jfricke

Knotenpunkt

11.03.2009 | 21:36

Die Bestie in uns - Warum Winnenden überall ist

Als am 29. Januar 1979 die 16-jähirge Brenda Ann Spencer mit einem halbautomatischen Gewehr zwei Menschen tötete und neun weitere verletzte, konnte und wollte das niemand verstehen. Sie selbst begründete ihre Tat damals mit der Aussage sie könne Montage nicht leiden. Aus dieser unfassbaren Begründung machte Bob Geldorf den bis heute gespielten Song "Tell me why I don't like Mondays". Jahre später erklärte Brenda Ann Spencer während der Tat unter Alkohol- und Drogeneinfluss gestanden zu haben, sowie über Jahre von ihrem Vater missbraucht worden zu sein.

Heute ist wieder das Unfassbare passiert. Im schwäbischen Winnenden  dringt ein 17-jähriger in seine ehemalige Realschule ein und tötet neun Schüler sowie drei Lehrerinnen. Bei seiner Flucht erschießt er eine weitere Person. Nachdem er von der Polizei angeschossen wird, richtet er sich selbst hin.

Wieder dreht sich alles um die Frage "Warum?". Warum tut ein Mensch so etwas Schreckliches? Politiker sprechen davon, dass sie die Tat nicht begreifen können. Es wird hervorgehoben, dass der Junge bis dahin völlig unauffällig war. Die Menschen sind entsetzt und verunsichert. Niemand kann und will diese Tat verstehen.

Wie immer fordern Politiker in solchen Fällen Konsequenzen. Das haben sie auch nach den Amokläufen von Erfurt und Emsdetten. Viel wurde damals über Waffengesetze, Killerspiele und gewalttätige Filme diskutiert. Eine Scheindiskussion, welche es uns erlaubte, das Problem am Rand der Gesellschaft zu lokalisieren. Eher weniger über die eigentlichen Motive der beiden Schüler. Der Täter von Emsdetten war jahrelang von Mitschülern gemobbt wurden; der Schütze von Erfurt musste die Schule ohne Abschluss verlassen.

Es ist kein weiter Weg bis zum Amokläufer. Wer in der Schule über Jahre verspottet und gedemütigt wird, entwickelt fast zwangsläufig Rachegedanken gegenüber seinen Mitschülern und Lehrern. Ich selbst habe viele Jahre derartige Gedanken gehegt. Ich kenne viele Menschen, denen es in vergleichbaren Situationen ähnlich ging. Was uns von den Tätern unterscheidet? Wir haben unsere Fantasien nicht umgesetzt, weil wir noch andere Lösungen für unsere Probleme gesehen haben. Amokläufer kennen nur noch einen Ausweg. Raus aus dieser Welt und möglichst viele von denen mitnehmen, welche einem das Leben unerträglich gemacht haben. Wer so verzweifelt ist, denn wird kein Sicherheitskonzept und kein Waffengesetz der Welt stoppen.

Was wir brauchen sind Schulen in denen Jugendliche Hilfe in Anspruch nehmen, wenn sie derartig verzweifelt sind. Dazu braucht es mehr Sozialarbeiter und Psychologen die direkt an den Schulen tätig sind und aktiv auf die Schüler zugehen. Es braucht aufmerksame Lehrer und Eltern, welche die psychischen Probleme der Jugendlichen ernst nehmen und bei Mobbing von Mitschülern nicht wegsehen. Nur so können wir ein Klima schaffen, in dem es hoffentlich nicht zu solchen Verzweiflungstaten kommt.
 
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