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Toxteth
Toxteth ist ein Stadtteil im Südosten Liverpools. Er ist geprägt von manchmal unendlich erscheinenden Reihen viktorianischer Backsteinhäuser, von Sozialwohnungen der Nachkriegszeit und kommunalen Einrichtungen. Auffällig sind aber vor allem die Brachen, die vernagelten Geschäfte und verwaisten Gebäude. Toxteth erscheint auch an seiner Uferseite, am Mersey, nicht idyllischer. Die kleinen Vorgärten dort können die betonierten Straßen und das rot-graue Einerlei nicht ausgleichen, noch weniger die undefinierbaren Gewerbegebiete und Industriebrachen, die von einer Bahnstrecke durchschnitten werden. Der Liverpooler Stadtteil war 1981 eines der Zentren der Ausschreitungen, die seinerzeit englische Städte heimsuchten. 1981 war die Zeit des Thatcherismus und des industriellen Zusammenbruchs Großbritanniens. Etwa 3 Millionen Erwerbslose waren die Bilanz einer radikalen Umstrukturierungspolitik, die öffentliches Eigentum verscherbelte, Sozialleistungen drastisch kürzte, Steuern für Reiche senkte und der britischen Binnenwirtschaft mit der Förderung von Billigjobs und dem einseitigen Aufbau des Finanzsektors den Rest gab. Großbritannien war so ungerecht, wie nie zuvor nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Liverpool war einst eine Stadt märchenhaften Reichtums. Die mächtigen Gebäude am Hafen zeugen noch heute davon. Sie waren das erste, das Schiffsreisende, vor allem aus Amerika, sahen, wenn sie den bedeutendsten Überseehafen Großbritanniens erreichten. Auch die Liverpooler Innenstadt lässt erahnen, dass die vielen, oftmals verlassenen und mit Unkraut bewachsenen, beeindruckenden und prunkvoll verzierten Gebäude einst von Industriebaronen als moderne Paläste und steinernde Machtdemonstrationen errichtet wurden.
Toxteth traf der Niedergang besonders hart. Die klassische Arbeitervorstadt war und ist ein bevorzugtes Wohngebiet für diejenigen mit geringem Bildungsgrad, mit wenig Geld und meist schlechten oder gar keinen Jobs. Vor allem Einwanderer zog es in die Klinkerwüsten mit den geringen Mieten. 1981 brannte das Viertel. Später sprach man von „Rassenunruhen“, als ob der Umstand, schwarze Haut zu haben zu einer grundlosen Gewalttätigkeit führen würde. Tatsächlich brach sich 1981 Perspektivlosigkeit, Armut und das Gefühl des Ausgeschlossenseins seine Bahn. Tagelang lieferten sich Bewohner und Polizei teils heftige Straßenschlachten. Tatsächlich hatten diese Ausschreitungen ein Ergebnis. Die Thatcher-Regierung geriet so stark unter Druck, dass sie ein Programm zur Entwicklung von Merseyside - der Region um Liverpool - auflegen musste. Trotzdem, Toxteth ist bis heute eines der ärmsten Viertel Liverpools, einige kommunale Treffpunkte und Renovierungsprogramme konnten die Ergebnisse des neoliberalen Wahnsinns des Thatcherismus nicht ausgleichen.
Die Krankheit bricht wieder aus
2011 brennt es wieder in Toxteth. Die Parallelen zu den Ausschreitungen 30 Jahre vorher sind frappierend. Bezeichnete man die aus einer sozialen Katastrophe entstandenen Ereignisse 1981 als Rassenunruhen, so sollen sie heute schlicht kriminell, sinnlos, und Ergebnis einer kranken Gesellschaft sein. Die Frage nach dem Auslöser der Krankheit wird dabei nur zaghaft aufgeworfen. England hat den Strukturwandel nach dem Niedergang der materiellen Warenproduktion in den 70er Jahren keineswegs überstanden. Die thatcheristische Politik des einseitigen Aufbaus einer möglichst schrankenlosen Finanzwirtschaft hat Millionen Menschen auf der Strecke gelassen und zeigt nun, während der schlimmsten Finanzkrise seit der Weltwirtschaftskrise der späten 20er und frühen 30er Jahre, ihre wahren Auswirkungen. In Vierteln wie Toxteth sind ganze Straßenzüge von der Gesellschaft abgekoppelt. Wenn der konservative Premierminister David Cameron die jugendlichen Brandstifter und Plünderer als Kriminelle bezeichnet, die es lediglich auf Flachbildfernseher, iPhones und Markenklamotten abgesehen haben, so enthält dieses Urteil sowohl eine gefährliche Verharmlosung und Verdrängung als auch viel Wahrheit. Das Erklärungsmuster der Konsumkrawalle kommt dabei immer wieder auf und sorgt für einige Relativierung. Camerons Verweis auf den Flachbildfernseher soll dabei einen Reflex auslösen: Die Plünderer sind habgierig und haben es lediglich auf schnöde Konsumgüter abgesehen, „leistungsloser Wohlstand“, wie es Guido Westerwelle nennen würde, für den der Flachbildfernseher ebenfalls das Sinnbild der Hetze gegen Hartz-IV-Betroffene in Deutschland herhalten muss. Tatsächlich gewinnt der Flachbildfernseher eine neue Dimension, wenn man nur bedenkt, wie es sich anfühlt, wenn ein erwerbsloser Jugendlicher, der von den geringen Sozialleistungen in Großbritannien leben muss, täglich die Konsumwelt der nicht Ausgestoßenen sieht. Ein Flachbildfernseher oder ein iPhone wird so zum Objekt, das Teilhabe symbolisiert und die Ausgestoßenen auf einen Ebene mit dem Rest der Gesellschaft hebt. Mögen die Ausschreitungen von 2011 auch noch so unpolitisch, ungesteuert und unbedacht sein, sie haben ihre Ursache.
Dies lässt sich schon bei einem kurzen Blick auf die Brandherde in England erkennen: Begonnen haben sie im Londoner Problembezirk Tottenham, fernab der Londoner Innenstadt, geprägt von Sozialwohnungsblocks und heruntergekommen Häusern. Von dort weiteten sie sich in den Süden Londons aus, traditionell die Stadthälfte, an der der Chic des Nordens vorbeigegangen ist und die Mieten bis heute halbwegs bezahlbar sind. Außerhalb Londons traf es ebenfalls Regionen mit hoher Erwerbslosigkeit in Folge des industriellen Niedergangs, etwa Bristol oder Salford. Gerade Salford ist ein deutliches Beispiel für die Schieflage der britischen Gesellschaft. Ähnlich wie Toxteth ist die Großstadt, die sich am Irwell nahtlos an Manchester anschließt, überdeutlich von Trostlosigkeit geprägt. Die heruntergekommenen Wohnhochhäuser kontrastieren deutlich sichtbar die Skyline Manchesters mit seinen neu errichteten Luxusgebäuden und Glaspalästen und wirken wie eine ungeliebte Krankheit, die man trotz aller Kosmetik einfach nicht loswird. Wer aus dem neuen Manchester vertrieben wurde, immer wegen explodierender Mietkosten, floh nach Salford. 2011 kamen die Vertriebenen plündernd wieder zurück und versetzten die Stadt mit ihrem riesigen Shopping Centre, den engen Straßen zwischen den Glaspalästen und den schicken Straßencafés, in denen die gut verdienenden Büromenschen ihr Sandwich essen in bürgerkriegsähnliche Zustände.
Der Boden war fruchtbar
Die britische Regierung hat die Ausschreitungen gut vorbereitet. Im Frühsommer zeigte Cameron, was er von der Rhetorik New Labours und der Schröder-SPD gelernt hat: Die Wohnkosten für Sozialhilfeempfänger sollten drastisch gekürzt werden, denn wie soll man es einem Niedriglohnempfänger vermitteln, dass er mit seinen Steuern ein viel größeres Haus für einen Sozialhilfeempfänger finanzieren soll, als er selbst bewohnt? Dass das Problem bei Dumpinglöhnen und überteuerten Wohnkosten liegt und dies politische Ursachen hat, wird selbstverständlich nicht öffentlich erwähnt. Die neuerlichen Kürzungspläne riefen schließlich den Erzbischof von Canterbury auf den Plan. Rowan Williams, ein kluges Oberhaupt einer traditionell sozialen Bewegungen nahe stehenden Kirche, griff die Sparpläne der Regierung frontal an. Camerons Zurückweisung, dass sich Williams nicht um Politik kümmern solle, klang eher kleinlaut. Nach den Ausschreitungen im Rahmen der Erhöhung der Studiengebühren waren die Ausschreitungen als Reaktion auf die neuerlichen Kürzungspläne nur folgerichtig.
Das liberale Großbritannien
Doch wie reagiert der Staat auf der Straße? Schon die Proteste von 2010 gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren an britischen Hochschulen haben für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Bilder produziert. Auf ihnen konnte man hilflose Polizisten ohne Schutzausrüstungen und besondere Bewaffnung sehen, die sich in Unterzahl gegen eine außer Kontrolle geratene Menschenmenge behaupten mussten und letztlich auch vor Brandschatzungen kapitulierten. Auch zu den Ausschreitungen von 2011 sah es nicht viel anders aus. Ein Youtube-Film aus Manchester zeigt beispielsweise eine Kette aus vielleicht fünf bis zehn Polizisten, die anhand einer übermächtigen steinewerfenden Gruppe schließlich nur den Rückzug antreten können. Bilder von Plünderungen und Brandschatzungen am hellichten Tag in belebten Innenstädten ohne jegliche Polizeipräsenz bestätigen das Bild Großbritanniens vom Gegenteil eines Polizeistaats. Das Vereinigte Königreich gehört zu den ältesten Demokratien der Welt. Zu seiner Geschichte gehört zwar auch politische Repression, jedoch in einem Maße, das nicht mit autoritären Staaten wie Deutschland vergleichbar ist. Zur politischen Kultur Großbritanniens gehört dabei auch die Abneigung gegenüber Uniformen. Was sich heute im allgegenwärtigen Gebrauch schmuckloser Warnwesten und neongelber Anoraks anstelle von straff geschnittenen und mit Statusinsignien behängten Uniformen zeigt, hat eine lange Tradition. Als britische Arbeiter zu Beginn des Jahrhunderts öfters in Berlin eingeladen waren, waren ihre aufgezeichneten Reaktionen immer von derselben Verwunderung über die allgegenwärtige Präsenz von Polizei und Uniformen geprägt. In London trugen weder die Angestellten der U-Bahn noch die Schaffner in den Bussen eine Uniform, in Deutschland galt die Uniform als Statussymbol. Genauso wie der Militärdienst für viele eine „Ehrendienst“ war, während der Soldatenberuf in Großbritannien eher einen sozial niedrigen Stand hatte. Diese zivile Tradition lebt bis heute in einer zurückhaltenden Polizei fort, deren Wasserwerfer, im ganzen Land gerade einmal sechs an der Zahl, nur per Unterhaus-Beschluss zum Einsatz kommen dürfen. Diese Abwesenheit staatlicher Repressionsorgane stellt dabei einen interessanten Kontrast zu den massenhaften Überwachungskameras im Lande dar.
Jedenfalls zeigen die Proteste des Jahres 2011, die immerhin schon seit Beginn des Jahres gegen die Sparpolitik der Regierung Cameron anlaufen, dass Großbritannien in eine neue Welle des Aufstandes hereinrutscht, ein Zustand, den das Land eigentlich nicht kennt, denn die Massenmilitanz ist ein unbritisches Phänomen, das sich in Chartistenbewegung, Protesten der Frauenwahlrechtsbewegung, Labour Unrest mit ein wenig syndikalistischen Einschlägen und letztlich den zwei großen Protestwellen der neoliberalen Ära erschöpft. Es wird sich zeigen, ob sich die verharmlosende Haltung Camerons, die Proteste seien bloße Kriminalität, aufrecht erhalten lässt, oder ob das Land wieder einen Zeitenwandel erlebt, diesmal vielleicht das Ende der neoliberalen Ideologie.
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Sehr gute Hintergrundinformation. Wünsche viele Leser und Kommentare!
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Danke für diesen detaillierten und kenntnisreichen Artikel.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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