j-ap

oportet quaedam nescire

11.07.2010 | 17:26

Randnotiz: Theorie vs. Praxis

 

Nachdem im Verlaufe dieser Diskussion die Frage auftauchte, was Praxis sei und welche praktischen Folgerungen aus der Theorie zu ziehen wären, drei Stichworte in Thesenform dazu. 

(1) Der herrschenden Praxis darf nicht die exklusive Definitionsmacht überlassen bleiben, was Praxis sein kann. Das, was solcherart praktisch sein kann, ists stets Reproduktion von Herrschaft, deshalb kann sich die Theorie der Befreiung nicht auf die Praxis der Tat verlassen. »Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen« (Adorno). So verstanden ist Weiterdenken stets Nichtresignieren an der Wirklichkeit. 

(2) Praxis, die auf Legalität aus ist, wird, wenn schon nicht zwangsläufig, so doch in der Tendenz dazu neigen, Funktionen der policeyen zu exekutieren und damit, ganz im Sinne der herrschenden Praxis, zum Instrument der Selbstanpassung. Deren Ergebnis ist nicht das Bessere, sondern Konformität. 

(3) Staatsfreundliche Praxis wird langfristig selbst zu einer mittelbaren Staatsfunktion, auch und gerade dann, wenn sie ursprünglich als Eindämmung eben jener Staatsfunktionen gedacht gewesen sein mag.

Das alles ist noch nicht fertig und noch nicht zuende gedacht, sondern nur, wie schon der Titel sagt: Notiert. Hoffentlich zu weiterer Veranlassung. 

 

 
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Kommentare
Fro schrieb am 12.07.2010 um 03:11
Hochinteressante Frage, die du da aufwirfst. Meine Gedanken dazu:

Du schriebst in deinem Blog als Kommentar:

„Größe reduzieren! Wo immer etwas schief läuft, hat das meistens mit einem Zuviel an Größe, d.h. Komplexität zu tun, denn der Wahn nach immer größeren Einheiten ist der vorletzte Schritt vor dem Zerfall.

Was das heißt? Ganz konkret zB: Sezession! Nicht immer noch größere Einheiten oder gar die größte schlechthin (Weltregierung) bauen wollen, sondern ganz im Gegenteil immerfort kleinere, überschaubarere anstreben. „

Das finde ich absolut sympathisch. Ich habe ein sehr verschwommenes Bild einer möglichen (evolutionsgerechten) Vision. Die kleinen Einheiten sehe ich auch – und die sehe ich miteinander in einer intelligenten Art und Weise vernetzt. Daraus ergibt sich die große Einheit, einer planetarischen Menschengemeinschaft.
Auch ich halte eine Weltregierung für nicht sinnvoll. So wird die Selbstbestimmung des Einzelnen und kleiner bis „nationaler“ Einheiten verunmöglicht. Das sehen wir ja auch heute schon an den Auswirkungen der Europapolitik auf unsere Lebensbedingungen.
Kleine Einheiten brauchen soviel Selbstbestimmung und Autarkie wie möglich. Das sollte auch m.E. ein politisches Grundgesetz sein.

Zu deinen Thesen:
Ich stimme ihnen zu.
Was wir Bürgermenschen wollen ist m.E. das Entscheidende. Die übliche herrschende Praxis, die Erlaubnis per Gesetz und die Herrschaftsverhältnisse, sollten zu Anfang der Entwicklung eines Reformprojektes keine Rolle spielen. Weil es nicht sein darf, dass eine jetzige ungewollte Minderheiten-Herrschaft über die Inhalte einer gewollten zukünftigen demokratischen Herrschaft bestimmt.

Wenn es um die Durchsetzung von Reformprojekten geht und Kompromisse wegen der Machtverhältnisse eingegangen werden müssen, so muss das in aller Deutlichkeit kenntlich gemacht werden und das angestrebte optimale Reformkonzept weiterhin zielstrebig angepeilt werden.
Ich stelle mir Reformprojekte als Module vor, die in ihrer Gesamtheit ein harmonisches Ganzes ergeben. Wenn die Grundzüge des Ganzen erkannt sind, dann kann man wahrscheinlich für alle Bereiche relativ einfach die entsprechenden Module entwickeln. Wie das Ganze aussehen soll wissen wir nicht, aber grundlegende Bedingungen kann jeder formulieren – und das ist schon mal was – ein Anfang.
Das Ganze soll nicht von oben bestimmt werden, sondern durch seine kommunizierenden kleinsten Einheiten, die sich im Ganzen äußern.
Es gibt eine bewahrende regulierende Macht von oben, die von unten bestimmt wird. Das wäre dann vielleicht das Optimum. Aber das ist für mich auch noch alles etwas unfertig. Danke für deine Inspiration.
Fro schrieb am 12.07.2010 um 03:17
Die Grundzüge eines optimalen Ganzen müssen natürlich auch die Grindzüge eines optimalen Teilchens sein. Insofern kann man in einem optimalen Kleinen das optimale Ganze erkennen. Wie in einem Hologramm. Auch kleine Reformen bringen es also.
j-ap
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