschaft aus? Wo waren denn die Damen und Herren die letzten 100 Jahre? Zwei Weltkriege und eine Shoah später sollte es eigentlich selbstverständlich sein, nicht immer und nicht reflexhaft auf ein Monstrosum namens »die Menschheit« rekurrieren zu müssen. Es geht nämlich nie um die Menschheit, sondern zunächst und zuerst um den Menschen, Singular.

Der Individualismus ist bei den Kommunisten herkömmlicher Bauart nie angekommen, so scheint's, man wittert ja immer noch die Gefahr, mit ihm zusammen auf der schiefen Bahn zur bürgerlichen Ideologie hinabzurutschen. Dabei käme es genau auf ihn aber an. Wer aus dem Salon heraus noch das harmloseste Streben nach einigermaßen erklecklichem Wohlstand als sozialwidrigen Zugriff des gnadenlosen Egoismus auf eine im Kern als moralisch lauter aufgefaßte Ordnung versteht, der hat sich für meine Begriffe schlicht a) im Jahrhundert und b) in der Kategorie geirrt.
Hans-Jürgen Kapust schrieb am 06.07.2010 um 13:20
Ich empfehle allen, die an der gegenwärtigen linken Theoriearbeit schier verzweifeln, mal in die vom Freitag neuerdings aufgenommennen Videobeitrage von dtcp.tv hineinzuschauen. Der theoretische Hintergrund, der in den Fragen und Text-Passagen aufscheint, ist oft fast wortwörtlich der "gemeinsamen Philosphie" von Negt und Kluge entnommen. Die, trotz 50.000facher Auflage, kaum jemand zu kennen scheint. Wer an der von Marx selbst geplanten Fortschreibung seiner Theorie, dem notwendigen Gegenstück zu "Kapital", einer "Kritik der politischen Ökonomie der Arbeitskraft" interessiert ist, sollte sich diese Theoriearbeit mal vornehmen. Sie bietet, laut selbst formulierten Anspruch, "radikale Kritik des Bestehenden", dedektivisches Aufspüren von, sowie Mut und Vertrauen zur Realisierung von "objektiven Möglichkeiten",und "Orientierung".
Ein,zwei Punkte inhaltlich zu diesem Blogbeitrag: Das kapital mag noch so vollständig bis in den primären Produktionsbereich eingedrungen sein, daraus eine nur noch davon bestimmte, also "faktische" gesellschaftliche Natur abzuleiten, ist nichts weiter als eine weitere (nach u.a. Adorno, Habermas) Formulierung einer negativen Utopie.
Notwendig ist sicherlich die Entzerrung von Herrschaft und Souveränität ( Legalität-Legitimität). Notwendig aber auch, mit dem idealistischen Gegensatz von Individuum und Gesellschaft aufzuräumen.
"Das individuelle und das Gattungsleben des Menschen sind nicht verschieden."..." Das reelle Gesellschaftleben" (Marx), als das in einem Gewaltzusammenang organisierte Ganze und das "innere Gemeinwesen" (Negt/Kluge) korrespondieren tatsächlich. Ohne diese Grundlage wären Emanzipationsprozesse nicht möglich.
Columbus schrieb am 06.07.2010 um 13:32
Lieber Herr Allensteyn-Puch,

Ihr sehr dichter Text beruht, was die Anmutungen angeht, auf den plausiblen und auch für mich nachvollziehbaren Berichten Sebastian Dörfflers. Viele Leute, die diese Berichte lasen, werden sich am Kopf gekratzt haben, ob denn das tatsächlich alles ist, was Baidou, Žižek, Negri, et.al. als theoretisches Fundament des Kommunismus und damit einer möglichst gesellschaftsverändernden, praxisbezogenen Gesellschaftstheorie zustande bekamen.

Aber es war nur ein Kongress, längst nicht eine abschließende oder autoritative Stellungnahme, dazu unter Ausschluss vieler Stimmen, die näher an verschiedenen Feldern der politischen und gesellschaftlichen Praxis sind.

Sie verpacken nun ihre Kritik auch in sehr viele Anmutungen und Bezüge, die Sie für sich erarbeitet, erlesen und eventuell sogar praktisch erprobt haben. Aber so viele Sachverhalte benötigen schon eine Erklärung und auch einmal ein klareres Wort.

Ich kann nur Beispiele nennen, die mir besonders auffielen.

1) Versagen allein schon deshalb anzunehmen, weil sich ein Kongress von Theoretikern nicht auf eine Entscheidung Revolution jetzt und unbedingt, oder auf die Hinnahme und Annahme einer Art historischer Heranreifung des revolutionären Augenblicks festlegen mochte, das ist, verzeihen Sie mir, ein wenig zu kurz gesprungen. Zudem sprechen Sie ja von diesen beiden Möglichkeiten in einer kategorischen Ausschließlichkeit, die dann später, in lateinischer Form erneut eine Rolle spielt. - Es gibt aber immer noch etwas Drittes und das ist wesentlich hoffnungsvoller. Nämlich Beharrlichkeit und schrittweises, aber entschiedenes Vorgehen, dazu den Willen Bündnisse zu schließen, entschieden für die eigenen Ideen zu werben. Das widerspricht weder einer kommunistischen Logik, noch hindert es daran, sich tatsächlich und aktiv gegen ungerechte Lebenszusammenhänge, entscheidend beeinflussende soziale und ökonomische Gegebenheiten in den vom Kapitalismus völlig durchdrungenen Gesellschaften zu wenden.

Der real existierende Kapitalismus faltet sich nicht mehr weiter auf. Er differenziert sich nicht mehr. Er produziert zwar weiterhin Waren und Dienstleistungen, eignet sich Wissenschaft unter dem Verdikt der kapitalintensiven Verwertbarkeit (sogar strenge Vorgaben für die Rendite werden getätigt) an, aber er tut das ohne Ziel, auch ohne Berücksichtigung der Menschen, die er als Mittel zu seinen Zwecken nutzt. Der Kapitalismus kennt keine Moral. In dieser Überzeugung können Kommunisten Partner und Verbündete finden. - Eine andere Frage wäre, ob ohne Gott oder ohne Moralprinzip, trotzdem eine solche überwältigende, globalisierte Wirtschaftsform das Gute auf Dauer trotzdem schafft.

Bei Ihnen gerät aber die Plastiktüte Žižeks zum Symbol. Dabei wissen wir davon nichts, außer der Tatsache, dass eine Tüte mit Werbeaufdruck auf einem Foto in seiner Hand war. - Ein wenig erinnert das an die vielen Versuche, honorige Leute dadurch zu delegitimieren, indem man
sie nahe bei oder gar händeschüttelnd mit politischen Scheusalen zeigt oder man sich an ihrer Physis, ihren sonstigen Äußerlichkeiten festhält. Da schwingt doch mit, „Nicht einmal auf die Art seiner Sachen achet er, wie soll er da eine möglichst anziehende Theorie mit bilden helfen.“ Das ist eher ein ästhetisches und eher ein vorurteilsgeladenes Argument.

2) Die Masse als Elementarteilchen zu sehen, in der etwas brodelt oder was ausgekocht wird, das hat was, trägt aber ebenso ein Gutteil Verachtung mit sich, im Sinne von träger Masse, dummes Volk. Sie drehen die Beobachtung ja so, dass die real existierenden Misstände Leute in die Öffentlichkeit befördert, die diese vorwiegend aus Eigeninteressen heraus kritisieren und nur aus diesem Grunde sich zu Agenten irgend einer Bewegung machen möchten. - Aber, darin steckt natürlich auch, dass Herr Allesteyn-Puch weder an eine aktuelle Krise mit vielen Kulminationspunkten, noch an die Vielen, noch an das Volk, noch an wirklich reale Gründe für das spontane Unbehagen glaubt.

Der Kongress bezog sich, selbst wenn man nur die drei Teile Sebastian Dörfflers als Bericht heran ziehen kann, relativ selten auf eine Theorie vom Not- oder Ausnahmezustand, wofür Linke, wie Rechte früher gerne bei Carl Schmitt abschrieben. Sie erkannten es.

Aber selbstverständlich ändert das auch nichts daran, das wir in einer Krisenzeit leben und derzeit dabei sind die sich vielfältig bündelnden Krisenphänomene weg zu lächeln oder weg zu schreiben. Daran muss man sich nicht unbedingt beteiligen, finde ich. Žižek und Negri, aber auch Baidou sind nicht einflusslos, und nicht nur wieder andere Theoretiker beziehen sich auf diese eher theoretisch arbeitenden Analytiker und Medialisten

Das Bild vom Protest gerät Ihnen, lieber Allensteyn-Puch, dann doch ein wenig zu negativ. So, als seien die Leute, die wegen Lohn, Renten und Sozialleistungskürzung jüngst protestierten, nur lauter unbewusste und aktuell ihre eigene Situation, ihre Betroffenheit vorbringende Mitbürger. Dem ist nicht so und daher werden sie auch schon von mehr Leuten unterstützt und medial begleitet, als dies noch vor Jahren, im Rausch der Kohl-Schröderschen neoliberalen Welle, der Fall war.

Ihr Bild gerät Ihnen allzu sehr dahin, den Organisatoren und Theoretikern des Widerstands gegen die Verhältnisse vor allem ein ausschließliches Eigeninteresse zu unterstellen. Bitte seien Sie nicht verwundert, wenn ich dann zurück frage, welche Interessen Sie motivieren, zu denken, nach der Welle der Entrüstung und Aufregung müsse alles so bleiben wie es ist?

3) Auf dem oben genannten Wege gelangen Sie dann unter der Überschrift „Masse und Krise“ zu einer besonderen Spitze der Kritik. Kein gutes Haar bleibt an den Vielen, draußen vor der Türe und an den Theoretikern drinnen, die ja ausdrücklich die Weltrevolution absagten und dafür nun von Ihnen in die Reihe der Prekären gesetzt wurden. Das Prekariat wächst aber weltweit und bringt es zu nichts. Sie, lieber Allensteyn-Puch müssten erklären, warum doch sehr Wenige es zu immer mehr bringen. Ich meine jetzt nicht als Lohn für eine irgendwie gerecht zu zahlende Gegenleistung, sondern weil Gesetze und schlichte Eigentums- und Besitztitel ihnen erlauben, sich die Leistung sehr vieler anderer anzueignen und sie auch die Ressourcen für den Wirtschaftprozess kontrollieren.

Allerdings wirkt auch ihr Blick auf die Realität äußerst verstellt, denn anders als in früheren Zeiten existiert da, wo angesichts der Trostlosigkeit der Lage Panik, Chaos und Gewaltsamkeit eigentlich die Ventile des Unterträglichen waren, heute eine schleichende Lähmung. Es wird gestorben und elend gelebt, tausendfach fast täglich irgendwie auch dazu berichtet und ein mediales Bild abgeliefert, aber die Reaktionen vor Ort und bei uns, sie sind allesamt stumpf, resignativ, hinnehmend. Tote bei Demonstrationen sind wahrlich ein Barbarei. Aber die Toten in Griechenland sprechen nicht gegen den Protest der Vielen, die für Wenige die Zeche zahlen sollen.

4) Was die Massen wollen, dazu täuschten sich doch schon Berufenere als Sie und ich. Aber die Verachtung die aus ihren Zeilen spricht, die verstehe ich ebenso wenig, wie die Forderung, es ginge um die „sehr gebotene Kritik der antikapitalistischen Massen.“ Da müssten Sie einmal nachlegen und ausführen, warum sie einem System mit so viel realer Produktion, aber gleichzeitig so himmelschreiender, aber eben täglicher und kontinuierlicher, deshalb weniger gut sichtbarer Gewalt und Ungerechtigkeit zum Überleben verhelfen wollen, in dem sie zur Kritik der antikapitalistischen Massen antreten. - Hören die dann auch zu? Ändert sich dadurch was?

5)Abzüglich der Polemik, abzüglich des Bank-, besser Sparkassendirektors und des Postbeamten, fallen doch auch den Befürwortern des real existierenden Kapitalismus nur Floskeln ein und die größte faule Birne ist ja die These, es gebe überhaupt noch nicht genug privaten Kapitalismus und dazu einen natürlich ineffizienten Staat und unnötige Staatsintervention, die die Freiheit, zu was wohl, maßlos hindere.

Ob die Massen wirklich nur den fürsorglichen Staat wollen, das ist nicht ausgemacht. Aber massenhaft erleben heute Menschen in Europa, von anderen Kontinenten will ich gar nicht sprechen, dass Versprechen nach Mitsprache, ökonomischer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit nicht eingelöst werden, sondern man auf sie einredet, sie sollten die wesentlichen Entscheidungen im Gemeinwesen wieder Eliten überlassen, die in Form der Wirtschaftseliten sogar ohne demokratische Legitimation auskommen. In den letzten Jahrzehnten ist es dieser Denkungsart gelungen, sich den Staat, der sich zumindest in Deutschland nach dem Kriege sperrte, wieder gefügig zu machen. Das lag an der zur Verfügung stehenden wirtschaflichen Macht der Elite, die von der Energieversorgung bis zum Städtebau, von den Kulturleistungen bis zur Wirtschaftstätigkeit mittlerweile wieder alles in Händen hält.

6) Sie konstatieren einen eliminatorischen Wunsch der Massen und bezichtigen, es ist nur halbwegs kaschiert, die Theoretiker des Kommunistenkongresses, als deren Sprachrohre und Erfüllungsgehilfen. Wenig hilft, dass sie auch die „Apologeten des Bestehenden“ als heimliche Teilhaber an solchen Auslöschungswünschen kritisieren. Andererseits gibt es von Ihnen aber keine Definition, wer denn genau das Objekt vorgeblich eliminatorischer Wünsche ist. Die „unsolidarischen Elemente“ werden von Ihnen nicht genannt. Das wäre aber wichtig zu wissen.

Schließlich könnte nur an der Benennung der "Unsolidarischen" verstanden werden, ob diese nicht selbst den Wunsch hegen massiv Macht auszuüben und das schon tun und woher sich deren Interessen speisen. - Ich weiß also nicht genau was Sie meinen.

7) „In diesem eliminatorischen Wunsch der Massen liegt durchaus Verwerfliches, denn er ist nicht ein aktualisiertes Bedürfnis nach echter Änderung, sondern im Gegenteil nach verordneter, festgeschriebener Harmonie, klarer Ordnung und endgültiger Abschaffung aller Freiheit.“ - Wer aus den „Massen“, wer, den Sie als Wortführer der Massen ausmachen, verkündet denn die endgültige Abschaffung aller Freiheit?

8) „Denn schon längst haben wir es nicht mehr mit einem über jede Grenze hinauseilenden entfesselten Kapitalismus klassischer Prägung zu tun, der historisch betrachtet genau darin seine Berechtigung besessen hätte, einem echten Verein freier Menschen das Terrain zu planieren.“ - Bei aller Sanftmut und Freundschaft, Herr Allensteyn-Puch. Sie können doch nicht wirklich glauben, Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftform habe etwas mit der „echten Vereinigung freier Menschen“ zu tun, das sei seine historische Aufgabe?

„War die Krise vordem ein zyklisch sich entfaltender Einspruch der Vernunft gegen die Eskalation ins potentiell Unendliche und damit Absurde, so ist sie nunmehr ein permanenter Zustand politischer Unvernunft mit möglicherweise mörderischem Ausgang.“ - Das klingt hübsch, allein, es ist Geklingel, denn auch vor der postmodernen Phase des Kapitalismus waren die Krisen nicht ein „Einspruch der Vernunft“ und sie waren immer mörderisch (Hunger, Krieg, Bürgerkrieg und Diktatur). Was allerdings heute wie damals gilt: Die Apologeten zählen nicht gerne die Opfer.

Wenn Sie gegen das Gewaltmonopol des Staates polemisieren, dann sollten Sie wenigstens diejenigen benennen, die Sie davon ausnehmen möchten. Ist es nicht vielmehr so, dass derzeit Leute mit ökonomischer Macht sich leicht des Gewaltmonopols und damit einer Verantwortung vor der Öffentlichkeit entziehen können? Sogar juristische Strafen verteilen sich, statistisch ganz gut belegbar, mittlerweile nach Einkommen und Vermögen.
 
9) „Dabei hätte Krisentheorie sehr wohl in der Folge der Kritischen Theorie zuerst und zumeist Staatskritik zu sein, und als solche Kritik eines ganz bestimmten Staates, nämlich dem des sozialen Auftrags, des Interessenausgleichs, Kritik des wohlmeinenden und ewigen Staates, der genau nicht »wir alle« sind,....“ - Genau das war ja die linke Kritik weitestgehend. Kritik am autoritären Staat, Kritik am intoleranten, die individuelle Lebensweise nicht achtenden Staat und Kritik an einem Staat, der sich zum Hüter des Rechts der ökonomisch Stärkeren macht. Nur stellt sich immer mehr heraus, dass nicht einmal die Grundbasis, Arbeit zu gerechtem Lohn, Gesundheit und Bildung, sowie ein Auskommen im Alter vom Staat noch garantiert werden kann.
Die Kapitalseite will überhaupt nichts garantieren.

Die Verwerfungen, die sich aus diesem Zustand ergeben, nämlich den Einzelnen wirklich zu isolieren, die Lebenschancen weitestgehend wieder vom Umfeld in das man geboren wird abhängig zu machen und überdies einer größeren Zahl von Menschen ganz offen ins Gesicht zu sagen, sie würden „eigentlich“ nicht gebraucht, führen derzeit aber nicht zu deren Widerstand, sondern zur Resignation.

Warum? Weil der so freie Einzelne nichts richten kann. Alle Teilhabe und andere, gerechte Maßstäbe in der Gesellschaft müssen erneut erkämpft werden. Es stellt sich doch immer mehr heraus, wie sehr die Krisenursachen denen aus der Ära vor der Postmoderne ähneln.

9) Zum Ende: Das ausgerechnet Livius sie inspirierte, das verwundert allerdings, nach all´ dem Geschriebenen, nicht. Der Caesarenbewunderer, Politikverächter und Kriegsverherrlicher, schwärmte von den großen römischen Einzelnen, die mit geistiger und materieller Überlegenheit, dafür mit einem Absehen von Moralität gegenüber anderen, ihre Ideen und Vorstellungen durchsetzten. Er hasste die Bürger und liebte die römischen Könige und den Kaiser Augustus, den er als Gipfel- und Kulminationspunkt eines immer überlegenen Sippenadels ansah, wenn dieser „natürliche Adel“ nur seine Treue untereinander immer hoch hielt.

Kriecherische oder überhebliche Massen, wo sehen Sie, Herr Allensteyn-Puch, diese Menschen? Bisher herrschte in Deutschland, aber auch in den anderen Industrienationen nach dem zweiten Weltkieg ein Drittes. Nämlich der Wunsch nach dem sozialen und gesellschaftlichen Ausgleich. Der gesellschaftliche Ausgleich sichert aber den Frieden und die Verständigung nur, wenn er real noch existiert! Warum sollen Menschen, warum sollen Bürger, zukünftig Verhältnisse akzeptieren, die ihnen zunehmend weniger Anteile an den „Freiheiten“ verschaffen, von der Ökonomie, bis zur Kultur, vom Recht Landschaften und Räume zu betreten, bis dahin, sich umfassend zu informieren und in der Gesellschaft mit zu entscheiden. Warum sollten massenweise Bürger dazu genötigt werden, sich die „Freiheiten“ (Gesundheit, Rente, Bildung, Ausbildung, usw.) bei privaten Unternehmern kaufen zu müssen?

Der Weg bis hierher war ein schleichender Prozess, weil natürlich im Systemstreit mit dem real existierenden Kommunismus viele Kompromisse gemacht wurden. Nun aber wirkt sich die Ausdehnung eines ökonomischen Denkens ohne kulturelle und moralische Bindungen, das auch den Einzelnen korrumpiert, verstärkt aus, zumal auch an den ökologischen Wurzeln der Gesellschaften zunehmend sichtbarer gesägt wird.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Angelia schrieb am 06.07.2010 um 14:27
ich gebe meinen Senf auch noch dazu ;-)

Anmerkungen:

“Die Welt, die sich partout nicht nach dem eigenen Theorieschatz modeln lassen will”

Wenn mit Welt die Menschen gemeint sein sollen, ist dieser Satz sehr treffend. Denn die Frage ist, was wollte der gewöhnliche Mensch an sich (die Masse) schon immer und auch jetzt vom Leben? Ich meine, er wollte und will immer seine Bedürfnisse befriedigen und sonst nichts weiter. Ich denke, das System als Rahmenbedingung hat nie wirklich eine Rolle gespielt. Zumindest solange das System die Bedürfnisbefriedigung noch halbwegs sicherstellen konnte, arrangierte man sich eben mit den Umständen. Die Masse will und das zurecht, in Ruhe und Frieden ihr Leben leben, d.h. ihre Bedürfnisse befriedigen und sonst nichts weiter. Mit diesem („profanen“) Selbstbild Mensch muss man sich abfinden können, und das können Manche eben nicht. Das beste Beispiel: Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild.

Hier geht es darum, wie der Mensch in den Augen derjenigen sein soll, der mit seinem (profanen) menschsein selbst nicht klar kommt. Die Idee, der Mensch sei Gottes Ebenbild entstand nicht durch die Masse sondern von einigen Wenigen und wurde zur Massenbewegung erst gemacht.

Zu Masse und Krise:

Der Kapitalismus ist kein Ding an sich, kein Naturphänomen, welches irgendwie einfach so entstand. Es ist eine Konstruktion des Menschen, ebenso wie das Christentum oder der Kommunismus. Wo liegt da die Logik, dass „ der Kapitalismus Krisen aus sich selbst heraus produzieren muss, um ein zyklisch sich entfaltender Einspruch der Vernunft gegen die Eskalation ins potentiell Unendliche“ sein zu können?

Ich denke, eine Krise ist ein Zeichen dafür, dass es dem Konstrukt als menschliches Produkt, von vornherein an Vernunft mangelte und es nur und nur dann vernünftiger werden kann, wenn man die Krise als Konstruktionsfehler erkennt und Fehler korrigiert. Statt den Dingen ihren Lauf zu lassen, oder was noch fataler wäre, an den Fehlern des Gebildes festzuhalten.

So ist Kritik am Kapitalismus, aber auch am Kommunismus, am Christentum, am Islam, dem was auch immer, nicht bloße Kritik an der Theorie, sondern vor allem notwendige Kritik an den Konstrukteuren. Wenn man so will, impliziert dieser Vorgang doch eher Vernunft im System Mensch, keinesfalls aber im Konstrukt selbst.
Das Konstrukt ist nur so vernünftig wie es die Konstrukteure zulassen. Und hier liegt m.E. der Hase im Pfeffer:

Die „Potenzierung der Eskalation ins Unendliche und damit ins Absurde bis hin zum mörderischen Ausgang “ ist Ausdruck der Unvernunft der Konstrukteure wider die Vernunft des Systems Mensch. Und das zu Lasten des Menschen an sich, der einfach nur, seiner menschlichen Natur folgend, seine Bedürfnisse befriedigen und in Ruhe und Frieden sein Leben leben will. Und das zurecht.

Kritik und Protest an Konstrukten ist die berechtige Forderung in Ruhe und Frieden leben zu dürfen. Das dieser Protest der Masse noch zu mager ausfällt ist ein anderes Thema.
j-ap schrieb am 06.07.2010 um 20:21
Lieber Herr Leusch,

zunächst vielen dank für Ihren profunden Kommentar, auch wenn ich im großen und ganzen den Eindruck habe, daß Sie etwas zu viel an sich gehalten haben und gerne noch das eine oder andere schärfere Wort geführt hätten: Nur zu. Wer Kritik in hoher Potenz fordert und ihr schonungslos alles unterziehen will, der darf auch kein Problem mit Kritik der Kritik haben; in meinem Fall habe ich das tatsächlich nicht. Denn für Kritik gilt stets, daß sie sich darauf konzentriert, was sie der Kritik und der Verbesserung würdig erachtet.

Sie werfen hier einige interessante Punkte auf, Herr Leusch. Bevor wir allerdings in deren Details gehen, gestatte ich mir eine allgemeiner bzw. breiter gehaltene Diskussion derselben, von der ich denke, daß sie die Summe des von Ihnen Vorgetragenen aufgreift. Es ist insofern ganz praktisch gedacht, weil das, was ich im folgenden behandeln will, auch ins Zentrum meiner Kritik zeigt.

Wenn ich von der »Kritik an den antikapitalistischen Massen« schrieb, dann bedeutet eben diese Kritik nämlich nicht, wie Sie folgern, die Entschuldigung des Bestehenden oder gar seine Befürwortung, denn so eine trennscharfe und exklusive Dichotomie nach dem Muster 'wer nicht für sie ist, ist gegen sie' und den anschließenden Syllogismus 'da sie gegen X sind, muß, wer gegen sie ist, für X sein' gibt es nicht.

Warum das so ist, damit beschäftigte ich mich ja auch schon im Text des Artikels unter Zyklik und Permanenz. Wir haben es hier, ich wiederhole es verknappt, nämlich nicht mit einer klassischen Krise des Kapitalismus zu tun, also nicht mit Hausnummern, an die die Forderungen der herkömmlichen Antikapitalisten noch zustellbar gewesen wären, sondern mit einer Krise eines sehr spezifischen Modells von Kapitalismus: dem Kapitalismus des »Dritten Weges«, der auf genau die Weise in die Welt kam, welche die so jetzt demonstrierenden Massen und klügelnden Krisentheoretiker sogar noch einen Gang höher schalten wollen. Wenn die Interventionistische Linke, attac, die No-Globals, die Anti-Imps sowie Hinz und Kunz von nebenan sich mit der Erhöhung des HartzIV-Satzes, dem Inflationsausgleich der Rentenansprüche, der Erhöhung der Besteuerung für die »Verursacher« und dem »kostenlosen« Studium für alle zufrieden geben und sich damit im Bunde wissen mit jedem, der irgendwie und sowieso triefend guten Willens und nach dem Demo-Aufruf bei drei nicht sowieso schon auf dem (natürlich auch rettungsfähigen) Baum ist, dann ist das zwar womöglich schön anzusehen und im Sinne der Event-Kultur (die ja auch ihre Marktnischen kennt) absatzsteigernd, aber ganz sicher kein Ansatz zur 'anderen Gesellschaft' und noch weniger ist's Kommunismus.

Da waren ja nicht nur schon die jungkorrekten situationistischen Adepten des frühen Siebziger schon Lichtjahre weiter, sondern weiland schon Marx und Engels, die in den Bemerkungen zum Gothaer Programm die so sich äußernde Partei noch unendlich tief unter der Freihandelspartei (!) ansiedelten, weil diese immerhin etwas nicht Reaktionär-Nationales einfordere, nämlich den »Handel international [zu] machen« (MEW 19, 24). Jawohl: Die Voraussetzung für das Bessere ist genau das, was wir heute 'Globalismus' nennen, also eben gerade nicht die sozialstaatlich-autoritäre (Erich Mühsam: 'bismarxistische') Einebnung aller Verhältnisse und damit ihre notwendige Fortschreibung unter freilich stets unerfreulicheren Bedingungen. Aber justament diese Perpetuierung aller Verhältnisse erreicht, wer zur Aufhebung der Krise ausgerechnet den Staat zuhilfe ruft. Nicht in seinen schwärzesten Momenten wäre Marx das eingefallen!

Man braucht doch nur einmal den geneigten Blick in Richtung »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« zu lenken. Nachgerade Prophetisches wurde dort kundgetan, und zwar über genau den etatistischen Autoritarismus, der heutzutage ganz alternativlos Programm geworden ist:

So der Vorschlag, den Unteroffizieren eine tägliche Zulage von vier Sous zu dekretieren. So der Vorschlag einer Ehrenleihbank für die Arbeiter. Geld geschenkt und Geld gepumpt zu erhalten, das war die Perspektive, womit er [Louis Bonaparte, Anm.] die Massen zu ködern hoffte. Schenken und Pumpen, darauf beschränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpenproletariats, des vornehmen und des gemeinen. Darauf beschränkten sich die Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekuliert.

Kommt uns das denn irgendwoher bekannt vor? Vier Sous Zuschlag, Geld geschenkt, Geld gepumpt, das alles zum Zweck, auf die Plattheit der Massen zu spekulieren, um sich selbst sowohl das Regiment als auch den Status als Appellationsinstanz und gleichermaßen Condottiere der staatsabhängigen (sic!) Plebejer zu erhalten?

Besser kann man es wohl einfach nicht auf den Punkt bringen, umso bestürzendes ist's ja, daß die Massen sich bis heute auf den ganz überkommenen Grand État kaprizieren müssen und einfach nicht bemerken, daß der, den sie da rufen, kein bewaffneter Notar ist, der, den Gesetzen des Gemeinwohls gehorchend, das Beste für alle will. Der Staat, das ist in Essenz festzuhalten, ist genau das »kalte Monster«, das auch ganz eiskalt lügt, wenn's drauf ankommt und wie schon bei Nietzsche steht. Umso absurder ist es, sich auch noch freiwillig in seine kalten Fänge zu schmeißen. Und es wundert auch kein Mitglied der Massen, daß heute exakt wie damals derjenige an der Staatsspitze »mit allen Attributen königlicher Macht wenigstens über 1 1/2 Millionen Existenzen entscheide[t]« (MEW 8, 128) — noch Marx notierte es mit deutlich spürbarem Befremden, daß es da eine aus dem Absolutismus herübergerettete Instanz gab, die über so große Zahlen an öffentlichen Beschäftigten entscheiden konnte. Heutzutage wundert sich darüber niemand mehr, denn die Ausweitung der öffentlich-rechtlichen Beschäftigungsverhältnisse wird ganz konkret gefordert und Klage erhoben, wenn die alten und neuen ABM-&c.- Maßnahmen wieder einmal nicht geholfen haben werden.

Völlig unabhängig davon ist es am allerunwahrscheinlichsten, sich in den bürgerlichen Abgrund zu stürzen, wenn man derlei »Staatsusurpation« (Marx) thematisiert. Denn nach wie vor ist Marxens vormärzliche Forderung, aus den Deutschen wenigstens im bürgerlichen Sinne einmal Menschen zu machen, von denen aus die große Transformation in den Blick zu nehmen wäre, unerfüllt geblieben. Und deshalb ist Ideologiekritik auch nichts, was in der bürgerlichen Republik und dem ökonomischen Korollar das Nonplusultra schlechthin erkennen würde, sondern im Gegenteil die Kritik dort aufgreifen kann, wo sie sich von der bürgerlichen Ideologie trennt.

Gegen Staat, gegen Nation, gegen Arbeit — das wäre das Miminalprogramm.

Meint
J. A.-P.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.07.2010 um 21:44
Und, jap, was hast Du hier zur Kritik des Staats- und Rechtsidealismus sowie des Lohn- und Arbeitsfetisches im Alltags(!)bewußtsein der Leut - im Unterschied zu Anmerkungen für deutsch gelahrte Kenner der Geschichte und Literatur des Bürgertums Deiner Klasse - beigetragen?
Die dreieinhalb Leut, die Du zum Popanz "antikapitalistischer Massen" aufgebaut hast, im Lichte just derselben Ideale, die Du vorgibst, kritisieren zu wollen, nämlich den "antiautoritären" Varianten des Staatsidealismus nebst ihrem Fetisch "Individualität", hast Du diffamiert, im "opaken" und "umwölkten" Duktus derer, die es "immer schon gewußt" haben.
Du wirst den Einwand wohl ebenso übergehen, wie die hiermit unterstützten Bemerkungen von Hans-Jürgen Kapust. Nicht nur sprachlich, auch hinsichtlich der Ebene von Welt- und Menschenbildern trennt Dich wenig von den Volksbühnenschwätzern.
j-ap schrieb am 06.07.2010 um 22:17
Sehr geehrter TomGard,

um Anmerkungen ignorieren zu können, müssten Sie mindestens mal welche machen. Ich sehe allerdings bisher keine, außer vielleicht die, ich würde mich sprachlich und bei den Weltbildern dem Fokus meiner Kritik nähern — das ist allerdings ebenso banal wie etwa der Aufklärungskritik vorzuhalten, sie sei in den Denkmustern der Aufklärung gefangen.

Aber ich halte an dieser Stelle und zugegebenermaßen nicht ohne innere Befriedigung fest, daß Sie, der Polyarmierte, nun endlich Ihren Abschluß im Positivismus gefunden zu haben scheinen (kritisieren darf nur, wer Positives anzubieten hat).

Woher wollen Sie übrigens wissen, daß ich zum Bürgertum gehöre? Und wer ist Hans-Jürgen Kapust?

Viele Grüße,
J. A.-P.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 06.07.2010 um 22:38
"Positivismus" - Quatsch. Ich verwies auf den Unterschied zwischen einer Berufung auf Kritik abstrakt benannter Gegenstände einerseits und ihrer Leistung andererseits.
Ich habe selbst zu oft den Gestus "schon Marx hatte...blabla" nebst Nennung einschlägiger Stichworte benutzt, um ihre Funktion nicht zu kennen, schon erst recht, wenn sie in relativ ausführlichen und gepflegten Elaboraten Platz finden.
j-ap schrieb am 06.07.2010 um 22:59
Herr Leusch,

da ich's eben noch einmal las und weiter oben ganz vergessen hatte: Der Titus Livius hat mich zwar tatsächlich inspiriert — immerhin habe ich ein Zitat von ihm untergebracht! — aber gedankliche Nähe zu ihm liegt mir vollkommen fern.

Er kam mir nur deshalb in den Sinn und schien mir passend, weil er von eben der »multitudo« sprach, die auch bei Hardt und bei Negri, den beiden Zampanos der submissen Vielen, zentrale Bedeutung genießt. Insofern steht das Wort ja nicht im leeren Raum und dämmert einem Sonnenmorgen entgegen, sondern war schon früher Thema.

Aber gerade bei Livius wäre ich auch mit schneidenden Urteilen vorsichtig. Sicherlich: Im Lateinunterricht bekommt man ihn (um dem Cicero etwas abzustreichen und nebenher den NcI zu lernen) solange serviert, bis man nichts mehr davon hören oder lesen mag. Aber zu sehr wurde seine spärliche Hinterlassenschaft durch- und neubearbeitet, meist mit Hintersinn (gerade in der Renaissance!), und zuwenig ist vom ursprünglichen Verfasser übrig, als daß man hier von einem eindeutigen Einschlag reden könnte.

Das aber nur als Nachbemerkung zu diesem Punkt.

Einen guten Abend wünscht
J. A.-P.
Joachim Petrick schrieb am 07.07.2010 um 00:11
Hallo J. Allensteyn-Puch,

wo die Not des Schreibers am höchsten, naht auch schon die Rettung im glückhaft gelungenen Erreichen der Weiten und Dichte des Dschungel seines austarierten Wortschwalls!

Unterhaltsam finde ich das allema sehr erquickend und erbaulich anschaulich. Danke!

Irgendwie scheint es mir, sind Sie sich selber in Ihrer Kritik der Kritik auf der Spur und doch gerade noch entkommen.
Bravo.
„Wer heute scheitert, darf morgen umso grandioser scheitern“ ( frei nach Beckett).

Frage:
Über welchen Staat bzw. welchen Teil des Staates reden wir hier hinlänglich einig in dieser interessanten Debatte?
Welches ist heute der Hauptwiderspruch an dem wir arbeiten? Gab und gibt es überhaupt nur einen?

Teile der G 8 bis G 20 Staaten sind mit ihrem gesicherten Steueraufkommen als Kriegskasse für allerlei Subventionen, voran der Exportwirtschaft wie Privatkapitalisten als Globalplayer seit Bretton Woods 1944 marshal- stabsmäßig am Weltfinanzmarkt unterwegs, um die Verhältnisse asymmetrisch ins ekstatisch spekulative Tanzen zu jagen..

Gleichzeitig bieten diese Steueraufkommen der G- 20 Staaten, Angriffsflächen Ziele für finanzpolitische Operationen, währungspolitische Offensiven anderer Globalplayer, darunter auch unter den G 20 Staaten, um per Durchgiffsrecht auf gesetzlich verankertes Forderungseigentum der Bürger/innen dieser Staaten, diese als Bürgen in die Haftung für Risiken, drohende Systemzusammenbrüche, Schräglagen ganzer Branchen über Rettungspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme zu Lasten Dritter Wirtschaftsregionen, zu nehmen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Wenn alein in Berlin anhängige Klagen von über 100.000 Hartz IV Empfängern/innen von den Gerichten begründet zugelassen wurden, spricht das eine andere Sprache des rechtspolitischen Engagements von betroffenen Bürgern/innen, dass Sie hier in Abrede stellen bzw. zu marginalisieren. Warum?

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 07.07.2010 um 00:11
Hallo J. Allensteyn-Puch,

wo die Not des Schreibers am höchsten, naht auch schon die Rettung im glückhaft gelungenen Erreichen der Weiten und Dichte des Dschungel seines austarierten Wortschwalls!

Unterhaltsam finde ich das allema sehr erquickend und erbaulich anschaulich. Danke!

Irgendwie scheint es mir, sind Sie sich selber in Ihrer Kritik der Kritik auf der Spur und doch gerade noch entkommen.
Bravo.
„Wer heute scheitert, darf morgen umso grandioser scheitern“ ( frei nach Beckett).

Frage:
Über welchen Staat bzw. welchen Teil des Staates reden wir hier hinlänglich einig in dieser interessanten Debatte?
Welches ist heute der Hauptwiderspruch an dem wir arbeiten? Gab und gibt es überhaupt nur einen?

Teile der G 8 bis G 20 Staaten sind mit ihrem gesicherten Steueraufkommen als Kriegskasse für allerlei Subventionen, voran der Exportwirtschaft wie Privatkapitalisten als Globalplayer seit Bretton Woods 1944 marshal- stabsmäßig am Weltfinanzmarkt unterwegs, um die Verhältnisse asymmetrisch ins ekstatisch spekulative Tanzen zu jagen..

Gleichzeitig bieten diese Steueraufkommen der G- 20 Staaten, Angriffsflächen Ziele für finanzpolitische Operationen, währungspolitische Offensiven anderer Globalplayer, darunter auch unter den G 20 Staaten, um per Durchgiffsrecht auf gesetzlich verankertes Forderungseigentum der Bürger/innen dieser Staaten, diese als Bürgen in die Haftung für Risiken, drohende Systemzusammenbrüche, Schräglagen ganzer Branchen über Rettungspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme zu Lasten Dritter Wirtschaftsregionen, zu nehmen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Wenn alein in Berlin anhängige Klagen von über 100.000 Hartz IV Empfängern/innen von den Gerichten begründet zugelassen wurden, spricht das eine andere Sprache des rechtspolitischen Engagements von betroffenen Bürgern/innen, dass Sie hier in Abrede stellen bzw. zu marginalisieren suchen. Warum?

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 07.07.2010 um 00:11
Hallo J. Allensteyn-Puch,

wo die Not des Schreibers am höchsten, naht auch schon die Rettung im glückhaft gelungenen Erreichen der Weiten und Dichte des Dschungel seines austarierten Wortschwalls!

Unterhaltsam finde ich das allema sehr erquickend und erbaulich anschaulich. Danke!

Irgendwie scheint es mir, sind Sie sich selber in Ihrer Kritik der Kritik auf der Spur und doch gerade noch entkommen.
Bravo.
„Wer heute scheitert, darf morgen umso grandioser scheitern“ ( frei nach Beckett).

Frage:
Über welchen Staat bzw. welchen Teil des Staates reden wir hier hinlänglich einig in dieser interessanten Debatte?
Welches ist heute der Hauptwiderspruch an dem wir arbeiten? Gab und gibt es überhaupt nur einen?

Teile der G 8 bis G 20 Staaten sind mit ihrem gesicherten Steueraufkommen als Kriegskasse für allerlei Subventionen, voran der Exportwirtschaft wie Privatkapitalisten als Globalplayer seit Bretton Woods 1944 marshal- stabsmäßig am Weltfinanzmarkt unterwegs, um die Verhältnisse asymmetrisch ins ekstatisch spekulative Tanzen zu jagen..

Gleichzeitig bieten diese Steueraufkommen der G- 20 Staaten, Angriffsflächen Ziele für finanzpolitische Operationen, währungspolitische Offensiven anderer Globalplayer, darunter auch unter den G 20 Staaten, um per Durchgiffsrecht auf gesetzlich verankertes Forderungseigentum der Bürger/innen dieser Staaten, diese als Bürgen in die Haftung für Risiken, drohende Systemzusammenbrüche, Schräglagen ganzer Branchen über Rettungspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme zu Lasten Dritter Wirtschaftsregionen, zu nehmen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Wenn alein in Berlin anhängige Klagen von über 100.000 Hartz IV Empfängern/innen von den Gerichten begründet zugelassen wurden, spricht das eine andere Sprache des rechtspolitischen Engagements von betroffenen Bürgern/innen, dass Sie hier in Abrede stellen bzw. zu marginalisieren suchen.
Warum?

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Joachim Petrick schrieb am 07.07.2010 um 00:12
Hallo J. Allensteyn-Puch,

wo die Not des Schreibers am höchsten, naht auch schon die Rettung im glückhaft gelungenen Erreichen der Weiten und Dichte des Dschungel seines austarierten Wortschwalls!

Unterhaltsam finde ich das allema sehr erquickend und erbaulich anschaulich. Danke!

Irgendwie scheint es mir, sind Sie sich selber in Ihrer Kritik der Kritik auf der Spur und doch gerade noch entkommen.
Bravo.
„Wer heute scheitert, darf morgen umso grandioser scheitern“ ( frei nach Beckett).

Frage:
Über welchen Staat bzw. welchen Teil des Staates reden wir hier hinlänglich einig in dieser interessanten Debatte?
Welches ist heute der Hauptwiderspruch an dem wir arbeiten? Gab und gibt es überhaupt nur einen?

Teile der G 8 bis G 20 Staaten sind mit ihrem gesicherten Steueraufkommen als Kriegskasse für allerlei Subventionen, voran der Exportwirtschaft wie Privatkapitalisten als Globalplayer seit Bretton Woods 1944 marshal- stabsmäßig am Weltfinanzmarkt unterwegs, um die Verhältnisse asymmetrisch ins ekstatisch spekulative Tanzen zu jagen..

Gleichzeitig bieten diese Steueraufkommen der G- 20 Staaten, Angriffsflächen Ziele für finanzpolitische Operationen, währungspolitische Offensiven anderer Globalplayer, darunter auch unter den G 20 Staaten, um per Durchgiffsrecht auf gesetzlich verankertes Forderungseigentum der Bürger/innen dieser Staaten, diese als Bürgen in die Haftung für Risiken, drohende Systemzusammenbrüche, Schräglagen ganzer Branchen über Rettungspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme zu Lasten Dritter Wirtschaftsregionen, zu nehmen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Wenn alein in Berlin anhängige Klagen von über 100.000 Hartz IV Empfängern/innen von den Gerichten begründet zugelassen wurden, spricht das eine andere Sprache des rechtspolitischen Engagements von betroffenen Bürgern/innen für den Rechtsstaat, dass Sie hier in Abrede stellen bzw. zu marginalisieren suchen.
Warum?

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Joachim Petrick schrieb am 07.07.2010 um 00:12
Hallo J. Allensteyn-Puch,

wo die Not des Schreibers am höchsten, naht auch schon die Rettung im glückhaft gelungenen Erreichen der Weiten und Dichte des Dschungel seines austarierten Wortschwalls!

Unterhaltsam finde ich das allema sehr erquickend und erbaulich anschaulich. Danke!

Irgendwie scheint es mir, sind Sie sich selber in Ihrer Kritik der Kritik auf der Spur und doch gerade noch entkommen.
Bravo.
„Wer heute scheitert, darf morgen umso grandioser scheitern“ ( frei nach Beckett).

Frage:
Über welchen Staat bzw. welchen Teil des Staates reden wir hier hinlänglich einig in dieser interessanten Debatte?
Welches ist heute der Hauptwiderspruch an dem wir arbeiten? Gab und gibt es überhaupt nur einen?

Teile der G 8 bis G 20 Staaten sind mit ihrem gesicherten Steueraufkommen als Kriegskasse für allerlei Subventionen, voran der Exportwirtschaft wie Privatkapitalisten als Globalplayer seit Bretton Woods 1944 marshal- stabsmäßig am Weltfinanzmarkt unterwegs, um die Verhältnisse asymmetrisch ins ekstatisch spekulative Tanzen zu jagen..

Gleichzeitig bieten diese Steueraufkommen der G- 20 Staaten, Angriffsflächen Ziele für finanzpolitische Operationen, währungspolitische Offensiven anderer Globalplayer, darunter auch unter den G 20 Staaten, um per Durchgiffsrecht auf gesetzlich verankertes Forderungseigentum der Bürger/innen dieser Staaten, diese als Bürgen in die Haftung für Risiken, drohende Systemzusammenbrüche, Schräglagen ganzer Branchen über Rettungspakete, Rettungsschirme, Konjunkturprogramme zu Lasten Dritter Wirtschaftsregionen, zu nehmen.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein.
Wenn alein in Berlin anhängige Klagen von über 100.000 Hartz IV Empfängern/innen von den Gerichten begründet zugelassen wurden, spricht das eine andere Sprache des rechtspolitischen Engagements von betroffenen Bürgern/innen für den Rechtsstaat, dass Sie hier in Abrede stellen bzw. zu marginalisieren suchen.
Warum?

tschüss
JP
Sebastian Dörfler schrieb am 07.07.2010 um 16:49
Lieber Herr Allensteyn-Puch,

vielen Dank für Ihren Text. Schön, dass die Debatte weitergeht. Ich möchte ein paar Zeilen zu Ihrem Einstieg verlieren, da es in der Tat die zentrale Frage des Kongresses war: „Was tun? Und wer zum Teufel tut es?“, so konnte man auf einem Poster der Rosa-Luxemburg-Stiftung lesen, wohl ein Zitat von David Harvey. Die Frage schien mir in meinen Berichten zentral. Herr Leusch hat aber natürlich Recht: Meine Schilderungen sind selektiv und bilden auch nicht eine ganze Kommunismus-Debatte ab, sondern eben nur ein paar Konfliktlinien, wie sie sich auf dem Kongress dargestellt haben.

Jedoch war das Fazit des Kongresses eben gerade kein „Jetzt!“, sondern eher ein Rückzug, gerade in Krisenzeiten. Man kann jetzt natürlich sagen, dass das eine sehr bequeme Haltung für einen Theoretiker sei. Aber ich möchte hier noch einmal auf einen Text verweisen, der die Antworten auf die Frage „was tun?“ bei Adorno und Žižek und das Primat des Denkens vergleicht – vielleicht bringt der ein bisschen mehr Klarheit in Frage nach Theorie und Praxis (www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2010/januar/praktische-optimisten-zizek-und-adorno). Da ist nämlich meiner Ansicht nach durchaus Platz für etwas „Drittes“, wie Sie es ansprechen, und damit für „kleine“ politische Interventionen – auch wenn man sich in Adornos Worten damit immer „mitschuldig am Fortbestand des schlechten Ganzen“ macht.

Liebe Grüße,
Sebastian Dörfler
j-ap schrieb am 08.07.2010 um 00:48
Sehr verehrter Herr Dörfler,

vielen Dank für den Verweis in die »Blätter«.

Der Vorwurf an die Kritische Theorie, der so oder ähnlich ja immer mal wieder in Stellung gebracht wird, ist ja schon alt. In seiner gutartigen Version hält er den Frankfurtern vor, sie würden in unerreichter Harmlosigkeit lediglich für guten und kontinuierlichen Papierdurchsatz sorgen. Der böse Vorwurf, insbesondere von Alarmisten der Tat erhoben, zielt in Richtung der 1930-er Jahre: Wer es angesichts des Schreckens zu nicht mehr bringe als zu bloßer Ideologiekritik, der habe etwas nicht verstanden.

Ich bin ja grundsätzlich (als bekennender Anarchist ja sowieso) sehr angetan von der Verweigerung, mitzumachen, denn das Mitmachen gerät in Zeiten machtvoller kriseninduzierter Interventionen zum grandiosen Vexier, denn entweder kann man bei den Revolutionären mitmachen oder bei den scheinbaren Bewahrern, wobei an dieser Stelle festzuhalten ist, daß beider Bemühungen darin konvergieren, an ein tatsächliches oder erst noch zu schaffendes »Wir« anzuknüpfen.

Ich will kein wir, jedenfalls keines, das mir nach Klassen, Kulturen, Zirkeln, Nationen oder eben Bank- und Steuerguthaben aufgezwungen wird. Ich will kein Wir, an dem ich nur deshalb teilhaben kann, weil ich das muß und ansonsten einfach ausgesondert werde. Probieren Sie mal, einem Autonomen eine Zigarette anzubieten, wenn Sie aussehen wie Gordon Gecko — Sie müssen Sie ihm förmlich aufdrängen, weil die Damen und Herren nunmal auf Klassenfeindfluppen allergisch reagieren und sich nicht vorstellen können, daß Anarchisten sehr wohl auch Eton Braces anhaben können. Oberflächlich? Ja — umso schlimmer.

Grüße und gute Nacht,
Ihr Josef Allensteyn-Puch
Joachim Petrick schrieb am 06.07.2010 um 19:09
Danke für den gedanklich beachtlichen Aufwand an Alarm.für ausgesuchtes Panikprsonal bei der Lust am Scheitern.

"Warum nicht heute schon scheitern, wenn es Morgen noch besser mit dem Scheitern weiter- , weiter- und weitergeht!?

Dem mitreißenden Charme des un- geliebten wie un- gelebten Kommunismus, der die Wirklichkeit als Banalität eines gebrauchten Präservativ, als narratives Kondom des Schreckens im Elaste Plaste Look Gewande einer Saturn Einkaufs- Lümmeltüte, Reklame laufend, as ein wackerer Philosoph Žižek mit sich trägt, kann sich den Alarm! Alarm! Ruf:
“Alarm! Alarm!
Lebt und esst abfallarm“
nicht einmal beim Auf- und Ab- Singen der
„Internationale“
des Volkes Liedes
„We shall overcome now forever!“
aus der Kehle ringen.

tschüss
JP

siehe dazu:
www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/will-der-kommunismus-noch-nicht-kirche-schon-bank-fuer-alle-sein?
06.07.2010 | 18:43
Will der Kommunismus, noch nicht Kirche, schon Bank für alle sein?
zeitgeschichte
Joachim Petrick schrieb am 06.07.2010 um 23:19
„Das ist keine Rebellion und auch keine Aussicht auf die bessere Gesellschaft, sondern Lächerlichkeit in Potenz“

ist nicht nett, das tut man nicht. Gebrechen darf ein Mensch im Leben des Anderen identifiziert, diesem als solches nicht vorwerfen.

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 06.07.2010 um 19:15
korrigierte Fassung:

Danke für den gedanklich beachtlichen Aufwand an Alarm.für ausgesuchtes Panikprsonal bei der Lust am Scheitern.

"Warum nicht heute schon scheitern, wenn es Morgen noch besser mit dem Scheitern weiter- , weiter- und weitergeht!?

Dem mitreißenden Charme des un- geliebten wie un- gelebten Kommunismus, der die Wirklichkeit als Banalität eines gebrauchten Präservativ, als narratives Kondom des Schreckens im Elaste Plaste Look Gewande einer Saturn Einkaufs- Lümmeltüte, Reklame laufend, als ein wackerer Philosoph Žižek mit sich trägt, kann sich den Alarm! Alarm! Ruf:
“Alarm! Alarm!
Lebt und esst abfallarm“
nicht einmal beim Auf- und Ab- Singen der
„Internationale“
des Volkes Liedes
„We shall overcome now forever!“

einfach nicht aus der Kehle ringen.

tschüss
JP
hibou schrieb am 07.07.2010 um 06:49
ich kritisiere die masse an worten. aber bramarbasiern sie nur weiter.

mit dem kairos ists so ne sache. wer erkennt ihn und in welcher gestalt?
Angelia schrieb am 07.07.2010 um 12:02
hallo j-ap

Sie hätten vielleicht auf die Negation der berechtigten Kritik an der Art und Weise, wie Kapitalismus gestaltet wird, verzichten sollten. (Abschnitt Tribunat und Ausnahmezustand.) Oder aber verdeutlichen können, dass kommunistische Revoluzzer, mit Freude am Ausnahmezustand, auf den Zug der berechtigten Kritik aufspringen, um sowohl ihre Daseinsberechtigung zu bestätigen als auch ihren revolutionären Weg als den einzig wahren zu postulieren.

Was Sie als “weitverbreitetes spontanes Unbehagen” vermelden ist in Wirklichkeit ein Krisenbewusstsein. Denn wir haben es aktuell keineswegs mit einem üblichen up and down der Konjunktur zu tun, wie sie zu suggerieren versuchen, sondern mit einem schweren Ausnahmezustand des System. Der nur deshalb zustande kommen konnte, weil dem sich selbstregulierenden System die Regulierungsmechanismen weitestgehend entzogen wurden.

Auch Ihre unterschwellige Negation der Kritik gegen die Entfesselung des Marktes in ruhigeren Zeiten und vor der Krise halte ich für problematisch. Das Problem ist m.E. eher, dass diese sehr wohl konkrete Kritik nicht ernstgenommen ja sogar ignoriert wurde. Und genau dieser Punkt ist es, der Revoluzzern Aufwind verleiht - seht her, alles konstruktive kritisieren nützt nichts, was bleibt ist die Revolution.

Hinzu kommt, dass sie das Kapital und den Kapitalismus als Ding an sich darstellen, was es als menschliches Konstrukt de facto nicht ist, auch, indem Sie dem Markt Selbstregulierungskräfte ganz im Sinne der Chicagoer Schule zubilligen. Der Markt funktionierte innerhalb der gesetzten Rahmenbedingen einer Sozialen Marktwirtschaft mit up and downs. Dies ist keineswegs mit einem kommunistischen autoritären Krisenpräventionsstaat gleichzusetzen. Erst als man dem Markt zubilligte sich blind selbst regulieren zu können, entfaltete er sein destruktives Potential. Bedauerlich auch, dass Sie den dritten Weg der Sozialen Marktwirtschaft als deutschen Sozial(isten)staat umdeuten.

Was Adorno und Horkheimer betrifft, ist deren kritische Theorie vor allem Kapitalismuskritik- das Wesentliche der Kritik ist die Verdinglichung des Subjekts hin zum rationalen Zweck (Objekt) und genau diese Verdinglichung hat den Holocaust erst möglich gemacht. Nicht umsonst existiert der Satz: das Kapital hat dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt.

Das Sie statt Sprachkritik, im Sinne Wittgensteins, am Kommunistenkongress zuüben in einen ähnlichen Sprachduktus verfallen, mag man als Spiegelvorhalten” werten können, ist aber m.E nichts anderes, als der klägliche Versuch den “Gegner” mit den eigenen Mitteln zu schlagen. Dass heißt, Sprache und das Denken im Elfenbeinturm des Philosophischen Problembewusstseins zu halten, ohne die Probleme weder intellektuell noch sprachlich überwinden neu können. Aus diesem Grund können Sie auch nur meinen, es gäbe ein Drittes nicht. Philosophie ist, wenn die Mägde lachen.

beste Grüße Angelia
j-ap schrieb am 07.07.2010 um 14:48
Liebe Angelia,
Was Sie als “weitverbreitetes spontanes Unbehagen” vermelden ist in Wirklichkeit ein Krisenbewusstsein.
Was veranlaßt Sie denn zu dieser Feststellung?

Bewußtsein ja, aber von welchem Schlage?

Nach meiner Überzeugung eben doch nicht mehr und nichts anderes als ein kurzfristiges Schreckensmoment vorwiegend der sachbuchlesenden Klasse, daß die ihr vom Volksstaat verbürgten Ansprüche, Pfründen und Sicherheiten alsbald ebenso dahin sein könnten wie seinerzeit die ganz anderen im Osten. Dieses kurze Erstarren in Schrecken legte sich jedoch schon bald wieder, als man feststellte, daß es diesmal in erster Linie wieder nur die Jugendlichen in der Vorstadt und in der »Zone« treffen würde und auch die Abhängigen des inszenierten zweiten und dritten »Arbeitsmarktes«. Genau dahin zielten ja die galligen Ausfälle von Westerwelle und Sarrazin, die beide mit deutschen Beamtenkarrieren im Rücken notierten, daß man es, auch ohne jemals einen Blumenkohl verkaufen zu müssen, in diesem Land zu etwas bringen könnte, wenn man sich nur an den öffentlich-rechtlichen Salärspender hält.

Schon bald merkte man aber nicht nur ganz oben, sondern auch in der Mitte, daß man das dauerhafte Kränkeln des deutschen Modells mit dem Weltuntergang verwechselt hatte und man die Erosion dieses Modells schon noch einige Zeit würde aufschieben können, mindestens nämlich solange, wie ein nicht völlig zusammenbrechender Export den Rubel in die bekannte Richtung rollen lassen würde.

Der Abgrund des endlich stattfindenden Zusammenbruchs ist also gar keiner. Sicher, das jüngste »down« fiel etwas heftiger aus als das von 2001, 1998, 1987 usw. Das hat aber nichts damit zu tun, daß der Spätkapitalismus nun in den letzten Zügen seinem finalen Akt entgegendämmern würde, auch wenn von dieser Illusion manch einer ganz gut leben kann.

Viele Grüße,
J. A.-P.
Achtermann schrieb am 07.07.2010 um 16:57
@ J.A.-P.

Welche politische Strategie empfiehlst Du? Weiter oben schreibst Du: "Gegen Staat, gegen Nation, gegen Arbeit — das wäre das Miminalprogramm." Kommunistische Verbalakrobaten sind Dir suspekt, ja, Du scheinst sie zu verachten. Die Politiker, wie sie uns alltäglich in den Medien erscheinen, bezeichnest Du als die "mit deutschen Beamtenkarrieren im Rücken", die außerparteilich Organisierten, die Du Interventionistische Linke nennst, etwa Attac, bringst Du mit Eventkultur in Verbindung. Meinst Du etwa in der Negation wird das Positive sichtbar? Anscheinend willst Du niemanden aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit heraushelfen, denn das wäre ein Widerspruch in sich. Warum also die intellektuelle Anstrengung?
Angelia schrieb am 08.07.2010 um 00:02
Lieber J-AP

Sie schreiben: Nach meiner Überzeugung [...]

Überzeugungen also. Auf dem Boden subjektiver Einschätzungen? Oder auf dem Boden irgendeiner Ideologie?

Angst und der Anstieg psychischer Erkrankungen ist m.E ein verlässlicherer Indikator dafür, wie tief sich die Umstände der Krise in das Bewusstsein der Menschen festgesetzt hat. Das lässt sich klar in Zahlen, Daten, Fakten ausdrücken.

Auch negieren Sie klar die Aktivitäten sowie Kritiken zur aktuellen Wirtschafts-Gesellschaft- und Umweltpolitik aller NGO´s, deren Aktivisten keineswegs ausschließlich von Armut bedroht sind. Auch die Bemühungen junger Politiker scheinen nicht in ihre Betrachtung einzufließen.
Auf der Basis, Ihrer doch recht eingeschränkten Datensammlung, scheinen mir Überzeugungen das zu sein, was Nietzsche mit den größeren Feinden der Wahrheit meinte.

Sie schreiben: das dauerhafte Kränkeln des deutschen Modells [,,,]
Welches Deutsche Modell? Das Deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft? Dass sich das Deutsche Modell durch das angloamerikanische Konzept der sich (angeblich) selbst regulierenden freien Märkte in der Ablösungsphase befindet wissen Sie aber? Und das dieses System z.Z künstlich am Leben erhalten wird, ist Ihnen auch bekannt? Allerdings muss ich Ihnen zustimmen, ob der Spätkapitalismus nun in den letzten Zügen seinem finalen Akt entgegendämmern, weiß in der Tat niemand.

Aber man muss es ja nicht drauf ankommen lassen. Ich habe für Sie eine viel beachtete Computersimulation des Club of Rome rausgesucht. Es geht um die Grenzen des Wachstums. Auch hier kommen die Wissenschaftler zu dem Fazit, dass man die Zukunft nicht voraussagen kann. Aber diese Studie bietet Ansätze, damit es erst gar nicht zu hausgemachten, apokalyptischen Zusammenbrüchen kommen muss.

Im übrigen ist dies der dritte Weg - es geht nicht darum ein System durch ein anderes zu ersetzen. Es geht darum Fehler zu korrigieren. Wenn es und gelänge das zu begreifen, hätte die Menschheit quasi einen entscheidenden Evolutionssprung geschafft.

Beste Grüße Angelia
j-ap schrieb am 08.07.2010 um 09:23
(Achtermann schrieb am 07.07.2010 um 16:57)

Meine Empfehlung bezüglich einer politischen Strategie ist die, sich keine politische Strategie zuzulegen.

Das klingt paradox, hat aber wie ich meine gute Gründe. Menschliche Gesellschaften sind nämlich nicht auf dem Reißbrett entstanden und lassen sich auch nicht ebenda beliebig modeln, insofern ist jeder Versuch, mit großspurigen Entwürfen auf diesem Feld aufzuwarten, von sich aus schon von Übel.

Der von mir in höchsten Maßen geschätzte (und bis heute leider weithin unbekannte oder kurzerhand ignorierte) Leopold Kohr hat sehr viel Kluges zum Thema geäußert, weshalb die Lektüre (aller!) seiner Werke von mir ganz ausdrücklich empfohlen wird.

Was das bedeutet? Das ist recht schnell erklärt: Größe reduzieren! Wo immer etwas schief läuft, hat das meistens mit einem Zuviel an Größe, d.h. Komplexität zu tun, denn der Wahn nach immer größeren Einheiten ist der vorletzte Schritt vor dem Zerfall.

Was das heißt? Ganz konkret zB: Sezession! Nicht immer noch größere Einheiten oder gar die größte schlechthin (Weltregierung) bauen wollen, sondern ganz im Gegenteil immerfort kleinere, überschaubarere anstreben.
claudia schrieb am 08.07.2010 um 09:44
>>Nicht immer noch größere Einheiten oder gar die größte schlechthin (Weltregierung) bauen wollen, sondern ganz im Gegenteil immerfort kleinere, überschaubarere anstreben.<<
Das ist schon mal ein guter Ansatz. Denn aus der Vielfalt kommen nun mal mehr Ideen und Lösungen als aus der Einfalt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.07.2010 um 10:11
"Was das heißt? Ganz konkret zB: Sezession! Nicht immer noch größere Einheiten oder gar die größte schlechthin (Weltregierung) bauen wollen, sondern ganz im Gegenteil immerfort kleinere, überschaubarere anstreben."

Eine anmutig logische, paradox irrationale Konsequenz des von Kohr auf eine absurde Spitze getriebenen kantianischen Imperativs, kein Einzelmensch solle es mehr wagen (dürfen ergänzt TomGard) in den (Hoheits- , ergänzt TomGard) Bereich eines anderen Einzelmenschen einzudringen.

Erinnert mich an die aristokratisch geprägten französischen Romantiker, z.b. Chateaubriand, die bis Mitte des 19.Jhd oder länger einem zur Unkenntlichkeit ausgeschmückten "Geist" des absolutistischen Pariser Feudaladels nachweinten und -jaulten.
j-ap schrieb am 09.07.2010 um 16:24
Ich liebe Chateaubriand! Allerdings nicht mit der ewigen Béarnaise, sondern sauce au Porto.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.09.2010 um 03:39
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.09.2010 um 04:07
Der Beitrag ist - anders als Angelia bemerkt - alles andere, als anstrengend. Er ist einer der erhellendsten Beiträge in dieser Community (neben den faszinierenden Kochrezepten von Türkei alle Tage/ weinsztein).
Man muß es gemocht haben, um es zu verstehen, fällt mir da ein.

Und ein anderer sagt:

„Sie [die Massen] scheinen inbrünstig die Freiheit zu lieben, in Wirklichkeit weisen sie diese immer von sich und verlangen ständig vom Staat, ihnen Ketten zu schmieden.“ (und mag er noch so sehr als elitär gelten: Gustave Le Bon)

Darauf setzt so etwas auf.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 24.09.2010 um 04:07
Der Beitrag ist - anders als Angelia bemerkt - alles andere, als anstrengend. Er ist einer der erhellendsten Beiträge in dieser Community (neben den faszinierenden Kochrezepten von Türkei alle Tage/ weinsztein).
Man muß es gemocht haben, um es zu verstehen, fällt mir da ein.

Und ein anderer sagt:

„Sie [die Massen] scheinen inbrünstig die Freiheit zu lieben, in Wirklichkeit weisen sie diese immer von sich und verlangen ständig vom Staat, ihnen Ketten zu schmieden.“ (und mag er noch so sehr als elitär gelten: Gustave Le Bon)

Darauf setzt so etwas auf.
j-ap
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