jfricke

Knotenpunkt

14.05.2009 | 16:41

"Wappnet euch doch bitte besser" - Ein Replik

In seinem Artikel "Wappnet euch doch bitte besser" unterzieht Freitags-Redakteur Steffen Kraft die Argumente der Gegner von Internetsperren einem Diskurs-Check. Sein Fazit lautet, dass die Argumente der Gegner nur bedingt greifen und dass eine Gleichsetzung von Sperrgegnern und Pädophilen nur verhindert werden kann, wenn die Internetgemeinde eigene Vorschläge präsentiert, wie effektiv und freiheitsschonend gegen Kinderpornos im Netz vorgegangen werden kann.

Natürlich hat Steffen Kraft recht, wenn er beklagt, dass die Argumente der Gegner von Internetsperren überwiegend defensive Argumente sind. Allerdings sind es deswegen noch keine schlechten Argumente. Warum zum Beispiel das Dammbruchargument zeigen soll, wie schwach das Vertrauen in die politische Debattenkultur und die Macht des besseren Arguments hierzulande ist, erschließt sich für mich nicht. Sollte damit gemeint sein, dass wir uns nicht vor Internetsperren fürchten sollen, weil es gute Argumente gegen die mögliche Zweckentfremdung gibt? Letzteres mag der Fall sein, aber ein Argument wird nicht dadurch plausibel, indem es objektiv richtiger oder besser wäre, sondern es gilt dann als besser, wenn es innerhalb einer diskursiven Konstellation artikuliert wird, welche eine solche Lesart erlaubt. Derzeit bewegen wir uns in einer Situation, in welcher Internetsperren gegen Musikpiraterie als das bessere Argument gelten könnte. 

Darüber hinaus gibt es einen guten Grund, warum die Internetgemeinde nur bedingt ein positives Alternativprojekt zu den Vorschlägen der Bundesregierung formuliern kann und muss. Die Diskurskoalition gegen Internetsperren besteht aus sehr verschiedenen Akteuren. Hier sind sowohl Linke, Grüne, bisher unpolitische Informatiker und FDPler aktiv. Was diese unterschiedlichen Subjekte eint ist ein Nein gegenüber den Plänen der CDU/SPD Koalition. Sie eint noch nicht eine gemeinsame Vorstellung darüber, wie das Problem alternativ gelöst werden könnte. Es wäre daher fatal, die Verteidigungsstellung zu verlassen und in einer Vorwärtsbewegung die Hälfte der Beteiligten zu verlieren, weil sie zum Beispiel nicht für mehr Polizei sind.

Darüber hinaus stellt sich dieses Problem aus meiner Sicht nicht. Alternativen müssen nur erbracht werden, wenn die Problembeschreibung der Bundesregierung geteilt wird. Doch es existieren plausible Gründe an der These das Internet wäre der zentrale Umschlagsplatz für Kinderpornographie zu zweifeln. Es kann auch nicht Aufgabe der Internetgemeinde sein, nun Vorschläge zu entwickeln, wie Kindesmissbrauch im familiären und privaten Bereich am besten verhindert werden kann. Dazu fehlt ihr genauso die Expertise, wie den beteiligten Politikern die Expertise zum Thema Internetsperren fehlt. Die Anti-Zensur Bewegung wird folglich ein negativ formuliertes Projekt bleiben und das ist auch gut so.

Langfristig wünsche ich mir natürlich auch, dass über das Internet eine Art Gegenöffentlichkeit entsteht und die hier gemachten politischen Erfahrungen für ein Projekt zur radikalen Demokratisierung der Gesellschaft weiterverarbeitet werden. Aber erstmal gilt es andere Schlachten zu schlagen und möglichst keine Verbündeten zu verlieren.

 
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Kommentare
Joachim Losehand schrieb am 14.05.2009 um 18:37
Die Petition ist insofern defensiv, als sie etwas verteidigt: nämlich die Grenzen, innerhalb derer Zensur in unserem Gemeinwesen stattfinden kann und darf (GG Art. 5 [2]).

Die Petition ist insofern aber auch aggressiv, als sie aktiv gegen ein Gesetzesvorhaben ihre Stimme erhebt und damit der Überzeugung ihrer Mitzeichner Ausdruck verleiht. Meiner Meinung nach sprechen schwerwiegende juristische und auch praktisch-technische Gründe dafür, daß dieses Gesetz nicht den intendierten Zielen auch nur im Ansatz gerecht wird; stattdessen wird in einer neuen und meiner Meinung nach nicht hinreichend ausgeloteten Weise die Strafbarkeit von Verbreitung und Beschaffung von indiziertem Material aus der analogen Welt in die digitale Welt übersetzt, ohne wiederum die Besonderheiten des www auch nur annähernd zu berücksichtigen.

Nachdem offenbar alle Diskurse im Vorfeld nichts genützt haben, ist nun aktiv der Weg über die Mobilisierung der Bürger beschritten worden, die Diskussion nicht zum erliegen kommen zu lassen. Schlußendlich wird auch ein Gang vor das BVerfG nötig sein, wie bei vielen Gesetzen der derzeitigen CDU/SPD-Bundesregierung. Von einer passiven Defensive sehe ich nichts, es ist eine aktive Verteidigung, die wir momentan beobachten und an der wir uns beteiligen können.
Joachim Losehand schrieb am 14.05.2009 um 18:37
Die Petition ist insofern defensiv, als sie etwas verteidigt: nämlich die Grenzen, innerhalb derer Zensur in unserem Gemeinwesen stattfinden kann und darf (GG Art. 5 [2]).

Die Petition ist insofern aber auch aggressiv, als sie aktiv gegen ein Gesetzesvorhaben ihre Stimme erhebt und damit der Überzeugung ihrer Mitzeichner Ausdruck verleiht. Meiner Meinung nach sprechen schwerwiegende juristische und auch praktisch-technische Gründe dafür, daß dieses Gesetz nicht den intendierten Zielen auch nur im Ansatz gerecht wird; stattdessen wird in einer neuen und meiner Meinung nach nicht hinreichend ausgeloteten Weise die Strafbarkeit von Verbreitung und Beschaffung von indiziertem Material aus der analogen Welt in die digitale Welt übersetzt, ohne wiederum die Besonderheiten des www auch nur annähernd zu berücksichtigen.

Nachdem offenbar alle Diskurse im Vorfeld nichts genützt haben, ist nun aktiv der Weg über die Mobilisierung der Bürger beschritten worden, die Diskussion nicht zum erliegen kommen zu lassen. Schlußendlich wird auch ein Gang vor das BVerfG nötig sein, wie bei vielen Gesetzen der derzeitigen CDU/SPD-Bundesregierung. Von einer passiven Defensive sehe ich nichts, es ist eine aktive Verteidigung, die wir momentan beobachten und an der wir uns beteiligen können.
jfricke schrieb am 14.05.2009 um 21:15
Hallo Joachim,

ich stimme Dir vollkommen zu. Allerdings hat Steffen Kraft schon recht, dass es eben ein negativ formulierte Strategie ist. Wir haben keinen gesellschaftlichen Alternativentwurf für das Internet, welche sämtliche Nein-Sager unterstützen werden. Deshalb defensiv. Ich halte, dass aber wie gesagt nicht unbedingt für eine Schwäche.
Joachim Losehand schrieb am 14.05.2009 um 21:28
Es gibt nicht "die Netzgemeinde" - es gibt ja auch nicht "die Telefongemeinde". Und natürlich gibt es einen vom Grundgesetz und von StGB gedeckten Alternativvorschlag: die Verbreitung verhindern, d.h. plakativ: einfach an der Quelle den Stecker herausziehen.

Hinsichtlich der Defensivität der Petition und der Petenten bin ich mir also absolut nicht so sicher, im Gegenteil: viele sind inzwischen sehr aggressiv - im positiven Sinne, d.h. aktiv daran beteiligt, dem rasanten Abbau vom Fundament her unserer Grund- und Bürgerrechte entgegenzuwirken. (Ich würde mich persönlich an Ihrer Stelle überhaupt nicht auf die Defensiv-Schiene einlassen, das schwächt die aktive Verteidigung ... :-)
jfricke schrieb am 14.05.2009 um 21:38
Doch es gibt die Netzgemeinde im Gegensatz zu der Telefongemeinde. Nicht als objektive gesellschaftliche Gruppe, aber als diskursiv formulierte Subjektposition. Sowohl die Gegner "Die da im Netz" als auch die Befürworter "Wir, die Internet-Community" artikulieren diese Position beständig. Eine Telefongemeinde wird hingegen von niemanden propagiert, noch fühlt sich irgendjemand ihr zugehörig.

Was die Diskussion defensiv oder nicht betrifft, reden wir glaube ich teilweise aneinander vorbei. Auch eine defensive, verteidigende Strategie kann im Ton aggresiv sein. Ich rede von einer defensiven Position, weil sie auf die Position eines anderes Akteurs reagiert und nicht selbst ein Alternativprojekt aktiv beschreibt. Du hast aber natürlich Recht, dass sich das in Teilen nun ändert.
Joachim Losehand schrieb am 14.05.2009 um 23:37
Auch hier orte ich eine Angriffsfläche für die Zensur-Befürworter: Die rd. 80'000 Mit-Petenten sind NICHT aus irgendeiner obskuren Gegenwelt gekrochen und haben wie der bleichkäsige Sushi-Vertilger Gollum "Mein Schatz" gewinselt.

Der Begriff der "Netzgemeinde" suggeriert, daß es um ein Problem jener "Netzgemeinde" geht, deren ureigenstes Wehklagen darüber, daß sie nun ihr Spielzeug nicht mehr ohne Aufsicht von Mami und Papi nutzen dürfen.

Ziel und Anlaß ist es, endlich der unaufhörlichen Erosion der Grundrechte und der privaten Freiheiten der Bürger Einhalt zu gebieten. Nicht irgendwelche Partikülärfreiheiten irgendeiner partikulären Interessensgruppen, sondern die Freiheiten und Grundrechte aller Bürger stehen hier auf der Agenda und zur Disposition.

Über das kuschelig-schulterklopfende Selbstvergewisserungsidom einer "Netzgemeinde" ist das Internet inzwischen längst hinausgewachsen. There's no second life in life.
Streifzug schrieb am 14.05.2009 um 19:06
jfricke schrieb am 14.05.2009 um 21:14
danke. ändere ich gleich.
Tessa schrieb am 15.05.2009 um 11:00
Meedia hat übrigens mehrere Blogger zu Zensursula befragt. Der Text findet sich nach dem Klick.
Jedem Blogger wurde die Frage gestellt: "Wie würde ihrer Meinung nach eine effektive Bekämpfung von kinderpornografischen Inhalten im Web aussehen?"
Steffen Kraft schrieb am 15.05.2009 um 12:23
Ein bemerkenswerter Gedankengang, der - fürchte ich - korrekt ist.

Nun steht gerade ein "negativ formuliertes Projekt", das keine Alternativen zumindest anzureißen vermag, bei einem populismusträchtigen Thema wie Kinderpornographie schnell verlassen da. In diesem Fall dann nicht, weil es seine schon vorhandenen Unterstützer verliert, sondern weil es keine hinzugewinnt. Und sich damit in die Belanglosigkeit manövriert.

Ein Dilemma.
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