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Am 26. Februar wurde im Bundestag über die Aufstockung der deutschen Truppen im Afghanistan-Krieg abgestimmt. Seit achteinhalb Jahren steht die Bundesrepublik nun schon im Krieg gegen einen schwer auszumachenden Feind in Zentralasien. Der Einsatz ist denkbar unpopulär eine stabil große Mehrheit in der Bevölkerung lehnt die deutsche Beteiligung am Krieg ab. Entsprechend wurde die Abstimmung zur Verlängerung des ISAF-Mandats auch auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben. Turnusgemäß wäre sie in den Wahlkampf gefallen und hätte ein für die Kriegsfraktion ungeliebtes Thema nach vorn gebracht.
Einzig die Partei Die Linke und ihre Bundestagsfraktion spricht sich geschlossen gegen den Kriegseinsatz aus. Auch wenn, laut Demoskopie, die Anhänger aller Parteien mehrheitlich gegen den Krieg sind, nur in der Linken wird daraus politische Praxis. Entsprechend verhielt sich die Fraktion in der Debatte am Freitag. Die Abgeordnete Christine Buchholz, sonst nicht gerade bekannt für besonders intelligente Ansätze, hielt eine wirklich gute Rede und thematisierte vor allem das, worauf es ankommt: das furchtbar individuelle Leiden der Menschen unter den Bomben und Kugeln der Nato. Nach der Rede erhoben sich die Mitglieder der Fraktion von ihren Sitzen und hoben Schilder, gleich Todesanzeigen, mit den Namen von beim Bundeswehrmassaker von Kundus Getöteten schweigend in die Höhe. Hier begann etwas, was nach Maßgabe des deutschen Parlamentarismus ein Eklat sei. Bundestagspräsident Lammert forderte die Abgeordneten auf, den Plenarsaal zu verlassen, nachdem diese sich weigerten, das Andenken an die Getöteten zu beenden. Lammert interpretierte die Aktion als Demonstration und solch eine ist im hohen Hause verboten.
Erschreckend ist nicht der Regelverstoß der Linken, im Gegenteil. Im Bundestag wird technokratisch vom grünen Tisch aus der Tod von Menschen beschlossen. Die Debatten um den Krieg scheren sich nicht um die Schicksale. Neben abstrakt-politischen Leitlinien haut man sich sogar noch manche derben parteipolitischen Scherze und Anspielungen um die Ohren, während tausende Kilometer weiter östlich Menschen sterben. Die Linksfraktion hat mit ihrer Gedenkaktion die Realität zurück auf eine Insel der Glückseligen gebracht. Erschreckend sind die Reaktionen der anderen. Schon als Lammert den Ausschluss der Linken verkündete, gab es Beifall, auch von der SPD, der Partei mit langer Erfahrung in der Bewilligung von Mitteln für deutsche Kriege. Beifall für das Fortschicken von Menschen, die an Getötete erinnert haben, an die eigene Schande und die selbstverursachten Opfer, als seien es ungezogene Kinder?
Den offenbar größten Verfall von Anstand und Moral zeigte Verteidigungsminister Guttenberg. In einem Fernsehinterview äußerte der ölige Nichtsnutz, dass an manchen "die Kinderstube in Lichtgeschwindigkeit" vorbeigerauscht sei. Gemeint war die Linksfraktion, die hier von Guttenberg in gewohnter Arroganz angegriffen wurde. Erstaunlich ist dabei, in welchen Kategorien der Hochwohlgeborene denkt. Hatte er gerade noch mit großer Kaltblütigkeit darüber hinweggesehen, dass in Kundus wörtlich die "Vernichtung" von Menschen angeordnet wurde, wechselt er nun in Vorwürfe schlechter Erziehung und mangelhaften Benehmens. Auf der einen Seite die mit dem beiläufigen Einwerfen eines Stimmkärtchens über Leben und Tod von Menschen entscheiden, auf der anderen in adliger Arroganz auf vermeintlich fehlende Benimmregeln eingehen. Wie wohl die Kinderstube im Hause derer zu Guttenberg aussah? Während Papi die Karriere der Sprößlinge vorbereite, hatte wohl der kleine Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester intensiven Unterricht, wie man sich im Kontakt mit Gleichwertigen benehme und mit welcher Taktik man den dummen Pöbel beeindrucke. Maßstäbe von Anstand und Moral waren in dieser Kinderstube wohl eher nicht eingeschlossen. Und auch bei den Gebirgsjägern in Mittenwald, wo dem leistungstragenden Nachwuchs die militärische Erziehung und der Kontakt zum Fußvolk ermöglicht wurde, konnte es wohl keine so gute Kinderstube geben. Über die Aufgaben des Soldaten vom Morden und Vergewaltigen neigt man bekanntlich in Mittenwald auch noch dem exzessiven Saufen und dem Verzehr roher Innereien zu. Die gut geplante politische Karriere des Freiherrn ist wohl eher nicht einer guten Kinderstube geschuldet, vielmehr ist sie Ergebnis der Fädenzieherei einer Adelsfamilie, die sich noch immer auf Machtstrukturen wie im Mittelalter stützen kann.
Neben der Heuchelei des Freiherrn, mit der er mit der einen Hand den Tod von Menschen befielt und mit der anderen den Knigge einfordert, ist noch etwas faul. In seiner arroganten Vortragsweise, mit der wohl tatsächlich noch Tante Erna und Oma Hilde beeindrucken kann, die von den "gehobenen Schichten" schwärmen, schwebte noch etwas anderes mit: Der Abscheu gegenüber dem Pöbel, gegenüber dem Fußvolk, dass sich wagt, in die Höhen der Politik einzusteigen, wo doch der angestammte Platz derer von und zu sei. Es schwebte die Verachtung für die Minderbemittelten mit, für diejenigen, deren Kinder nicht täglich vom fränkischen Anwesen in die Eliteschule chauffiert werden, die ihre Abende statt in gedämpften Kaminrunden in Kneipen und Parks verbringen, die lieber zum Bowling als zur Fuchsjagd gehen.
Auf eine Kinderstube, in der sich zu elitären postdemokratischen Überzeugungen auch noch eine technokratische Unbekümmertheit im Umgang mit Menschenleben gesellt, kann man auch gut verzichten.
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der beitrag bringt das ganze wunderbar auf den punkt, und bloßgestellt bzw. blamiert haben sich wirklich jene, die den ausschluß der linken vom weiteren verlauf der sitzung beklatscht haben.
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Dem ist wohl nichts hinzuzufügen. Danke.
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Da wurde vermutlich so laut geklatscht, damit die eigene Scham übertönt wird.
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ja, im zentrum der freiheit, der demokratischen, allmächtigen, dort wo im namen großer vorbilder für uns bürgerinnen und bürger die verrosteten weichen der zukunft gestellt werden, dort tritt man dieselbigen freiheitlichen grundgesetze schon seit langem mit füßen und schmeißt bzw. schließt sie (r)aus.
von einer konservativ, stark rechtslastigen und sich alltäglich auf artistische weise um sich windende person wie monsieur v. guttenberg und konsorten, kann man nichts anderes erwarten. wir wählerinnen und wähler werden wie crashtestdummys behandelt, man setzt uns allerlei extremtests aus und siehe: es funktioniert, weil die "politmodos" sich die deutsche mentalität - zum großteil bestehend aus disziplin, zuverlässigkeit, braven gehorsam... zunutze macht, sie weiß auf uns ist verlass, wir streiken nicht wie z.b. die franzosen oder andere mentalitäten, die ihren staatsvertretern ordentlich dampf und feuer unter ihren podexe machen, sie tatsächlich unter druck setzen. es ist schon alles gut abgesichert, sei es mit den altbewährten, noch aus großen preussischen tagen stammenden gesetzen, sei es gewerkschaftlich gebunden oder besser geschrieben geknebelt, etc., darauf ist verlaß. dadurch können nur immer überschaubare berufliche gruppierungen streiken. was wäre aber, wenn sich die deutschen tatsächlich mal zusammenraufen und auf die strassen gingen? nachdem die allmächtigen und sich permanent selbst beweihräuchernden volksvertreterinnen und vertreter ihre faulen daumen nach oben oder unten bewegt haben (laut mister westerwave und seiner präzisen altgeschichtlichen auffassung ist dieser vergleich wieder brandaktuell und erlaubt), treffen sie sich in teuren restaurants und trinken auf das wohl ihrer heldenhaften taten. das ist dekadent und unverantwortlich. pflicht- u. verantwortungsbewußtsein, ehrliche werte, moral, gewissen, skrupel, scham, courage (wie im fall von frau käßmann)... sind vielen abgeordneten fremd, sie leben in einem staat im staate, in einer anderen welt, die den fragwürdigen gesetzen und bestimmungen stark gehorsamer strukturen unterliegt. eine treppenstufe nach oben darf nur der/diejenige erklimmen, wenn er/sie alle nur möglichen kopfnickenden oder verneinenden mittel und wege, alle - und sei es dir absurdesten kompromisse und entscheidungen blind akzeptiert, gehorsamt zur jeweligen parteistelle steht, dann dürfen diese menschen selbst das unfassbarste von den unter ihnen wartenden verlangen. herr v. guttenberg selbst kennt im übrigen auch aufnahmerituale, wie z.b. die bei burschenschaften nur zu gut. ob der auch mal einen kleinen, noch lebenden frosch schlucken mußte (wie ein student, der sich bei solch einem geistreichen streich beteiligte und vor lachenden und verblüfften gesichtern elendig daran erstickte) oder gelang es dem weiß-blauen baron sich "lediglich" mit dem säbel den weg in höhere, ehrenvolle gefilde gleichgesinnter blutig zu erfechten? falls ja, dann nix wie ab an die vorderste front, um dort uns fremd erscheinenden gesellschaftsformen gefälligst vorzeigewürdige, deutsche, europäische werte einzuimpfen, die unsere tapferen pleniumskämpferinnen und kämpfer uns jeden tag vorleben. |
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Danke! Zu viel rohe Leber tun einfach nicht gut.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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