jfricke

Knotenpunkt

17.05.2009 | 17:14

Von aktiven Minderheiten und vermeintlichen passiven Mehrheiten

Die Welt vermeldet heute, dass eine große Mehrheit der Bundesbürger eine Sperrung kinderpornografischer Seiten im Internet befürwortet. In einer Studie sprachen sich 92 Prozent der Befragten für solche Maßnahmen aus. Der Chef der deutschen Kinderhilfe Georg Ehrmann führt dazu aus: „Das Ergebnis der Umfrage bestätigt meinen Eindruck, dass es sich bei den Unterschreibern der Online-Petition um Internetliebhaber, Blogger, im Grunde also um eine Minderheit handelt wenn auch eine gut organisierte“.

Herr Ehrmann hat Recht. Die Unterzeichner der Petition sind eine Minderheit. Doch sie sind eine gut informierte, aktive Minderheit. Die 92 Prozent der Deutschen, welche der Chef der deutschen Kinderhilfe für sich beansprucht, kennen hingegen zum größten Teil weder das betroffene Gesetz, noch sind sie mit der Thematik im allgemeinen vertraut. Es handelt sich um eine passive Mehrheit, welche  in der Fußgängerzone oder am Telefon kurz befragt wurde. Eine Mehrheit, die sich weder informiert hat, noch informiert wurde. Welchen Unsinn Menschen unter diesen Umständen für unterstützenswert halten, hat der Kabarettist Emmanuel Peterfalvi (besser bekannt als Alfons) in seinen zahlreichen Beiträgen für das deutsche Fernsehen eindrucksvoll dokumentiert.

Eine Mehrheit ist auch kein Argument für oder gegen die Verabschiedung eines Gesetzes. In Deutschland existieren Mehrheiten für zahlreiche politische Vorhaben, die nicht umgesetzt werden. So ist die Mehrheit der Deutschen für die Todesstrafe bei Sexual- und Kindermorden und die Androhung von Folter in Verhören. Ein Großteil der Bevölkerung würde sich vermutlich auch für zahlreiche Steuersenkungen und die Kürzung von Politiker-Diäten aussprechen. Es gibt gute Argumente, warum wir in diesen Fällen nicht den vermeintlichen politischen Willen der Mehrheit umsetzen.

Schlußendlich muss auch die Aussagekraft solcher Umfragen hinterfragt werden. Durch bestimmte Fragestellungen und Auswahlmöglichkeiten können Ergebnisse sehr leicht manipuliert werden. Da kommt es dann mitunter zu grotesken Widersprüchen. So hat das Meinungsforschungsinstitut Emnid in einer repräsentativen Umfrage herausgefunden, dass über 60 Prozent der Deutschen eine längere gemeinsame Grundschulzeit befürworten. Einige Monate zuvor hatten sich laut Forsa in einer ebenfalls repräsentativen Umfrage noch über 60 Prozent dagegen ausgesprochen. Sicherlich können sich Meinungen in der Bevölkerung verändern. Ein solch radikaler Stimmungswandel bleibt jedoch unwahrscheinlich. Die Ergebnisse solcher Umfragen sagen somit mehr über die Methoden der betreffenden Institute, als über die Meinungen der Deutschen aus.

Leider wird dies viele Medien nicht davon abhalten, die Ergebnisse der Umfrage kommentarlos zu veröffentlichen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die journalistischen Stimmen, welche sich bisher kritisch geäußert haben, dies auch in Bezug auf diese Umfrage tun.

 
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Kommentare
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 13:13
Richtig gefragt, bekommt man auch die richtigen Antworten.

Die Fragen, die der Stichprobe vorgelegt wurde, lauteten:
"Sind Sie für ein Gesetz zur Sperrung kinderpornographischer Seiten im Internet oder sind Sie dagegen?" und
"Was für ein Internet bevorzugen Sie persönlich? Eines, das völlig frei ist von staatlicher Kontrolle - und damit zum Beispiel kinderpornographische Darstellungen enthält - oder eines, in dem vom Staat bestimmte strafbare Inhalte auch kontrolliert und gesperrt werden?"
(mehr dazu bei Infratest Dimap: tinyurl.com/ozunzn)

Ich wurde natürlich nicht gefragt - wie immer - aber ich hätte ebenfalls beide Fragen wie die Mehrheit (92% bzw. 84%) beantwortet: denn natürlich sollten Seiten mit strafbewehrten Inhalten vom Netz genommen werden. Insofern bin ich also noch radikaler, denn ich fordere - und meiner Meinung nach die Petenten - eine Abschaltung der Seiten, eine Verfolgung der Betreiber. Was also unter "Sperrung" zu verstehen ist und welche Sperrung die effektivste Möglichkeit zur Bekämpfung strafbarer Inhalte darstellt, ist damit nicht entschieden.

Die Umfrage ist also keinesfalls ein Beweis dafür, daß die Petition nur von einer versponnenen libertinären Minderheit getragen wird, sondern, daß es unter den Befragten einen Konsens gibt, daß Kinderpornographie weder im Netz noch in sonstigen Medien einen Platz haben darf. Mehr nicht, weniger nicht.

Nebenbei: Ergebnisse solcher Umfragen sagen zunächst nichts über die Methoden der betreffenden Institute aus. Infratest dimap gehört zur ersten Liga und solche Telefonumfragen sind Routine. Interessanter sind die Fragen, die gestellt werden. Die werden von den Auftraggebern formuliert bzw. deren Formulierung muß der Auftraggeber genehmigen. In diesem Fall die hochseriöse und völlig unumstrittene "Deutsche Kinderhilfe".
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 13:24
Nachtrag: Ein www, "das völlig frei ist von staatlicher Kontrolle" gibt es natürlich nicht und hat es auch nie gegeben.
Baszlo schrieb am 18.05.2009 um 15:05
Das witzige am Welt Artikel war ja, dass sich in der dazugehörigen Umfrage – die dann schnell entfernt wurde! – 90% der Welt-Leser gegen Internetsperren ausgesprochen haben!
Nicht mal Welt Online Leser sind so blöd sich so einen Bären aufbinden zu lassen. Viele Kommentare machen das ja deutlich.
jfricke schrieb am 18.05.2009 um 15:28
Existiert dazu ein Screenshot?
Baszlo schrieb am 18.05.2009 um 15:47
Ich habe leider keinen Screenshot, aber so ein Verhalten ist beim Propagandablatt Welt Online nix ungewöhnliches. Hier ein paar kopierte Welt Online Kommentare zu dem Thema:

GG ist toll! sagt:
@92 Prozent der Deutschen für Kinderporno-Sperre

Verblüffend! In der Umfrage sind über 90 % der Deutschen gegen Internetzensur! Das macht vermutlich die Treue zum Artikel 5 des GG, die in der Regierung nicht so vorhanden ist. Im Volk dafür um so mehr!

Paul sagt:
Das ist ja der Hammer!
Welt-Online schreibt: 92 Prozent der Deutschen für Kinderporno-Sperre,
Und bei der Umfrage sind doch tatsächlich z.Z. 90Prozent gegen die Internet-Sperre!
Dazu kann ich doch nur noch Stalin zitieren: Ich glaube nur der Umfrage die ich selber gefälscht habe.
Ich denke mal die Umfrage hier ist um einiges ehrlicher!

Der wachsame Wähler sagt:
92 Prozent der Deutschen für Kinderporno-Sperre
(69)
16. Mai 2009, 17:34 Uh

--------
laut welt-online-Nutzer 89% gegen die Sperrung, da sie nur Täuschung ist und der Zensur dienen soll wie in China !
Klarer Verstoß gegen das Grundgesetz und gegen alles was unsere "Demokratie" rechtfertigt ! Alle denkenden Bürger erkennen das !
Dieser Artikel ist somit wirklich mit Abstand das Allerletzte !!!!!!!!!
PS ich wähle Republikaner freie Wähler oder Linke !
Es hat ganz eindeutig den klaren Anschein, das die Systempartei SPDFDPCSUCDUGRÜNE all unsere Rechte unf unsere Freiheit rauben will !!

Mephane sagt:
Ich finde es auch bezeichnend, dass die zum Artikel zugehörige Umfrage schließlich verschwand, nachdem sie gerade das Gegenteil der Propaganda der Kinderhilfe gezeigt hat...

Gottfried sagt:
Die Zensoren von Welt-Online bringen es immer unverschämter. Heute Mittag war noch eine Umfrage bei dem Bericht. Da hatten so ca. 700 Leute abestimmt und es waren sagenhafte 90% gegen die Internet-Zensur.
Aber das stand so krass im Gegensatz zu der manipulierten Umfrage (92%) dafür, so dass der Zensor von Welt-Online die eigene Umfrage gelöscht hat.
Hier wird doch der Leser verarscht. Das sind doch Zustände wie in Nord-Korea! Da war ja die DDR noch liberaler!

Ludwig sagt:
Liebe Redaktion der welt.de. Wo ist denn Ihre kleine Umfrage abgeblieben zur Zustimmung zu Internetsperren geblieben? Ich vermisse sie wirklich, denn sie hat deutlich gezeigt was der mitdenkende Teil der Bevölkerung davon hält. Nichts.
War auch ein schöner Kontrast zu den Umfrageergebnissen im Artikel. Viele Grüße.

xconroy sagt:
War hier nicht mal ne Umfrage? Wo ist die geblieben?
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 15:51
Verzeihung, ich will die Euphorie des WELT-Bashings nicht trüben, aber Internet-Umfragen sind völlig aussageleer, weil willkürlich, manipulierbar und absolut das Gegenteil von repräsentativ. Würde ich argumentativ z. B. gegen die Kinderhilfe-Umfrage völlig vergessen.
jfricke schrieb am 18.05.2009 um 16:01
Natürlich ist eine solche Onlineumfrage nicht repräsentativ. Das sie aber bewusst entfernt wird um die Aussagekraft des Artikels nicht zu gefährden, ist allerdings auch keine begrüßenswerte journalistische Praxis.
Joachim Losehand schrieb am 18.05.2009 um 16:17
Es ist vor allem eins: ausgesprochen dämlich. Man meint immer noch, man könne im Netz einfach Sachen einstellen und herausnehmen und keiner merkt's.

Da fällt mir wieder die berühmte Floskel "Qualitätsjournalismus" ein
(tinyurl.com/p6uocv).
marsborn schrieb am 18.05.2009 um 22:14
Bemerkung am Rande: Die Überschrift stimmt zwar, ist aber definitiv undemokratisch. (Vorausgesetzt die Zahlen stimmen.) Die Mehrheit darf man nicht übergehen, auch wenn sie anderer ("falscher") Meinung ist. Das die oft nicht beachtet und respektiert wurde, war bislang oft wiederholter ein Grundfehler (nicht nur) der deutschen Linken. Demokratie heißt: Mehrheit zählt. Sogar dann, wenn diese Mehrheit manchmal irrt. Denn ob Merhheit oder Minderheit, niemand ist im Besitz der endgültigen Wahrheit.
jfricke schrieb am 18.05.2009 um 23:41
Welche der beiden Überschriften meinst Du (die auf der Startseite ist nicht von mir) und was genau hälst Du darin für undemokratisch?

Ich verstehe deine Bedenken. Auch ich glaube nicht an endgültige Wahrheiten, noch würde ich jemals für mich in Anspruch nehmen diese zu besitzen. Umgekehrt glaube ich aber auch nicht daran, dass der politische Wille der Mehrheit unter allen Umständen zu respektieren ist. Eine demokratische Gesellschaft kann nicht alle von einer Mehrheit formulierten Forderungern als legitim akzeptieren. Sie kann vor allem nicht die Meinung der Mehrheit akzeptieren, welche fundamentale Prinzipien einer demokratischen Gesellschaft in Frage stellt.

Was aber nun wenn die Mehrheit ein Vorhaben unterstützt, welches in meinen Augen falsch ist, aber auch nicht an den Grundpfeilern unserer Demokratie rüttelt? In diesem Fall würde ich das Vorhaben wohl als legitim akzeptieren. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht trotzdem anderer Meinung sein darf und dieses Vorhaben ablehne.
Teilzeitheld schrieb am 19.05.2009 um 13:55
Es mag unsachlich klingen, aber vielleicht spiegeln diese 92 Prozent eine ganz andere Tatsache wieder.

92 Prozent der Bevölkerung könnten massiv manipulierbar und beeinflussbar sein.

Vor Jahren wurde mal eine Umfrage zum Thema "Bürgerorientierung der öffentlichen Verwaltung" durchgeführt. in einem Klima in dem über die Faulheit des deutschen Beamtenapparates massiv diskutiert wurde.

Das Ergebnis war vernichtend, die überwältigende Mehrheit war der Meinung öffentliche Verwaltung ist mit faulen, unfreundlichen und inkompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besetzt.

Zeitgleich wurde eine Umfrage zum gleichen Thema durchgeführt, allerdings mit dem Unterschied, dass konkret auf bestimmte Bereiche, mit denen jeder selber immer wieder zu tun hat abgefragt wurde (z.B. Einwohnermeldeamt, Zulassungsstelle).

Das Ergebnis - sehr positiv - die meisten Befragten waren zufrieden oder sehr zufrieden.

Bewiesen ist dadurch nichts:

Allerdings deutet schon einiges darauf hin, dass einfache Lösungen und klare Ansagen von der Masse des Volks sehr befürwortet werden.

Und wenn halt eine "UvdL" behauptet:

Wenn wir Internet-Seiten gibt es kein kinderporno mehr...

dann ist das halt so schön, dann glauben wir das halt mal...

Beispiele für den Wunsch nach einfachen Lösungen zeigt die jüngere oder nicht mehr ganz so junge Geschichte ja zu genüge.
manstruator schrieb am 21.05.2009 um 00:37
danke danke für den eingestreuten Ausdruck - Kabarett!
Logbuch
03:18
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:10
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
02:59
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Columbus hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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